Tagesarchiv für den 12. Januar 2012

Hoffentlich wird die Rückrunde so gut wie das Trainingslager

12. Januar 2012

Acht Tage in Spanien sind vorbei, der HSV ist abgereist – und Thorsten Fink um einige Erkenntnisse reicher. „Wir hatten ein super Trainingslager mit besten Rahmenbedingungen. Das war absolut top. Und wir haben einen weiteren Schritt nach vorn gemacht“, freute sich der Übungsleiter, wohlwissend, dass er auch noch eine Menge Arbeit vor sich hat. Denn noch immer klafft zwischen Offensive und Defensive eine offensichtliche, große Lücke. „Es funktioniert eigentlich alles sehr gut, selbst unsere Defensive. Es sei denn, wir bringen uns durch eigene Fehler selbst in Schwierigkeiten. Und das machen wir noch zu oft. Deshalb werden wir die Tage in Hamburg bis zum Dortmund-Spiel nutzen, um genau diese Schwächen zu bearbeiten und abzustellen. Das und Standards werden Inhalt unserer Einheiten werden.“

Gipfeln soll alles, da sind sich Spieler, Vorstand und Trainerteam einig, in einem absolut machbaren Sieg gegen Borussia Dortmund zum Rückrundenauftakt am 22. Januar in der Imtech-Arena. Fink gerät bei diesem Gedanken ein gleich ins Schwärmen: „Was das für eine Euphorie auslösen würde! Das erste Rückrundenspiel, ein ausverkauftes Haus – solche Spiele können einen weit tragen. Und diese Chance wollen wir nutzen.“

Dafür hat Fink in Marbella vermehrt Einzelgespräche geführt. „Wir sind in einer guten Form. Und das Beste ist ja an diesen Trainingslagern, dass man eng beieinander ist, man hat kurze Wege und viele Gelegenheiten, sich auszutauschen. Ich habe mich mit vielen besprochen, ihnen Videos gezeigt mit Dingen, die wir verbessern müssen, können und wollen.“ Insbesondere das Gespräch mit Tolgay Arslan ist bei Fink hängengeblieben. „Den kannte ich ja fast gar nicht. Er hatte nie mittrainieren können und ich in Hamburg zu wenig Zeit. Ich wusste, dass er in Aachen schon gute Ansätze gezeigt hatte. Und jetzt habe ich es bei uns gesehen und ihn kennengelernt. Er hat keine Angst, das gefällt mir. Wir brauchen Leute, die unbedingt gewinnen wollen und auch gegen namhafte Gegner wie Bayern München mutig sind und frech aufspielen“, freute sich Fink über den seit der Sommervorbereitung erstmals wieder voll mittrainierenden 21-Jährigen. „Es war ein sehr gutes Gespräch mit ihm. Ich hatte insgesamt aber viele gute Gespräche – auch mit Mladen.“

Wobei es sich im Dialog mit dem Kroaten auch um dessen Zukunft in Hamburg gehandelt haben dürfte. Zwar behauptet Fink, hierfür gebe es die klare Absprache, sich im März zusammenzusetzen, allerdings lässt er keinen Zweifel daran, für wie wertvoll er Petric hält. „Wenn Mladen wiederkommt, gewinnen wir eine große Menge Torgefahr“, so Fink, „auch Paolo Guerrero wird dadurch noch gefährlicher, weil sich die Abwehrreihen der Gegner plötzlich auf zwei Angreifer konzentrieren müssen. Und diese zweite Person hat uns zuletzt schon gefehlt, weil Marcus Berg verletzt ist und Sonni (Heung Min Son, d. Red.) natürlich noch sehr jung ist und lernen muss.“ Drei Tore bei drei Einsätzen (gegen Lokeren, Brügge und Den Haag) konnte Petric als Argumente für sich beisteuern – und dazu die Erkenntnis, dass der feine Linksfuß auch als kreativer Gestalter hinter dem vordersten Angreifer funktioniert. Denn keiner im Team (außer Tesche vereinzelt) spielte so überraschende Pässe, die zum Torabschluss führten. Fink: „Mladen ist sportlich auf einem sehr guten Weg.“

