Tagesarchiv für den 16. Januar 2012

Es kann wieder losgehen – der Fußball ist Trumpf

16. Januar 2012

Der erste berufliche Anruf heute Morgen brachte Seltsames mit sich. Da feierte sich am anderen Ende der Leitung jemand dafür, dass jetzt endlich belegt sei, dass Dieter und ich mit unseren Darstellungen der finanziellen Situation richtig lagen. Dass das wiederum nicht wirklich Anlass zur Freude ist, hatte der nette Herr leider kurzzeitig vergessen. Und das, obwohl er in meinen Augen einer der loyalsten und intensivsten HSV-Fans ist, den ich kennenlernen durfte.

Womit ich beim Thema bin: hier geht es mir nicht darum, ob Dieter oder ich Recht haben. Wir versuchen Euch seit Anbeginn des Blogs (ich erst etwas später) über Vorgänge im Verein zu informieren, Euch auf Missstände ebenso hinzuweisen wie auf freudige Ereignisse. Hier ging es auch nie gegen irgendjemanden, sondern immer um den HSV. Das gilt bei Spielerkritiken genauso wie bei Vorständen. Ob ich glaube, dass Bernd Hoffmann zur Versammlung kommt? Ob ich damit rechne, dass der ehemalige Vorstand nicht entlastet wird? Fragen, die ich vorher von interessierten Mitgliedern, Freunden und auch von einigen Bloggern gestellt bekam. Ich ließ sie unbeantwortet – zumindest fast. Weil sie für mich nicht mehr entscheidend sind. Solange nichts nachweisbar ist, sollte man schweigen. Denn am wichtigsten bei dieser Mitgliederversammlung war, dass die momentan ruhige, sachliche und vor allem auch einigermaßen erfolgreiche Arbeit nicht durch neu aufgenommene Schlammschlachten gefährdet wird.

Und das ist gelungen.

Zwar wurde von verschiedenen Seiten bissig nachgefragt, es wurde Kritik geübt und es wurden Verdächtigungen ausgesprochen, die den einen oder anderen in einem neuen, schlechteren Licht erscheinen lassen. Aber letztlich blieb es vergleichsweise ruhig. Auch dank des neuen Vorstandsbosses Carl Edgar Jarchow, wie Dieter mir berichtete. Dieter hat mich während der Veranstaltung auf dem Laufenden gehalten (ich konnte leider selbst nicht anwesend sein) und bat mich heute noch mal darum, Jarchow hier zu erwähnen, weil er in seiner Zusammenfassung zu schlecht weggekommen sei. Jarchow habe mit seiner ruhigen Art einen maßgeblichen Anteil am Gelingen der Veranstaltung gehabt. Das haben mir gleich mehrere Bekannte und Freunde erzählt. Auch Dieter, dessen Wunsch ich hiermit hoffentlich ausreichend erfüllt habe.

Und ich habe mich gefreut. Weniger über die eher alarmierende Bilanz denn darüber, wie gefasst beispielsweise ein so honoriger Mann wie Christian „Büdi“ Blunck mit seiner Wahlniederlage umgegangen ist. Und ich hoffe, das die ganzen aufgeschobenen Anträge auf Satzungsänderung im Mai ähnlich sachlich diskutiert werden, wie am Sonntag im CCH – nämlich im Sinne des HSV.

Dass sich dabei trefflich diskutieren lässt, was im Sinne des Vereines ist und was nicht – logisch. Gerade eine Thematik wie die um Investor Klaus Michael Kühne dürfte noch mal die Gemüter erhitzen. Dennoch scheint sich innerhalb des Vereines eine neue Gelassenheit im Umgang miteinander breit zu machen, die der Entwicklung der Mannschaft sehr zuträglich sein kann. Wie sehr beweist schon die Tatsache, dass sich die Spieler selbst derzeit über eine Harmonie im Klub freuen, die sie selbst „noch nie“ so beim HSV erlebt haben. Darüber und über den Rückrundenstart habe ich mit Dennis Aogo gesprochen. Das Interview:

Matz Ab: Dennis Aogo, diesmal hat es Sie nicht die 8,5 Stunden bei der Mitgliederversammlung gehalten…
Aogo: Weil ich diesmal auch keinen Freund da hatte, der für ein Amt kandidiert hat.

Wie empfinden Sie die Stimmung innerhalb des Vereins?
Aogo: Sie ist heute so, wie wir sie uns immer gewünscht haben, und wie ich es noch nicht erleben durfte, seitdem ich hier bin. Wir haben einen starken Trainer und einen Sportdirektor, die sehr gut zusammenarbeiten. Das allein ist schon ein riesengroßer Unterschied zu den vergangenen Jahren. So einen Austausch zwischen Mannschaft, Spieler und Sportchef beziehungsweise Präsidium hatten wir noch nie. Und der ist wichtig. Frank Arnesen ist da ein ganz besonders wichtiges Bindeglied. Dietmar Beiersdorfer war schon nah dran und hat das meiste mitbekommen. Aber Arnesen bietet genau das, was uns die letzten zwei Jahre gefehlt hat.

