Tagesarchiv für den 27. Januar 2012

Wiedergutmachung in Berlin mit Salas Premiere?

27. Januar 2012

Der Rasen sah echt übel aus. Die kurzen Sprints hatten mit nahezu jedem Fußaufkommen ein kleines Loch ins matte, verblasste „Grün“ gerissen, und diese schwarzen Löcher verteilten sich mit zunehmender Zeit über das gesamte Spielfeld in der Imtech-Arena. Ergebnis: Der Rasenchef sollte sich übers Wochenende nichts vornehmen. Denn so kann der HSV nicht in acht Tagen gegen den FC Bayern antreten. Zumindest nicht, ohne den Ärger der Gäste heraufbeschwören zu wollen. Deshalb beschloss die Klubführung jetzt auch, den Rasen unmittelbar vor dem Spiel gegen den deutschen Rekordmeister auszutauschen.

Wobei: warum eigentlich?

Sollen die Bayern doch meckern. Zumal es sicher auch schon schlechetere Unterböden gegeben hat und der HSV so vielleicht einen kleinen Vorteil hätte. „Ich hatte erst gehört, dass der Rasen nach dem Spiel ausgetauscht wird. Das war okay. Und ich frage mich, warum wir ihn jetzt doch unmittelbar vor dem Spiel austauschen“, sagt Dennis Aogo und fügt hinzu: „Ich liebe frischen Rasen. Aber nicht direkt vor dem Bayern-Spiel.“ Womit der Linksverteidiger darauf anspricht, dass dem technisch orientierten Passspiel der Münchener ein tadelloser Unterboden zugute käme. „Es wäre für sie sicher kein Nachteil“, umschreibt Aogo.

Allerdings, und darauf lenkte Aogo sofort das Thema, zuvor geht es nach Berlin. Am morgigen Sonnabend soll es Wiedergutmachung für den verpatzten Rückrundenauftakt geben. „Wir werden anders auftreten als gegen Dortmund“, spricht Aogo eine Selbstverständlichkeit aus, und wird genauer: „Wir werden nicht noch mal so ängstlich auftreten wie zu Beginn gegen Dortmund. Gegen den BVB – und ich weiß wie doof das nach einem 1:5 klingt – hätten wir wesentlich mehr herausholen können, wenn wir nicht im Kollektiv so ängstlich gespielt hätten. Die Niederlage lag ja nicht allein an den super Dortmundern.“ Sondern? „An uns. Aber wir haben das Spiel intern analysiert. Wir haben zwei, drei Tage daran zu knabbern gehabt – aber von da an nur noch auf Hertha geschaut. Und das behalte ich auch so bei.“

Volle Kraft voraus. Und das mit neuem Personal. Zumindest mit drei Neuen. David Jarolim rückt für Gojko Kacar ins Team. Was besonders bitter für den Serben sein dürfte, immerhin geht es gegen seinen letzten Klub. „Gojko ist schlecht drauf nach solchen Spielen wie gegen Dortmund“, sagt Milan Kacar, der Berater, Onkel und beste Freund von Gojko, „aber nur so lange, bis es weitergeht. Er denkt viel über sich und seine Fehler nach, um sie zu verbessern. Gegen Berlin ist er mit Sicherheit noch heißer als sonst.“ Allerdings wird er sich gedulden müssen, zunächst wohl nur auf der Bank Platz nehmen.

Ein herber Rückschlag für den introvertierten Serben, dem man immer wieder nachsagt, er sei nie 100 Prozent fit. Auch, weil er verletzungsanfällig sei und immer wieder Vorbereitungen verpassen würde. Milan Kacar setzt sich für seinen Neffen ein: „Er ist grundsätzlich gut drauf. Er hat sich zwar über die fehlende Vorbereitung geärgert. Und das mit der Vorbereitung ist schon eine Seuche. Entweder er verletzt sich im jeweils letzten Spiel vor den Sommer- und Winterpausen oder er hat Turniere wie damals die Olympischen Spiele, die U-21-EM oder die WM. Hier in Hamburg aber geht’s ihm gut. Er fühlt sich fit. Der Vorwurf ist Quatsch, er ist nicht unaustrainiert. Das ist ein Märchen, das sich nur erzählt wird.“

