Tagesarchiv für den 18. Januar 2012

“Dortmund kommt genau zum richtigen Zeitpunkt” – Zittern um Petric

18. Januar 2012

Es ging mächtig zur Sache. Damit meine ich nicht diesen Blog, sondern die Trainingseinheit heute auf dem Trainingsplatz neben der Imtech-Arena. Dem Anlass angemessen – Benno, alles Liebe zum Ehrentag – wurde das Abschlussspiel mit einer Intensität geführt, dass Trainer Thorsten Fink 20 Minuten vor Schluss lieber abbrach, nachdem David Jarolim und Tomas Rincon nach einem Zweikampf beide liegen blieben. Zuvor waren schon Jacopo Sala kurzfristig (kehrte nach einer kurzen Behandlung zurück) sowie Per Skjelbred (Schienbeinprellung) und leider auch wieder Mladen Petric ausgeschieden. „Mladen hatte wieder Probleme“, so Fink nach dem Training, „er hatte bei den Sprints kein gutes Gefühl.“ Wadenprobleme sind die offizielle Begründung – und es gilt als unsicher, ob der Kroate am Sonntag gegen Dortmund trotzdem dabei sein kann.

Zumal Fink betont hatte, am Sonntag zum Rückrundenauftakt nur auf Spieler setzen zu wollen, die zu 100 Prozent fit sind. Es müsse leidenschaftlich gekämpft, gerannt und gebissen werden, so Fink. Eben so, wie heute im Training, in dem der HSV-Trainer die A-Elf gegen die B-Elf spielen ließ, zwischendurch für die oben genannten Ausfälle selbst einsprang. Fink hatte nicht viel verändert, lediglich eine Position: David Jarolim spielte für die A-Elf, statt seiner war Rincon ohne Leibchen unterwegs. „Wir haben bunt gemischt“, so Finks Erklärung, die so nur bedingt zu halten ist. Immerhin war Jarolim der einzige Reservist in der vermeintlichen A-Elf. Ob sich Rincon auf den letzten Metern vor dem Rückrundenstart doch noch aus der Startelf katapultiert hat? „Nein“, so Fink klar, und der Venezolaner selbst ergänzte: „Ich hab das mit der B-Elf gar nicht mitbekommen. Ich glaube schon, dass ich spielen werde.“

Und das gegen nichts geringeres als Dortmunds Mittelfeld-Duo Shinji Kagawa und Deutschlands Top-Talent Mario Götze. Letztgenannten sieht Rincon auf dem Sprung nach ganz oben. Und er weiß, dass er allein gegen den deutschen Nationalspieler nichts ausrichten kann. „Wir müssen gegen solche Leute als Gruppe denken und spielen. Wenn wir gutes Pressing spielen können und sie in ihrer eigenen Hälfte unter Druck setzen, kann das klappen.“ Gibt man einem Götze jedoch etwas zu viel Raum, hat man es – speziell auf Rincons Sechserposition – sehr schwer. „Dann ist es sogar fast unmöglich“, so Rincon, der Götze eine Welt-Karriere wie Lionel Messi zutraut. „Wenn er weiter so hart arbeitet, klar im Kopf bleibt und geduldig ist, dann kann er es schaffen. Ganz sicher. Seine Art zu spielen gefällt mir.“

Und es gefällt Rincon, gegen solche Spieler zu spielen. Für die Venezolanische Nationalelf macht er gerade gegen die großen Mannschaften Südamerikas wie Argentinien und Brasilien regelmäßig seine besten Spiele. Auch in der Bundesliga üben Spiele gegen die vermeintlich Besten einen besonderen Reiz auf den Kämpfer aus. „So gute Spieler gefallen mir, weil du da immer hellwach sein musst, jede Pause ausgenutzt würde. Und ich versuche eh immer, ganz eng am Gegenspieler dran zu sein. Solche Kämpfe nehme ich gern an.“

