Tagesarchiv für den 30. Januar 2012

Standards machen den Unterschied in der Liga

30. Januar 2012

„Der nächste Gegner ist immer der schwerste.“ Hat einst der legendäre Bundes-Sepp gesagt, der Herr Herberger. Als hätte er an das nächste Spiel des HSV gedacht, und damit an den Klub, der einmal mehr seine Visitenkarten im Volkspark abgeben wird: Bayern München. Wobei man streiten könnte, ob nun Borussia Dortmund, der FC Schalke 04 oder Borussia Mönchengladbach (fast hätte ich jetzt auch noch Rot-Weiß Oberhausen mit Mario Basler geschrieben – weiß gar nicht wieso?) nicht doch noch ein wenig stärker als die Münchner wären. Für mich jedoch sind die Bayern immer noch bärenstark – und weiterhin auch mein Meisterschafts-Favorit Nummer eins. Aber man hat ja schon Pferde vor der Apotheke . . .

Im Fußball ist ja alles möglich, obwohl HSV-Trainer Thorsten Fink (und auch so manch anderer Experte) ja kürzlich mehrfach betont hatte, dass sich der HSV mit Hertha BSC und Köln messen könne, aber nicht mit solchen Kalibern wie Bayern und Dortmund und Co. An diesem nun zurückliegenden Wochenende aber hat ein Klub in Spanien schon bewiesen, dass man die Flinte nie zu früh ins Korn werfen sollte. Der arg abgerutschte FC Villarreal ertrotzte von der Über-Mannschaft des FC Barcelona ein nie erwartetes 0:0 – das so manchen Tipper entsetzt haben dürfte. Aber was beweist dieses 0:0 wieder einmal? Im Fußball ist tatsächlich alles möglich. Und so doll war das 2:0 der Bayern gegen den VfL Wolfsburg ja nun auch wieder nicht.

Wobei ich, warum auch immer, beim HSV bin. Sicher war die Leistung beim 2:1 in Berlin nicht überragend, aber sie war immerhin so gut, dass es mal wieder einen Sieg gab – nach den beiden 2:1-Erfolgen in Freiburg und Stuttgart der dritte Dreier in der Fremde. Was mich immer noch beschäftigt: Standards. Wie gefährlich die des Gegners sind, wie ungefährlich die des HSV dagegen. Das begann in diesem Jahr ja auch schon beim Dortmund-Spiel: Jeder Eckstoß, jeder Freistoß des Meisters brachte Gefahr vor dem HSV-Tor. Und zwar nicht nur Gefahr, es wurde stets brandgefährlich. Die Fragen, die sich daraus ergeben: Hat der HSV kaum noch gute Kopfballspieler, die sich im eigenen Strafraum auch durchsetzen können? Sind die HSV-Spieler im Schnitt zu klein – und die gegnerischen Angreifer zu groß? Und hat der HSV zu wenige Spieler, die einen Freistoß mit dem nötigen Ballgefühl vor das gegnerische Tor schlagen können?

„Scholle“ sagt mir gerade, dass Dennis Aogo, Mladen Petric und Heung Min Son fast nach jedem Training noch Freistöße üben. Die direkten. Das ist ja auch gut so. Wo aber sollen die als Vorlagen gedachten Freistöße hin? Ganz sicher nicht, wie zuletzt in Berlin vielfach gesehen, auf den ersten gegnerischen Abwehrspieler. Und deswegen muss daran verstärkt gearbeitet werden. Und was machen die zu kleinen Spieler beim HSV? Langt ein Heiko Westermann als starker Kopfballspieler nicht aus? Fest steht, und darüber sprachen wir vor dem Spiel in Berlin schon in der Redaktion: Mit David Jarolim, der neu in die Mannschaft kam, und Tomas Rincon gibt es schon mal zwei kleinere „Sechser“. Robert Tesche ist größer, galt unter Trainer Michael Oenning auch als kleines „Kopfballungeheuer“. Das aber nie in Erscheinung trat. Weder vorne noch hinten. Und ich erinnere mich an eine Szene aus dem Dortmund-Spiel, in dem es bei einem Eckstoß für den HSV folgende Szene gab: Absicherer nach hinten waren Rincon und – der kopfballstarke Tesche. Den ich natürlich im BVB-Strafraum erwartet hatte.