Dennoch reicht es nicht für Berlin. Dort wird er von David Jarolim ersetzt, während Mladen Petric im Angriff wieder neben (oder leicht versetzt hinter) Paolo Guerrero auflaufen wird. Und während es in der Defensive keine Überraschung geben dürfte, nachdem Jeffrey Bruma wieder voll mittrainieren konnte, galt es als ziemlich sicher, dass Ivo Ilicevic nach seinen ausgestandenen Wadenproblemen („Ich hatte eine hartnäckige Verhärtung“) die Position auf der rechten Außenbahn von Zhi Gin Lam übernehmen würde. „Ich bin bereit“, sagte uns der Kroate heute noch vor dem Abschlusstraining, „ich fühle mich gut. Ich habe dann zwar erst drei Einheiten wieder voll mitmachen können, aber ich bin bereit.“ Auch als Joker? „Ich weiß nicht, was der Trainer plant, ob ich von beginn an spiele oder reinkomme. Aber ich fühle mich gut und will helfen.“

Das könnte der Kroate ganz sicher, sollte er seine heutige Trainingsleistung wiederholen. Beim Abschlussspiel wirbelte, kämpfte und grätschte (!) der quirlige Offensivmann und war der mit Absatnd auffälligste Akteur. „Wir müssen in Berlin fighten, es wird ein echtes Kampfspiel“, prophezeit Ilicevic und scheint gewappnet. Auch wenn er selbst lieber über technische Finessen zum Erfolg kommt, kämpfen kann er offensichtlich auch.

Allerdings bin ich mir ziemlich sicher, dass der erhöhte Einsatzwille Ilicevics heute einen anderen Grund hatte. Denn anstatt wie von allen erwartet in der A-Elf zu spielen, musste er in der B-Elf ran. Denn Trainer Thorsten Fink hatte für die rechte Mittelfeldposition Überraschendes parat. Genauer gesagt, einen Italiener, der vor der Wintervorbereitung als Verleihspieler quasi feststand: Jacopo Sala. Mit Mütze und dick eingepackt versuchte der schmächtige Rechtsfuß, die rechte Seite der A-Elf mit Leben zu füllen. Es gelang ihm auch – allerdings lange nicht so eindrucksvoll wie seinem größten Konkurrenten im Kampf um die Startelf bei Hertha. Und sollte Fink, da lege ich mich fest, wirklich nach den letzten Eindrücken gehen, dürfte es keine zwei Meinungen geben: dann muss Ilicevic beginnen.

Aber okay, wer weiß, wie Sala auftreten würde? Im Trainingslager in Marbella wusste Sala so zu gefallen, dass sich Fink und Sportchef Frank Arnesen schnell einig waren, den Italiener nicht zu verleihen. „Er hat mich überzeugt“, sagte Fink. Allerdings weiß der Coach auch noch nicht, was er von seinem Sommerzugang in der Bundesliga erwarten kann. Das wiederum ist einer der großen Vorteile, die Sala gegenüber seinen Konkurrenten hat, die bislang mehr oder weniger gut aufgetreten sind: Er hat noch nicht enttäuscht.

In diesem Sinne, Trainingsleistungen als Maßstab zu nehmen, verbieten sich beim HSV 2011/2012 eigentlich. Dennoch habe ich die Hoffnung, dass die Mannschaft die Aggressivität aus der heutigen Abschlusseinheit (selbst Rincon musste nach mehreren harten Zweikämpfen mit Schmerzen kurz pausieren) bis ins Berliner Olympiastadion rüberrettet. Sollte das gelingen, dürften wir morgen endlich wieder Spaß beim Zugucken haben.

Auf die drei Punkte in Berlin, ob mit Sala oder Ilicevic – egal wie! Und wie sagte Aogo heute? „Das Dortmund-Spiel haben wir analysiert – und die Art und Weise war nicht okay. Das wissen wir. Deshalb wird in Berlin alles anders.“

Ich bitte drum. Und ich glaube: Wir alle bitten darum.

Bis morgen,
Scholle (18.15 Uhr)

So könnte der HSV spielen: Drobny – Diekmeier, Westermann, Bruma, Aogo – Sala (Ilicevic), Jarolim, Rincon, Jansen – Petric, Guerrero.
P.S.: Slobodan Rajkovic ist der letzte Zugang, der sein Einstandslied noch nicht gesungen hat. „Er wird seine Strafe bekommen“, sagte Aogo, der auch bei Ilicevic die Parkkralle besorgt hatte. Aogo: „Dass es noch nicht so weit war lag allein daran, dass es nach dem Dortmund-Spiel wichtigere Dinge gab.“