Tagesarchiv für den 3. Januar 2012

Fink: “Wir brauchen sicherlich auch Glück”

3. Januar 2012

Gut erholt sieht er aus, braungebrannt ist er auch – und wirkt auf mich schon wieder voller Elan, unheimlich unternehmungslustig. Thorsten Fink ist „heiß“, es hat den Anschein, als wenn er am liebsten schon morgen damit beginnen würde, mit seinem Team das Feld der Bundesliga von hinten aufzurollen. Heute aber war erst Trainingsauftakt 2012 im Volkspark, und der war bei Regen und Sturm sehr ungemütlich, morgen gibt es dann am Nachmittag die erste Einheit im spanischen und wohl sonnigen Marbella. Ein Ziel, das vom HSV-Trainer offenbar geliebt wird, denn mit dem FC Bayern war er bereits mehrfach dort, und auch zuletzt mit dem FC Basel zweimal. Damit könnte man Marbella auch als Meisterschmiede bezeichnen, aber mit der Meisterschaft hat der HSV in diesem Jahr ja noch nichts im Sinn. Aber dann . . .

Es wird ab sofort wieder (einmal) dran „gebastelt“. Wobei in den künftigen Jahren ja die Verjüngungskur fortgesetzt werden soll, denn beim HSV soll ja verstärkt auf den eigenen Nachwuchs gesetzt werden. Auch wohl deswegen ist morgen der talentierte Dennis Bergmann mit von der Partie, der von der U 19 kommt. Fink erklärt: „Ich habe die Jugend-Mannschaften ja noch nicht sehen können, aber Otto Addo hat mir den Jungen empfohlen. Und ich nehme ihn mit, um ihn erstens sehen zu können, und zweitens weil wir auf der rechten Verteidiger-Position nach Dennis Diekmeier keinen zweiten Mann haben. Ich will die jungen Leute kennen lernen, ob es aber reicht für den ersten Kader in der Zukunft, das wird man sehen müssen.“

Für Thorsten Fink wird Marbella zu einem zweiten Start beim HSV, denn als er vor Wochen den Job von Michael Oenning übernahm, da musste er eigentlich einfach nur durchstarten. Mit dem, was ihm überlassen worden war. Nun aber, wo es bis zur Rückrunde noch einige Wochen gibt und damit die Zeit, einiges einzuüben was nach „Handschrift Fink“ aussieht, aussehen soll, da findet er eine andere Situation vor. „Ich konnte bislang ja noch nicht viel ausprobieren – bis auf das eine Pokalspiel, und da wäre es ja auch fast in die Hose gegangen. Fast. Jetzt aber bleibt die Zeit, in den Testspielen diejenigen zu mischen, die sonst gespielt haben, und andere Spieler, die vielleicht auf ihre Chance warten, mal von Beginn an zu spielen. Ich kann mehr probieren, taktische Veränderungen vornehmen, auf taktische Dinge auch mehr eingehen, Standardsituationen üben, die Laufwegen üben, das Timing – das alles kann man nun im Trainingslager üben.“

Es wird in Spanien jeden Tag trainiert, eventuell gibt es einmal (oder zweimal) nachmittags frei. Fink: „Aber ich werde die Arbeit nicht auf Kondition auslegen, also nicht gleich Kondition bolzen, denn ich denke, es war ja eine kurze Pause, zwölf Tage, da hat die Mannschaft nicht so viel Kondition verloren. Natürlich müssen wir individuell trainieren, das heißt, wenn einer Probleme im konditionellen Bereich hat, dann muss er auch mal Extraläufe machen, das ist ja auch klar. Im Grunde aber müssen wir uns in technisch-taktischen Dingen verbessern, daran werden wir nun arbeiten.“

