Monatsarchiv für Januar 2012

2:1 in Berlin – der HSV auf Platz elf

28. Januar 2012

Der HSV kann ja doch gewinnen! 2:1 bei Hertha BSC, der erste Dreier des Jahres, gegenüber der Hinserie wurden jetzt schon zwei Punkte mehr eingesammelt – die „jungen Finken“ kletterten durch diesen Erfolg auf den elften Tabellenplatz, schoben sich damit auch an den lange Zeit schwachen Berlinern vorbei. Kompliment. Lange Zeit hatte der HSV das Geschehen in Berlin fest in der Hand, die Frage nach dem Sieger schien schon mit der 2:0-Halbzeitführung des HSV frühzeitig geklärt. In der Schlussphase aber drängten die BSC-Spieler mit Macht auf den Ausgleich, da hatte der HSV dann auch das nötige Glück auf seiner Seite. Aber auch das ist zulässig, und auch das wird auch in Zukunft noch einige Male eine große Rolle dabei spielen, ob der HSV letztlich doch den angepeilten sicheren Mittelfeldplatz wird einnehmen können. Im Moment hat er ich, jetzt ist erst einmal eine Woche ein kräftiges Durchatmen angesagt – bevor es dann gegen den FC Bayern geht. Aber: alles wird gut.

„Gegner wie Hertha BSC oder wie der 1. FC Köln, daran können wir uns messen, gegen die müssen wir gewinnen.“ Hatte Trainer Thorsten Fink nach der 1:5-Klatsche gesagt. Der Mann könnte Hellseher werden. Wobei Hertha BSC ja gar kein Gegner war. Die Berliner waren ja gegenüber dem Hinspiel im Volkspark nicht wiederzuerkennen. So harmlos war in dieser Saison noch keine andere Mannschaft in einem Spiel gegen den HSV. Nun kann ich Markus Babbel viel besser verstehen, warum er dort seinen Koffer packte . . . Diese Hertha muss ganz stark aufpassen, dass sie nicht gleich wieder absteigt, diese Truppe spielte ja wie eine Bubi-Mannschaft. So wie der HSV gegen Dortmund.

Wobei der HSV diesmal – endlich – wieder einmal brannte, so richtig heiß war. Eben gegen einen Gegner, gegen den man gewinnen muss – um es mit Fink zu sagen. Da wurde hinter jedem Ball hergelaufen, ja sogar gesprintet, auch Mladen Petric machte mit und griff schon weit in der Berliner Hälfte den Ballführenden an. Da war schon Biss drin, diese Mannschaft wollte sich rehabilitieren, und das tat sie dann auch in souveräner Manier. Dazu ein dickes Kompliment, das muss erwähnt werden, denn nach dem 1:5 ist dieses Team auch von vielen Seiten auseinandergenommen worden – auch von mir. „Hier regiert der HSV“, skandierten die 5000 mitgereisten Hamburger Fans während des Spiels, auch dazu ein Kompliment, die HSV-Anhänger hatten in Berliner (im Stadion) alles mit ihrer Lautstärke im Griff.

Thorsten Fink hatte, wie angekündigt, umgekrempelt. Endlich David Jarolim gebracht, dazu erstmalig von Beginn an Jacopo Sala. Den kannte ein halbes Jahr lang ja niemand in Hamburg, und ich will mal kurz aus dem Nähkästchen plaudern. In dieser Woche sprach ich mit einem Kollegen von mir, es ging um diesen Sala. Der Kollege gab zu: „Den hatte ich gar nicht auf dem Zettel, der war in meinen Augen nur ein Mitläufer. Im Trainingslager aber, da blühte der richtig auf – der kommt noch, ganz sicher.“ Und ich sagte dazu: „Frank Arnesen hat ohne viel Geld richtig gute Leute geholt – wenn Jacopo Sala keiner gewesen wäre, dann hätte ihn der Sportchef doch gar nicht erst verpflichtet. Nein, nein, Arnesen hat schon ein gutes Auge, auch in Sachen Sala.“

Im Gegensatz zum Dortmund-Spiel, als die rechte Seite mit Dennis Diekmeier und Zhi Gin Lam kein Bein vor das andere brachte, dominierte rechts diesmal in den ersten 45 Minuten wie in einem Heimspiel. Sala und Diekmeier, haben sich da zwei Leute gesucht und gefunden? Auf jeden Fall schön zu sehen, dass Fink nun eine weitere Alternative hat. Die beiden Tore zur 2:0-Halbzeitführung fielen dann auch – natürlich – über rechts. Diekmeier setzte sich gegen Kobiashvili durch, passte zur Mitte, wo Paolo Guerrero zunächst verpasste, aber Marcell Jansen, der hinter dem Peruaner stand, hatte aufgepasst und schoss aus fünf Metern ein – 0:1 (24.).

