Tagesarchiv für den 2. Februar 2012

Rajkovic ersetzt Bruma gegen Bayern

2. Februar 2012

Es bleibt dabei, das Wetter lädt nicht wirklich zum Fußballgucken ein. Und es soll sogar noch schlimmer werden. Für den Sonnabend werden Schnee und minus 13 Grad für die Abend- und Nachtstunden angekündigt. Genau für die Stunden, in denen es im Volkspark einen heißen Kampf geben soll, der sich den Angaben der Protagonisten zufolge lohnen wird.

Bayern München kommt! Am Sonnabend um 18.30 Uhr unter Flutlich in der Imtech-Arena – das Heimspiel gegen den Rekordmeister war vor einigen Jahren eines der großen Spiele, von denen die HSV-Mannschaft fast eine ganze Saison lang gezehrt hat. Weil gewonnen wurde. Ich erinnere mich da mit Grausen an den 7. Spieltag der Saison 2005/2006. Ich wurde damals – weil alle anderen Kollegen „ganz wichtige“ und unverschiebbare Termine in Hamburg hatten – nach Chemnitz geschickt. Der FC St. Pauli spielte in der Regionalliga gegen den Chemnitzer FC. Es waren gefühlte 3000 Grad, die Autofahrt mit meinem Mopo-Kollegen Buttje Rosenfeld dauerte einen halben Tag und das Spiel war eines der schlechtesten Profispiele, die ich je gesehen habe. Es endete 0:0. Parallel spielte der HSV zu Hause gegen den FC Bayern München. Ich konnte auf der tristen Heimfahrt via NDR verfolgen, wie der HSV nach zehn Jahren ohne Sieg gegen die Bayern in der Bundesliga das Unerwartete schafften: sie gewannen 2:0. Der 23er und Piotr Trochowski mit seinem schönsten Tor für den HSV sorgten mit dem schönsten Offensivfußball seit Jahrzehnten für eine Welle der Euphorie. Auch bei meinen Kollegen, die geschlossen beim Spiel waren, weil sie ihre Termine ja erst später oder unmittelbar davor hatten… Aber egal – erinnern wir heute lieber nur das Positive.

Es war eben ein Spiel, wie es sich die HSV-Profis schon zum Rückrundenstart gegen Dortmund erhofft hatten. Ohne Erfolg zwar, aber dafür mit der klaren Erkenntnis, dass Wunsch und Wirklichkeit diesmal zu weit auseinander lagen. Und auch deshalb geben sich alle Beteiligten vor dem Nord-Süd-Schlager alle Mühe, die Erwartungen nicht zu hoch zu schrauben. Trainer Thorsten Fink hat ein passendes Beispiel dafür, was man von dem Spiel erwarten darf: „Wir würden momentan wahrscheinlich in neun von zehn Spielen nicht gewinnen – aber vielleicht ist am Sonnabend ja genau dieses eine, dieses zehnte Spiel.“ Eine Ansage, mit der alles gesagt ist, was aus Hamburger Sicht vor diesem Spiel zu sagen ist.

