Tagesarchiv für den 22. Januar 2012

Ein unfassbares 1:5-Debakel gegen den BVB

22. Januar 2012

Das war eine Lehrstunde. Nach dem gelungenen Trainingslager. Und ein völlig verpatzer Start des HSV in die Rückrunde. Dortmund war drei Nummern zu groß. Der Abstiegskampf hat uns wieder. Oder – der Abstiegskampf geht weiter. Wer etwas anderes erwartet hatte, der sieht sich hoffentlich nach diesem Kick auf dem Boden der Realität. Das war wie Bubis gegen Männer, wie Knaben gegen Erwachsene – das war gar nichts. Die vernichtende 1:5-Niederlage gegen Dortmund fiel eigentlich noch relativ knapp aus, denn der Unterschied zwischen Meister und Lehrling war riesig. Zufällig hörte ich, was Sky-Reporter Fritz von Turn und Taxis nach dem 0:2 von Lewandowski für seine Zuseher über den HSV befand: „Das ist Regionalliga . . .“
Wenn überhaupt.
Freunde, das Leben ist hart, und so wird es auch in den nächsten Wochen. Machen wir uns nichts vor, der Umbruch fordert seinen Tribut, der HSV ist Mittelmaß oder noch darunter, es dürfte noch ganz, ganz eng werden. Natürlich kann man gegen den Meister verlieren – aber doch nicht so! Wo war die Qualität, von der Trainer Thorsten Fink so oft und so gerne spricht? Angsthasen-Fußball war das.

Schon nach dreieinhalb Minuten hätte Dortmund 3:0 führen können. Bender, Lewandowski und Subotic hatten die Führung auf dem Fuß (oder auf dem Kopf). Das war erschreckend. Und glich einer Vorführung. Der HSV wirkte total hilflos und überfordert, Rückpässe auf Torwart Drobny über 30 Meter waren keine Seltenheit. Wer will einen solchen Fußball sehen? Obwohl ich sogar Verständnis hatte. Der HSV musste irgendwie versuchen, Ruhe in dieses Spiel zu bekommen, denn mitspielen mit dem Meister, das ging vom Anstoß an nicht gut, nein, es ging sogar gar nicht. Die Dortmunder attackierten jeden ballführenden Hamburger sofort, und die so verunsicherten (wieso eigentlich= Nach der Vorbereitung) HSV-Profis retteten sich dann zu 90 Prozent mit Quer- und Rückpässen. Unfassbar.

Vor dem 0:1 verhinderte noch einmal Heiko Westermann das eigentlich längst überfällige erste BVB-Tor, indem er Lewandowski per Grätsche noch am Einschuss hinderte (12.). Aber das war nur ein kurzer Zeitaufschub. In der 16. Minute war es dann so weit. Vier Hamburger gegen fünf Dortmunder (wo waren die anderen Hanseaten gerade?), die Jungs in Gelb spielten Jo-jo, Großkreutz traf mühelos an Jaroslav Drobny vorbei. Der HSV-Keeper war zuvor nicht ganz unschuldig an diesem Gegentor, denn er hatte den Ball nur schlecht nach vorne und in die Reihen der Dortmunder gespielt .

Wahnsinn.

Auch deshalb, weil Paolo Guerrero im Gegenzug das 1:1 hätte machen müssen. Der Peruaner köpfte nach Aogos Maßflanke aus fünf Metern – genau sich an, der Ball trudelte harmlos ins Aus. Und Sekunden danach noch einmal Guerrero, der in einen Flachschuss von Robert Tesche rutschte, die Kugel aber knapp verfehlte. Auch das hätte das 1:1 sein können.

Das zweite Tor des Nachmittags fiel dann auf der Gegenseite. Eigentlich erwartet. Aber wie es fiel?! Lewandowski zog spielerisch an der auf einer Höhe stehenden HSV-Defensive vorbei und schoss ohne Mühe ein. Das war wie im Wintersport, wie in Kitzbühel. Da wurden heute ja auch jede Menge Slalomstangen umkurvt, und eine solche stehende Rolle spielte (nicht nur in dieser Situation) die HSV-Abwehr. Kümmerlich. Der letzte Mann (in dieser Szene) war Dennis Aogo, und der konnte auch nicht mehr entscheidend eingreifen – er grätschte ins Leere (38.).

Der HSV war schon da nur in der Statisten-Rolle. Auf der Tribüne wurde vielfach gerätselt (und auch kritisiert!), dass statt Heung Min Son nun doch Robert Tesche aufgelaufen war. Ich muss sagen, dass ich dafür absolutes Verständnis hatte. Für m ich hat Thorsten Fink genau die richtige Maßnahme getroffen, denn der BVB hat bekanntlich zwei unheimlich offensive Innenverteidiger (mit Hummels und Subotic), und auf die sollte Tesche ein Auge werfen. Son hätte das garantiert nicht gekonnt. Zumal er ja in dieser Saison bislang noch keine überzeugenden Einsätze gehabt hat. Und die Personalie Tesche/Son hat sicherlich keine spielentscheidende Auswirkung gehabt. Es lag nicht an Tesche, dass der HSV unterging. Das lag an allen. Wohl aber auch an Tesche. Mir tat dabei der auf der Bank sitzende David Jarolim Leid, aber dieses leidige Thema will ich gar nicht mehr vertiefen, das sollen die HSV-Verantwortlichen mit sich im stillen Kämmerlein ausmachen.

