Tagesarchiv für den 13. Januar 2012

Ein heißes Wochenende steht bevor – und alle hoffen auf Ruhe

13. Januar 2012

Ernst-Otto Rieckhoff hat gesprochen – und ihr konntet es lesen. Und um die Sonntagsveranstaltung (die Mitgliederversammlung beginnt um 11 Uhr im CCH, Saal 1) hier ausreichend zu behandeln, habe ich mich um die zwei Kandidaten für die Position des Vorstandes für Mitgliederbelange bemüht. Beide sollten die Möglichkeit haben, sich hier unter gleichen Bedingungen präsentieren zu können. Vorher aber, und damit wird hoffentlich meine persönliche Gewichtung der Top-Themen beim HSV klar, geht es weiter um unsere Fußballprofis, die morgen bei Arminia Bielefeld zu ihrem letzten Testspiel vor Rückrundenbeginn antreten. Und das im Übrigen komplett umsonst, soll heißen: der HSV verzichtet auf seine Antrittsgage und spendet diese der Arminia, die sich seit Jahren mit finanziellen Problemen herumschlägt. Eine feine Sache…

„Es ist schade, dass dieser Verein solche Probleme hat“, sagt Heiko Westermann, der bis 2007 als Mannschaftskapitän für Arminia Bielefeld auflief und sich sehr gern an die Zeit zurückerinnert. „Wir hatten immer 20000 und mehr Zuschauer in einem richtigen Fußballstadion auf der Alm. Und wir haben trotz Außenseiterrolle immer schon drei, vier Spieltage vor Schluss die Klasse gesichert.“ Das allerdings klappte nach seinem Weggang nicht mehr. „Dann sind sie abgestiegen – mit Robert Tesche“, scherzt Westermann, der den Test bei seinem Ex-Klub sehr ernst nimmt. „Ich glaube, dass die als Drittligateam eine ordentliche Truppe haben, dass die guten Fußball spielen.“

Immerhin ein Kaliber, das dem HSV helfen kann, letzte Feinjustierungen unter möglichst wettkampfnahen Voraussetzungen vorzunehmen, die vordinglich im Defensivverhalten liegen. Denn heute konnten bei den grausamen Wetterbedingungen (ohne den Wind ginge es ja noch…) keine Standards geübt werden, weil dabei zu viel gestanden würde und die Erkältungsgefahr zu groß wäre. Und zum Glück ist den Spieler bereits bewusst, was sie noch falsch machen. Westermann: „Wir müssen noch besser gestaffelt stehen, um nicht mehr so anfällig bei Kontern zu sein. Und im Sechzehner müssen wir konsequenter beim Mann bleiben. Denn sonst fehlt uns die Absicherung – aber das sollten wir in den nächsten Tagen noch reinbekommen.“

Dabei ist insbesondere das Sprechen miteinander auf dem Platz gefragt. Bis auf Aogo, Westermann und vereinzelt Drobny macht auf dem Platz sonst niemand Ansagen. „Wir müssen uns gegenseitig mehr coachen“, fordert der Kapitän und nennt ein Beispiel: „Wenn ein Außenverteidiger nach vorn geht, muss er abgesichert werden. Meistens vom offensiveren Mittelfeldspieler auf der Seite. Und dafür müssen sie miteinander sprechen. Besser als zuletzt, weil wir ansonsten ein zu hohes Risiko gehen.“

Einfach. Und logisch. Ebenso wie die Rechnung von Klubboss Carl Edgar Jarchow. „Wir brauchen die Punkte gegen die Großen zum Rückrundenbeginn. Und ich bin optimistisch, dass wir es schaffen und dann möglichst schnell in den einstelligen Tabellenbereich klettern. Die Mannschaft wirkt gefestigt und hat eine gute Ausgangslage“, so Jarchow, dem Westermann zumindest beim letzten Satz widersprechen wollte. „Unsere Ausgangslage ist nicht gut – aber wir wollen sie besser machen. Und dafür zählt nichts anderes als ein Sieg gegen Dortmund. Dann dürften wir auch oben noch mal angreifen. Und das ist schwer – aber dabei ist nichts unmöglich.“

