Tagesarchiv für den 7. Februar 2012

“Zufriedenheit bedeutet immer Rückschritt”

7. Februar 2012

Fünf Tage vor dem Köln-Spiel war das Bayern-Spiel immer noch gegenwärtig. Trainer Thorsten Fink jedenfalls zog heute noch einmal ein kurzes Fazit: „Ich war natürlich sehr, sehr zufrieden mit den 90 Minuten, besonders mit der Defensivleistung, gerade das, was wir vorher trainiert hatten, was wir besprochen hatten – das wurde gut umgesetzt. Trotzdem glaube ich, dass meine Mannschaft noch mehr kann, sie hätte dieses Spiel auch gewinnen können. Wir können noch immer Kleinigkeiten verbessern, aber wenn wir mit dieser Leidenschaft spielen, dann ist das schon top.“ Fink ergänzte dann nach einer ganz kurzen Pause: „Ich darf da jetzt auch nicht alles schlechtreden, aber ich bin halt Trainer, und der will eben immer das Allerhöchste. Ich glaube, wir hätten teilweise den Ball noch mehr in den eigenen Reihen halten können, haben ihn in gewissen Situationen noch zu schnell verloren. Und dann hat man ja gesehen, dass wir nach dem 1:1 wieder nach vorne und auf Sieg gespeilt haben. Wenn wir das einmal 90 Minuten durchziehen würden, auch gegen eine solche starke Mannschaft, dann ging bei uns auch noch ein bisschen mehr. Ich erwarte von meiner Mannschaft, dass sie das auch am Sonntag in Köln zeigt. Eine gute Mannschaft ist die, die auch nach einer guten Leistung gegen die Bayern auch eine gute Leistung in Köln zeigt.“

Super, Herr Fink! Gefahr erkannt, Gefahr gebannt. Hoffentlich. Ich finde es schon toll, wenn der Trainer solche Erwartungen von seinem Team hat. Und sich nicht nach diesem 1:1 gegen den Rekordmeister (bei hohen Minusgraden) eine Woche lang sonnt. Weil es, jedenfalls für mich, irgendwie ja doch ein gefühlter HSV-Sieg war, am vergangenen Sonnabend. Selten hat man doch die Bayern so frustriert aus dem Volkspark abziehen sehen, wie diesmal. Das war schlimmer als nach einer Niederlage . . . Wobei ich noch immer an die Sekunden nach dem Schlusspfiff denken muss. Da fing die Kamera den Gesichtsausdruck von Thorsten Fink (an der Bank stehend) ein, und das sah auch total nach Frust aus. Erst später fand der Coach sein Lächeln wieder, weil er wahrscheinlich mitbekommen hatte, dass alle sehr zufrieden waren mit dieser HSV-Vorstellung. In Hamburg ist ja doch keiner mehr verwöhnt . . .

Dennoch hielt er noch einmal fest: „Die größte Chance des Speils hatten wir. Als Son allein auf das Bayern-Tor zulief . . .“ Deswegen kann ich nicht „Hurra“ schreien – ich hätte gerne gewonnen. Schon klar, Trainer.

Aber, Hand aufs Herz, wer hätte dem HSV vor dem Spiel eine solche couragierte Leistung zugetraut?
Vielleicht auch deshalb fallen die Finkschen Beiträge im Moment auf fruchtbaren (und gefrorenen) Boden. Er konkretisierte nämlich noch: „Natürlich wollen wir das Spiel in Köln auch gewinnen, keine Frage, aber ich finde einfach, dass die Leistung stimmen muss. Dann kann man auch mal unglücklich verlieren. Wenn ich dann aber eine andere Mannschaft sehe, die mit einem anderen Eifer als zuletzt in das Spiel geht, als zuletzt gegen die Bayern, dann bin ich nicht zufrieden. Ich glaube, dass wir jetzt gemessen werden an solchen Leistungen, gerade in der Defensive. Und wenn wir den Ball haben, sollten wir nach vorne noch ein bisschen besser spielen, denn das können wir, das haben wir auch schon gezeigt. Und wir sollten vielleicht auch noch den letzten Rest, den wir an Respekt vor den Bayern hatten, ablegen, dann klappt das wahrscheinlich noch viel besser. Aber das muss sich entwickeln, das wird mit der Zeit kommen. Nicht von heute auf morgen, das kann dauern, aber es wird kommen. In unserer Mannschaft steckt auf jeden Fall noch viel mehr.“