Dass es ein solcher am Sonntag für Rincon wird, ist ziemlich klar. Dass es für die ganze Mannschaft ein harter Kampf wird ebenfalls. Zumal sich witterungsbedingt der Stadionrasen zu einem tiefen Geläuf entwickelt hat. „Wenn er wie erwartet matschig sein wird, wird es ein absolutes Kampfspiel“, sagt Marcell Jansen, der zum ersten Mal in seiner Zeit beim HSV eine komplette Vorbereitung mitmachen konnte und fitter denn je wirkt. „Die letzte Zeit war hervorragend für mich, es macht auch wieder richtig Spaß. Aber mehr als die Grundvoraussetzungen sind das nicht. Ab Sonntag interessiert sich eh niemand mehr dafür, ob wir eine gute oder schlechte Vorbereitung hatten.“

Fürwahr. Dann zählen nur die Punkte. Und das gegen eine Mannschaft, die dem FC Bayern bundesweit am ehesten Paroli bieten kann, da das laufstärkste Team inzwischen über alle fußballerischen Facetten verfügt. Wie Fink gestern sagte, beherrschen die Gelbschwarzen das Passspiel genauso gut wie das Spiel über Konter. „Dortmund konnte vor zwei Jahren kämpfen, dafür hatten sie eher wenig Fußballerisches“, lobt Jansen den ersten Rückrundengegner, „aber sie haben die letzten zwei Jahre genutzt, um sich fußballerisch zu perfektionieren. Es wird am Sonntag für uns um Kleinigkeiten gehen“, so Jansen, „da kann schon ein Standard entscheidend sein. Deshalb sind wir gewarnt.“

Die Dortmunder allerdings auch. Die hatten nach einem beeindrucken Saisonauftakt gegen den HSV eine kurze Schwächephase. „Das Gros der Mannschaft ist in einer sehr guten Verfassung aus der Pause gekommen. Es scheint runder zu laufen als vor der Hinrunde.“ Trotz eines missratenen Saisonstarts mit Rang 11 nach sechs Spieltagen und den dürftigen Auftritten auf internationaler Bühne habe seine Mannschaft die hohen Erwartungen erfüllt. „Mit Platz zwei, nur drei Punkte hinter den Bayern, habe ich nicht gerechnet“, kommentierte Klopp, der gegen den HSV mit einem Sieg noch näher zum FCB aufschließen will und weiß, dass es schwer wird: „Der HSV hat sich im Laufe der Hinrunde stabilisiert. Es wird ein ungleich schwereres Spiel in Hamburg.“ Weil der HSV neues Selbstvertrauen hat. Rincon stellvertretend: „Die Dortmunder wissen, dass es hier bei uns nicht mehr einfach ist. Wir sind seit neun Spielen ungeschlagen, haben eine gute Vorbereitung hinter uns – und wir glauben an uns. Ich glaube, dass das Spiel zum genau richtigen Zeitpunkt kommt, um sie zu schlagen.“

Das jedoch werden einige tausend Fans nicht live mitverfolgen. Aus Protest. „Kein Zwanni für nen Steher“ heißt die Protestaktion (www.kein-zwanni.de), die sich gegen die immer teurer werdenden Eintrittspreise in deutschen Fußballstadien wendet. Ein Protest, der bei den Spielern ankommt. „Das ist eine klare Botschaft an die Entscheidungsträger“, sagt Jansen, „die Fans verzichten sogar in brisanten Derbys auf ihre Stehplätze – und das soll schon was heißen.“ Auch dem linken Mittelfeldspieler ist aufgefallen, dass der deutsche Fußball immer mehr als Event denn als leidenschaftlicher Sport für Fans betrachtet wird. „Plötzlich gibt es Top-top-top-Zuschläge und die Tickets werden immer teurer – das gefällt mir nicht. Immerhin sind die Stehplätze zumeist die Stimmungsecken, die dem Fußball die besondere Atmosphäre verleihen. Und Fußball muss das emotionale Spiel bleiben, das es immer schon war. Das ist Leidenschaft, da gehen Fans hin und wissen nicht, ob ihre Mannschaft 5:0 gewinnt oder 0:5 verliert. Das ist kein Zirkus, wo man eine bestimmte Show erwarten darf. Und wenn sich Schüler irgendwann nicht mal mehr Stehplätze leisten können, dann wäre das sehr, sehr schade. Deshalb hoffe ich, dass die Verantwortlichen auf dieses Zeichen hören.“

Ich auch.

In diesem Sinne, bis morgen. Da wird um 10 und um 15 Uhr an der Arena trainiert.

Scholle (18.52 Uhr)