Allerdings scheint ausgeschlossen, dass der HSV im Winter noch einen Neuen bekommt. Zumindest würde das nicht der zuletzt so oft beschriebene Basel-Spieler Granit Xhaka sein. Jarchow eindeutig: „Der Spieler ist der Wunschspieler des Trainers, das ist bekannt. Aber sie können sich sicher sein, dass ein Transfer im Januar nicht passieren wird.“ Weniger sicher ist derweil die Zukunft von Mladen Petric. Der Kroate soll im März in Verhandlungen mit dem Verein treten, aber bis dahin werden dem Angreifer etliche Anfragen anderer Klubs vorliegen. So, wie jetzt von FC Sevilla. Die Spanier, die momentan nicht allzu glücklich über die sportliche Rolle Piotr Trochowskis sind, sollen sich bereits bei Petric-Berater Volker Struth, den ich heute Abend leider nicht erreichen konnte, informiert haben. Aber sicher ist, es werden nicht die letzten Interessenten bleiben. Dennoch, bis da etwas konkretes vorliegt, verweisen alle Beteiligten beharrlich auf den März, in dem die ersten Verhandlungsrunden stattfinden sollen. „Wir haben nie Zweifel daran gelassen, ihn halten zu wollen“, sagt Jarchow, „und wir sind in einem guten Austausch. Da dürfte keine unnötige Unruhe entstehen.“

Zumal der Verein in Westermanns Augen diesbezüglich gerade auf einem sehr guten Weg ist. Auch ein Grund, weshalb der Kapitän der Mitgliederversammlung am Sonntag etwas kritischer gegenübersteht. „Ich kann nur sagen, dass neue Grabenkämpfe jetzt nicht helfen. Wir haben ein sehr gutes Klima inner- und außerhalb aller Gremien im Verein und sollten die jetzt angefangene gute Arbeit so auch fortsetzen. Für alle ist es doch das höchste Gut, dass wir wieder nach oben kommen – und das schaffen wir nur mit Ruhe.“

Wahre Worte, an die ich mich hier halten werde und die ich als Alibi dafür nutze, meine Beiträge zur MV am Sonntag so sachlich wie es nur geht zu halten und mir jede Wertung (selbst zu den 18 (!) Anträgen auf Änderung der Satzung) verbiete. Stattdessen wollte ich Euch hier zum einen die TOP-Liste zeigen…

Tagesordnung
1. Eröffnung und Begrüßung der Mitglieder
2. Feststellung der ordnungsgemäßen Einberufung und Beschlussfähigkeit
3. Gedenken an die Verstorbenen
4. Ehrungen
5. Feststellung der Anwesenheit
6. Genehmigung der Protokolle der ordentlichen Mitgliederversammlung vom 09.01.2011 sowie der Informationsversammlung vom 22.05.2011
7. Bericht des Aufsichtsrates (siehe hierzu vorigen Blog) und Aussprache
8. Bericht des Vorstandes und Aussprache
9. Bericht der Organe der Gesellschaften, an denen der Verein beteiligt ist
10. Bericht der Rechnungsprüfer und Aussprache
11. Entlastung des Aufsichtsrates
12. Entlastung des Vorstandes
13. Entlastung der Rechnungsprüfer
14. Berichte der weiteren Organe und Aussprache
15. Weitere Entlastungen
16. Wahl des Vorstandsmitglieds für die Belange der Mitglieder
17. Bericht des Satzungsausschusses
18. Antrag auf Änderung der Satzung durch den Vorstand des Hamburger SV, Anlage 1
19. Antrag auf Änderung der Satzung durch Ingo Thiel, Anlage 2
20. Antrag auf Änderung der Satzung durch Hans-Ulrich Klüver, Anlage 3
21. Antrag auf Änderungen der Satzung durch Dr. Andreas Peters, Anlage 4
22. Antrag auf Änderung der Satzung durch Reimund Slany und Klaus Manal, Anlage 5
23. Antrag auf Änderung der Satzung durch Tobias Lemke, Anlage 6
24. Antrag auf Änderungen der Satzung durch Claus Runge, Anlage 7 – 12
25. Antrag auf Änderung der Satzung durch Horst Becker, Anlage 13
26. Antrag auf Änderung der Satzung durch Jens Gercken, Anlage 14
27. Antrag auf Änderung der Satzung durch den Vorstand HSV Ochsenzoll-Norderstedt e.V., Anlage 15
28. Antrag auf Änderung der Satzung durch Ralf Bednarek, Anlage 16
29. Antrag auf Änderung der Satzung durch Marco Hepe, Anlage 17, a.) + b.) 30. Antrag auf Änderung der Satzung durch Jan Talleur, Anlage 18
31. Antrag auf Änderung der Satzung durch Gabriele Czarnetzki, Anlage 19
32. Antrag auf Änderung der Satzung durch Mike Schwerdtfeger, Anlage 20
33. Antrag durch Dieter Grzesik, Anlage 21, a.) + b.)
34. Antrag durch Marco Hepe, Anlage 22
35. Verschiedenes