Wenn nicht noch über Nacht etwas passiert, wird ja auch David Jarolim mit nach Spanien fliegen. Obwohl es hinter dem Tschechen nach wie vor ein großes Fragezeichen gibt. Bleibt er, oder geht er? Fink: „Mir geht es nur darum: Wenn ein Spieler gehen will, weil er mehr spielen will, dann lege ich ihm keine Steine in den Weg. Wir werden dem Jaro keine Steine in den Weg legen.“ Ist es aber doch vorstellbar für den Trainer, dass Jarolim beim HSV bleiben wird? Bis zum Sommer – oder auch länger? Fink: „Sowieso, er soll bleiben. Wenn er aber sagt, er will weg, dann geht er. Aber er kann für uns noch ganz wichtig werden in der Rückrunde, ich vertraue ihm, er hat ja auch im Testspiel gegen Glasgow gezeigt, dass er ein guter Spieler ist – und dass er uns eventuell noch weiterhelfen kann. Wenn Tomas Rincon ausfällt zum Beispiel, dann ist er da. Ich gehe im Moment von nichts Anderem aus, als dass Jaro bei uns bleibt.“

Bleibt – oder bliebe – also auch noch ein wenig Hoffnung für alle Jaro-Fans (und für mich).

Thorsten Fink will in Spanien auch verschiedene taktische Modelle durchspielen – und damit trainieren lassen: Eine Spitze, zwei Spitzen, ein defensiver Sechser, dazu ein offensiver Sechser. „Wir wollen ja alles können, da müssen wir schon variabel sein. Die Laufwege werden nicht großartig verändert, sie sollen aber noch besser werden. Wir werden das alles das tun, was wir getan haben, es muss nur alles noch besser getan werden“, sagt Thorsten Fink. Und es klingt gut – für mich jedenfalls.

Mein Kollege Matthias Linnenbrügger („Die Welt“) fragte Fink, ob es vorstellbar sei, dass auch Dennis Aogo einmal auf der Sechs getestet wird – weil der Mann neben Rincon ja immer noch gesucht wird. Der Coach aber sagt: „Ich will jetzt nicht alles durcheinanderschmeißen.“ Für mich wäre es ja auch vorstellbar, dass auf der Sechs auch mal Heiko Westermann spielen könnte, denn dann würden in der Innenverteidigung Jeffrey Bruma und Slobodan Rajkovic zum Zuge kommen können. Mir ist es, ehrlich gesagt, ein wenig zu schade, dass Rajkovic nur auf der Bank sitzt, dazu ist er (mir) zu gut. Aber auch in diesem Fall gilt wohl das Finksche Wort vom „nicht alles durcheinanderschmeißen“: „Im Moment ist das kein Thema, wir müssen aber schon eine Linie drin haben. Sollten wir aber mal ganz große Probleme haben, dann könnte man das sicher mal probieren.“

Ein Trainingslager wird ja auch nicht selten dazu genutzt, den Team-Geist zu verbessern. Oder überhaupt einen in die Mannschaft zu bekommen. Das gilt aber nicht für Fink und nicht für Marbella. Der Coach sagt: „Die Mannschaft hat sich sehr, sehr gut entwickelt, ich bin sehr zufrieden, gerade mit dem Charakter des Teams. Mein Gefühl sagt mir, dass es gut war, dass er hervorragend war, wir müssen einfach nur weiter daran arbeiten. Ich halte aber nichts von Kletterparks und solche Sachen. Das ist zwar auch lustig, aber ich gehe lieber mit der Mannschaft auf den Platz.“ Und da hat Fink schon einiges geplant. So soll auch während des Trainings mit Laser-Pistolen geschossen werden . . . Mal sehen, wer dann den Schützenkönig macht. Fink weiter: „Es kann ja auch gegeneinander gelaufen werden, dann gibt es schon einige nette Sachen, die gemacht werden können, Und die Verlierer müssen den Gewinnern dann abends zum Beispiel das Essen servieren . . . Das verbindet auch.“

Zurzeit sucht der HSV für die Zeit in Marbella noch einen vierten Gegner für ein Testspiel. Weil Fink jedem Spieler zwei Spiele geben will, um sich zeigen zu können. In Deutschland zurück soll dann am 14. Januar die Mannschaft spielen, die gegen Borussia Dortmund am 22. Januar zum ersten Bundesliga-Spiel des Jahres für den HSV dann auflaufen wird.

