Tagesarchiv für den 20. Januar 2012

Son und Lam ersetzen Ilicevic und Petric

20. Januar 2012

Meine Damen und Herren, was für ein Sch…Wetter. Nicht nur der Regen sondern auch ein Wind, der das Nass von allen Seiten kommen lässt. Und dazu Temperaturen, die gefühlt um den Gefrierpunkt herum lagen. Allerdings, und so soll es ja auch sein, wenigstens die Geschehnisse auf dem Platz erwärmten ein wenig. Und auch wenn es dafür eine gute halbe Stunde mit Aufwärmprogramm dauerte, dann wurde es interessant. Denn Fink machte, was er gestern angekündigt hatte: er organisierte die Defensivbewegung. Überraschenderweise, suchte er dabei die Flucht nach vorn und ließ sein potenzielles A-Team Pressing spielen.

Dabei legte er besonderen Wert auf die Abstimmung von Mittelfeld und Abwehr. Insbesondere das Wechselspiel der Außenverteidiger Dennis Aogo (mit Marcell Jansen) und Dennis Diekmeier (mit Zhi Gin Lam) wurde einstudiert. Immer wieder unterbrach Fink, um anhand von Spielsituationen auf Fehler und Lösungen hinzuweisen. „Es war klar, dass wir darauf einen Schwerpunkt legen mussten“, sagt Dennis Aogo, „und das haben wir gemacht. Dabei gab es keine Neuigkeiten, aber es wurde auf bestimmte Dinge hingewiesen. Auch mit Blick auf das Dortmund-Spiel. Und ich glaube, wir haben dadurch mehr Sicherheit gewinnen können und sind gut vorbereitet.“ Abwehrchef Heiko Westermann stimmt ein. „Es geht um die Abstimmung. Darum, dass wir ein Auge dafür haben, wann wir Pressing spielen müssen und wann nicht.“ Ob eine eher offensive Verteidigung gegen den Deutschen Meister das richtige Mittel ist? Westermann selbstbewusst: „Wir haben uns eher auf unser Spiel eingestellt.“

Zum einen schien die Zeit für lange, taktische Spielchen zu fehlen (das Wetter war eher nicht geeignet, um die Spieler lange stehen zu lassen), zum anderen setzt der HSV auf seine eigenen Stärken. Und die liegen ganz sicher vermehrt in der Offensive. So, wie es einst auch Dortmund praktizierte. Zumindest sieht Aogo in dem ersten Rückrundengegner eine Art Vorbild für den HSV. „Die Dortmunder haben zwei Jahre lang sehr mutig agiert, haben mit jungen Leuten ihr Spiel durchgezogen, was ihre Qualitäten unterstreicht. Sie haben alle Widerstände bezwungen. Und heute reden wir über die Spieler als großen Namen, die wir vor zwei Jahren noch nicht kannten.“ Deshalb sei es für den HSV in der momentanen Umbruchphase auch wichtig, weiter auf das eigene System zu setzen. Egal bei welchem Gegner. „Wir spielen gegen Dortmund wie gegen Bayern, Schalke oder auch Hertha, Freiburg und Augsburg. Und da kommt wieder Thorsten Fink ins Spiel, denn am wichtigsten ist, dass wir ein Konzept haben, wo jeder weiß, was zu tun ist. Das haben wir.“

Und das soll am Sonntag den Unterschied zur Hinrunde verdeutlichen. „Bei uns hat sich seither viel verändert“, sagt Aogo, „wir sind anders aufgestellt und wollen einen ganz anderen Fußball spielen.“ Und das dürften, so die HSV-Profis, auch die Dortmunder mitbekommen haben. Zumindest geht HSV-Kapitän Westermann nicht davon aus, dass Dortmund noch mal der übermächtige Gegner wie aus der Hinrunde sein wird. Frei (wenn auch leicht abgewandelt) nach dem Motto des hoch geschätzten Herrn Sepp Herberger sagt Westermann: „Das nächste ist das wichtigste Spiel. Wir können zu Hause den Deutschen Meister schlagen, dazu sind wir imstande.“ Und selbst für den Fall, dass es am Sonntag noch nicht klappt, ist sich Westermann sicher: „Wir werden über kurz oder lang erfolgreich sein, keine Frage. Die Frage ist halt nur, ob wir am Sonntag schon reif dafür sind.“

Nicht dabei helfen kann Ivo Ilicevic. „Ivo wird nicht spielen“, legte sich Fink schon heute vor dem Training fest. Der offensive Mittelfeldspieler plagt sich weiterhin mit einer Wadenverhärtung herum und konnte heute im Gegensatz zu Mladen Petric (zuvor auch Wadenprobleme) nicht mittrainieren. Dennoch soll Top-Torjäger Petric („Es fühlt sich deutlich besser an“), zumindest deutete Fink das heute so an, zunächst nur auf der Bank Platz nehmen. Im Training heute agierte Son hinter Guerrero im Angriff, während Zhi Gin Lam im rechten Mittelfeld vor Diekmeier auflief. Zwei Wechsel, die nominell schwer wiegen – die die Mannschaft aber verkraftet, wie Westermann glaubt: „Beide sind gut drauf und wissen, wie es funktioniert. Da ist keinem Angst und Bange, im Gegenteil: Ich glaube, man kann im Moment alle reinwerfen, weil alle unbedingt wollen und alle auf einem guten Level sind.“ Zudem würde sich gerade an solchen Situationen das zuletzt oft gelobte Mannschaftsbild beweisen können. Immer wieder hatten die Spieler und Trainer davon gesprochen, dass sich der Teamgeist deutlich verbessert habe. Jetzt müssen den Worten Taten folgen: „Bei Widerständen wird sich zeigen, ob wir füreinander laufen“, so Aogo, der darauf wetten würde: „Wir haben uns als Team gefunden. Wir sind eine Einheit.“