…und zum anderen wollte ich Euch die beiden Kandidaten vorstellen, indem ich sowohl dem Amtsinhaber Oliver Scheel als auch dem neuen zweiten Kandidaten Christian „Büdi“ Blunck jeweils vier Fragen stelle. Blunck hat mich erst jetzt (18.16 Uhr) zurückrufen können, daher die späte Veröffentlichung dieses Blogs, den ich der Fairness halber unbedingt mit beiden Kandidaten haben wollte.

Zunächst Oliver Scheel:

Was erwarten Sie von der Mitgliederversammlung, Herr Scheel?
Oliver Scheel: „Ich erwarte wie immer eine hohe Teilnehmerzahl sowie eine lebhafte und faire Mitgliederversammlung wie in den letzten Jahren.“

Es gibt für ihren Posten mit Büdi Blunck einen namhaften Gegenkandidaten.
Scheel: Dass es diesmal neben mir noch einen Bewerber für den Posten des Vorstandes gibt, empfinde ich als gut, weil die Mitglieder so die Wahl haben. Dass ich dennoch unbedingt eine zweite Amtszeit meinen Posten bekleiden würde, ist selbstredend. Ich habe einige Dinge auf den Weg gebracht, die ich noch abschließen möchte. Zudem würde ich mich zu gern um die Feier zum 125-jährigen Jubiläum des HSV am 29. September kümmern.

Sie haben viel auf den Weg gebracht, sagen Sie. Ihre Kritiker sagen, es sei zu wenig bekannt.
Scheel: Ich werde mich jetzt nicht selbst feiern, aber ich kann mit großer Zufriedenheit behaupten, dass wir auf der Anlage Ochsenzoll mit der Errichtung von Kunstrasenplätzen für die Fußballer und die Hockey-Abteilung die Bedingungen deutlich verbessert haben. Ebenso durch die Errichtung des neuen Klubhauses. Die Anlage ist für die Zukunft gerüstet.

Apropos, was sind Ihre Zukunftsvisionen? Welches Projekt wollen Sie unbedingt umsetzen?
Scheel: Wie Sie wissen, liegen mir die Fans, insbesondere die jungen Fans sehr am Herzen. Daher freue ich mich, dass wir aus bislang 1300 Stehplätzen zukünftig 3000 machen wollen, indem wir Block 22c und Nord A dazunehmen. Dadurch entstehen noch mehr Stehplätze zu erschwinglichen Preisen. Die Umsetzung dieses Projektes liegt mir sehr am Herzen.“

Und dann noch Christian „Büdi“ Blunck:

Herr Blunck, was hat Sie zu Ihrer Kandidatur veranlasst?
Christian Blunck: Ich bin seit Jahrzehnten HSV-Fan und habe den Wunsch, hier etwas zu bewegen. Auch, weil ich glaube, dass der HSV auf dieser Position in dem nachvollziehbaren Umbruch auch sportliche Kompetenz braucht. Und die bringe ich mit.

Ihre Kandidatur hat also weniger den Hintergrund, dass Sie mit der Arbeit des bisherigen Vorstandes für Mitgliederbelange, Oliver Scheel, unzufrieden sind?
Blunck: Richtig. Ich trete hier nicht gegen Oliver Scheel an, sondern für den HSV.

Was erwarten Sie vom Sonntag?
Blunck: Eine konstruktive, faire Auseinandersetzung mit möglichst vielen Vereinsmitgliedern. Ich habe Oliver Scheel jetzt einige Male getroffen und muss sagen, dass wir einen sehr angenehmen, fairen Umgang miteinander haben. Wir beide wollen das Beste für den Verein – und das in unterschiedlichen Ausrichtungen. Ich glaube jedenfalls, dass der Vorstand nicht nur für die Fans und Supporters da ist, sondern als Bindeglied zwischen den Mitgliedern zum Vorstand agieren sollte.

Was sind Ihre Anliegen, wo wollen Sie etwas bewegen, etwas verändern, und verbessern?