Auch die Flanke zum zweiten Hamburger Tor kam von Diekmeier. Diesmal verfehlte Jansen in der Mitte, doch Petric schlich sich (in höchstem Tempo!) an den schlafenden Berliner vorbei und köpfte aus fünf Metern ein – in der Nachspielzeit der ersten Halbzeit.

Diesen ersten Durchgang hatte der HSV immer bestimmt. Bei den Berliner durfte der ehemalige Hamburger Tunay Torun zwar von Beginn an ran, aber er bekam kein Bein auf den Boden. Torun war kaum einmal zu sehen, schoss einmal aus der Ferne auf den HSV-Kasten, das war es aber auch schon. Ansonsten war der Türke ein Totalausfall, wurde folgerichtig auch nach diesem schwachen Auftritt zur Pause ausgewechselt. Vom neuen BSC-Trainer Michael Skibbe, der gegen den HSV kaum gewinnen kann (14 Duelle, nur zwei Sieg für Skibbe). Der Trainerwechsel jedenfalls scheint für Berlin ohne jede Wirkung zu verpuffen.

Ich habe im ersten Durchgang oft auf das Sechser-Duo Tomas Rincon/David Jarolim geachtet. Es hieß ja so lange, dass diese beiden Spielertypen nicht gemeinsam auf der Doppel-Sechs spielen könnten. Wieso allerdings? Das bleibt mir schleierhaft. Beide ergänzten sich sehr gut, und sie setzten frühzeitig Zeichen, wirkten giftig und aggressiv. Durch ihre Präsenz im Mittelfeld, und in Sachen Zweikampfführung. Weder Rincon noch Jarolim ließen sich die Butter vom Brot nehmen, sie hielten dagegen, und sie gingen auch selbst kräftig zur Sache. Motto: „Wenn du was willst von mir, dann zeige ich dir mal was . . .“ „Jaro“ war unheimlich viel unterwegs, und er eroberte unheimlich viele Bälle. Das ist seine Stärke, und er hat allen – auch seinen härtesten Kritikern – bewiesen, dass er es immer noch drauf hat. Ich bin mir auch sicher, dass Thorsten Fink das ebenso sieht.

Natürlich kam Berlin in der zweiten Halbzeit mit Macht, wer hätte etwas anderes erwartet? Aber was kam dabei herum – außer einer kleinen Feldüberlegenheit? Klare Chancen gab es nicht für die Hertha – bis zur Schlussoffensive. Die größte Möglichkeit in der 58. Minute, als Lustenberger aus fünf Metern hätte eindrücken können, doch aus dem Hintergrund kam – na wer? Jarolim! Und schlug den Ball aus der Gefahrenzone.

Bitter nur, dass der HSV gegen Ende des Spiels so stark nachließ. Da fiel nicht nur das 1:2, da hätte Lasogga auch noch den Ausgleich markieren können, fast müssen, aber Drobny hielt riesig (84.). Der HSV wackelte bedenklich, aber zum Glück für Hamburg fiel er nicht. Obwohl: Drei, vier Minuten länger, dann wäre vielleicht doch noch etwas (Negatives) passiert, es hing zum Schluss am seidenen Faden.

Zur Einzelkritik:
Jaroslav Drobny zeigte sich jederzeit auf der Höhe, musste nur einmal (bei Toruns Schuss) nachfassen, hielt ansonsten souverän – und super gegen Lasogga (84.). Diekmeier wartete in Berlin vielleicht mit seiner besten Partie für den HSV auf – endlich einmal, möchte ich hinzufügen. Er kann es doch, er hat ein so großes Talent, jetzt hatte er offensichtlich auch mal den Mut, seine Flankenläufe durchzuziehen. Jeffrey Bruma war wie immer: Eigentlich ganz okay, aber eben keine 100 Prozent. Ich habe mitgezählt: Von zehn Rückpässen in Halbzeit eins auf Drobny kamen fünf von Bruma. Und beim 1:2 von Lasogga stand der Niederländer schlecht, sodass er im Luftduell folgerichtig den Kürzeren ziehen musste. Wäre Bruma eng am Mann gewesen, wäre das nicht passiert.

