Tagesarchiv für den 9. Februar 2012

So scoutet der HSV – und Ilicevic muss wieder auf die Bank

9. Februar 2012

Weil hier immer wieder danach gefragt wurde, habe ich mich im Trainingslager nach vielen Versuchen endlich erfolgreich (Er hatte immer abgesagt, weil er erst gut genug Deutsch sprechen können wollte) mit Lee Congerton getroffen. Zusammen mit meinem geschätzten Kollegen Kai Schiller saßen wir in Marbella bei Latte macchiato (für Lee und Kai) und einer Cola light für mich nachmittags in der Hotelbar. Wir haben die Geschichte für den Printbereich zwar schon einmal aufgeschrieben, aber ich versuche noch mal für Euch, alles hier im Blog zusammenzubringen.

Was ich ganz sicher weiß, ist, dass es ein Gespräch in sehr netter Atmosphäre war. Congerton versuchte sich in einem Mischmasch aus Englisch und Deutsch, wobei er schon deutlich besser Deutsch spricht, als er denkt. Aber am interessantesten war, was Congerton zu erzählen hatte. Und ich weiß, dass die Aufsichtsräte meine Meinung teilen. Dabei war es ein Déja-vu für einen kleinen Teil der Aufsichtsräte. Zumindest für die, die seinerzeit schon Dietmar Beiersdorfer als Sportchef durchgewinkt hatten. Denn wie einst Dietmar Beiersdorfer beeindruckte auch diesmal die Scoutingabteilung des HSV mit einer umfassenden Powerpoint-Präsentation. Allerdings war es diesmal Lee Congerton, die rechte Hand des HSV-Sportchefs Frank Arnesen, der die Kontrolleure begeisterte. Im Zentrum des Berichts stand neben einer Analyse der Nachwuchsarbeit vor allem die Umstrukturierung der Scoutingabteilung, die Arnesen und Congerton in den vergangenen Monaten vorangetrieben hatten. „Wir können keine Garantien erstellen, immer die richtigen Leute zu finden – aber wir können Risiken minimieren“, sagt Congerton, der seit Sommer Chef der 25-köpfigen Scouting-Abteilung ist.
Dabei ist das Scouting inzwischen (mal wieder) grundlegend verändert worden. Es wurde umstrukturiert. Dass zwei Scouts ohne Absprache zum gleichen Jugendturnier fahren, wie in der Zeit vor Arnesen und nach Beiersdorfer durchaus mal, soll nicht mehr vorkommen. Das sollte es zwar vorher auch schon nicht, allerdings fehlte bis dato eine klare Ordnung der Zuständigkeiten, erzählt Congerton.
Das wiederum sei eine seiner ersten Aufgaben gewesen, die er in Absprache mit dem Vorstand und im Besonderen mit Arnesen erledigt hat. So wird inzwischen Christofer Clemens (einst als Scoutingleiter geholt) für die Sichtung des internationalen Marktes eingesetzt. Clemens, der zudem für den DFB arbeitet, ist außerdem zuständig für die Koordinierung der Scouting-Abteilung international. Den deutschen Markt koordiniert weiterhin Ex-HSV-Profi Michael Schröder, einst Chefscout in der Ära Dietmar Beiersdorfers. Insgesamt sind bislang 25 Scouts für den HSV unterwegs – Tendenz steigend.
Und dann eröffnete uns Congerton einen höchst interessanten Einblick in seine Fußball(Parallel)Welt. Wobei der 38-Jährige sich selbst als Fußball-Junkie bezeichnet und am Wochenende im Schnitt (!!) sechs Spiele sieht. Und dabei hat er – das hatte ich explizit nachgefragt – auch die Wochenenden mit einbezogen, an denen nicht gespielt wird. „Es wird immer gespielt. Mal live, mal eben via DVD“, sagt der Chafscout, der nach eigenen Angaben „alle TV-Sportsender der Welt“ empfangen kann. Congerton weiter: „Ich darf mich da nicht hängen lassen. Das macht die Konkurrenz auch nicht.“ Das wiederum würde auch erklären, weshalb Congerton sich in Hamburg bislang so rar gemacht hatte, dass einige schon vom „Phantom“ sprachen. Darauf angesprochen musste Congerton schmunzeln. Immerhin sei das eine Bezeichnung, die er eher von zu Hause erwartet hätte, von seiner Frau. Doch auch sie habe sich inzwischen an sein Leben gewöhnt. Zum Beispiel daran, dass er an seinem Geburtstag eigentlich fast nie zu Hause ist. „Das ist Standard. Der 28. Juli liegt mitten in der Vorbereitung und der Wechselperiode. Da liegt fast immer etwas an.“

