Tagesarchiv für den 26. Januar 2012

Nicht rumheulen, einfach gewinnen. Egal wie…

26. Januar 2012

Wie fast immer in schwierigen Phasen, ist der Fußballprofi an sich gut beraten, sich an seine Stärken zu erinnern. „Deshalb verplempere ich auch keine Zeit damit, lange zurückzublicken“, sagt Mladen Petric, angesprochen auf das 1:5-Debakel vom vergangenen Wochenende gegen Dortmund. Vielmehr will der Kroate nur noch nach vorn blicken, auf das Spiel bei Hertha BSC am Sonnabend. Abstiegskampf? Auch bei dem Wort mag Petric nicht direkt antworten. Im Gegenteil, er lehnt das Wort ab. Noch. „Ich mag noch nicht über Abstiegskamp sprechen“, so der Torjäger, „aber wir können uns darauf einigen, dass es in Berlin ein Kellerduell ist“ Auch das Folgeprogramm mit Bayern, Köln und Werder bereitet Petric keine größeren Sorgen. „Uns ist nicht Angst und Bange. In Berlin haben wir eine gute Chance. Und danach gegen Bayern? Das wird sehr schwer, klar. Aber ich bin mir sicher, dass wir uns nicht zweimal in so kurzer Zeit einen solchen Ausrutscher erlauben.“


Kurioserweise soll dabei sogar der 12:0-Sieg gegen den Oberligisten Rugenbergen helfen. „Wir waren alle froh, dass wir im Stadion und nicht auswärts gespielt haben. Und es hat uns gut getan, wir konnten einige Dinge ausprobieren. Das Spiel war zumindest hilfreich.“ Hilfreich, um die Auftaktniederlage vergessen zu machen. Zumal das spätestens jetzt auch Zeit wird. Ich habe die Jungs immer wieder beobachtet. Sie waren zwei, drei Tage niedergeschlagen“, sagt Trainer Thorsten Fink, „aber die Mannschaft hat das gut verdaut. Ich habe nicht das Gefühl, dass die Mannschaft ihr Selbstvertrauen verloren hat.“ Trotz der für Fink primären Erkenntnis aus dem BVB-Spiel, „dass wir die Messlatte nicht zu hoch hängen dürfen. Es ist sicher alles andere als optimal, gleich zum Auftakt so zu verlieren, aber ich bin jetzt auch schon ein paar Jahre dabei, war vorher auch selbst lange Spieler. Und hier ist keiner verunsichert. Alle waren niedergeschlagen – und haben jetzt den nötigen Willen für Berlin.“

Zudem haben sie die körperlichen Voraussetzungen. Diekmeier hat seine Grippe auskuriert, Petric („Es war nur eine Prellung auf einer Stelle, wo ich vorher einen Faserriss hatte, deshalb die zwei tage Pause“) hat seine Wadenprobleme ebenso ausgestanden wie sein kroatischer Landsmann Ivo Ilicevic, der heute im Mannschaftstraining in der Imtech-Arena einen sehr guten Eindruck hinterließ. Dennoch lässt Fink offen, ober in Berlin auf beide „kroatischen Waden“ setzen will: „Er hat dann auch nur heute und morgen trainiert, vielleicht ist das zu wenig.“ Dennoch deutet vieles darauf hin, dass Fink seinen letzten Zugang bei der Hertha von Beginn an bringt, dafür Zhi Gin Lam zunächst auf die Bank setzt.

Die kroatische Hoffnung – Petric und Ilicevic wieder dabei. Und es geht nach Berlin. An den Ort, an dem der HSV das letzte Mal eine Spitzenposition inne hatte. Jetzt ist es allerdings ein Duell vom 14. (HSV) beim 13. der Bundesligatabelle. Und beide Teams stehen unter Druck. So sieht es zumindest Fink: „Der Samstag wird zeigen, welches Team damit besser umgehen kann.“ Immerhin müsse die Hertha anschließend auswärts antreten, während der HSV zu Hause das Schwergewicht FC Bayern empfängt. Fink weiter: „Beide spielen gegen den Abstieg. Das wird für beide sehr schwer, das baut Druck auf.“ Dass er dennoch optimistisch ist, liegt daran, dass seine Mannschaft die Niederlage gut verdaut habe. Und, das fügt der HSV-Trainer hinzu: „Hertha ist eine Mannschaft, mit der wir mithalten können“.

So ist es. So sieht es derzeit aus. Kein „wir müssen gewinnen“ und keine Träumerei von internationalen Startplätzen – die Ansprüche reduzieren sich, Klassenerhalt ist das primäre Ziel. Es gilt, erst einmal die Basis herzustellen. Eben so, wie es der Fußballer auf dem Platz auch machen sollte. Sicherheit wiedergewinnen über Kampf und Leidenschaft. „Wenn das stimmt, sind wir einen großen Schritt weiter“, sagt Tomas Rincon, dessen Partner im zentralen Mittelfeld höchstwahrscheinlich David Jarolim (Fink: „Jaro hat gute Chancen zu spielen“) sein wird.