Und dabei sei es egal, welche Elf auf dem Platz steht. Gegen Dortmund wird Heung Min Son nach einer nicht auffälligen aber allemal ordentlichen Vorbereitung seine Chance bekommen. Westermann: „Er hat eine völlig natürliche, schlechte Phase hinter sich. Er wurde zu sehr hochgejubelt. Aber er ist im Moment gut drauf. Und egal wie er ein Tor macht – auch wenn er angeschossen würde und der Ball ins Tor kullert -, damit würde bei ihm der Knoten platzen. Dann löst sich was bei ihm.“ Womit Westermann die imaginäre Handbremse meint. Ob er eine solche vielleicht noch in Gesprächen mit Lam lösen müsste? „Nein“, sagt Westermann, „Lam macht einen super Eindruck. Bei ihm stimmt wie immer die Einstellung, der wird ganz sicher alles geben und uns helfen können.“

Helfen auf dem Weg nach Europa? Zuletzt wurde trotz nur drei Punkten Vorsprung bis zu einem Relegationsplatz vermehrt über die Möglichkeit gesprochen, doch noch mal die internationalen Ränge anzupeilen. „Darüber sollten wir jetzt nicht reden“, warnt Aogo, „nicht so kurzvor dem Spiel gegen den Deutschen Meister. Die Hinrunde hat gezeigt, wie es auch laufen kann.“ Sechs Spiele – ein Punkt. Das Szenario ist uns allen noch bewusst. Weshalb es diesmal nicht einen solchen Start geben wird? „Weil wir unseren Stiefel durchdrücken werden“, sagt Aogo, der ein sehr laufintensives Spiel gegen eine der lauffreudigsten Mannschaften der Liga setzt: „Es wird sehr intensiv. Gegen die werden wir nur mit einer sehr hohen Laufbereitschaft bestehen.“ Was wiederum den Wechsel von Petric zu Son noch sinnvoller macht…

Die Frage ist allerdings, ob Fink im defensiven Mittelfeld die richtige Wahl trifft. Im heutigen Training wartete der HSV-Coach zumindest mit einer kleinen Überraschung auf, denn neben dem gesetzten Tomas Rincon durfte heute Gojko Kacar im A-Team trainieren. Und das, obwohl der Serbe die Vorbereitung zu großen Teilen nicht mitmachen konnte. Eine schwere Fußprellung hatte den Mittelfeldspieler außer Gefecht gesetzt – und die ist auskuriert. „Ich habe zwar etwas Flüssigkeit auf dem Schienbein, aber das ist kein Problem“, so Kacar, der nicht wirklich überrascht schien, plötzlich in der A-Elf zu stehen. „Nein, warum? Ich hoffe immer, dass ich spiele, wenn ich fit bin. Und ich bin 100 Prozent fit.“ Was er im Training unterstrich. Beim Spiel auf verkürztem Feld mit Anspielpunkten auf den Auslinien musste er mit ansehen, wie sein A-Team gegen die vermeintliche Reserve verlor. Das wiederum passte Kacar nicht, woraufhin er seine Kollegen verbal „coachte“, wie es beim HSV heißt. Das allerdings in einer Lautstärke, die bis weit in den Volkspark zu hören sein durfte. Der 24-Jährige wirkte verbissener denn je, hatte zudem schon am Donnerstag eine sehr gute Einheit hingelegt. „Ich kann nicht verlieren“, so Kacar. Hoffen wir mal, dass er das auch am Sonntag nicht muss und sich David Jarolims Tipp bewahrheitet: Der Tscheche tippt nämlich ein 2:0 für den HSV.

Auch, weil der BVB neben Supertalent Mario Götze voraussichtlich auch auf Stammtorwart Roman „sympathisch-wie-alle-aus-der-Ehrmann-Schule“ Weidenfeller mit Rückenproblemen wohl verzichten muss. Für ihn rückt aller Wahrscheinlichkeit nach Ersatzkeeper Mitchell Langerak ins Tor. Der 23-jährige Australier hat bisher erst einmal – das beim 3:1-Sieg der Gelbschwarzen in München allerdings eindrucksvoll – in der Bundesliga das BVB-Tor gehütet. Und er konnte selbst erst am Donnerstag wieder ins Training einsteigen. „Seine Vorbereitung war suboptimal“, klagt BVB-Trainer Jürgen Klopp, der morgen noch mit Weidenfeller einen Belastungstest machen will, am heutigen Freitag. Der unerfahrene, wenig trainierte Langerak als Vorteil für den HSV? „Ich glaube nicht, dass wir darüber nachdenken sollten“, mahnt Aogo, „denn wir müssen eh erst unser Spiel durchbringen, um überhaupt in die Situation zu kommen, den Torwart in Verlegenheit zu bringen. Und das wird schwer genug.“ Dennoch, sollte das am Ende gelingen, wäre ein HSV-Sieg logisch. Sagt Aogo: „Die Mannschaft, die ihren Stiefel durchdrückt, gewinnt.“

Okay. Klingt logisch. Aber geredet wurde jetzt eh genug. Es wird Zeit, dass der Ball rollt.

In diesem Sinne, bis morgen! Dann übernimmt Blogvater Dieter wieder und ist – danke Mrs. Murphy! – dann auch der einzigste Schreiber. Ich melde mich erst am Anfang der Woche wieder bei Euch. Und das hoffentlich mit der Nachbetrachtung eines schönen und vielleicht ja tatsächlich euphorisierenden HSV-Sieges gegen den Deutschen Meister im Rücken.

Scholle (18.27 Uhr)