Obwohl, nicht ganz Sagen Paolo Guerrero und Fink selbst. „Bei allem Respekt“, so der HSV-Coach, „die Bayern haben momentan auch kleine Schwächen. Sie hatten schon bessere Monate und die Chance ist da, sie zu schlagen.“ Okay, dachte ich zunächst skeptisch, um dann den wahrscheinlich größten Unterschied zur Hinserie zu erkennen. Dieser HSV ist personell zwar genauso besetzt wie beim 0:5 (Ilicevic mal ausgenommen) – aber er ist besser. Weil er Selbstvertrauen hat. So will beispielsweise Paolo Guerrero seine Torserie bei Heimspielen auf das Rekordniveau eines Horst Hrubesch der Achtziger schrauben. Wobei mir der Vergleich zwischen dem nach Uwe Seeler wohl zweitbesten Stürmer der HSV-Geschichte und dem zweifellos talentierten aber noch lange nicht so weit gekommenen Guerrero noch leichte Schmerzen bereitet. Aber okay, trifft Paolo am Sonnabend, wird er gefeiert – sofern es zum Sieg reicht. „Es wird ein Schweinespiel“, sagt der Peruaner und gibt die Marschroute vor. „ich mache gern Tore – aber nur der Sieg zählt am Ende.“ Worte, die ich Guerrero abnehme. Der Peruaner gilt als mannschaftsdienlich auf dem Platz. Als einer, der sich und seine Knochen nicht schon. Guerrero besitzt die Eigenschaft, die Fink fordert. „Kampf und Leidenschaft gefragt“, sagt der HSV-Trainer, der von seiner Mannschaft keine fußballerischen Glanztaten erwartet, aber auf das Kollektiv setzt: „Bayern ist spielstärker, wird mehr Ballbesitz haben. Aber wenn wir so stehen, wie gegen Hertha 80 Minuten lang, haben wir eine Chance. Das war gut.“ Zudem wird der HSV an seiner Spielanlage der letzten Wochen und Monate nichts ändern. Ebenso wenig wie an der Aufstellung des Hertha-Spiels.

Das hatte Fink zumindest angekündigt. Allerdings scheint sein Plan ins Wanken zu geraten, denn heute mussten sowohl Dennis Aogo als auch Jeffrey Bruma frühzeitig das Training abbrechen. „Dennis ist umgeknickt und hatte Schmerzen“, erklärte Fink, der allerdings davon ausgeht, dass sein Linksverteidiger schon am Freitag wieder mittrainieren und entsprechend auch am Sonnabend spielen kann (Das ist auch der Stand von heute Abend). Anders sieht es dagegen bei Bruma aus, der mit Kniebeschwerden passen musste. Der Niederländer wird gegen Bayern ausfallen und von Slobodan Rajkovic ersetzt. „Ich bin ein Freund davon, nicht hundert Prozent fitte Spieler auch nicht aufzustellen. Deshalb wird Slobodan Jeff ersetzen.“ Befürchtungen, dem lange Zeit einsatzfreien Serben könne die nötige Spielpraxis fehlen hat Fink nicht. „Slobodan hat in der Vorbereitung seine Spiele gemacht und war auch am Dienstag beim Test gegen unsere Zweite dabei. Er ist im Rhythmus – und er hat Selbstvertrauen.“ Das habe er aufmerksam beobachtet, sagt Fink.

Und passend zu Rajkovic’s Stimmung nach dem Training, wo er meinem Kollegen Florian Heil gegenüber sehr wortkarg war („I don’t know“ so die kurze Antwort auf die Frage, ob er glaubt, gegen Bayern zu beginnen) muss ich ganz ehrlich sagen, dass gerade Rajkovic im Traininsglager sowie in den letzten Trainingseinheiten sehr introvertiert und teilweise schon zu sehr in sich gekehrt und frustriert wirkte. Trotzdem glaube ich daran, dass er sich rechtzeitig hochfahren kann. Rajkovic wirkt auf mich zwar so, als brauche er sehr viel Zuspruch. Aber den wird er von Fink bekommen. „Ich mache mir bei ihm keine Sorgen“, sagt der HSV-Coach, ergänzt aber: „Trotzdem werde ich mich natürlich mit ihm noch mal unterhalten.“ Viel reden wird der Trainer dennoch nicht müssen, denn gerade bei einem solchen Kracherspiel seine lang erhoffte Chance zu bekommen, dürfte gerade den ehrgeizigen Linksfuß mehr als genug reizen. Und dass er fighten kann, hat er bewiesen. Und damit meine ich nicht den Ellenbogenschlag. Nein, Rajkovic besitzt ganz sicher die Eigenschaft, die am Sonnabend laut Fink primär gefragt ist: Kampfgeist.