Zurück zu den Spielern mit Gefühl. Dennis Aogo ist offenbar ein solcher. Von seinem Freistoßtor in Trier werden sie beim HSV noch in Jahrzehnten sprechen . . . Und in Berlin fiel mir auf, dass Aogo auch einen Eckstoß von der rechten Seite (!) vor das Hertha-Tor beförderte. Da dachte ich schon an den FC Bayern. Wieso? Da schießt – nicht selten – auch der Innenverteidiger Holger Badstuber als Linksfuß den Eckball von rechts. Obwohl er Nationalspieler in der Mitte des Strafraums auch dazu geeignet wäre, den Ball einzuköpfen. Da Badstuber auch schon bei FCB-Trainer van Gaal Eckstöße von rechts zur Mitte brachte, müssen sich die Herren Trainer ja wohl etwas bei diesen Varianten denken. Also auch Thorsten Fink mit Dennis Aogo.

Nun müssten nur noch jene Freistöße „generalstabsmäßig“ geplant und geübt werden, die als Flanken vor das Tor des Gegners segeln sollen. Aber das ist offenbar viel, viel schwerer, als es aussieht. Die meisten Standards des HSV verhungern unterwegs. Oder sie werden als „Rohrkrepierer“ Vorlagen zu Kontern des Gegners – wie in Berlin.

Wieso kann das heute kaum noch ein Spieler? Wieso gibt es kaum noch gefährliche Freistoßschützen – wobei nicht die direkten Freistöße gemeint sind. Einer, der einst unheimlich viel Gefühl im Fuß hatte, war HSV-Flügelflitzer Gert „Charly“ Dörfel. Jede Flanke eine „Brandbombe“ – mit Garantie. Und „Charly“ weiß, wovon er spricht, wenn er über das Flanken an sich redet. Ich erinnere mich an das Jahr 2005. Da gab es im Vorfeld der WM in Deutschland (2006) eine Sendereihe von „HH1“, in der auch Dörfel und ich einmal zu Wort kamen. Beim Betreten des Schminkraumes sagte Dörfel in die Runde: „Bitte nicht böse sein, aber ich muss nachher, während der Sendung, das Wort Darmspiegelung nennen. Dann gewinne ich nämlich eine Wette.“

Tags zuvor hatte Deutschland in Hamburg gegen China gewonnen, mit 1:0 wurden die Chinesen geradezu aus dem Volkspark gefegt. Und „Charly“ ließ sich dann auch zu der Aussage hinreißen: „Wenn ich sehe, wie unsere Nationalspieler von heute flanken können, wie sie es vielmehr nicht können, dann wird mir übel. Das bekomme ich heute als halbkranker Mann noch besser hin, selbst wenn ich kurz vor einem Spiel noch eine Darmspiegelung gehabt hätte . . .“

Zurück zur Sachlichkeit.
Ich sprach heute auch noch mit einem anderen „Flankengott“. Dem „Flankengott“ überhaupt: Manfred „Manni“ Kaltz. Wir erinnern uns: jede Flanke ein Tor. Flanke Kaltz, Kopfball Hrubesch – Tor für den HSV. Oder für Deutschland. „Manni“ lobte zunächst einmal Dennis Diekmeier: „Das war sehr gut, was er in Berlin gemacht hat. Und jetzt dürfte er wissen, wie es geht. Er muss versuchen, zehn Mal pro Spiel zu flanken, dann gibt es auch zwei bis drei Tore.“ Gegen Hertha klappte das – aber auch gegen die Bayern? Kaltz: „Er muss auch öfter mal ohne Ball nach vorne kommen, und dann müssen ihn seine Mitspieler auch bedienen, den Ball in den Lauf legen – und er flankt. Das kann auch gegen den FC Bayern klappen, warum denn nicht?“