Heiko Westermann kämpfte vorbildlich wie immer, stand in fast allen Szenen richtig – eine engagierte und sehr gute Partie vom Kapitän. Gut auch Dennis Aogo auf der linken Seite, der in der Defensive besser postiert war (als zuletzt gegen Dortmund), und der auch nach vorne viele Szenen hatte.

Die Doppel-Sechser sind bereits erwähnt, obwohl ich noch ergänzen möchte, dass beide, Rincon wie Jarolim, gegen Ende der Partie Schwierigkeiten hatten, Ordnung in die Defensive und in das Spiel zu bringen. Da hatten beide doch ihre Köpfe oftmals sehr wiet unten – was die gute Gesamtnote des Duos aber nicht schmälern soll – das war für beide eine satte Zwei.

Rechts gefiel mir Sala recht gut, auch wenn er natürlich noch zulegen kann – und auch wird. Aber für den Anfang war das absolut okay. Links tauchte mir Jansen einige Male zu oft und zu lange ab, aber er war beim 0:1 zur Stelle, und er schlug auch einige (nicht viele, aber immerhin) gute Flanken zur Mitte. Auf jeden Fall auch von ihm eine klare Leistungssteigerung gegenüber Dortmund.

Mladen Petric lief viel (so lange er Kraft hatte), zeigte sich auch im Zusammenspiel mit Guerrero willig – das war eine solide Vorstellung des Kroaten, der im zweiten Durchgang aber immer weniger zu sehen war. Guerrero gefällt mir seit vielen Spielen immer bestens, so auch diesmal. Er hat es da vorne ja nicht leicht, aber wie er sich einsetzt, wie er dagegen hält, wie er um seine Chancen kämpft – das hat Klasse. Wie schön, dass der HSV ihn hat.

Drei Auswechslungen gab es beim HSV:
Kacar für Petric (85.), Son für Sala (90.) und Rajkovic für Jansen (90.).

17.42 Uhr

Wiedergutmachung in Berlin mit Salas Premiere?

27. Januar 2012

Der Rasen sah echt übel aus. Die kurzen Sprints hatten mit nahezu jedem Fußaufkommen ein kleines Loch ins matte, verblasste „Grün“ gerissen, und diese schwarzen Löcher verteilten sich mit zunehmender Zeit über das gesamte Spielfeld in der Imtech-Arena. Ergebnis: Der Rasenchef sollte sich übers Wochenende nichts vornehmen. Denn so kann der HSV nicht in acht Tagen gegen den FC Bayern antreten. Zumindest nicht, ohne den Ärger der Gäste heraufbeschwören zu wollen. Deshalb beschloss die Klubführung jetzt auch, den Rasen unmittelbar vor dem Spiel gegen den deutschen Rekordmeister auszutauschen.

Wobei: warum eigentlich?

Sollen die Bayern doch meckern. Zumal es sicher auch schon schlechetere Unterböden gegeben hat und der HSV so vielleicht einen kleinen Vorteil hätte. „Ich hatte erst gehört, dass der Rasen nach dem Spiel ausgetauscht wird. Das war okay. Und ich frage mich, warum wir ihn jetzt doch unmittelbar vor dem Spiel austauschen“, sagt Dennis Aogo und fügt hinzu: „Ich liebe frischen Rasen. Aber nicht direkt vor dem Bayern-Spiel.“ Womit der Linksverteidiger darauf anspricht, dass dem technisch orientierten Passspiel der Münchener ein tadelloser Unterboden zugute käme. „Es wäre für sie sicher kein Nachteil“, umschreibt Aogo.