Und Thorsten Fink sagt selbstbewusst: „Wir wollen gegen Dortmund gewinnen. Nicht auf einen Punkt spielen, sondern gewinnen.“ Damit dann auch ein Zeichen zur Aufholjagd setzen. Und damit eventuell auch ein neues Saisonziel ausgeben? Oder ist die Europa League vielleicht doch (ein heimliches) Ziel? Thorsten Fink: „Nein. Ich kann ja nicht sagen, dass wir zufrieden sind, wenn wir vier Punkte hinter Platz sieben stehen. Aber es geht ja manchmal schnell. Gewinnt einer von oben den DFB-Pokal, dann ist auch noch Platz sieben für Europa startberechtigt. Und wenn wir vier Punkte hinter Platz sieben sind, dann kann ich nicht sagen, dass wir uns mit Platz neun zufriedengeben. Wir versuchen, so weit wie möglich zu kommen. Problem ist ja nur, dass es noch viele Mannschaften dazwischen gibt – und die müssten ja alle schwächeln. Aber wir werden versuchen, den Abstand nach oben zu verkürzen. Wir sollten uns die Chance, noch nach oben zu kommen, auf jeden Fall offenhalten, aber das Ziel Europapokal? Ich glaube, das wäre falsch. Auch wenn wir alles versuchen werden.“ Und Thorsten Fink weiter: „Es wäre auf jeden Fall eine riesige Leistung der Mannschaft, wenn es doch noch geschafft werden würde.“ Huub Stevens hat es einmal von ganz unten geschafft – mit dem HSV. Fink: „Das war auch sensationell.“ Und: „Felix Magath war einmal nach der Hinrunde Elfter – und ist dann Meister mit Wolfsburg geworden. Gibt es alles.“ Warum also nicht auch der Höhenflug des HSV? Fink: „Ich habe, seit ich HSV-Trainer bin, noch keine Mannschaft gegen uns gesehen, die besser war als wir. Ich habe nur gesehen, was meine Mannschaft kann. Sie ist läuferisch stark, hat einen starken Charakter, kommt nach Rückständen immer wieder, hat Potenzial. Wenn man kein Potenzial hat, dann schafft man das alles nicht, wir sind in der Bundesliga acht Spiele lang unbesiegt. Wir wollen weiter nach oben.“ Und dann folgt ein toller Spruch: „Wir brauchen sicherlich auch Glück. Das ist klar. Die Leute auf der Titanic waren ja auch alle gesund, aber sie hatten kein Glück . . .“

Und nach unten? Guckt Thorsten Fink ab sofort gar nicht mehr nach unten? Es muss ja nicht gleich so tief sein, wie die Titanic gesunken ist, das Bundesliga-Tabellenende reicht ja schon. Alles ist möglich. Oder nichts ist unmöglich. Thorsten Fink: „Wir haben immer ein Auge nach unten. Wir haben uns unten noch nicht endgültig verabschiedet, das ist mal klar. Aber wir wollen trotzdem nach oben schauen, denn ich bin ein Mensch, der positiv denkt. Und wenn man immer nur von Abstieg redet, dann wird man auch kaum da unten rauskommen. Wir wissen aber schon um die Gefahr, weil wir ja auch gleich Dortmund und die Bayern haben. Aber wir wissen auch, wie toll es sein kann, wenn man gegen Dortmund gewinnt.“

Mutige Sätze.

