Tagesarchiv für den 8. Januar 2012

HSV schlägt Daums Belgier – Töre zurück in Hamburg

8. Januar 2012

Im zweiten Test des Jahres gab es vor 500 Zuschauern gegen den belgischen Erstligisten FC Brügge den zweiten Sieg. Mit 2:1 wurden die vom deutschen Coach Christoph Daum trainierten Belgier dank einer massiven Leistungssteigerung in der zweiten Hälfte bezwungen werden. „Wir haben ein rassiges Spiel gesehen, das beide Mannschaften unbedingt gewinnen wollen.“ Der HSV gewann es – allerdings ungeahnt mühevoll.
Denn die Mannschaft tat sich zunächst sehr schwer, hatte insbesondere in der Innenverteidigung arge Schwierigkeiten mit den deutlich bissigeren und schneller wirkenden Belgiern. Von Beginn an. Gerade einmal zwei Minuten waren gespielt, als der FC Brügge seine erste Hundertprozentige hatte. Nachdem der ansonsten sichere Jaroslav Drobny zu zögerlich aus seinem Kasten konnte FC-Stürmer Bjorn Verminckx den HSV-Schlussmann überlupfen, zielte aber einen Tick zu hoch. Und nachdem das Spiel knappe 20 weitere Minuten vor sich hin plätscherte und der HSV weniger durch Offensivszenen denn durch Fehlpässe und defensive Stellungsfehler. „Wir haben in der ersten Hälfte zu lasch gespielt, das hat mir nicht gefallen, da fehlte die Einstellung“, schimpfte Fink nach dem Spiel.

Logische Konsequenz der Schlafmützigkeit war das 0:1 in der 21. Minute, als wieder Verminckx frei vor Drobny war, der diesmal allerdings schuldlos das 0:1 per Kopf aus fünf Metern kassierte. Ein Treffer, der die Mannschaft kurzzeitig wachrüttelte. Zunächst lief Diekmeier allein auf FC-Keeper Bojan Jorgacevic zu (27.), sein Fehlpass wurde vor dem einschussbereiten und besten HSVer, Mladen Petric, geblockt. Den Nachschuss vergab Guerrero. Und acht Minuten später vergab der Kroate, freigespielt von Ivo Ilicevic aus 16 Metern. Auf der Tribüne blieb Trainer Thorsten Fink weitgehend ruhig. Auch die Ansagen waren kurz, sachlich und in ruhigem Ton.

Und das schien Früchte zu tragen. Denn nach vier Wechseln in der Halbzeitpause präsentierte sich die Mannschaft wie um 180 Grad gedreht. „Ich habe der Mannschaft klar meine Meinung gesagt. Ich habe ihnen gesagt, dass ich dieses Spiel unbedingt gewinnen will.“ Und die Mannschaft setzte es um. Aggressiv in den Zweikämpfen, ballsicher und Pressing spielend kamen die Mannschaft früh zum Ausgleich. Wieder einmal wurde Dennis Diekmeier, der eine gute Partie machte, auf rechts steil geschickt – diesmal erfolgreich -, seinen Querpass konnte Petric zum 1:1 verwerten. Und der HSV blieb die bessere Mannschaft, setzte die Belgier so unter Druck, dass diese sich nur noch durch übertriebene Härte zu wehren wussten. Opfer: Zhi Gin Lam. Der Mittelfeldspieler, der für Marcell Jansen (Oberschenkelprellung) eingewechselt worden war, wurde von FC-Kapitän Carl Hoefkens unmittelbar vor der Auslinie in die Banden getreten – die allerdings aus Stein war. Eine kurze Rudelbildung konnte schnell geschlichtet werden, aber obwohl Lam zunächst weiterspielen konnte, musste er später mit einer Rückenprellung ausgewechselt werden. Die unschönste Szene eines Spiel mit zwei grundverschiedenen Spielhälften. Trost für den HSV: In der 86. Minute konnte der eingewechselte Jacopo Sala („Ich will zu 100 Prozent beim HSV bleiben, nicht ausgeliehen werden“) nach einer schönen Flanke von Heung Min Son den 2:1-Siegtreffer (86.) erzielen.
Und so haben sie gespielt: Drobny – Diekmeier, Bruma (46. Rajkovic), Westermann, Aogo (76. Sternberg) – Ilicevic (46. Son), Jarolim (46. Rincon), Skjelbred (46. Tesche), Jansen (39. Lam, 68. Arslan) – Petric (62. Sala), Guerrero (90. Bergmann).

