Tagesarchiv für den 4. Februar 2012

1:1 – Klasse-Spiel gegen den FC Bayern

4. Februar 2012

Das war ein großartiger Fußball-Abend in Hamburg, trotz der Kälte. Der HSV trotzte dem großen FC Bayern ein 1:1 ab. Und das war verdient. Und hat vor allem gezeigt, dass diese Mannschaft unter der Leitung von Trainer Thorsten Fink auf dem richtigen Wege ist. Das sah schon nach gutem Fußball aus – vor Wochen noch hätte der HSV eine Bruchlandung hingelegt, diesmal aber hielt er 90 Minuten sehr gut dagegen. Keine Frage, so geht es Punkt für Punkt aus der Abstiegszone. Der HSV kann sich freuen, Lotto King Karl, der heute 45 Jahre alt geworden ist, durfte sich über ein Ständchen und diesen einen Zähler freuen, und der HSV hat mit der Maßnahme, den neuen Rasen vor diesem Spiel zu legen, alles richtig gemacht. Der FC Bayern konnte diesen Vorteil jedenfalls nicht nutzen. Und dürfte mit dieser Punkteteilung nicht unbedingt zufrieden sein, aber so ist Fußball. Irgendwie ist der HSV ja auch eine Art Angstgegner für die Münchner.

War da Zunder drin! Und Tempo. Spitzen-Fußball im Volkspark. Der HSV war mit dem Anpfiff da, voll da. Ganz anders, als noch vor 14 Tagen gegen Dortmund. Diesmal war Biss in der gesamten Truppe. Über Hamburg lag zwar ein sibirisches Tief mit gefühlten minus 20 Grad, aber die gesamte HSV-Mannschaft war heiß. So richtig schön heiß, es dampfte bis hoch auf die Tribüne. Herrlich. Und der HSV spielte auch guten Fußball. Zehn Minuten lang auf jeden Fall. Da wirkte der FC Bayern noch ein wenig überrascht. Aber dann kam der Rekordmeister immer besser und druckvoller. Zeitweise sah es wie im Handball aus – der HSV stand im und am Strafraum und verteidigte mit Mann und Maus. Ist ja nicht verboten.

Und Glück gesellte sich auch noch dazu – zum Spiel der „jungen Finken“. Elfte Minute, Eckstoß für die Bayern von links, Ribery. In der Strafraummitte ein Schubser von Gomez gegen HSV-Kapitän Heiko Westermann – Schiedsrichter Knut Kircher pfeift sofort. Unterdessen segelt der Ball zur Mitte, Schweinsteiger und Boateng steigen am Fünfmeterraum hoch, ich glaube, dass Boateng auch einköpft. Aber der Treffer zählt nicht – der Unparteiische hatte ja bereits gepfiffen. Glück. Das pfeift nicht jeder. Aber man muss auch sagen, dass das Foul von Gomez völlig überflüssig war, denn er war gar nicht in Ballnähe.

Der HSV ließ sich auf jeden Fall nicht beeindrucken. Das gesamte Team war läuferisch stark, jeder half dem Nebenmann – das war Teamwork in bester Manier. Und die HSV-Mannschaft belohnte sich mit dem 1:0. In der 23. Minute schickte Slobodan Rajkovic Dennis Aogo steil, der ehemalige Hamburger Jerome Boateng kam mit Mühe an den Ball, köpfte ihn nur ungenügend in die Mitte, so sich Paolo Guerrero gegen Badstuber behauptete- Im zweiten Versuch kam der Ball zum mitgelaufenen Jacopo Sala, und der junge Italiener machte in dieser Minute ganz Hamburg (und ein wenig Dortmund?) glücklich. Sein Volleyschuss aus 14 Metern flog unhaltbar für Nationaltorwart Neuer in die lange Ecke. Sala flippte nach seinem ersten Tor für den HSV völlig aus. Wunderbar!