Der Trainer betont, dass er eine bestimmte Fußballphilosophie habe. Inwieweit hat die Mannschaft diese schon verinnerlichen können?
Aogo: Jeder einzelne weiß, was er zu tun hat. Es fehlen hier und da zwar noch Abstimmungen, und wir werden die letzte Woche vor dem Rückrundenstart sicherlich noch sehr intensiv nutzen, um unser Defensivverhalten zu verbessern, auch hier Automatismen zu entwickeln. Da machen wir noch zu viele Fehler. Chancen für den Gegner entstehen zumeist durch unsere Fehler, weil wir zu viel Risiko gehen. Wir dürfen nicht zu offensiv denken – und wenn das klappt, dann ist hier noch vieles für uns möglich.

Warum hat das zu Saisonbeginn nicht annähernd so geklappt? Was ist in der Rückrundenvorbereitung anders als zum Saisonbeginn?
Aogo: Es geht nicht nur um diese Saison, es geht auch nicht um einen Vergleich von Michael Oenning und Thorsten Fink. Genau genommen hatten wir in den letzten zwei Jahren das Problem, dass wir kein klares Konzept hatten. Wir wussten nie, ob wir auf Konter spielen, offensiv agieren oder sonstwie spielen. Es änderte sich immer wieder und wir hatten keine Chance, ein System zu verinnerlichen. Mir hat, seitdem ich hier bin, die Spielidee gefehlt. Michael hat das ja noch versucht, ihm sollte man da wirklich keinen Vorwurf machen.

Betrachtet man den zweiten Teil der Hinrunde und die Vorbereitung, scheinen Sie einer der Wortführer auf dem Platz zu sein.
Aogo: Auf jeden Fall versuche ich, diese Rolle einzufordern, weil ich die Idee gut verinnerlicht habe. Ich bin ein Gefühlsmensch und sage, was ich denke. Das ist auf dem Platz oft gut. Ansonsten kann es einem schon mal Probleme machen (lacht)…

Sie waren einer der ersten, der vom internationalen Wettbewerb als Ziel für diese Saison gesprochen hat. Inzwischen folgen Ihnen sogar der Trainer und der Sportchef…
Aogo: Und das ist doch auch gut so. Wir wissen, dass es ein weiter Weg ist und unsere Ausgangslage alles andere als rosig ist. Aber wir wissen auch, dass wir noch eine Menge Potenzial haben, das in der Hinrunde ungezeigt geblieben ist. Wir müssen etliche Punkte aufholen, die wir in der Hinrunde liegen gelassen haben – und damit dürfen wir nicht warten. Das müssen wir schon gegen die ersten Drei durchziehen. Mit Dortmund geht es los.

Neben Ihnen ist Ihr Zimmerpartner bei Auswärtstouren, Heiko Westermann, der zweite Spieler auf dem Platz, der die Trainervorgaben immer wieder lautstark einfordert. Und das, obwohl er selbst mit seiner Leistung lange nicht zufrieden sein durfte.
Aogo: Bei Heiko kann man nur den Hut ziehen. Er hat sich selbst aus seiner kleinen Krise herausgezogen und in meinen Augen dann noch eine sehr, sehr gute Hinrunde gespielt. Das ist alles andere als leicht. Respekt!

Und das hat ihn innerhalb der Mannschaft als Kapitän endgültig ankommen lassen?
Aogo: Auch. Heiko ist der perfekte Kapitän. Er ist neutral und offen für alle. Er hört den Jungen zu, gibt seine Erfahrung an sie weiter und ist für die Älteren ein guter Ansprechpartner. Ihn kann nichts mehr überraschen – und daran können sich andere hochziehen. Heiko marschiert einfach immer vorneweg und übernimmt Verantwortung. Mehr geht nicht.

Das kam nicht immer an. Letztes Jahr hat Westermann zum Mannschaftsabend eingeladen. Kamen damals wirklich nur vier Spieler?
Aogo: Es waren auf jeden Fall nur wenige. Zu wenige. Ich selbst war auch nicht da, weil ich mit der Nationalelf unterwegs war. Solche Abende mit am Ende nur vier Leuten waren leider keine Seltenheit. Aber das ist heute anders. Diese Mannschaft hat Teamgeist, wie ich ihn hier noch nie erlebt habe. Heute sind wir zu zehnt gemeinsam unterwegs, gehen gemeinsam in der Disco und Mannschaftsabende sind beliebt. Wir können wieder zusammen feiern, weil wir weniger Eitelkeiten in der Mannschaft haben. Dazu kommt, dass wir altersmäßig alle etwas näher zusammen liegen und daher auch noch mehr gemeinsame Interessen haben. Aber vor allem sind alle hungrig, alle sind heiß auf Erfolg. Und Fußball spielt wieder die ausschließliche Hauptrolle.

Das klingt so, wie ich glaube, es im Trainingslager beobachtet haben zu können. Diese Mannschaft ist vielleicht individuell nicht so hochkarätig besetzt, wie es nominell in den letzten Jahren der Fall war. Aber sie hat zumindest die Basis gelegt, das Maximum aus seinen Möglichkeiten herauszuholen. Wohin das führt ist natürlich offen – aber im Gegensatz zur Hinrunde dürfen wir uns diesmal auf den Beginn der Punktspiele freuen. Denn wir dürfen wieder berechtigt hoffen.

In diesem Sinne, bis morgen. Da wird um zehn Uhr trainiert. Anschließend spricht der Trainer.

Bis morgen,
Scholle (19.19 Uhr)