Nicht mitwirken konnte dabei logischerweise Gökhan Töre. Wie heute Morgen schon angekündigt, ist der Deutsch-Türke inzwischen wieder nach Hamburg abgereist, um sich dort noch mal eingehenden Untersuchungen zu unterziehen. Mit einer Knieschiene wurde der Offensivspieler heute um 14 Uhr von Team-Betreuer Tim Quathammer zum Flughafen nach Malaga gefahren. Die Bilder der Kernspintomografie in Marbella waren nicht eindeutig genug, hatten keinen ausreichenden Befund ergeben. Lediglich der als wahrscheinlich bezeichnete Verdacht auf eine Meniskusverletzung bestand. Der Linksfuß hatte zwar direkt nach seiner verletzungsbedingten Auswechslung gegen Lokeren noch gesagt, es sei nicht schlimm. Allerdings konnte Töre in der darauf folgenden Nacht ob der Schmerzen nicht schlafen. Deshalb entschieden sich die HSV-Verantwortlichen dafür, das Knie per Kernspin in einer Klinik untersuchen zu lassen – mit dem bekannten (Nicht-)Ergebnis. Dass das gegen Brügge besser war, vermochte heute Fink nur bedingt zu trösten. Dennoch stellte der auch klar: „Das ist sehr schade für Gökhan. Er hat eigentlich immer gespielt und war Vorbereiter von vielen guten Szenen. Dennoch haben wir einen Kader, in dem wir jeden ersetzen können. Wir müssen nicht jammern.“ In diesem Fall würden sich sogar lange diskutierte Dinge von selbst lösen. Wie die Konkurrenz auf den Außenbahnen. Dort haben durch Töres Verletzung jetzt Ivo Ilicevic und der ebenfalls seit heute angeschlagene Marcell Jansen kaum noch Konkurrenz.
Zufrieden mit dem Test präsentierte sich auch Christoph Daum. Der Brügge-Trainer hatte zuvor bei uns in der Runde gesessen. Anstatt in einer lockeren Atmosphäre mit den wenigen Hamburger Journalisten wollte Brügges Pressesprecher zwar lieber den kahlen, offiziellen Pressekonferenzraum nutzen. Dennoch, die normal übliche Distanz bei einem derart offiziell gehaltenen Treffen kam nicht auf, und das lag vor allem an Daum selbst. Der Brügge-Trainer wirkte entspannt, locker und extrem freundlich. Und so, als freute er sich, mal wieder mit Journalisten aus seinem Heimatland zu sprechen. Und das macht Daum noch immer sehr gern. Keine Frage, die zu kurz beantwortet wurde. Im Gegenteil. Selbst als Brügges Pressesprecher nach 35 Minuten signalisierte, abbrechen zu wollen, ließ sich Daum nicht hindern und plauderte munter weiter. Und er hatte eine Menge zu erzählen.

Beispielsweise über seine Kontakte zum HSV. „Ich bin mit Thorsten und Frank seit einigen Jahren befreundet“, so Daum, der dann für mich überraschend hinzufügte: „Ich wollte Frank damals als Spieler für Köln verpflichten. Allerdings hat er sich damals leider für Eindhoven entschieden.“ Mit dem bekannten Ergebnis, dass Arnesen dort seine Karriere beendete, während Daum in dem damaligen Spieler Thorsten Fink bereits einen angehenden Trainer sah und heute lobt: „Thorsten kenne ich schon lange, uns verbindet eine lockere Freundschaft“, so der 58-Jährige, der als Beispiel seine Hüft-OP 2006 nennt, als er in München operiert worden war und fast täglich von Fink besucht wurde. „Thorsten ist ein Glücksfall für den HSV. Er hat schon als Spieler wie ein Trainer gedacht. Es war immer zu sehen, dass er später mal erfolgreich würde.“ Auch deshalb sieht Daum für den HSV besser Zeiten kommen. „Der HSV ist in der Konsolidierungsphase, kann aktuell nicht so aus dem Vollen schöpfen wie noch vor ein paar Jahren. Aber er geht den richtigen Weg mit jungen Talenten. Einen Weg, den viele beschritten haben und der dem HSV neue Erfolge bringen wird.“

Dass es schon in dieser Saison bis zu einem internationalen Rang reichen kann, wollte Daum so nicht bestätigen. „Ich bin nicht nah genug dran, um es wirklich bewerten zu können. Aber wenn ich aus einer so schwierigen Phase komme, ist das schon ein sehr hohes Ziel. Ich wäre nach diesen Problemen und dieser Finanzlage glücklich, wenn ich im gesicherten Mittelfeld landen würde. Allerdings hätte ich auch nichts dagegen, wenn sie meine Erwartungen übertreffen würden.“

Wir auch nicht.