Jeffrey Bruma konnte heute noch nicht trainieren, das hatte der Trainer anders erwartet, denn: „Er hatte mir eigentlich vor dem Bayern-Spiel gesagt, dass wenn es hart auf hart käme, er spielen könne. Aber da Slobodan Rajkovic gesund war, habe ich ihn dann gebracht. Hatte aber gehofft, dass Jeffrey Bruma zum Dienstag dann wieder fit wäre. Wenn er dann nicht fit ist, wird Rajkovic wieder spielen, denn er hat ja gezeigt, dass er es kann.“ Dann lobte Fink auch noch den vierten Innenverteidiger: „Ich muss auch noch mal Michael Mancienne hervorheben, auch er ist ein guter Spieler. Ich kann natürlich nicht jede Woche die Aufstellung ändern, aber er zeigt eine Top-Trainingseinstellung, er ist vom Charakter her gut, und er spielt in Freundschaftsspielen gut, trainiert auch sehr gut, er hat große Qualitäten im Kopfballspiel, er ist schnell und er ist technisch gut. Er wird sicherlich auch mal seine Chance bekommen, aber das musste ich einfach mal loswerden.“

Hoffentlich liest Michael Mancienne das auch, damit er weiß, wo er steht. Bevor er, weil er nicht zum Einsatz kommt, um ein Gespräch mit Thorsten Fink bittet. Wie zuvor ja schon Heung Min Son. Generell müsste ein solches Trainer-Lob ja (fast) jeden Spieler aufbauen, auf jeden Fall bei Laune halten.

Ein personelle Änderung wird es im HSV-Team am Sonntag ja auf jeden Fall geben (müssen), denn Tomas Rincon ist gesperrt. Mit der Frage, wer ihn ersetzen wird, will sich Fink im Moment noch nicht beschäftigen. Ab Donnerstag vielleicht. Immerhin gibt es für ihn mehrere Möglichkeiten: „Per Ciljan Skjelbred scheidet aus, er ist noch nicht fit. Dann könnten Gojko Kacar, Robert Tesche und Jacopo Sala diese Position einnehmen, und vorne rechts, wenn Sala käme, könnte Ivo Ilicevic spielen.“ Letztere Variante wäre in meinen Augen ein wenig zu offensiv, aber wer weiß? Eventuell ist es ja auch ganz gut, wenn man den Kölnern in Köln einmal so die Zähne zeigt. Fink sagt auf jeden Fall zur vakanten Position: „In dieser Woche hat jeder noch die Möglichkeit, sich durch gute Trainingsleistungen zu empfehlen.“

In Bezug auf Sala sagte der HSV-Coach auch noch: „Alle müssen sich alles hart erarbeiten, das gilt auch für Sala. Er darf jetzt nicht nachlassen. Ich sage immer: Das Reh springt nicht in das Maul des schlafenden Löwen. Dieser Satz ist nicht von mir, das muss ich betonen. Wer aber nicht weiter Gas gibt, der wird dann schnell wieder hintenan sein, denn Zufriedenheit bedeutet immer Rückschritt.“ Generell sagt Fink: „Ich bin nach einem Spiel gegen die Bayern immer vorsichtig, denn ich habe zu oft beobachten können, dass es nach einer guten Leistung gegen die Münchner dann einen krassen Leistungsabfall gegeben hat.“ Wieder: Gefahr erkannt, Gefahr gebannt. Gefällt mir. Fink weiter: „Es liegt an uns, weiter hungrig zu sein, weiter nach oben zu wollen.“ Und: „Meine Mannschaft hat Charakter, das hat sie gegen Bayern bewiesen. Es wird natürlich immer mal wieder ein schlechteres Spiel geben, aber in den nächsten Begegnungen erwarte ich das nicht.“ Gott sei Dank.

