Tagesarchiv für den 15. Januar 2012

Der HSV blickt nur noch nach vorne

15. Januar 2012

Friede, Freude, Eierkuchen – Hosianna HSV! Es lebe der Verein, es lebe die Demokratie, es lebe der neue Optimismus – und ein dreifaches Hoch auf die Zukunft der besten und größten Raute der Republik. Dazu viel, viel heiße Luft im CCH – vor allem im Vorfeld der Jahreshauptversammlung. Es blieb friedlich beim HSV, kein Hauch von Ohnsorg-Theater oder von Komödienstadl, es blieb größtenteils friedlich, so dass der Aufsichtsrats-Chef Ernst-Otto Rieckhoff, für den ich an diesem Tag die Note eins vergebe, zwischenzeitlich befand: „Das war bislang eine gute Diskussion, eine faire Diskussion, das hat mir sehr gut gefallen, genau so sollten wir alle im HSV miteinander umgehen.“ Ähnlich sah es Dr. Peter Krohn: „Natürlich gibt es unterschiedliche Meinungen und auch kritische Stimmen, es wäre ja auch unnormal, wenn nicht, aber alles blieb in einem fairen Rahmen, es herrschte eine gute Atmosphäre hier.“ Auch der ehemalige HSV-Präsident Ronald Wulff sah es so: „Ich hatte Schlimmes befürchtet, aber alles verlief ruhig und in den normalen Bahnen, ich bin sehr erleichtert und auch dankbar dafür.“


Und weil es eben alles sehr harmonisch abging, wurden – natürlich – auch die längst ausgeschiedenen ehemaligen Vorstandsmitglieder Bernd Hoffmann und Katja Kraus teilweise begeistert gefeiert. Und wenn sie nicht begeistert gefeiert wurden, dann gab es auf jeden Fall kräftigen Applaus. Beide waren nicht im Saale, aber sie werden es schon irgendwie erfahren. Auf jeden Fall blieb die große Abrechnung mit dem Duo aus, sodass nun wirklich und absolut und total nur noch in die Zukunft geblickt werden kann. Glückwunsch, HSV!

Auch ich werde nichts mehr zu Hoffmann/Kraus sagen, weil ich es schon lange Leid bin. Egal, was man dazu sagt, was ich dazu sage und schreibe, es gibt um die Ohren. Und deswegen bleibe ich ruhig. Kein Vorwurf mehr zu jener Summe, die Aufsichtsrats-Mitglied Manfred Ertel auf 1,7 Millionen Euro bezifferte – und nach denen im HSV bis zuletzt gefahndet wurde. Diese 1,7 Millionen sind mir, ich gebe es zu, schnurzpiepe-egal. Obwohl auch ich Mitglied des Hamburger Sport-vereins bin. Sie sind mir egal, es ist mir zudem egal, was da sonst noch alles gelaufen sein soll, gelaufen sein kann. Egal ist mir nur nicht, und das muss ich dann doch noch kurz schreiben: Wie Hoffmann/Kraus in ihren acht Jahren mit ihren Vorstandskollegen Christian Reichert (gab deswegen entnervt auf!), Dietmar Beiersdorfer und Oliver Scheel umgegangen sind, sie außen vor gelassen haben, sie teilweise mit Nichtachtung gestraft haben – das ist mir nicht egal. Und das wird mir auch in vielen Jahren nicht egal sein. Weil man so nicht mit Menschen umgeht.

Nun aber Schluss. Hoffmann/Kraus sind gefeiert worden, und das sind sie wahrscheinlich auch deshalb, weil der HSV eine gute, oftmals auch eine sehr, sehr gute Zeit unter diesen Führungskräften hatte. Das erkenne ich absolut an. Wäre auch blöd, wenn nicht, denn der sportliche Weg des HSV ging seit 2002 nach einer gewissen Durststrecke wieder nach oben – was allein schon an den Neuverpflichtungen in dieser Epoche abzulesen ist.

Friede, Freude, Eierkuchen. Der ehemalige HSV-Torwart Frank Rost war unter den Zuhörern – und wurde mit donnerndem Applaus begrüßt. Als Trainer Thorsten Fink den Saal betrat, gab es ebenfalls großen Applaus. Ebenso für die Mannschaft, die geschlossen anwesend war und ebenfalls gefeiert wurde. Beifall der 988 wahlberechtigten Mitglieder (die um 11.34 Uhr im Saal waren, später lag die Zahl bei 1200) gab es auch für den ehemaligen HSV-Präsidenten Dr. Peter Krohn, der eigentlich keine Rede halten wollte (es wäre wohl das ersten Mal gewesen!), dann aber von seiner Frau Doris ermutigt und angemeldet wurde (vielen Dank dafür!). Krohn stellte einige Fragen, aber er ermunterte alle Mitglieder auch, in Zukunft wieder und mehr „anspruchsvoller“ zu denken, denn: „Der HSV gehört nicht auf Platz 13 oder Platz zwölf, sondern wieder an die Spitze.“ Natürlich.