Allerdings, und darauf lenkte Aogo sofort das Thema, zuvor geht es nach Berlin. Am morgigen Sonnabend soll es Wiedergutmachung für den verpatzten Rückrundenauftakt geben. „Wir werden anders auftreten als gegen Dortmund“, spricht Aogo eine Selbstverständlichkeit aus, und wird genauer: „Wir werden nicht noch mal so ängstlich auftreten wie zu Beginn gegen Dortmund. Gegen den BVB – und ich weiß wie doof das nach einem 1:5 klingt – hätten wir wesentlich mehr herausholen können, wenn wir nicht im Kollektiv so ängstlich gespielt hätten. Die Niederlage lag ja nicht allein an den super Dortmundern.“ Sondern? „An uns. Aber wir haben das Spiel intern analysiert. Wir haben zwei, drei Tage daran zu knabbern gehabt – aber von da an nur noch auf Hertha geschaut. Und das behalte ich auch so bei.“

Volle Kraft voraus. Und das mit neuem Personal. Zumindest mit drei Neuen. David Jarolim rückt für Gojko Kacar ins Team. Was besonders bitter für den Serben sein dürfte, immerhin geht es gegen seinen letzten Klub. „Gojko ist schlecht drauf nach solchen Spielen wie gegen Dortmund“, sagt Milan Kacar, der Berater, Onkel und beste Freund von Gojko, „aber nur so lange, bis es weitergeht. Er denkt viel über sich und seine Fehler nach, um sie zu verbessern. Gegen Berlin ist er mit Sicherheit noch heißer als sonst.“ Allerdings wird er sich gedulden müssen, zunächst wohl nur auf der Bank Platz nehmen.

Ein herber Rückschlag für den introvertierten Serben, dem man immer wieder nachsagt, er sei nie 100 Prozent fit. Auch, weil er verletzungsanfällig sei und immer wieder Vorbereitungen verpassen würde. Milan Kacar setzt sich für seinen Neffen ein: „Er ist grundsätzlich gut drauf. Er hat sich zwar über die fehlende Vorbereitung geärgert. Und das mit der Vorbereitung ist schon eine Seuche. Entweder er verletzt sich im jeweils letzten Spiel vor den Sommer- und Winterpausen oder er hat Turniere wie damals die Olympischen Spiele, die U-21-EM oder die WM. Hier in Hamburg aber geht’s ihm gut. Er fühlt sich fit. Der Vorwurf ist Quatsch, er ist nicht unaustrainiert. Das ist ein Märchen, das sich nur erzählt wird.“

Dennoch reicht es nicht für Berlin. Dort wird er von David Jarolim ersetzt, während Mladen Petric im Angriff wieder neben (oder leicht versetzt hinter) Paolo Guerrero auflaufen wird. Und während es in der Defensive keine Überraschung geben dürfte, nachdem Jeffrey Bruma wieder voll mittrainieren konnte, galt es als ziemlich sicher, dass Ivo Ilicevic nach seinen ausgestandenen Wadenproblemen („Ich hatte eine hartnäckige Verhärtung“) die Position auf der rechten Außenbahn von Zhi Gin Lam übernehmen würde. „Ich bin bereit“, sagte uns der Kroate heute noch vor dem Abschlusstraining, „ich fühle mich gut. Ich habe dann zwar erst drei Einheiten wieder voll mitmachen können, aber ich bin bereit.“ Auch als Joker? „Ich weiß nicht, was der Trainer plant, ob ich von beginn an spiele oder reinkomme. Aber ich fühle mich gut und will helfen.“

Das könnte der Kroate ganz sicher, sollte er seine heutige Trainingsleistung wiederholen. Beim Abschlussspiel wirbelte, kämpfte und grätschte (!) der quirlige Offensivmann und war der mit Absatnd auffälligste Akteur. „Wir müssen in Berlin fighten, es wird ein echtes Kampfspiel“, prophezeit Ilicevic und scheint gewappnet. Auch wenn er selbst lieber über technische Finessen zum Erfolg kommt, kämpfen kann er offensichtlich auch.

Allerdings bin ich mir ziemlich sicher, dass der erhöhte Einsatzwille Ilicevics heute einen anderen Grund hatte. Denn anstatt wie von allen erwartet in der A-Elf zu spielen, musste er in der B-Elf ran. Denn Trainer Thorsten Fink hatte für die rechte Mittelfeldposition Überraschendes parat. Genauer gesagt, einen Italiener, der vor der Wintervorbereitung als Verleihspieler quasi feststand: Jacopo Sala. Mit Mütze und dick eingepackt versuchte der schmächtige Rechtsfuß, die rechte Seite der A-Elf mit Leben zu füllen. Es gelang ihm auch – allerdings lange nicht so eindrucksvoll wie seinem größten Konkurrenten im Kampf um die Startelf bei Hertha. Und sollte Fink, da lege ich mich fest, wirklich nach den letzten Eindrücken gehen, dürfte es keine zwei Meinungen geben: dann muss Ilicevic beginnen.