Und der führt direkt zurück in die Stammelf, die für keinen mehr ein großes Geheimnis sein dürfte. „Viele Unklarheiten gab es ja auch vorher schon nicht mehr“, so der Coach, dem durch die Verletzung Gökhan Töres eine schwierige Entscheidung abgenommen oder zumindest deutlich leichter gemacht wurde. Womit ich zu den ersten zwei Gewinnern des Marbella-Trainingslagers komme: Marcell Jansen und Ivo Ilicevic. Beide dürften ihren Startplatz auf der linken bzw. auf der rechten Mittelfeldseite sicher haben, nachdem sich der Deutsch-Türke heute in Köln am Meniskus hat operieren lassen müssen. Töres Pause setzen die HSV-Ärzte mit voraussichtlich sechs Wochen an. Und in der Zwischenzeit konkurrieren die beiden Bundesligaerfahrenen zwar mit Tolgay Arslan (den Fink allerdings eher als hängende Spitze sieht) und Zhi Gin Lam – allerdings dürfte die Sache hier relativ klar sein, wenn sich keiner mehr verletzt.

Und das obwohl Lam im Trainingslager zu gefallen wusste. Weniger mir – ich fand Lam ordentlich aber eher unauffällig, dafür aber dem Entscheidenden: dem Trainer. „Zhi Gin hat einen weiteren Schritt gemacht“, so Fink, „er entwickelt sich gut, trainiert gut – und er spielt ordentlich.“ Dennoch dürfte er hinter Ilicevic und Jansen „nur“ als Backup zu sehen sein, was auch für Jacopo Sala gilt. Worüber sich der Italiener freuen dürfte, denn zu Beginn der Vorbereitung deutete alles darauf hin, dass er verliehen würde, was noch immer nicht ausgeschlossen ist. „Natürlich hat er gut gespielt und sich aufgedrängt“, lobt Fink und schränkt ein: „Aber es ist auch immer eine Frage der Konkurrenz. Das Beispiel Maxi Beister hat gezeigt, dass ein Leihgeschäft oft der richtige Weg ist. Und auf der Position ist die Konkurrenz sehr groß.“ Zumal wie oben erwähnt mit Arslan und auch Heung Min Son zwei flexibel einsetzbare Offensivspieler für die Außen in Frage kommen. Dennoch, und das muss man Sala bescheinigen: der smarte Rechtsfuß hat in den Spielen überzeugt. Er wirkte aggressiv in den Zweikämpfen, wollte nahezu jeden Ball haben – und er traf. Einzig körperlich muss der schmaler gebaute 79 Kilogramm leichte 1,84-Meter-Mann noch etwas zulegen.

Wenigstens dann, wenn er sich für die Position neben dem gesetzten Tomas Rincon empfehlen will. Dort ist durch Gojko Kacars Fußverletzung eine Position frei geworden. „Das ist ganz bitter für Gojko“, sagt Fink, „aber so ist das im Fußball nun mal. Auch wenn die Verletzungen von Töre und Gojko bitter sind, sie sind ersetzbar.“ Und gerade auf der Doppelsechs stehen mit David Jarolim (dem der Trainer klar gesagt hat, dass er der Ersatz für Rincon ist), Per Skjelbred und Robert Tesche gleich drei potenzielle Kandidaten bereit, von denen Robert Tesche in Marbella den besten Eindruck hinterließ. Zumindest bei Fink. „Robert hat gut gespielt, hat sich gezeigt. Aber er wie alle anderen müssen wissen, dass wir in der Rückrunde nur 17 Spiele haben.“ Wodurch Einsatzzeiten noch mal aufgewertet würden. Fink: „Da kann es schon mal passieren, dass jemand nicht damit rechnet und dennoch auf der Tribüne sitzt.“ Zumal dann, wenn der HSV seinen Wunschspieler Granit Xhaka doch noch vom FC Basel losgeeist bekommt.