Congerton ist ein smarter Typ. Schwiegermutters Liebling könnte man meinen. Aber Congerton weiß auch, wie man beißen muss. Und vor allem, dass man beißen muss. Das Profigeschäft sei hart geworden und in manchen Dingen sogar unmoralisch. 13-Jährige zu verpflichten und von anderen Vereinen loszueisen – beim HSV kein Thema. Es sei denn, es geschieht so, dass das junge Talent seine gewohnte Umgebung (Elternhaus, Schule, Freunde, etc.) beibehalten kann. So sichtet der HSV in Hamburg und Umgebung bereits in den Altersklassen zwischen acht und zwölf Jahren, im norddeutschen Raum ab zwölf Jahren. Deutschlandweit sollen Talente frühestens ab dem 14. Lebensjahr beobachtet werden, im EU-Ausland ab dem 16. Lebensjahr und weltweit gilt die Volljährigkeit sogar als verpflichtende Kaufbedingung. Wobei ein Paolo Guerrero einst mit 16 aus Peru nach Bayern kam, dort beim Rekordmeister ausgebildet wurde. Ebenso wie der Südkoreaner Heung Min Son beim HSV.

Es ist ein sehr sensibler Bereich. Zuletzt, als TeBe Berlins 13 Jahre altes Supertalent Nico Franke umworben wurde, bot auch der HSV mit. Der Teenager entschied sich für einen lukrativeren Vertrag und wechselte zu 1899 Hoffenheim. Eine nicht zu unterschätzende Komponente ist die soziale. Einem 13-Jährigen sein Umfeld zu nehmen, ihn schon in jungen Jahren zum Spielball hoch dotierter Angebote zu machen, ist ebenso unmoralisch wie heutzutage normal. Dass daraufhin eine bundesweite Diskussion entstand, war zwar zu erwarten – aber von vielen Diskussionsteilnehmern mehr als selten auch heuchlerisch. Denn, und da bin ich mir sicher, keine deutscher Profiklub kann sich davon lossagen, das so genannte „Supertalent“, den „Jahrhundertspieler“ nicht schon in jungem Alter zu suchen. Nein, dass Wettrüsten der Profiklubs im Kampf um möglichst junge und somit günstige Talente hat längst unmoralische Sphären erreicht. Überall. Das geht sogar bis runter in den Amateurbereich…

Aber okay, zurück zum HSV. Dort ruft Congerton einmal im Monat alle Scouts zusammen. Dabei werden wie üblich Scoutingergebnisse diskutiert und ausgetauscht. Auch die Tatsache, dass dies nicht mehr mit kopierten Notizzetteln abläuft – erwartungsgemäß. Dass dies allerdings fast komplett über eine einzige, weltweite Datenbank abläuft, hätte ich nicht gedacht. Unter Beiersdorfer hatte der HSV eine sehr umfassende eigene Datenbank selbst neu angelegt. Eine Art Suchmaschine, in die alle Ergebnisse eingetragen werden konnten und die für einen bestimmten Teil der Mitarbeiter abrufbar war – dank Internet sogar von jedem Fleck dieser Erde mit Internetempfang. Allerdings ist die neue Datenbank deutlich umfangreicher. Beim HSV für die Pflege der eingespeisten Daten verantwortlich ist Steve Houston, der das Programm mitentwickelt hat und von dessen Netzwerk der HSV besonders profitiert.

Houston, der ähnliche Erfahrungen schon vor Jahren in den USA bei seinen Stationen im Football (New England Patriots) und im Basketball (Boston Celtics) machte, ist das strategische Hirn. „Ein Nerd (übersetzt: Streber)“, sagt Congerton, und ergänzt: „Er hat das große Talent, alles – selbst das unübersichtlichste Chaos – in Form zu gießen und alle Informationen so aufzufangen, dass sie optimal weiterverwertet werden können.“ Den Kontakten des Engländers ist es auch zu verdanken, dass der HSV nur einen Bruchteil des üblichen Preises von rund 70 000 Euro pro Saison an Scout7 überweisen muss. Und obwohl der HSV sparen will, sollen die Gesamtkosten von 1,3 Millionen Euro, die das Scouting zu Zeiten Beiersdorfers gekostet hat, unter Arnesen gestiegen sein. Allein Congerton soll bei rund 500000 Euro Jahresgage liegen.
Und dafür leistet er was. Seit Saisonbeginn haben Hamburgs Scouts mehr als 700 Spiele gesehen und die Bewertungen der beobachteten Spieler in der Datenbank hinterlegt. Und das in fünf Hauptkategorien (Technik/Taktik, Physis, Gesundheit, Mentalität und Lebensweise). Am Ende wird jeder Spieler mit A, B oder C bewertet. C bedeutet, dass der Spieler Potenzial hat, sich aber noch nicht beim HSV durchsetzen würde. B bedeutet, der Spieler ist zwar geeignet, aber aus unterschiedlichen Gründen (Preis, Verletzung, Leistungstief) nicht sofort verpflichtet werden soll. Und A bedeutet, dass man den Spieler holen sollte. Mit A ist beispielsweise Basels Granit Xhaka bewertet, den der HSV bereits im Winter holen wollte, und den er jetzt gern zur neuen Saison für die vakante Position im offensiven Mittelfeld verpflichten will. „Durch unsere Datenbank ist gewährleistet, dass dem HSV unabhängig von Personen ein breites Wissen zur Verfügung steht”, sagt Congerton – übrigens mit dem selben Wortlaut wie einst Beiersdorfer. Allerdings nutzt der HSV heute die professionellen Dienstanbieter Scout7 und Xeatre, mit deren Hilfe jeder befugte HSV-Mitarbeiter per Mausklick sich nicht nur umfassende Statistiken und Hintergrundinformationen über mögliche Neuzugänge herunterladen, sondern auch noch Beweglichkeit und Ballgefühl durch Videosequenzen überprüfen kann. Eine Jahrhundertidee, die ich nur zu gern selbst gehabt hätte, denn die Vereine erkaufen sich jährlich teure Nutzungslizenzen und pflegen ihre selbst gemachten Beobachtungen in das System ein, das dadurch stetig wächst und entsprechend für alle Klubs sogar noch interessanter wird. Dennoch, so professionell, so aufwendig und so fleißig das Scouting am Ende auch betrieben wird, nur die Ergebnisse lassen einen Rückschluss auf die geleistete Arbeit zu. „Wenn ich niemanden finde, der einschlägt, war ich schlecht. Damit muss ich leben“, sagt Congerton und versichert: „Aber wir werden Spieler finden.“