Blunck: Ein ganz wichtiger Baustein ist der Amateursport. Da gibt es sehr viele Möglichkeiten, im Leistungs- und Jugendsport etwas zu machen, noch mehr herauszuholen.

In diesem Sinne, anbei noch die Kaderliste und voraussichtliche Aufstellung für das Spiel am Sonnabend in Bielefeld, von dem Euch Dieter vor Ort berichten wird. Die voraussichtliche Aufstellung: Drobny – Diekmeier, Bruma, Westermann, Aogo – Ilicevic, Tesche, Rincon, Jansen – Petric, Guerrero. Zudem im Kader: Mickel, Arslan, Jarolim, Kacar, Sala, Mancienne, Rajkovic, Lam, Son. Per Skjelbred laboriert weiter an seiner Schienbeinprellung, die er im Trainingslager nicht ordentlich (oder besser: gar nicht) auskuriert hat.

Bis morgen,

Scholle (18.58 Uhr)

P.S.: Anbei noch ein kleiner Hinweis für Musikliebhaber. Die neue CD „Du wirst uns siegen seh’n“ von Hamburgs Fußball-Band „ABSCHLACH!“ steht ab heute in den Plattenläden! 15 Songs rund um Hamburg und den HSV, in denen unter anderen Steffen Henssler als prominenter Gastsänger mitgewirkt hat. Ich selbst habe die CD noch nicht gehört, aber vielleicht kann mir ja einer von Euch, der sie kennt, davon berichten…

Rieckhoff kündigt Aufklärung im Fall Hoffmann/Kraus an

13. Januar 2012

Neun Tage lang hatte ich das Glück, ausschließlich über Fußball schreiben zu dürfen. Doch spätestens heute kommen auch wir hier im Blog nicht gänzlich um das Thema Mitgliederversammlung (Sonntag, 11 Uhr) herum. Und weil es schon auf HSV.de online gestellt wurde, hier ein Vorab-Blog mit der Rede des Aufsichtsratsvorsitzenden Ernst-Otto Rieckhoff. Und ACHTUNG: es sind ausschließlich die Worte Rieckhoffs, nicht von mir, nicht von Dieter oder vom Abendblatt. Einen ausgewogenen Blog zum Thema werde ich Euch nachher reinstellen. Und eines ist versprochen, ich werde dort das Thema Mitgliederversammlung zwar behandeln, aber ausreichend Fußball mit einflechten. Dennoch, hier erstmal Rieckhoffs Rede:

Liebe HSVerinnen, liebe HSVer,

am Sonntag wird der Aufsichtsrat in seinem mündlichen Bericht u.a. eingehen auf seine Aktivitäten hinsichtlich von aufgekommenen Fragen im Zusammenhang mit unseren ehemaligen Vorständen Katja Kraus und Bernd Hoffmann. Im Sinne von Transparenz und einer besseren Vorbereitungsmöglichkeit für Sie bei einer sehr komplexen juristischen Materie erhalten Sie hier einen Auszug zu diesem Thema vorab:

Nach der Amtsübernahme am 15.3.2011 hatte der aktuelle Vorstand ein berechtigtes Interesse, eine klare Abgrenzung zwischen den Aktivitäten des alten und neuen Vorstands vorzunehmen. Dazu beauftragte er eine Wirtschaftsprüfungsgesellschaft. Diese bewertete in ihrem Bericht einige vom alten Vorstand mit Dienstleistungsunternehmen und Mitarbeitern geschlossene Verträge als „auffällig“.

Anhand der verfügbaren Dokumente konnte zunächst nicht festgestellt werden, ob den Zahlungen des HSV angemessene Leistungen gegenüber standen und ob die zum Teil nötigen Gremienbeschlüsse vorlagen. Da notwendige juristische Bewertungen für diese Vorgänge fehlten, beauftragte der neue Vorstand eine angesehene Kanzlei für Personalrecht mit einer solchen Analyse. Hier kam man zu dem Schluss, dass die Zuständigkeit für weitere Untersuchungen beim Aufsichtsrat liege, denn die Satzung wie auch die Rechtsprechung verpflichte den Aufsichtsrat, das Bestehen von Schadensersatzansprüchen gegenüber Vorstandsmitgliedern eigenverantwortlich und ohne eigenes Ermessen zu prüfen und im Falle überwiegender Erfolgsaussichten grundsätzlich zu verfolgen. Folgerichtig beauftragte der Aufsichtsrat die besagte Kanzlei mit der Aufklärung offener Fragen. Nach ausführlichen Vertragsprüfungen, Sichtungen und Suche nach vorhandenen Unterlagen und Gesprächen mit Repräsentanten und Mitarbeitern des Vereins verblieben nach Feststellungen der Juristen offene Fragen zu sechs Verträgen.