Was auffällig war, das war die hoffnungslose Unterlegenheit im Kopfballspiel. Jeder Eckstoß und jeder Freistoß, der hoch in den Hamburger Strafraum segelte, war ein gefundenes Fressen für die Dortmunder. Ein Wunder, dass dadurch keine weiteren Gegentore gefallen sind, ein echtes Wunder. Westermann, der sonst noch ein kopfballstarker Spieler ist, schaffte es nicht, Subotic in der Luft entscheidend zu stören. Und auch alle anderen Hamburger versuchten sich nur als körperloser Begleitschutz, das war der schönste Escort-Service. Die Pfiffe während der Partie, das Pfeifkonzert zur Halbzeit waren deswegen nicht nur verständlich, das alles war auch völlig berechtigt.

Mladen Petric kam zum zweiten Durchgang für Gojko Kacar, aber was sollte der Kroate noch retten? Er rettete nichts mehr. Das 0:3 war dann das Ende. Eckstoß für den HSV (58.), Jeffrey Bruma verdaddelte den Ball am Sechszehner der Dortmunder, es lief ein mustergültiger Konter – Kuba schoss aus 15 Metern flach ins lange Eck. So geht Fußball. Und so einfach geht Fußball. Wenn man die Qualität hat.

Lichtblicke beim HSV?
Sicherlich Jaroslav Drobny, der noch hielt, was zu halten war. Beim 0:1 aber leider auch beteiligt. Dennis Diekmeier viel unterwegs, aber es kam null dabei herum. Auf jeden Fall viel zu wenig. Jeffrey Bruma wie immer – eigentlich ganz solide, aber er hat eben noch immer wieder seine jugendlichen Aussetzer. Kapitän Heiko Westermann. Versuchte alles, ging aber restlos mit seinem Dampfer unter. Links hatte Dennis Aogo nach vorne viele sehr gute Szenen, jawohl, sehr gute Szenen, aber nach hinten war er dann doch nicht ganz so stark. Aber er versuchte es immerhin immer wieder . . .

Tomas Rincon engagiert, lauffreudig, aber in der meisten Zeit spielerisch zu weit von Bestform entfernt. Und völlig von der Rolle war Gojko Kacar. Mein Gott, was hat Hamburg aus dem Serben gemacht? Der Mittelfeldspieler ist ja nicht mal mehr ein Schatten von dem, was er einst mal gespielt hat. Ich behaupte mal, der gute Mann ist nicht austrainiert. Und, bitte, bitte, liebe HSV-Verantwortliche, schaut Euch einmal Videos an, auf denen Kacar zu sehen ist, als er einst aus Berlin kam. Das muss, nein, das ist ein himmelweiter Unterschied. Kacar läuft, nein, er bewegt sich wie ein Alt-Herren-Fußballer. Erschütternd. Was haben sie hier nur aus ihm gemacht? Bitte, bitte, Herr Fink, schicken Sie Kacar noch einmal in ein separates Trainingslager, ohne Ball, nur mit Laufschuhen – und dann holen Sie ihn Ende Februar wieder nach Hamburg zurück.

Zhi Gin Lam nehme ich von der Einzelkritik aus, er hat es sicherlich versucht, aber mehr geht eben nicht, wenn man als junger Dachs in einer solchen Mannschaft mitmachen muss. Marcell Jansen? Den ehemaligen Nationalspieler erspare ich mir auch – unfassbar, wie ein solcher Leistungsabfall geht. Ich jedenfalls kann mir das nicht erklären. Nur eines: Mit Kacar reif für die Insel – ab ins Trainingslager. Robert Tesche? Das ging gar nicht. Ohne Worte. Armer David Jarolim. Oh, wollte ich ja eigentlich nicht mehr . . .

Und vorne? Paolo Guerrero war für mich ncoh der Beste, der wehrte sich 90 Minuten lang, Und schoss, nachdem Kuba (Elfmeter) und Lewandowski auf 5:0 erhöht hatten (76., 83.), wenigstens den Ehrentreffer (86.). Da kam Freude auf. Was ich ganz positiv fand: Jacopo Sala gab sein Bundesliga-Debüt, er kam in der 65. Minute für Jansen.

„Und ihr wollt deutscher Meister sein“, sangen und skandierten die HSV-Fans ganz zum Schluss. Galgenhumor. Die Dortmunder verzichten auf die Antwort: „Zweite Liga, Hamburg ist dabei.“ Sie sangen nur „Auswärtssieg“. Und das war ja auch einer. So schön kann (Auswärts-)Fußball sein. Aber daran darf sich in Hamburg keiner mehr klammern, jetzt muss gezittert werden. Aber ganz kräftig. Sonnabend schon in Berlin. Wenn es zur Hertha geht. Auswärtssieg?

17.26 Uhr