Großen Applaus erhielt auch Ernst-Otto Rieckhoff, der eine lange Rede für den Aufsichtsrat hielt (dessen Inhalt größtenteils vorher schon veröffentlicht worden war – ein guter und kluger Schachzug!). Der AR-Boss legte durchaus den Finger in die Wunde, ohne aber dabei zu übertreiben. Ich empfand diese (seine) Rede als angemessen und auch als äußerst wohltuend für den HSV und die Zukunft des Klubs – das war sehr gut!

HSV-Chef Carl-Edgar Jarchow begann seine Rede mit einer Art Liebeserklärung an den Klub: „Ich bin seit über 20 Jahren Mitglied und gehe jeden Tag immer wieder sehr gerne zum HSV.“ Dann wurde es ernst: „Ich habe mich ausschließlich damit zu beschäftigen, was in Zukunft mit und beim HSV passiert, dass das nicht ganz ohne Vergangenheit geht, dürfte jedem klar sein, aber ich – und werde es auch weiterhin tun – es stets vermieden, in irgendeiner Weise zu beurteilen oder mich dazu zu äußern. Ich hoffe, dass das in Ihrem Sinne ist, ich werde auf jeden Fall weiterhin so verfahren.“

Dann sprach er einen durchaus kritischen Punkt an, den ich eingangs bereits erwähnte: „Es entspricht der Philosophie dieses Vorstands, dass wir diesen HSV als Team führen möchten. Mit einer klar geregelten Verantwortlichkeit für alle Bereiche.“
Das musste offenbar doch einmal (und noch einmal) gesagt werden.
Dann gab es eine Zahl. Jarchow: „Das ausgewiesene Ergebnis des vergangenen Wirtschafts-Jahres brachte uns ein Minus von leider 4,8 Millionen Euro, was nach vielen Jahren der positiven Ergebnisse erstmals ein negatives Ergebnis bedeutet.“

Zum „Hoffmann-Kraus-Komplex“ befand CEJ: „Es ging um die Überprüfungen des alten Vorstandes nicht um Schuldzuweisungen, sondern einzig und allein darum, uns einen Überblick zu verschaffen für den Status quo. Wir brauchten vor allen Dingen einen schnellen Überblick über den finanziellen Status quo. Und dann bekam ich eine Rechnung auf den Tisch, die ich unterschreiben sollte. Und da habe ich mir erlaubt zu sagen, dass ich mich erst erkundige, was dafür geleistet wurde, bevor ich das unterschreibe. Ich finde das nicht ungewöhnliche. Nachdem ich dann feststellte, dass die Grundlagen für die Bezahlung recht lückenhaft war. Und dann haben wir gebeten, dass wir entsprechende Unterlagen erhalten – das ist ganz in Ordnung. Das ist mittlerweile geschehen, der Vorgang ist abgeschlossen, mehr gib t es dazu nicht zu sagen.“

Carl-Edgar Jarchow weiter: „Ein anderer, viel entscheidender Punkt ist der, was wir finanziell vorgefunden haben. Und was wir dann für Maßnahmen im Hinblick auf die neue Saison tun müssen. Leider stand relativ schnell fest, dass wir nicht international spielen werden. Und leider stand zudem fest, dass wir in dieser Saison 14 Millionen aus Alt-Transfers zu zahlen haben werden. Zudem stand fest, dass ausgeliehene Spieler, ich nenne zwei Namen: Rozehnal und Berg, wieder auf unserer Gehaltsliste stehen werden. Leider Gottes war das Ergebnis Teil dieser Überlegungen und Annahmen, dass wir uns ernsthaft Sorgen machen mussten. Es ging in erster Linie um die Liquidität des Vereins in der kommenden, in der jetzt laufenden Saison. Es war dann meine Aufgabe, dem neuen Sportchef Frank Arnesen relativ deutlich und schnell klar zu machen, dass er nicht, wie wohl vorher avisiert, über einen gewissen Betrag zur Verfügung haben würde für Neuerwerbungen, sondern dass er, ganz im Gegenteil, Einsparungen wird vornehmen müssen. Somit mussten Spieler gehen, die noch Verträge mit uns hatten, und es mussten Spieler gehen, deren Verträge ausliefen, für die es keinerlei Transfererlöse mehr zu erzielen gab.“ Jarchow weiter: „All das hat dazu geführt, dass wir nicht nur eingespart, sondern auch die Philosophie verändert haben. Wir haben sehr stark auf junge Spieler gesetzt.“ Das Ziel, diese Saison mit einer schwarzen Null abzuschließen, das sieht Jarchow auch deshalb als gefährdet an.