Da keine ausreichende Klarheit über sämtliche Zahlungen bestand, wurde den ehemaligen Vorständen Katja Kraus und Bernd Hoffmann ein umfangreicher Fragenkatalog zugeleitet. Beide ehemaligen Vorstände haben danach anwaltlich zu den einzelnen Verträgen Stellung bezogen. Die erteilten Auskünfte wiederum zogen weitere Recherchen nach sich. Um die Haftungsfragen abschließend zu klären, hatte der Aufsichtsrat schon vorher beschlossen, die Antworten nochmals juristisch bewerten zu lassen. In seiner Sitzung vom 13.12.2011 fasste der Aufsichtsrat hierzu einen Beschluss, auf den wir später zurückkommen werden. Zuvor wollen wir im Überblick aufzeigen, um was es bei den fraglichen sechs Verträgen ging.

Fall 1:
Mit zwei Spielerberatungsagenturen sind Vergleichsvereinbarungen getroffen worden. Hintergrund waren agenturseitig beanspruchte Vermittlungshonorare. Dies erscheint ungewöhnlich, da der betreffende Spielertransfer als Voraussetzung für ein Vermittlungshonorar nicht zustande gekommen war. Nach unseren Recherchen kann aber nicht ausgeschlossen werden, dass die Vergleichszahlungen auf den Empfehlungen eigener Anwälte beruhten und mit dem Restrisiko einer erfolgreichen Inanspruchnahme des HSV durch die betreffenden Agenturen begründet wurden. In dieser Situation fehlen hinreichende Anhaltspunkte für eine Haftung der Vorstände.

Fall 2:
Es wurden überwiegend für das erste Halbjahr 2010 an eine Sportagentur monatliche Honorare gezahlt, deren Angemessenheit aus Sicht des Aufsichtsrats schwer zu beurteilen ist. Parallel bestehen Zweifel an der Angemessenheit einer zusätzlich gezahlten Lizenzentschädigung. Eine schriftliche Vereinbarung lag der Zusammenarbeit nicht von Anfang an zugrunde, sondern wurde mit der Agentur erst im Oktober 2010, also nach Beendigung der Geschäftsbeziehungen geschlossen. Dem Vertragsabschluss lag weder ein schriftlicher Vorstandsbeschluss noch ein nach Juristenmeinung nötiger Aufsichtsrats-Beschluss zugrunde. Nach aktuellem Kenntnisstand sehen unsere Juristen keine überwiegenden Erfolgsaussichten, die ehemaligen Vorstände im Hinblick auf die gezahlten monatlichen Pauschalbeträge erfolgversprechend in Regress zu nehmen.

Fall 3:
Im Oktober 2010 beauftragte der Vorstand PR-Beraterleistungen. Dieser Beauftragung an eine Agentur lagen weder ein Aufsichtsrats- noch ein schriftlicher Vorstandsbeschluss zugrunde, obwohl der vermeintliche Gegenstand der Tätigkeit auch Angelegenheiten des Aufsichtsrats betraf. Für den Aufsichtsrat steht nicht fest, ob den Zahlungen an die Agentur auch angemessene Gegenleistungen gegenüber gestanden haben; allerdings ist dies auch nicht ausgeschlossen. Aussagefähige schriftliche Leistungsnachweise liegen nicht vor, weil diese aufgrund der Vertraulichkeit des Mandats von den Vertragspartnern angeblich ausdrücklich nicht gewollt wurden. Im Ergebnis halten unsere Juristen die erfolgreiche Geltendmachung von Schadensersatzansprüchen gegen die beiden ehemaligen Vorstände für nicht überwiegend wahrscheinlich.

