Tagesarchiv für den 19. Januar 2012

Klopp musste schon die erste Pleite hinnehmen

19. Januar 2012

Manchmal kann es gar keinen Spaß machen. Wie heute. Nieselregen, Kälte – und zu allem Überfluss auch noch zwei Ausfälle, die schwer wiegen können. So machte der Vormittag beim HSV keinen Spaß. Schuld daran ist die „kroatische Wade“ wie mein Kollege vom SID (Sportinformationsdienst) süffisant aber irgendwie passend anmerkte. Denn Mladen Petric und Ivo Ilicevic fehlten beide mit Wadenprobleme beim heutigen Vormittagstraining, das im Gegensatz zur Ankündigung auf der Homepage die einzige Einheit heute blieb. Vielleicht auch, um weiteren Verletzungen vorzubeugen.

Dabei ist allerdings noch lange nicht klar, dass die beiden kroatischen Offensivspieler auch wirklich ausfallen. „Ivo und Mladen sind beide angeschlagen“, sagt Trainer Thorsten Fink, „aber wir müssen abwarten, ob sie auch ausfallen. Dafür haben wir noch ein paar Tage Zeit.“ Klar sei allerdings, dass niemand eingesetzt würde, der nicht bei 100 Prozent ist. „Wenn es ein Risiko wäre, einen von ihnen einzusetzen, werden wir es nicht machen“, so Fink, „denn wir können es uns nicht erlauben, auf einen deshalb sechs Wochen lang verzichten zu müssen. Dafür haben wir auch einen zu guten Kader, als dass wir dieses Risiko gehen müssten.“

Erste Alternativen sind Zhi Gin Lam (für Ilicevic) und Heung Min Son (für Petric). Wobei Fink definitiv Lam als Ersatz für die rechte Seite bestätigte und bei Son noch ein Hintertürchen offen ließ: „Vielleicht würde ich mir da noch etwas einfallen lassen.“ Jacopo Sala etwa? Oder vielleicht sogar schon Tolgay Arslan, der im Laufe der Vorbereitung zentral hinter den Spitzen spielen durfte? Ich glaube eher nicht. Weder der eine noch der andere dürfte Son vorgezogen werden. Zumal Fink sagt: „Wenn ein Spieler ausfällt, sollte auch der die Chance bekommen, der dafür vorgesehen ist.“ Und das wäre im Falle Petric Son.

Der Südkoreaner zeigte sich in den letzten Tagen verbessert. Sein langes Hinrunden-Formtief („Das ist ganz normal, wenn ein so junger Mann so früh so hochgejubelt wird“) scheint der Offensivallrounder überwunden zu haben. „Son war in einem Loch und muss noch sehr viel lernen. Aber er machte auf mich zuletzt einen deutlich stabileren Eindruck“, lobt Fink und versucht seinem Talent noch etwas Sicherheit mit auf den Weg zu geben: „Er muss wissen, dass er auch mal ein schlechteres Spiel machen darf.“

Hauptsache nicht am Sonntag. Denn da wird der HSV 100 Prozent bringen müssen. Gegen den Deutschen Meister, der mit Mario Götze zwar auf einen enorm wichtigen Spieler verzichten muss, allerdings ausreichend Qualität im Kader hat, um trotzdem stark zu sein. Auf die Frage, ob der HSV mit dem BVB auf Augenhöhe sei, wusste Fink erst gar nichts zu antworten, zu perplex machte ihn die bloße Annahme der Fragenden. „Der BVB spielt um die Deutsche Meisterschaft – wir nicht. Wir sind nicht auf Augenhöhe mit den Dortmundern. Aber in einem einzigen Spiel kann alles passieren.“ Zumal – das wurde in den letzten Tagen immer wieder betont – auch der BVB zu diesem frühen Zeitpunkt der Rückrunde noch nicht wissen kann, wie weit die Mannschaft ist. Zudem hat der HSV aus der Hinrundenpleite, die mit 1:3 sogar noch schmeichelhaft war, noch etwas gutzumachen. „Das ist kein Vergleich. Die Mannschaft heute spielt anders als damals“, sagt Fink, „wir haben wieder Selbstvertrauen und jeder weiß, was er machen muss. Wir sind eine Einheit.“ Zu Letzterem zählt der HSV-Cheftrainer im Übrigen auch die Fans: „Wenn die weiter so mitgehen, ist alles möglich.“

Ein Hoffnungsträger dafür ist mit Sicherheit Paolo Guerrero. Der Peruaner ist topfit, hat die komplette Vorbereitung ohne Probleme mitmachen können – und er hat in den Testspielen ebenso viel Lob dafür bekommen, sich Chancen zu erarbeiten wie er Kritik ertragen musste, selbige zu oft vergeben zu haben. Jetzt allerdings, insbesondere heute im Training, ist Guerrero gut drauf – und er trifft. Selbst die Möglichkeit, am Sonntag gegen die Dortmunder als einzige Spitze ohne Petric neben sich auflaufen zu müssen, stört ihn nicht. „Mit Mladen und auch Ivo wäre es sicher besser, aber auch ohne einen neben mich komme ich klar. Ich kenne das schon. Und ich mag es, da vorne gegen die Großen kämpfen zu müssen“, sagt Guerrero, der hier ob seiner Art abseits des Platzes viel kritisiert wurde, der sich in meinen Augen aber schon lange deutlich besser entwickelt hat, als es viele seiner Kritiker ihm zugestehen.