Wie oben bereits beschrieben, war es ein sehr nettes Gespräch mit Daum, der keine Frage unbeantwortet ließ. Außer die, ob er mal in ernsthaften Verhandlungen mit dem HSV stand. „Dazu sage ich nichts“, so Daum, der die Bundesliga zusammen mit Spaniens Primera Division noch immer als zweitbeste europäische Liga ansieht. Einzig die englische Premier League sei für ihn ein noch erstrebenswerteres Ziel. Ebenso wie ein Endturnier als Nationaltrainer – für welches Land ließ er offen. Und nach ein paar lobenden Worten über seine neue Heimatstadt Brügge und seinen neuen Arbeitgeber („Wir würden in der Bundesliga um Platz 12 herum einlaufen“) kam er kurz auf sich persönlich und seinen Abschied aus der Bundesliga zuletzt als Trainer bei Eintracht Frankfurt zu sprechen. Immerhin hatte sein Vorgänger bei der Eintracht, Michael Skibbe, zuletzt offen gesagt: „Mit mir wäre Frankfurt nicht abgestiegen.“ Daum, der früher bei solchen Aussagen gern mal explodiert ist, blieb komplett ruhig. Er nahm die Aussage sogar mit Humor: „Da kann ich gar nichts gegen sagen, ich kann es ja eh nicht widerlegen“, so Daum mit einem Lächeln, ehe er hinzufügte: „Damals, als mich Heribert Bruchhagen angerufen hat, habe ich ihn ja sogar noch versucht zu überreden. Ich habe Heribert damals gesagt, dass ich an seiner Stelle gerade nach dem Frankfurt-Sieg gegen Pauli weiter mit Michael Skibbe arbeiten würde.“ Ein seltener Vorgang.

Und nachdem Daum erklärt hatte, dass er Dortmund als dauerhaft ernstzunehmenden Konkurrenten für den FC Bayern sieht und den Transfer von Reus zum BVB als „sensationell weitblickend“ bezeichnet hatte, war Schluss. Fast zumindest. Eine Frage hatten wir dann doch noch, immerhin spielt mit Vadis Odjidja-Ofoe ein ehemaliger HSVer bei ihm in Brügge. „Vadis hat sich super entwickelt“, so Daum über den Spieler, der in Belgien zur Wahl des besten Spielers 2011 steht und Angebote aus einigen europäischen Ländern vorliegen haben soll. „Wir wollen ihn gern halten“, so Daum, „auch wenn wir wissen, dass es ganz schwer wird. Letztlich aber müssen wir uns eingestehen, dass Belgien eben doch eine abgebende Liga ist.“
Aber okay, so viel zu Daum, zurück zum HSV. Der hatte heute Morgen bereits seine erste Einheit absolviert. Allerdings nur ganz locker. Zu Beginn der Einheit kamen alle Spieler wie sonst im Kreis zusammen. Diesmal allerdings auch, um zwei ihrer Leute zu feiern: Michael Mancienne und Co-Trainer Frank Heinemann, die beide heute ihren Geburtstag (24 und 47) feiern. Anschließend ging es locker weiter. Kurzes Aufwärmen mit Nikola Vidovic, Torschussübungen im Wettkampfstil und ein kurzes Abschlussspiel über den halben Platz. Dies allerdings ohne Mancienne. Der Engländer musste mit Schmerzen im linken Oberschenkel bereits nach dem Aufwärmprogramm passen und konnte beim Spiel gegen Brügge nicht mitwirken. Insgesamt bot sich den wenigen Fans nach Trainingsende ein Bild, das besorgniserregender wirkte, als es in Wirklichkeit sein sollte. Da wurde David Jarolim (leichte Muskelprobleme im Oberschenkel) behandelt, Gojko Kacar ließ sich seine Dauerprobleme am rechten Fuß behandeln. Und auch Mladen Petric machte mit Physiotherapeut Stefan Kliche Übungen – allerdings komplett präventiv, wie er glaubhaft versicherte.