Fall 4:
Ein ehemaliger Mitarbeiter des HSV erhielt vergleichsweise hohe jährliche Prämien, die ab dem zweiten Jahr seiner Tätigkeit teilweise monatlich vorab und jedes Jahr in voller Höhe ausgezahlt wurden. Da die Prämie nach dem Anstellungsvertrag von einer Steigerung des Deckungsbeitrages in den von dem Mitarbeiter verantworteten Bereichen abhängig war, die Deckungsbeiträge in einzelnen Jahren aber rückläufig waren, erscheint die Auszahlung der vollen Prämie für jedes einzelne Jahr der Beschäftigung bei zusammenfassender Betrachtung als nicht gerechtfertigt. Daraus lassen sich zwar nach Einschätzung unserer Juristen hinreichende Anhaltspunkte für eine Pflichtverletzung ableiten, eine Inanspruchnahme wäre jedoch wegen eventuell anderer – unbekannter – prämienfähiger Zahlungsmotive und der nicht feststehenden Höhe eines Schadens mit einem Risiko verbunden.

Fall 5:
In dem Zeitraum von November 2003 bis September 2008 bestand mit einem Unternehmen eine Beratervereinbarung über ein verstetigtes monatliches Honorar. Darüber hinaus zahlte der HSV an das Unternehmen zusätzliche Prämien für die Herstellung von Kontakten in die Hamburger Wirtschaft. Ob bzw. welche Gegenleistungen das Unternehmen für einzelne dieser Prämien erbracht hat, ist in Ermangelung aussagefähiger schriftlicher Dokumente wie Verträge, Protokolle oder Tätigkeitsnachweise aus Sicht unserer Juristen nicht hinreichend belegt und ließe sich allenfalls durch die Befragung der betreffenden Sponsoren klären. Hiervon wird aus Gründen des übergeordneten Vereinswohls abgeraten.

Fall 6:
Für eine sportfachliche Beratungsdienstleistung in 2009 durch eine Agentur zahlte der HSV ein Honorar, wobei auch hier schriftlich dokumentierte Arbeitsergebnisse fehlen. Da hier aber mündlich erbrachte Dienstleistungen behauptet werden, ist es nicht überwiegend wahrscheinlich, dass sich bei einer prozessualen Geltendmachung eine Pflichtverletzung und ein Schaden für den HSV belegen ließen.

Soweit also der Überblick über die untersuchten Fälle. Wir weisen ausdrücklich darauf hin, dass uns bei der Berichterstattung enge juristische Grenzen auferlegt worden sind. Nahezu sämtliche der beschriebenen Verträge enthalten Verschwiegenheitsverpflichtungen für beide Vertragspartner, also auch für den HSV, so dass konkrete Inhalte aus den Verträgen nicht offengelegt werden dürfen. Der Aufsichtsrat als Gremium nimmt diese Verpflichtung, insbesondere vor dem Hintergrund der jüngsten Veröffentlichungen im Hamburger Abendblatt, ernst und wird nicht dagegen verstoßen. Überdies wäre ein wirtschaftlicher Schaden für den HSV nicht ausgeschlossen, wenn potentielle Vertragspartner zukünftig damit rechnen müssten, dass vertrauliche Vertragsdetails an die Öffentlichkeit gelangen.

Unabhängig davon hält es der Aufsichtsrat allgemein für ungewöhnlich, dass wichtige Geschäftsvereinbarungen über Hunderttausende Euro überwiegend mündlich vereinbart und die dazugehörigen Dienstleistungen mündlich und persönlich abgerufen und erbracht wurden.

Nachdem das alles in einer sehr breiten und tiefen Abwägung innerhalb des Aufsichtsrats auch in Abstimmung mit der anwaltlichen Begleitung bewertet worden ist, hat der Aufsichtsrat in seiner Sitzung am 13.12.2011 sinngemäß festgestellt und beschlossen:

Der Aufsichtsrat hat sämtliche notwendigen und zumutbaren Ermittlungen und Aufklärungsmaßnahmen durchgeführt. Die Zweifel an der Angemessenheit und Höhe der an Dienstleistungsunternehmen in den beschriebenen Fällen gezahlten Honorare bzw. an Mitarbeiter gezahlten Prämien konnten nach umfangreichen Aufklärungsaktivitäten nicht ausgeräumt werden.
Das Verhalten der ehemaligen Vorstände Katja Kraus und Bernd Hoffmann erscheint nicht in allen Aspekten angemessen und dem Vereinsinteresse zuträglich.