Die Bayern kamen danach mit Wut im Bauch – immer stärker. Aber das HSV-Bollwerk stand. Es gab harte Zweikämpfe, da wurde von beiden Seiten nicht ein Millimeter des neuen Rasens verschenkt. So ein solcher Nord-Süd-Gipfel setzt Kräfte frei. Was mich in dieser Phase wunderte: Nationalstürmer Gomez ging gegen Rajkovic mächtig zur Sache. So kenne ich den Münchner gar nicht. Der spielte körperbetonter als die HSV-„Kante“. Wer hat Gomez dazu überredet? So habe ich ihn noch nie gesehen, er versucht es sonst doch schon seit Jahren immer nur spielerisch . . .

Eine kuriose Szene gab es in der 38. Minute. Tomas Rincon sollte an der Mittellinie gefoult haben, das Spiel lief weiter. Der Ball kam zu Müller auf der rechten Seite, doch die Kugel landete im Seitenaus. Im Aus! Dann kam der Pfiff, und Kircher beorderte den Ball an die Mittellinie. Darf er das dann noch? Wenn der Ball im Aus ist? Ich bin mir nicht sicher. Werde mich aber schlau machen.

Gut hat der Schiedsrichter auf jeden Fall in der 45. Minute reagiert. Da rasselten Ribery und Dennis Diekmeier an der Außenlinie zusammen. Der Franzose schubste den HSV-Abwehrspieler, der blieb außerhalb des Spielfeldes stehen und zeigte Ribery mal die kalte Hamburger Schulter. Es folgte ein ganz kleines Scharmützel einiger Spieler, Kircher stand zwischen den Fronten – und pfiff zur Pause. Ein aufregendes und äußerst spannendes Spiel, da war wirklich immer Feuer drin.

Und so blieb es auch im zweiten Durchgang. Die erste Chance für den HSV. Flanke von Marcell Jansen von links, Sala nahm die Kugel an (ein wenig umständlich) und schoss den Ball dann aus elf Metern in den Hamburger Abendhimmel. Da war mehr drin.

Insgesamt wirkte der HSV im zweiten Durchgang noch ein wenig besser organisiert, stand besser im Raum und fand auch mehr Platz im Spiel nach vorne. Natürlich. Die Bayern mussten ja noch mehr kommen, wenn sie die Wende wollten. Und sie wollten, das kann man dem Meister nicht absprechen. Der HSV aber wurde von Minute zu Minute selbstbewusster. Das sah gut aus.

Die Führung aber hielt nicht. Sie hielt nur bis zur 71. Minute. Eckstoß von links für die Bayern, am Fünfmeterraum köpfte der Sekunden vorher (für Petric) eingewechselte Heung Min Son den Ball gegen den Körper von Müller, der Ball kam quer zum eingewechselten Ivica Olic – Tor. Das war viel, viel Pech. Für den HSV, für Thorsten Fink (wegen des Wechsels) und vor allem für Son. Unglücklicher kann man nicht in eine Partie starten.

Und Son hatte dann noch den Sieg auf dem Fuß. Nach einem Zuckerpass des eingewechselten Ivo Ilicevic umkurvte der Südkoreaner Torwart Neuer, der störte noch ein wenig (aber entscheidend) – Son kam ins Trudeln und schoss daneben. Schade, schade. Wenn er den Ball quer zum neben ihm stehenden Guerrero gelegt hätte, dann wäre vielleicht noch der 2:1-Siegtreffer gefallen (76.). Pech, viel, viel Pech.

Es blieb beim 1:1.