Auffällig im Training heute war neben der Kälte Jacopo Sala. Der Italiener schwebt noch immer auf der Welle des Hertha-Spiels und freut sich sichtlich über die genutzte Chance. Heute allerdings musste er sich im Training den einen oder anderen Rüffel seiner Teamkollegen im Abschlussspiel gefallen lassen. „Weil wir das Ding vorn nicht reinmachen, kriegen wir hinten einen“, schimpfte beispielsweise Heiko Westermann, nachdem zunächst Sala frei vor Drobny vergab und Heung Min Son den Konter zum Siegtreffer nutzen konnte. Zuvor hatte Sala bereits drei Hundertprozentige ausgelassen, allerdings zweimal in den unmittelbar folgenden Szenen treffen können. „Ich fühle mich topfit“, sagt Sala, der sich selbst am meisten über die vergeben Chancen ärgerte. Mit italienischen Schimpftiraden.

Ansonsten hatte das heutige Training erstaunlich wenig Taktik zu bieten. Für einen Donnerstag wurde heute ungewohnt viel Krafttraining absolviert. Für uns Zuschauer langweilig – aber zum Glück hatte ich mit meinen Kollegen der Konkurrenz und Rauten-Hannes nette Gesprächspartner. Thema Nummer eins war dabei natürlich auch ein sehr trauriges Kapitel. Nein, mehr noch: ein für mich unbegreifliches Kapitel, das sich in Ägypten abspielte. 75 Tote bei Krawallen nach einem Fußballspiel. Zudem sollen die Krawalle von langer Hand geplant gewesen und politisch motiviert sein. Es gibt eben nichts mehr, was es nicht gibt. Jetzt wird schon der Sport wie in finstersten Diktaturzeiten für die Politik missbraucht. Und dabei sterben sogar Kinder. Ich habe den ganzen Tag über immer wieder Bilder von den Geschehnissen gesehen und konnte es nicht fassen. Kennt Ihr das, wenn man etwas so schlimmes sieht, dass man es eigentlich lieber nicht sehen will und trotzdem nicht wegschalten kann? Ich denke dann immer, ‚wenn Du jetzt wegschaltest, würdest du nur die Augen vor etwas verschließen, wogegen man angehen sollte’. Jeder von uns. Und es waren Bilder, die mich unfassbar aggressiv machen. Ich wollte dieses Thema hier eigentlich aussparen, um den komplett Intelligenzbefreiten Schwerverbrechern und Mördern nicht noch eine weitere Plattform zu bieten – aber ich musste es einfach mal los werden. Entschuldigt.

Deshalb, so schwer es mir fällt, lieber wieder zurück zu uns, zurück zu den „normalen“ Sorgen und Freuden des Alltags – zurück zum HSV. Der gab heute offiziell die Verlängerung des Hauptsponsorenvertrages mit „Emirates“ bekannt. Die Fluggesellschaft aus den Vereinigten Arabischen Emiraten bleibt beim HSV bis 2015 auf den Trikots. 25 Millionen Euro fließen in die HSV-Kassen. Gelder, die im Sommer in neue Spieler investiert werden. Volker Greiner, Emirates Vizepräsident Nord- und Zentraleuropas schwärmte: „Die Verlängerung des Vertrages mit dem HSV unterstreicht unser Engagement für Sport-Fans weltweit. Uns ist die gute Zusammenarbeit mit dem HSV sehr wichtig – ebenso wie der sportliche Erfolg.“ Bis unter die ersten Fünf soll es dem Emirates-Vize nach in den nächsten Jahren gehen. Dafür verzichtet er sogar auf das Bayern-Spiel als Zuschauer. „Ich war gegen Dortmund da – vielleicht tut dem HSV meine Abwesenheit gut.“ Wir hoffen es.

In diesem Sinne, im Abspann noch ein netter Veranstaltungstipp für morgen.

Bis morgen!

Scholle (18.35 Uhr)

TIPP: HSV-Autor Axel Formeseyn und HSV-Museumsdirektor Dr. Dirk Mansen lesen anlässlich des achten HSV-Museumsgeburtstages super HSV-Geschichten, zeigen lustige HSV- und Bayern-Filme, spielen HSV-Songs und plaudern mit alten HSV-Helden! Wo und wann: Freitag, HSV-Museum ab 18:30 Uhr. Der Eintritt ist frei.