Daran glaube ich auch. Immerhin ist das mit Gökhan Töre schon gelungen. Und auch ein Michael Mancienne, Slobodan Rajkovic sowie Jeffrey Bruma haben bewiesen, dass sie Bundesliga spielen können. Auch wenn das auf Letztgenannten im Moment verletzungsbedingt nicht zutrifft. „Jeff hat noch immer leichte Probleme“, umschreibt Fink, „er wird am Sonntag draußen bleiben, wird nicht im Kader stehen. Aber es gibt auch wenig Grund, im Moment etwas zu ändern.“ Zudem wolle er auch insgesamt jeden unnötigen Umbau in der Aufstellung vermeiden. Dementsprechend wahrscheinlich ist, dass Jacopo Sala rechts sowie Ilicevic vorerst auf der Bank bleiben wird und der gesperrte Rincon von Robert Tesche oder Gojko Kacar ersetzt wird. „Davon können sie ausgehen“, so Fink heute.

Im Training war von Stamm und B-Elf nichts zu erkennen, weil bunt gemischt wurde und am Ende ein Turnier mit drei Mannschaften gespielt wurde. Nachmittags wurde gar ganz auf das Training verzichtet. Fink: „Wir haben am Vormittag zwei Stunden lang trainiert – das reicht.“ Und, nur um Missverständnisse auszuräumen, nicht ich tendiere zu Kacar als Rincon-Ersatz sondern ich glaube, dass der Trainer zum Serben tendiert. Ginge es nach mir, würde ich Sala zentral spielen lassen und mit Ilicevic beginnen.

Aber okay, der Weg, die jeweilige Position immer direkt auszutauschen, ist ein guter Weg. So haben alle Spieler ihre direkte Konkurrenz vor Augen und werden nicht plötzlich von irgendwelchen manchmal sogar abenteuerlichen „Umbau-Ideen“ des Trainers überrascht und entsprechend demotiviert. Denn, und das muss man Fink hoch anrechnen, bislang hat er seinen Spielern gegenüber Wort gehalten. Und die danken es dem Trainer mit tadellosen Leistungen, auch wenn sie seit Wochen nicht gespielt haben (Rajkovic, Jarolim, Ilicevic, Sala).

In diesem Sinne, bis morgen. Da wird um zehn Uhr an der Arena trainiert. Und ich werde Euch anschließend von der Einheit berichten und mit Paolo Guerrero sprechen.

Scholle
(19.25 Uhr)

So ist die Scoutingabteilung aufgebaut:
Vier Scouts (K.H. Bresch, Öztunali, Meier und Diaz) sind primär für die Sichtung Hamburger Talente zuständig. Deutschlandweit koordiniert Michael Schröder die Einsätze von Kucukovic, Trifellner, Brücker und Spörl. Für die Sichtung des internationalen Marktes ist Christofer Clemens Ansprechpartner für Hansen (Skandinavien), Ricka (Tschechien), Arnesens Sohn Sebastian (Belgien und Niederlande), Djordjevic (Balkanstaaten) und Taran (Brasilien). Steve Houston ist für den administrativen Bereich zuständig, Kreutzer (nur Trainer Fink unterstellt) und Wyatt sind für die Gegnerbeobachtung verantwortlich. Zudem arbeiten bis zu acht selbstständige Scouts Congerton zu.