Zur sportlichen Seite des Klubs befand der Boss: „Natürlich wollen wir wieder nach oben. Wir haben aber im Moment ein Jahr, in dem wir im Umbruch sind, ich kann das Wort selbst nicht mehr hören – aber ich hoffe, dass wir sehr schnell die Tabellensituation verbessern können, dass wir dann in einem gesicherten Tabellenumfeld landen werden, um dann in der neuen Saison mit voller Konzentration an neue Ziele heranzugehen. Mir ist völlig klar, dass wir in Hamburg nicht auf Dauer um Platz zehn oder zwölf spielen, das ist nicht das, was unsere Fans erwarten, was unser Umfeld erwartet, was auch ich erwarte. Aber wir brauchen schon etwas Realismus und auch etwas Zeit. Und wir dürfen nicht wieder versuchen, wie in der Vergangenheit geschehen, unsere Ziele mit Aufsehen erregenden Verpflichtungen und Spielern erreichen zu wollen, die ihren Zenit schon überschritten hatten. Das haben wir nicht geschafft, obwohl wir nicht erfolglos waren – aber mittelfristig wollen wir uns wieder in der Spitze etablieren und um dann auch mal wieder eine Meisterschaft oder einen Pokal in diese wunderschöne Stadt zu holen.“

Dann versprach Jarchow für den Vorstand: „Wir werden uns Ihr Vertrauen erarbeiten, und wir werden uns mit ganzer Kraft für diesen Verein einsetzen. Und wir werden uns auch weiterhin für den Universal-Sportverein bekennen.“

Da gab es dann ebenfalls viel Beifall. Der ungekrönte König aber des Tages war – und zwar ganz eindeutig – Frank Arnesen. Auch für ihn wieder die Note eins. Als der Sportchef am Mikrofon stehend im Beifallssturm badete, sagte er zu Beginn seines Vortrags: „Denke, ich setze mich nun wieder . . .“ Da hatte er dann auch die Lacher auf seiner Seite. Zumal er sich natürlich nicht setzte. Der Saal war ruhig und bestens gefüllt, weil auf die Worte des Dänen alle gewartet hatten . . . Das war schon beeindruckend. Zumal Arnesen zugab, zum ersten Mal auf einer solchen Veranstaltung zu reden: „Aber es ist schön, hier zu stehen, so viele Mitglieder zu sehen, die wollen, dass es ihrem Verein gut geht.“ Und: „Wir wollen doch alle das Beste für den HSV.“

Frank Arnesen über den neuen Vorstand: „Alle Entscheidungen, die im Vorstand getroffen werden, machen wir mit allen vier Männern, ganz klar, wir machen alles zusammen, wir arbeiten als Team. Und nach acht, neun Monaten kann ich sagen, dass wir als Team sehr gut zusammenarbeiten. Wir haben hier schon einiges aufgebaut.“ Der Däne sagte auch: „Carl Jarchow hat es gesagt, es gab eine schwere Situation zu bewältigen, als ich beim HSV begann. Als ich kam, hatte unsere Mannschaft ein Durchschnittsalter von 30 Jahren, heute heißt diese Zahl 24. Das ist natürlich ein Risiko, denn junge Spieler haben naturgemäß weniger Erfahrungen, machen deshalb Fehler, das ist überall so.“ Frank Arnesen: „Mit unseren neuen und jungen Spielern haben wir aber unsere Kosten auch stark reduziert.“

Über die Ziele des HSV befand Arnesen: „Ganz klar, ich bin nicht nach Hamburg gekommen, um Mittelmaß zu sein. Wir wollen Erfolg haben, wir wollen hart arbeiten, um Erfolg zu haben, und der HSV ist kein Verein, um Mittelmaß zu sein, der HSV ist ein Klub, dessen Ziel es sein muss, ständig bei Platz vier und sechs dabei zu sein. Und wir müssen alles tun, um so gut Fußball zu spielen, wir müssen dafür sorgen, dass wir jedes Jahr hier internationalen Fußball hier haben werden.“