Allein sportlich lässt sich – wie über jeden anderen auch – auch über Guerrero trefflich diskutieren. Viele hier mögen seine Art zu spielen nicht – ich schon. Guerrero schont sich nicht, er ist technisch einer der komplettesten Spieler beim HSV und clever. „Paolo hat etwas Besonderes“, lobte Fink im Trainingslager seinen Angreifer just in dem Moment, in dem er gerade eine Fülle von Chancen vergeben hatte (beim Sieg über Lokeren). Und Finks Ansicht wird in der Mannschaft geteilt. Zwar ist allen bekannt, dass der Rechtsfuß kein Quantenphysiker mehr wird, allerdings wird die freundliche, harmlose Art Guerreros ebenso geschätzt, wie sein kraftvolles Spiel. Denn Guerrero geht keinem Zweikampf aus dem Weg. Den Teil fehlende Grundschnelligkeit gleicht Guerrero aus, indem er zwischen Gegenspieler und Ball gern sich schiebt – ohne Rücksicht auf seine körperliche Unversehrtheit. „Eigentlich müsste er nach jedem Spiel zwei Tage frei bekommen, um all seine blauen Flecken und Prellungen auszukurieren“, hatte einst Dietmar Beiersdorfer gesagt – und ich finde, der ehemalige Sportchef hat Guerrero damit ganz gut beschrieben.

Aber egal wie, im Moment ist Guerrero fit und im Angriff die größte Hoffnung (sollte Petric ausfallen). Und Guerrero ist voller Tatendrang, hofft auf eine Fortsetzung seiner Serie: „Vor allem zählt der Sieg. Wir haben in der Rückrunde viel vor“, so Guerrero, der in den letzten vier Heimspielen jeweils einen Treffer beisteuern konnte – und das gegen Dortmund fortsetzen will, „wir sind gut drauf.“ Insbesondere die Vorbereitung in Marbella habe die Mannschaft enger zusammengeschweißt. „Wir haben uns besser kennengelernt, auch die Neuen und die Jungen. Die Stimmung in der Mannschaft ist sehr gut.“ Ein Indiz dafür: Weil Ilicevic sich geweigert hatte, vor der Mannschaft zum Einstand ein Lied zu singen, besorgten seine Kollegen eine Parkkralle und befestigten die an seinem Auto. Ergebnis: Ilicevic blieb nur die Wahl, zu singen oder mit dem Taxi nach Hause zu fahren. „Eine witzige Aktion von der Mannschaft“, freut sich Fink darüber, dass seine Mannschaft bei aller Fokussierung und Anspannung vor dem BVB-Spiel nicht verkrampft.

Dabei wirkte Fink heute selbst ein wenig angespannt. Der Trainer („Ich bin heiß“) betonte wieder die Bedeutung eines Sieges und dessen mögliche Auswirkung auf die gesamte Rückrunde. Und er mahnte, dass es auch in den letzten Tagen vor dem Rückrundenauftakt noch eine Menge Arbeit geben würde. Insbesondere in Sachen Defensivverhalten. Das hatte weder in der Hinrunde noch in der Vorbereitung bislang so gut funktioniert wie die Offensive. Das Ungleichgewicht aus Risiko gehen und Absichern ist noch nicht gefunden. Und deshalb wird Fink in den nächsten tagen vermehrt Videoanalysen mit den Spielern durchziehen – und er hofft darauf, mit seiner Startelf am Freitag und Sonnabend letzte Details einstudieren zu können. Was genau? Fink lacht, überlegt kurz und sagt: „Wir müssen eigentlich alles so machen wie bevor – nur eben etwas besser.“ Dann klappt es auch mit dem Sieg gegen Dortmund.

Gutes Omen: Dortmunds Trainer Jürgen Klopp musste schon vor dem Spiel die erste Niederlage einstecken. Nachdem sich Anwohner des Dortmunder Trainingsgeländes über die hohe Lärmbelästigung und das störende Flutlicht in den Abendstunden (Klopp trainierte vor Champions-League-Spielen gern bis spät abends) beschwert hatten, lenkte der BVB nun ein. Ab sofort wird immer spätestens um 20 Uhr das Flutlicht abgeschaltet und der Trainingsbetrieb eingestellt. Sehr zum Ärger von Klopp, der diesem Kompromiss bis zum Schluss nicht zustimmen wollte.

In diesem Sinne, hoffen wir mal, dass es nur die erste von zwei bitteren Niederlagen für den sympathischen Dortmund-Trainer in dieser Woche ist.

Bis morgen,

Scholle (19.16 Uhr)

P.S.: Training am Freitag ist um zehn Uhr an der Imtech-Arena.