Aber okay, wer weiß, wie Sala auftreten würde? Im Trainingslager in Marbella wusste Sala so zu gefallen, dass sich Fink und Sportchef Frank Arnesen schnell einig waren, den Italiener nicht zu verleihen. „Er hat mich überzeugt“, sagte Fink. Allerdings weiß der Coach auch noch nicht, was er von seinem Sommerzugang in der Bundesliga erwarten kann. Das wiederum ist einer der großen Vorteile, die Sala gegenüber seinen Konkurrenten hat, die bislang mehr oder weniger gut aufgetreten sind: Er hat noch nicht enttäuscht.

In diesem Sinne, Trainingsleistungen als Maßstab zu nehmen, verbieten sich beim HSV 2011/2012 eigentlich. Dennoch habe ich die Hoffnung, dass die Mannschaft die Aggressivität aus der heutigen Abschlusseinheit (selbst Rincon musste nach mehreren harten Zweikämpfen mit Schmerzen kurz pausieren) bis ins Berliner Olympiastadion rüberrettet. Sollte das gelingen, dürften wir morgen endlich wieder Spaß beim Zugucken haben.

Auf die drei Punkte in Berlin, ob mit Sala oder Ilicevic – egal wie! Und wie sagte Aogo heute? „Das Dortmund-Spiel haben wir analysiert – und die Art und Weise war nicht okay. Das wissen wir. Deshalb wird in Berlin alles anders.“

Ich bitte drum. Und ich glaube: Wir alle bitten darum.

Bis morgen,
Scholle (18.15 Uhr)

So könnte der HSV spielen: Drobny – Diekmeier, Westermann, Bruma, Aogo – Sala (Ilicevic), Jarolim, Rincon, Jansen – Petric, Guerrero.
P.S.: Slobodan Rajkovic ist der letzte Zugang, der sein Einstandslied noch nicht gesungen hat. „Er wird seine Strafe bekommen“, sagte Aogo, der auch bei Ilicevic die Parkkralle besorgt hatte. Aogo: „Dass es noch nicht so weit war lag allein daran, dass es nach dem Dortmund-Spiel wichtigere Dinge gab.“

Nicht rumheulen, einfach gewinnen. Egal wie…

26. Januar 2012

Wie fast immer in schwierigen Phasen, ist der Fußballprofi an sich gut beraten, sich an seine Stärken zu erinnern. „Deshalb verplempere ich auch keine Zeit damit, lange zurückzublicken“, sagt Mladen Petric, angesprochen auf das 1:5-Debakel vom vergangenen Wochenende gegen Dortmund. Vielmehr will der Kroate nur noch nach vorn blicken, auf das Spiel bei Hertha BSC am Sonnabend. Abstiegskampf? Auch bei dem Wort mag Petric nicht direkt antworten. Im Gegenteil, er lehnt das Wort ab. Noch. „Ich mag noch nicht über Abstiegskamp sprechen“, so der Torjäger, „aber wir können uns darauf einigen, dass es in Berlin ein Kellerduell ist“ Auch das Folgeprogramm mit Bayern, Köln und Werder bereitet Petric keine größeren Sorgen. „Uns ist nicht Angst und Bange. In Berlin haben wir eine gute Chance. Und danach gegen Bayern? Das wird sehr schwer, klar. Aber ich bin mir sicher, dass wir uns nicht zweimal in so kurzer Zeit einen solchen Ausrutscher erlauben.“