Zum Scouting des HSV vertrat Frank Arnesen übrigens eine ganz pikante Note – im Moment in ganz Deutschland heiß diskutiert: „Wir suchen in erster Linie in unserer näheren Umgebung, und die Zielgruppe sind 12- bis 14-jährige deutsche Spieler, dann 16-jährige nationale Spieler, und von 18 Jahren an aufwärts weltweit Talente. Daran müssen wir sehr hart arbeiten, wir müssen die besten Spieler finden – um so auch die Kosten für neue Spieler für die Bundesliga-Mannschaft zu senken. Dafür brauchen wir viele und sehr gute Scouts.“ Arnesen auch noch: „Wenn wir alle eine Familie wären, wenn hier alle zusammenstehen würden, um unsere Ziele zu erreichen, das wäre fantastisch.“ Und: „Ich will alles tun, damit der Verein seine Ziele erreicht, ich will noch lange hier arbeiten, damit es bergauf geht, ich bin sehr gerne hier.“ Es folgte langanhaltender Applaus.

Den gab es auch um 15.54 Uhr, da nämlich war der Aufsichtsrat (mehrheitlich) entlastet. Eine Einzelentlastung, für die ein Antrag gestellt wurde, war zuvor abgelehnt worden. Wohl auch deshalb, weil AR-Mitglied Alexander Otto für den Rat und dessen Zusammenhalt verkündet hatte: „Wir sind auf einem guten Weg, ein gutes Team zu sein.“ Das ist doch schön zu vernehmen . . .

Übrigens: Auch der alte Vorstand wurde entlastet, der neue Vorstand wurde entlastet, und sogar der Ehrenrat wurde (alles mehrheitlich) entlastet.

Kurz noch eine andere Personalie: Horst Becker, der ehemalige Aufsichtsrats-Chef, wurde nach seinem freundschaftlichen Verhältnis zum ehemaligen Klub-Boss Bernd Hoffmann gefragt. Becker antwortete: „Selbstverständlich hat der Aufsichtsrats-Vorsitzende mehr Kontakt zu einem Vorstands-Vorsitzenden, da kann man aber auch Ernst-Otto Rieckhoff fragen, wie oft er sich mit Carl-Edgar Jarchow trifft und getroffen hat, um gewisse Dinge zu besprechen. Alles ganz normal. Ich kann nur sagen, für meine Tätigkeit, und ich bin vier Jahre AR-Chef gewesen und 16 Jahre im Aufsichtsrat, ich habe mir nichts vorzuwerfen. Ich habe sicher bei einigen Entscheidungen in der Vergangenheit auch Fehler gemacht, wie alle, aber diese Vorwürfe, die hier in den Raum gestellt wurden, kann ich so nicht stehenlassen.“

So, um noch schnell noch einmal auf das Testspiel in Bielefeld zu kommen: Auch Thorsten Fink war nicht gerade begeistert von der Vorstellung seiner Mannschaft, die – völlig unverdient – 1:0 bei dem Drittliga-Klub gewonnen hatte. „Wir haben schlecht gespielt, die Arminia dagegen hervorragend. Wir wollten hier natürlich viel besser spielen, aber die körperliche und geistige Frische hat mir gefehlt, auch die Konzentration. Da müssen wir noch einiges machen, wir haben noch Arbeit vor uns, das haben wir gesehen, aber wir haben ja in den Spielen während des Trainingslagers gezeigt, dass wir es besser können“, sagte der Trainer. Die Mannschaft trainiert erst am Dienstag wieder im Volkspark – und Fink sagt: „Jetzt können die Spieler in Ruhe abschalten und ausspannen, dann kommen sie auch mit einer neuen Frische in diese Woche zurück.“ Und: „Man darf nicht vergessen, dass wir über drei Stunden mit dem Bus hierher gefahren sind, und dann sofort gespielt. Das erklärt doch so manche Schwerfälligkeit.“

Da zurzeit die Wahl (bzw. die Vorstellung der Kandidaten) des Vorstandmitglieds für die Belange der Mitglieder andauert, sende ich diesen Beitrag schon einmal. Und ergänze dann später, wer es denn nun geworden ist: Christian “Büdi” Blunck oder Oliver Scheel.

17.19 Uhr
In dieser Woche soll noch an der Spritzigkeit der Spieler gearbeitet werden, und es sollen auch noch Standards geübt werden.

Zur Verletzten-Situation: Mladen Petric verspürte ein leichtes Ziehen in der Wade, deswegen ist er vorsichtshalber ausgewechselt. Und ich habe eine Personalie am Sonnabend vergessen: für Jeffrey Bruma kam in der 67. Minute Michael Mancienne.

So, die Wahl Scheel/Blunck ist um 18.32 Uhr entschieden. Oliver Scheel bleibt im Vorstand, er gewann mit 751 Stimmen gegen 273 (für Blunck), sechs Stimmen waren ungültig.