Zur Einzelkritik:

Jaroslav Drobny hielt überragend. Der große Rückhalt. Er erinnert mich oft an Frank Rost, heute aber ganz besonders. Das war eine ganz, ganz wunderbare Partie des Tschechen.
Dennis Diekmeier hielt sich nach seiner Gala-Vorstellung von Berlin offensiv diesmal zurück, aber nach hinten hatte er viele gute Szenen gegen Ribery. Alle Achtung. Heiko Westermann – super. Im Zweikampf, im Kopfball, im Raum, auch in der Spieleröffnung – es stimmte alles bei ihm. Denkt eigentlich noch einer von euch an die Startphase dieser Saison? Als der Kapitän von den eigenen Fans ausgepfiffen wurde? Im Volkspark. Wie schön, dass sich Westermann davon nicht beeinflussen ließ, sondern unbeirrt Gas gab. Zum Wohle des HSV.
Sein Nebenmann Slobodan Rajkovic musste lange auf seine Chance warten – es hat sich gelohnt. Er hatte es ganz sicher nicht leicht gegen Gomez (und Co), aber letztlich stoppte der HSV-Mann den Münchner immer noch rechtzeitig. Coole Partie.
Links biss Dennis Aogo von Beginn an, hatte vor allem im Aufbau und in der Offensive sehr gute Szenen, nach hinten hatte er einige Male kleinere Schwierigkeiten – gegen die Bayern wohl normal.

Die beiden Sechser wieder eine Bank. David Jarolim ackerte und ackerte, er wirkte oft unauffällig, aber alles das, was er machte, hatte Hand und Fuß. Großartig, hervorragend – super! „Jaro“ ist wieder da, voll da, und das ist auch gut so. Er hilft dieser Mannschaft, und zwar vorbildlich. Schade, schade, dass wir darauf so lange hatten verzichten müssen, aber das ist jetzt abgehakt. Jarolims Erfahrung tut allen gut.

Ganz stark auch Tomas Rincon. Nicht nur kämpferisch, sondern auch spielerisch. Der Südamerikaner spielte mit den Bayern mit, das sah richtig gut aus – eine große Stütze des Teams. An einem wie Rincon muss man erst einmal vorbeikommen! Leider fehlt Rincon beim nächsten Spiel in Köln, denn er sah in der 63. Minute seine fünfte Gelbe in dieser Saison. Bitter.

Jacopo Sala rechts begann richtig gut, schoss ein „Welt-Tor“, ließ aber – naturgemäß – im zweiten Durchgang nach, denn das Tempo in diesem Spiel war immer sehr, sehr hoch. Und er hatte eben über ein halbes Jahr (und sogar länger) keine Spielpraxis. Er wird aber noch mehr kommen, mehr und mehr. Keine Sorge.

Links hatte Marcell Jansen viele gute Szenen in der Offensive (mehr als in Berlin zuletzt), aber mir tauchte der frühere Nationalspieler viel zu oft – ganz einfach – mal ab. Stimmt da etwas nicht? Phasenweise nahm Jansen gar nicht teil an diesem Spiel. Um dann urplötzlich doch wieder da zu sein. Sollte er sich mal selbst im Fernsehen ansehen – und die Konsequenzen daraus ziehen.

Mladen Petric war diesmal kaum bis gar nicht zu sehen. Auch das ist normal. Nach einer so langen Verletzungspause kann man mal ein Spiel gut überstehen, vielleicht auch mal zwei, aber dann fällt man meistens in ein körperliches Tief – und das hat der Kroate im Moment ganz offenbar zufassen. Aber er wird wieder kommen, keine Sorge.

Ob er aber dann die Form erreicht, die Paolo Guerrero genommen hat? Abwarten. Vom Peruaner bin ich nach wie vor begeistert. Wie er den Ball hält, wie er darum – oft ganz allein – kämpft, wie er sich an der Kugel behauptet – klasse! Guerrero ist ein ganz dicker Pluspunkt für dieses HSV-Team geworden.

PS: Es war schön, ehemaligen Hamburgern wie Jörg Butt, „Ivi“ Olic und Jerome Boateng wieder einmal die Hände gedrückt zu haben – sie alle haben immer noch – ganz sicher – mindestens ein Stückchen Raute noch im Herzen. Wenn nicht die ganze Raute.

20.37 Uhr