Manfred Kaltz hat es schon in frühester Jugend immer wieder geübt. Flanke um Flanke. Und natürlich auch als Profi: „Ich habe es immer geübt, und dann hat es sich gut entwickelt. Irgendwann hatte ich es dann drauf, später war es perfekt – und mein Markenzeichen.“ Und trotz allem habe ich es bis zuletzt immer wieder trainiert. Man arbeitet an seinen Stärken, und man arbeitet daran, die Schwächen abzustellen. Alles ganz normal.“ Kaltz hat auch Standards beim HSV getreten. Mit viiiiiiiieeeeeelll Gefühl. Er sagt: „Wir haben das variiert. Mal kurz auf den ersten Pfosten, wo der Ball dann verlängert wurde, mal mittel und mal lang. Die Stürmer wussten genau, wie die Bälle kommen.“

Heute aber habe ich das Gefühl, dass die Profis schon deshalb froh sind, wenn der Ball halbwegs sauber zur Mitte kommt. Von kurz, mittel oder lang ist da nichts zu erkennen. Manfred Kaltz aber sagt unbeirrt: „Man kann es trainieren.“

Bei der Gelegenheit: Hat der HSV am Sonnabend eine Chance, gegen den FC Bayern auch nur ein Pünktchen zu holen? Manfred Kaltz: „Außer Dortmund und Mönchengladbach spielt doch kaum eine Mannschaft in der Bundesliga so richtig konstant gut. Ich halte beide Klubs für besser als die Bayern, die spielen mir zu statisch. Von Gladbach bin ich im Moment richtig begeistert. Die spielen perfekt nach vorne – und zwar gehen da die Pässe zu 80 Prozent nach vorne. Sensationell gut ist das. Aber natürlich wird es am Sonnabend ganz schwer für den HSV, denn München spielt um den Titel, darf sich eigentlich keinen Ausrutscher mehr erlauben – aber ausgeschlossen ist nichts.“

Der Sieg von Berlin dürfte das Selbstvertrauen der HSV-Cracks gesteigert haben. Und auch die Fans dürften aufgeatmet haben. Uwe Seeler zum Beispiel ging es so. Der Ehrenspielführer sagte zum Dreier gegen die Hertha („uns Uwe“ ist BSC-Ehrenmitglied): „Diese drei Punkte sind Gold für uns wert, dieser Sieg war lebensnotwendig. Aber wir haben zum Schluss ja auch alle kräftig zittern dürfen. Ich war froh, als abgepfiffen worden war.“ Das Mittelstürmer-Idol sagt aber auch: „Erreicht ist noch nichts, denn nun kommen mit Bayern München und Werder ja noch weitere Brocken, und die anderen Gegner wie Köln und Stuttgart sind ja auch nicht so einfach . . .“

Die Frage zu den Standards des HSV musste ich natürlich auch noch stellen. Uwe Seeler: „Da haben wir noch Probleme, das ist offensichtlich – und das macht dann auch den Unterschied in der Liga aus.“ Wie haben Sie das früher gemacht, Herr Seeler, viel geübt? Er sagt: „Das darf man nicht mehr vergleichen, der Fußball von heute ist ein ganz anderer geworden.“ Das ehrt ihn, dass er so etwas sagt. Geflankt wurde damals aber auch schon, und das sah oftmals sehr, sehr gut aus. Wie gekonnt auf jeden Fall.

Und, Herr Seeler, was macht Ihr HSV gegen die Bayern?
Seeler: „Thorsten Fink kennt den FC Bayern ja ganz genau, er weiß genau, wo sie gefährlich sind, wo sie vielleicht anfällig wären – und er weiß, dass seine Mannschaft geschlossen dagegen halten muss, dass auch jeder Spieler 100 Prozent bringen muss.“

Ein Erfolg, auch wenn es nur ein Teilerfolg wäre (ein Unentschieden), würde noch zusätzlich für einen Aufschwung und für noch mehr Ruhe im Verein sorgen. Uwe Seeler hat die neue Ruhe im HSV, die bei der Jahreshauptversammlung öffentlich wurde, mit Wohlwollen zur Kenntnis genommen: „Wir brauchten Ruhe, denn alles andere kann der Verein nicht mehr gebrauchen. Alle sollten sich in dieser Situation auf das Wesentliche konzentrieren, damit wir wieder Anschluss nach oben gewinnen. Das wird schwer genug, das allein aber zählt jetzt, nichts anderes.“

Morgen, Dienstag, wird im Volkspark um 10 und um 15 Uhr trainiert. Vielleicht ja auch Standards.

18.01 Uhr