Aber das steht noch in den Sternen. Fakt ist hingegen, und das macht mich besonders optimistisch: diese Mannschaft spricht nicht nur von Teamgeist, sie hat ihn auch. Von der Nummer eins bis 44, vom Zeugwart bis zum Cheftrainer – es herrscht Harmonie. Es ist mit Sicherheit individuell-qualitativ nicht die beste Mannschaft der letzten zehn Jahre, aber die erste seit Frank Pagelsdorf 1999/2000, die auch als echte Einheit auftritt. Dazu zählen auch gemeinsame Unternehmungen wie gestern Abend, wo zunächst alle Neuen (auch das Trainerteam) einen Einstandssong vor versammelter Truppe schmettern mussten und die Mannschaft anschließend geschlossen in eine Lokalität zog. Zum Vergleich: Letztes Jahr hatte Mannschaftskapitän Heiko Westermann anlässlich der Geburt seines Kindes zum gemeinsamen Umtrunk die ganze Mannschaft eingeladen. Und es kamen gerade mal vier Spieler…

Fink freut sich über den neuen Spirit, warnt aber zugleich: „Die Mannschaft macht auf mich einen sehr guten Eindruck, der Teamgeist ist da. Das ist wirklich gut. Aber wir dürfen uns nicht nur in den Armen liegen. Wir brauchen natürliche Reize, die sich daraus ergeben, dass jeder Spieler weiterkommen und spielen will.“ Denn dann könnte das Unternehmen HSV 2012 erfolgreicher werden, als es viele denken. Fink reizt der Rückrundenstart auf jeden Fall. „Der HSV ist ein unfassbar spannendes Projekt. Der Verein hat alles: eine tolle Stadt, eine hervorragende Infrastruktur, einen sehr guten Mannschaftskern und tolle Fans. Es wurden tolle Dinge aufgebaut. Da lässt es sich für einen Trainer hervorragend arbeiten.“ Und diese Begeisterung zeigt Fink. Er lebt sie seinen Spielern vor und zieht sie mit. Hoffentlich mit dem gewünschten Erfolg.

In diesem Sinne, auf dass die Saison so gut wird, wie das Trainingslager, das zwar von der Trainingsintensität nicht mit sonstigen Vorbereitungs-Trainingslagern vergleichbar ist (die Mannschaft absolvierte in der kürzeren Pause als sonst individuelle Trainingsprogramme und wurde zum Trainingsstart vor einer Woche gecheckt), das aber gezeigt hat, dass die Idee vom Spiel Thorsten Finks angenommen wird. „Jeder einzelne weiß genau, was der Trainer von ihm verlangt – das war nicht immer so“, fasst Dennis Aogo zusammen, „und wir wissen, dass alles möglich ist, wenn wir die Idee des Trainers verinnerlicht haben. Und dafür fehlen nur noch Kleinigkeiten.“

Klingt gut, sieht gut aus. Hoffentlich wird es jetzt auch gut.

Bis morgen,

Scholle (18.16 Uhr)

So sieht derzeit die erste Elf aus:

Drobny (gewohnt sicher) – Diekmeier (als Vorbereiter top, defensiv ausbaufähig), Westermann (muss am Aufbauspiel arbeiten, ansonsten in Topform), Bruma (zweikampfstark aber etwas unkonzentriert. Er muss seine vielen Stockfehler abstellen), Aogo (solide) – Ilicevic (wirkt heiß, spritzig und agil – er muss aber effektiver werden), Rincon (zerstört jeden Gegner), Tesche (noch inkonstant aber mit guten Ansätzen), Jansen (wirkt fit, versucht viel über außen) – Guerrero (erarbeitet sich viele Chancen, von denen er allerdings noch zu viele liegen lässt), Petric (die personifizierte Torgefahr – als Stürmer und Vorbereiter)

P.S.: Am Freitag wird um zehn Uhr an der Arena trainiert.

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