Dann ging der Coach noch kurz auf einige Einzelschicksale ein. Zum Beispiel Paolo Guerrero. Der ja geäußert hat, dass er sich durchaus vorstellen zu können, bis zum Karriere-Emde beim HSV zu bleiben. Fink dazu: „Identifikation mit dem HSV ist eine gute Sache, das wollen wir ja auch sehen. Und im Moment kann ja auch ein jeder sehen, dass sich Paolo hier sehr, sehr reinwirft. Bei ihm sieht man es vollends, dass er alles für den Klub gibt.“

Letzteres sprechen ja einige (oder mehr?) HSV-Fans Mladen Petric im Moment ab. Thorsten Fink aber sieht das ganz anders, er betonte heute noch einmal: „Im Moment bin ich mit Mladen sehr, sehr zufrieden.“ Na bitte, das ist mal etwas aus berufenem Munde.

Dann gab es noch einmal kurz das 1:1 zu besprechen. Der Kopfball von Heung Min Son auf Müller, das Tor von Olic. Thorsten Fink erklärte den Wechsel heute wie folgt: „Son hatte schon drei Minuten draußen gewartet, der Ball wollte einfach nicht ruhen. Dann gab es diesen Eckstoß für die Bayern, und wir wechselten, denn bevor er noch einmal weitere drei Minuten oder länger warten müsste, sollte er rein. Ich wollte nicht länger warten, denn wir brauchten vorne einen Stürmer, der steil geschockt werden kann . . .“

Fink weiter: „Son hätte ja auch noch das 2:1 für uns schießen können, dann hätte keiner mehr über diese Eckball-Szene mehr gesprochen.“ Dass Son bei dem Versuch, Torwart Neuer zu umkurven, nicht fiel, obwohl er berührt worden war, das rechnet der Trainer dem jungen Koreaner hoch an: „Wenn sich einer bewusst fallen lässt, dann finde ich das grundsätzlich nicht korrekt. In England pfeifen die Fans, wenn so etwas geschieht, auch die eigenen Spieler aus. Ich fand es gut, dass Son so versucht hat, das Tor zu machen.“

Noch kurz zum Training am Nachmittag. Die Mannschaft trainierte von 15 Uhr an im Stadion (Kraftraum), betrat erst um 16.47 Uhr den Trainingsrasen im Volkspark. Dann gab es zuerst ein kleines, zehnminütiges Zirkeltraining, es folgte ein intensiv geführtes Spiel elf gegen elf ohne Tore (über den halben Platz), dann wurden zwei Stationen gebildet, dort wurde vier gegen vier gespielt, wobei ein zusätzlicher Spieler in der Mitte immer auf der Seite des Teams war, das im Ballbesitz war – zudem gab es zwei Anspielstationen außen am Spielfeldrand.

David Jarolim, der mir vorher gesagt hatte, dass er nicht wisse, ob er mittrainieren könne (er bekam am Sonnabend einen Schlag auf den linken Oberschenkel), war dabei und machte alles mit. Fink dazu: „Eine solche Verletzung kann man sich auch im Training rauslaufen . . .“ Genau. Und wenn einer das kann, dann „Jaro“.

Zum Schluss noch eine bemerkenswerte Bemerkung von Thorsten Fink: „Der FC Bayern hat in diesem Jahr genau so viele Punkte geholt, wie wir – vier Zähler.“
Das aber nur mal am Rande.

Am Mittwoch wird um 15 Uhr im Volkspark trainiert, am Donnerstag um 10 und um 15 Uhr. Der Coach weicht deshalb so oft aus den Nachmittag aus, weil der Trainingsplatz dann nicht mehr (so) gefroren ist. Hoffentlich ist das bald vorbei. Das mit den arktischen Temperaturen.

19.04 Uhr