Kurioserweise soll dabei sogar der 12:0-Sieg gegen den Oberligisten Rugenbergen helfen. „Wir waren alle froh, dass wir im Stadion und nicht auswärts gespielt haben. Und es hat uns gut getan, wir konnten einige Dinge ausprobieren. Das Spiel war zumindest hilfreich.“ Hilfreich, um die Auftaktniederlage vergessen zu machen. Zumal das spätestens jetzt auch Zeit wird. Ich habe die Jungs immer wieder beobachtet. Sie waren zwei, drei Tage niedergeschlagen“, sagt Trainer Thorsten Fink, „aber die Mannschaft hat das gut verdaut. Ich habe nicht das Gefühl, dass die Mannschaft ihr Selbstvertrauen verloren hat.“ Trotz der für Fink primären Erkenntnis aus dem BVB-Spiel, „dass wir die Messlatte nicht zu hoch hängen dürfen. Es ist sicher alles andere als optimal, gleich zum Auftakt so zu verlieren, aber ich bin jetzt auch schon ein paar Jahre dabei, war vorher auch selbst lange Spieler. Und hier ist keiner verunsichert. Alle waren niedergeschlagen – und haben jetzt den nötigen Willen für Berlin.“

Zudem haben sie die körperlichen Voraussetzungen. Diekmeier hat seine Grippe auskuriert, Petric („Es war nur eine Prellung auf einer Stelle, wo ich vorher einen Faserriss hatte, deshalb die zwei tage Pause“) hat seine Wadenprobleme ebenso ausgestanden wie sein kroatischer Landsmann Ivo Ilicevic, der heute im Mannschaftstraining in der Imtech-Arena einen sehr guten Eindruck hinterließ. Dennoch lässt Fink offen, ober in Berlin auf beide „kroatischen Waden“ setzen will: „Er hat dann auch nur heute und morgen trainiert, vielleicht ist das zu wenig.“ Dennoch deutet vieles darauf hin, dass Fink seinen letzten Zugang bei der Hertha von Beginn an bringt, dafür Zhi Gin Lam zunächst auf die Bank setzt.

Die kroatische Hoffnung – Petric und Ilicevic wieder dabei. Und es geht nach Berlin. An den Ort, an dem der HSV das letzte Mal eine Spitzenposition inne hatte. Jetzt ist es allerdings ein Duell vom 14. (HSV) beim 13. der Bundesligatabelle. Und beide Teams stehen unter Druck. So sieht es zumindest Fink: „Der Samstag wird zeigen, welches Team damit besser umgehen kann.“ Immerhin müsse die Hertha anschließend auswärts antreten, während der HSV zu Hause das Schwergewicht FC Bayern empfängt. Fink weiter: „Beide spielen gegen den Abstieg. Das wird für beide sehr schwer, das baut Druck auf.“ Dass er dennoch optimistisch ist, liegt daran, dass seine Mannschaft die Niederlage gut verdaut habe. Und, das fügt der HSV-Trainer hinzu: „Hertha ist eine Mannschaft, mit der wir mithalten können“.

So ist es. So sieht es derzeit aus. Kein „wir müssen gewinnen“ und keine Träumerei von internationalen Startplätzen – die Ansprüche reduzieren sich, Klassenerhalt ist das primäre Ziel. Es gilt, erst einmal die Basis herzustellen. Eben so, wie es der Fußballer auf dem Platz auch machen sollte. Sicherheit wiedergewinnen über Kampf und Leidenschaft. „Wenn das stimmt, sind wir einen großen Schritt weiter“, sagt Tomas Rincon, dessen Partner im zentralen Mittelfeld höchstwahrscheinlich David Jarolim (Fink: „Jaro hat gute Chancen zu spielen“) sein wird.

Fraglich ist der Einsatz von Jeffrey Bruma. Mit klarer Tendenz zum Positiven: „Jeff hatte leichte Adduktorenprobleme“, so Fink, „bei ihm werden wir am Freitag genau hinschauen.“ Allerdings schien es, als sei Brumas heutige Pause eher eine Vorsichtsmaßnahme denn Notwendigkeit. Ebenso wie bei Slobodan Rajkovic, der abseits des Mannschaftstrainings mit Markus Günther Balltraining absolvierte, ohne dabei irgendwelche Bewegungen vermeiden zu müssen. Zudem legte sich Fink heute überraschend genau fest, wann Marcus Berg nach seinem Schlüsselbeinbruch wieder mit der Mannschaft trainieren werde: „Am 4. Februar soll er wieder einsteigen.“