Ein Punkt brannte mir noch besonders unter den Nägeln. Der große Ruud van Nistelrooy war einst sehr erstaunt, als er die harte HSV-Vorbereitung (in Längenfeld) hinter sich gebracht hatte. Er sagte damals: „Das gibt es in dieser Form nicht, in Spanien und England holt man sich Kraft und Kondition überwiegend durch die Testspiele. Und durch ein Training mit Ball.“ Das sagte, aufmerksame „Matz-abber“ werden es gelesen haben, ja auch kürzlich der „kleine Dribbelkünstler“. Und wie hält es Thorsten Fink nun mit der Konditionsarbeit? Was macht er? Fink sagt: „Das Richtige. Man darf nicht zu viel machen, aber auch nicht zu wenig. Das ist das Schwierige. Das muss man herausfinden. Individuelles Training ist dabei sehr wichtig. Wenn ein Spieler schlechte Laktatwerte hat, dann müssen sie eben anders trainieren. Sie können nicht alle gleich trainieren. Das ist heute das moderne Training, es gibt genügend Möglichkeiten, so etwas zu testen, und wir haben ein großes Trainer-Team, wir können den einen oder anderen Spielern individuell trainieren lassen, um so die Schwächen abzustellen. Deswegen bin ich der Meinung, dass man nicht zu hart und nicht zu weich trainieren lassen soll, sondern ganz einfach nur richtig. Das ist der richtige Weg.“ Fink ergänzt dann noch: „Das Training hat sich schon weiterentwickelt. Mein Training ist ja auch daraus ausgerichtet, dominant zu spielen, Wege von nur zehn, 20 Metern zu machen – nicht 60 oder 70. 70 Meter muss ich machen, wenn ich defensiv spielen lasse, wenn wir auf Konter spielen. Wir werden aber wenig lange Läufe machen, weil wir die kurzen Wege bevorzugen.“

Früher war flach spielen und hoch gewinnen, heute sind es die kurzen Wege, die es bringen sollen.

Zwei Themen ganz kurz zum Abschluss. Maximilian Beister. Kommt er von Fortuna Düsseldorf zurück? Unterschreibt er einen neuen Vertrag mit dem HSV? Thorsten Fink: „Er kommt in jedem Fall, denn er hat ja noch ein Jahr Vertrag mit uns. Aber ich hatte ja auch ein Gespräch mit ihm, und das war sehr gut.“ Klingt auch gut.

Und dann die Scouting-Abteilung, die sich kürzlich dem neuen HSV-Trainer vorstellte. Zufrieden, Herr Fink? „Sehr zufrieden. Ich habe den Leuten einfach mal meine Philosophie vorgestellt. Wie ich mir vorstelle, was mein System ist, – dementsprechend müssen die Jungs ja auch suchen, nämlich nach meine Kriterien suchen – und das war ein sehr gutes Gespräch, ich bin sehr zufrieden. Ich bekomme Mappen von jenen Spielern, die einmal für uns infrage kommen könnten, vorgelegt, und zwar sehr detailliert, das ist alles okay. Die Scouts arbeiten sehr, sehr gut – was ich jetzt nach zwei Monaten sagen kann.“

Zum Schluss sein noch ein Versäumnis zugegeben: Mein Sohn (der Moderator) hat schon gemeckert mit mir, denn ich habe mich immer noch nicht für die vielen, vielen Wünsche zum Jahreswechsel bedankt. Das hole ich hiermit nach: Es ist für mich (auch für Scholle) unfassbar, wie viele Menschen an uns gedacht haben – und uns alles Gute, Glück, Gesundheit und Erfolg mit „Matz ab“ gewünscht haben. Danke, vielen Dank dafür. Und allen wünschen wir ebenfalls nur das Allerbeste. Und, nicht ganz uneigennützig, dass es mit dem Matz-ab-Blog weiter bergauf gehen möge. Und dass sich das verbesserte Klima, an dem das Moderatoren-Team schuld ist (auch dafür vielen Dank), auch noch sehr, sehr lange hält. Ich habe es in den vergangenen Wochen oft gehört und gelesen: so macht es Spaß. Und wenn dann noch der HSV wieder zur Höchstform aufläuft, dann ist wirklich alles bestens.
Danke.

18.35 Uhr