Fraglich ist der Einsatz von Jeffrey Bruma. Mit klarer Tendenz zum Positiven: „Jeff hatte leichte Adduktorenprobleme“, so Fink, „bei ihm werden wir am Freitag genau hinschauen.“ Allerdings schien es, als sei Brumas heutige Pause eher eine Vorsichtsmaßnahme denn Notwendigkeit. Ebenso wie bei Slobodan Rajkovic, der abseits des Mannschaftstrainings mit Markus Günther Balltraining absolvierte, ohne dabei irgendwelche Bewegungen vermeiden zu müssen. Zudem legte sich Fink heute überraschend genau fest, wann Marcus Berg nach seinem Schlüsselbeinbruch wieder mit der Mannschaft trainieren werde: „Am 4. Februar soll er wieder einsteigen.“

Ein wenig genervt wirkte Fink, als er auf Rene Adler angesprochen wurde, der angeblich schon (das entspricht nicht unseren Informationen) unterschrieben haben soll. Er dementierte einen solchen Vorgang sogar indirekt, indem er sagte: „Ich beschäftige mich mit der Torwartfrage nicht, unser ist gut. Wir sind zufrieden und haben da im Moment keinen Handlungsbedarf.“ Wobei der Zusatz „im Moment“ natürlich das offen lässt, was in Hamburg seit Monaten bekannt ist: Adler soll kommen. Denn auch wenn es aktuell nichts wirklich Neues gibt, ist bekannt, dass sich der HSV um die Dienste des Bayer-Keepers bemüht hat. Bedenklich stimmt mich dabei, dass der sich bereits seit Juli 2011 im Reha-Training befindet und bemüht ist, Patellasehnenprobleme auszukurieren. Und das ist nur eine von erstaunlich vielen Verletzungspausen des gerade erst 27-Jährigen.

Schon deshalb – trotz des überdurchschnittlichen und für mich völlig unumstrittenen Talentes von Adler – halte ich eine solche Diskussion für momentan absolut unnötig. Drobny hält gut, er ist momentan trotz der schwächeren Abschläge gegen Dortmund noch immer einer der konstanten Spieler. Warum also das Risiko eingehen, ihn zu verunsichern? „Es ist immer ein ganz schmaler Grat, wenn man während der Saison neue Spieler verpflichten will“, hatte uns (meinem geschätzten Kollegen Kai Schiller und mir) Sportchef Frank Arnesen im Trainingslager erzählt, „auf der einen Seite will man seine vorhandenen Spieler stützen, weil man sie ja braucht. Auf der anderen Seite muss man natürlich zusehen, sich auf etwaigen Schwachstellen oder eben bei besonderen Angeboten auch mit Veränderungen zu beschäftigen“.

Vorausgegangen war die Frage, ob Arnesen, der sich selbst Ehrlichkeit als eine seiner wichtigsten Tugenden anheftet, doch auch mal eine Lüge aus taktischen Gründen für angebracht hielte. Was zum Beispiel, und das haben wir damals wirklich genau so gefragt, wenn Drobny als momentaner Garant für Sicherheit im Tor bei Arnesen nachfragt, was an dem Gerücht um Adler dran sei? Würde Arnesen lügen, um Drobny nicht zu verunsichern? Oder würde er die Wahrheit sagen? „Ich müsste das machen, was für den Verein am besten ist. Und das ist der Erfolg im nächsten Spiel.“ Allerdings würde er auch nicht ausschließen, mit Spielern sehr ehrlich zu reden und ihnen zu sagen, dass man sich auf deren Position umschaue. Und das „gerade dann, wenn es um die Zukunft des jeweiligen Spielers geht. Auch der Spieler braucht die faire Chance, sich zu orientieren. Wie am Beispiel David Jarolim zu erkennen“, so Arnesen, „Jaro ist ein Musterprofi und eine ganz wichtige Person für den Verein. Trotzdem haben der Trainer und ich schonungslos offen und ehrlich mit ihm gesprochen. Weil der Respekt es verlangt.“

Allerdings auch, weil ein sportlicher Ausfall Jarolims personell leichter aufzufangen wäre als ein Ausfall von Drobny.

Aber okay, warum heulen? Dafür ist es letztlich auch Profifußball, indem die meisten Bundesligaspieler auch entsprechend gut honoriert werden. Und wenn Drobny eh kein Problem damit hat – so what? Gerade der schweigende Tscheche dürfte sich vor der Rückkehr zu seinem Ex-Klub andere Gedanken machen…

Deshalb machen wir es ihm am besten gleich, lasst uns nur darüber nachdenken, wie wir in Berlin gewinnen. Das müssen wir, egal wie. Und egal mit wem. Denn eines dürfte Drobny ebenso wie einem Jarolim, einem Mladen Petric oder einem Heung Min Son klar sein: Sie alle sind ersetzbar – der Verein aber bleibt. Die Spieler sind bei Barcelona wie bei jedem anderen Fußballklub auf dieser Welt, der seine Spieler fürs Fußballspielen entlohnt, dem Verein untergeordnet. Und das heißt für unsere HSV-Profis, dass sie jetzt mehr denn je in der Pflicht sind, sich sportlich topmotiviert zu präsentieren. Ob über sie diskutiert wird oder nicht.

Bis morgen,

Scholle