Ein wenig genervt wirkte Fink, als er auf Rene Adler angesprochen wurde, der angeblich schon (das entspricht nicht unseren Informationen) unterschrieben haben soll. Er dementierte einen solchen Vorgang sogar indirekt, indem er sagte: „Ich beschäftige mich mit der Torwartfrage nicht, unser ist gut. Wir sind zufrieden und haben da im Moment keinen Handlungsbedarf.“ Wobei der Zusatz „im Moment“ natürlich das offen lässt, was in Hamburg seit Monaten bekannt ist: Adler soll kommen. Denn auch wenn es aktuell nichts wirklich Neues gibt, ist bekannt, dass sich der HSV um die Dienste des Bayer-Keepers bemüht hat. Bedenklich stimmt mich dabei, dass der sich bereits seit Juli 2011 im Reha-Training befindet und bemüht ist, Patellasehnenprobleme auszukurieren. Und das ist nur eine von erstaunlich vielen Verletzungspausen des gerade erst 27-Jährigen.

Schon deshalb – trotz des überdurchschnittlichen und für mich völlig unumstrittenen Talentes von Adler – halte ich eine solche Diskussion für momentan absolut unnötig. Drobny hält gut, er ist momentan trotz der schwächeren Abschläge gegen Dortmund noch immer einer der konstanten Spieler. Warum also das Risiko eingehen, ihn zu verunsichern? „Es ist immer ein ganz schmaler Grat, wenn man während der Saison neue Spieler verpflichten will“, hatte uns (meinem geschätzten Kollegen Kai Schiller und mir) Sportchef Frank Arnesen im Trainingslager erzählt, „auf der einen Seite will man seine vorhandenen Spieler stützen, weil man sie ja braucht. Auf der anderen Seite muss man natürlich zusehen, sich auf etwaigen Schwachstellen oder eben bei besonderen Angeboten auch mit Veränderungen zu beschäftigen“.

Vorausgegangen war die Frage, ob Arnesen, der sich selbst Ehrlichkeit als eine seiner wichtigsten Tugenden anheftet, doch auch mal eine Lüge aus taktischen Gründen für angebracht hielte. Was zum Beispiel, und das haben wir damals wirklich genau so gefragt, wenn Drobny als momentaner Garant für Sicherheit im Tor bei Arnesen nachfragt, was an dem Gerücht um Adler dran sei? Würde Arnesen lügen, um Drobny nicht zu verunsichern? Oder würde er die Wahrheit sagen? „Ich müsste das machen, was für den Verein am besten ist. Und das ist der Erfolg im nächsten Spiel.“ Allerdings würde er auch nicht ausschließen, mit Spielern sehr ehrlich zu reden und ihnen zu sagen, dass man sich auf deren Position umschaue. Und das „gerade dann, wenn es um die Zukunft des jeweiligen Spielers geht. Auch der Spieler braucht die faire Chance, sich zu orientieren. Wie am Beispiel David Jarolim zu erkennen“, so Arnesen, „Jaro ist ein Musterprofi und eine ganz wichtige Person für den Verein. Trotzdem haben der Trainer und ich schonungslos offen und ehrlich mit ihm gesprochen. Weil der Respekt es verlangt.“

Allerdings auch, weil ein sportlicher Ausfall Jarolims personell leichter aufzufangen wäre als ein Ausfall von Drobny.

Aber okay, warum heulen? Dafür ist es letztlich auch Profifußball, indem die meisten Bundesligaspieler auch entsprechend gut honoriert werden. Und wenn Drobny eh kein Problem damit hat – so what? Gerade der schweigende Tscheche dürfte sich vor der Rückkehr zu seinem Ex-Klub andere Gedanken machen…

Deshalb machen wir es ihm am besten gleich, lasst uns nur darüber nachdenken, wie wir in Berlin gewinnen. Das müssen wir, egal wie. Und egal mit wem. Denn eines dürfte Drobny ebenso wie einem Jarolim, einem Mladen Petric oder einem Heung Min Son klar sein: Sie alle sind ersetzbar – der Verein aber bleibt. Die Spieler sind bei Barcelona wie bei jedem anderen Fußballklub auf dieser Welt, der seine Spieler fürs Fußballspielen entlohnt, dem Verein untergeordnet. Und das heißt für unsere HSV-Profis, dass sie jetzt mehr denn je in der Pflicht sind, sich sportlich topmotiviert zu präsentieren. Ob über sie diskutiert wird oder nicht.

Bis morgen,

Scholle

« Vorherige Einträge - Nächste Einträge »