Gleichzeitig bestehen beträchtliche Risiken im Falle einer gerichtlichen Inanspruchnahme der beiden ehemaligen Vorstände. Deshalb sieht der Aufsichtsrat rechtmäßig davon ab, Regressansprüche geltend zu machen.
Diese Entscheidung gilt auch für die Aspekte, in denen es nach der juristischen Abwägung hinreichende Anhaltspunkte für eine Geltendmachung von Schadensersatzansprüchen geben könnte. Der Grund: Der Aufsichtsrat betrachtet entgegenstehende gewichtige Vereinsinteressen als höheres Gut. Dazu gehört eine Prozessdauer mit unkalkulierbaren Kosten gegenüber eventuellen, aber nicht bezifferbaren Ansprüchen, dazu gehören auch das Ansehen des Vereins in der Öffentlichkeit oder negative Auswirkungen auf die geschäftliche Tätigkeit. Eventuell später auftretende neue Erkenntnisse bleiben hiervon natürlich unberührt. Soweit der juristische Teil.

Aus gegebenem Anlass wegen diverser Presseveröffentlichungen stellen wir eindeutig klar, dass zu keinem Zeitpunkt jemand im Aufsichtsrat die angemessene Aufklärung insgesamt oder die der Mitgliedschaft verhindern oder gar vertuschen wollte. Auch die Darstellung im Hamburger Abendblatt vom 3.Januar, wonach der Aufsichtsrat mit 6:6 Stimmen entschied, keine Schadensersatzansprüche gegen Bernd Hoffmann zu stellen ist falsch! Richtig ist, dass kein einziger der 12 Kollegen dafür plädierte, Ansprüche zu stellen. Ja, es gab ein Abstimmungsergebnis von 6:6, das betraf aber zwei unterschiedliche Beschlussvorlagen, die sich nicht im Gesamtergebnis, sondern nur in der Tiefe der Kommunikation unterschieden haben. Mit großer Mehrheit wurde daraus dann entschieden, eine weitestgehende Information zu geben, die allerdings sämtlichen juristischen Aspekten zu unterwerfen war, genau so, wie wir es hier vortragen.

Der Aufsichtsrat will die Diskussion sachlich und unaufgeregt führen, die erfolgte emotionale Aufladung durch skrupellos gezielte Indiskretionen im Vorwege der Versammlung verurteilen wir und lehnen jegliche Verantwortung dafür ab. Dem Aufsichtsrat geht es hier um Aufklärung, nicht um eine Abrechnung. Das muss auch aus Respekt angesichts von unbestreitbaren Verdiensten in der achtjährigen Amtszeit von Katja Kraus und Bernd Hoffmann so gesehen werden.

Bitte seien Sie versichert, dass der Aufsichtsrat seinen Kontrollpflichten gegenüber den beiden ehemaligen Vorstandsmitgliedern vollumfänglich nachgekommen ist und die Vertragsbeziehungen sorgfältig geprüft hat. Sämtliche hierauf bezogenen Entscheidungen des Aufsichtsrats wurden unter sorgfältiger Abwägung zwischen den juristischen Gesichtspunkten und auch den Interessen des HSV getroffen. Die gesamte Analyse hat auch aus Juristensicht keinerlei Anhaltspunkte für Verfehlungen des Aufsichtsrats ergeben.

Soviel zu dem Thema, was den Aufsichtsrat in den letzten Monaten maßgeblich beschäftigt hat. Mit dieser abschließenden Darstellung und einer Diskussion hierüber am Sonntag erwarten wir, dieses viel zu lange dauernde Kapitel abzuschließen. Es ist nicht mehr länger zu verantworten, weiterhin Zeit, Geld und Ressourcen des Vereins in dieser Angelegenheit aufzuwenden.

Was lernen wir aus diesem Vorgang?
Der Aufsichtsrat wird Konsequenzen aus den gewonnenen Erkenntnissen ziehen. Wir werden uns beschäftigen mit der Ausweitung der Kontrollbefugnisse des Aufsichtsrats auf die Tochtergesellschaften, wobei auch die Konzernstruktur auf den Prüfstand kommen wird sowie mit der Aufgabenerweiterung für die Wirtschaftsprüfer hinsichtlich von Satzungskonformitäten.

Die Mitglieder des Aufsichtsrats sind fest entschlossen, aus den Vorkommnissen der Vergangenheit zu lernen und es besser zu machen. Ich bitte Sie für die vor uns liegenden Aufgaben alle um Ihr Vertrauen und um ihre Unterstützung.

Für den Aufsichtsrat, Otto Rieckhoff