Denn der Schweizer ist endlich wieder gesund. Musste er im Sommer noch einen großen Teil der Vorbereitung passen, kann er in dieser Wintervorbereitung bislang alles uneingeschränkt mitmachen. „Ich bin gesund und froh, dass 2011 vorbei ist. Ich war mit dem Jahr 2011 nicht wirklich glücklich“, sagt Petric – und er wirkt gelöst. Trotz der noch ungeklärten Vertragssituation. „Das ist für mich gar nicht das Thema im Moment“, sagt Petric, „ich bin ganz entspannt, weil ich mich einfach gut fühle und auf das nächste halbe Jahr freue. Ich bin wieder hoch motiviert, will Fußball spielen. Es macht einfach wieder Spaß und wir sind auf einem guten Weg.“ Dass sein Vertrag im Sommer ausläuft und er noch kein konkretes Angebot vom HSV vorliegen hat – es stört Petric scheinbar wirklich nicht.
Muss es auch nicht. Schließlich erhöht sich von Tag zu Tag die Wahrscheinlichkeit, dass der HSV Mitbieter bekommt. Aktuell soll sich Borussia Mönchengladbach mit Petric-Fan Lucien Favre als Trainer und 17,5 Millionen Euro Ablöse für Marco Reus im Gepäck um die Dienste des Angreifers beworben haben. „Davon weiß ich nichts. Das ist für mich auch nicht das vorherrschende Thema“, wiederholt Petric. Der Angreifer möchte sich zu diesem Thema nach nunmehr sechs Monaten mit immer den gleichen oder zumindest sehr ähnlichen Fragen nicht mehr äußern. Und ganz ehrlich: Wer will es ihm verübeln? Stattdessen verweist er wie zuvor schon Sportchef Frank Arnesen darauf, dass es vereinbart sei, im März die Gespräche aufzunehmen. Zumal auch Petric weiß, dass sich der HSV zunächst orientieren muss, was künftig finanziell machbar ist. Immerhin zählt Petric mit Sicherheit zu den besser verdienenden HSV-Profis – und dazu dürfte er bei einer Vertragsverlängerung auch weiterhin zählen.

Dennoch sind das alles Dinge, die Petric nicht interessieren. Zumindest noch nicht. Vielmehr beschäftigt ihn der Rückrundenstart. Schon zu Saisonbeginn hatte der Kroate angedeutet, dass für ihn neben Laufzeit und Finanzen vor allem die sportliche Entwicklung der Mannschaft wichtig sei. War die zu Beginn noch nicht absehbar und eher deprimierend nach den ersten sechs Partien, ist Petric jetzt zuversichtlicher. Deutlich zuversichtlicher sogar. „Wir haben unter Thorsten Fink noch nicht ein Spiel verloren. Ohne die ersten sechs Spiele würde es sicher deutlich besser aussehen. Wir sind natürlich immer noch im Aufbau, aber auf einem guten Weg.“ Vor allem dank der positiven Art von Trainer Thorsten Fink. „Sein Optimismus kommt bei uns super an. Wie seine Philosophie insgesamt. Es wurden viele Dinge schon sehr gut umgesetzt – und ich glaube auch, dass wir uns in Zukunft wieder stabilisieren.“ Mit Petric? Klar ist, dass der Torjäger umziehen will – mit Kind und Frau. Zwar ist momentan noch kein weiterer Nachwuchs in Sicht, aber auch alles andere als ausgeschlossen. Deshalb soll es jetzt etwas größer werden. Unklar ist nur, ob es aus Hamburg raus oder innerhalb Hamburgs passieren wird. „Für sie wäre es sicher schön zu wissen, wie und wo es weitergeht.“

Dieselbe Frage stellt sich derzeit für Granit Xhaka. Der 19-jährige Schweizer ist vom HSV umworben, seinem aktuellen Klub FC Basel wurde bereits ein offizielles Angebot unterbreitet. Rund sieben Millionen Euro soll der HSV geboten haben. Eine Summe, die hier im Blog sehr kontrovers diskutiert wurde. Allerdings bestätigte Petric meine ersten Informationen, dass es sich bei dem Mittelfeldspieler um eine echte Verstärkung handelt. „Xhaka gehört zweifellos zu den Super-Talenten, von denen die Schweiz derzeit einen Korb voll hat. Ich verfolge die Schweizer Liga und habe ihn ein paarmal gesehen und kann sagen, dass er ein riesengroßes Talent ist.“ Und das ist ab Montag in Marbella…

In diesem Sinne, bis morgen!
Scholle (20.03 Uhr)

P.S.: Leider fiel am Platz das WLAN aus, wodurch ich erst zum Hotel zurückfahren musste und entsprechend leider erst 30 Minuten später senden konnte.

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