Monatsarchiv für Dezember 2011

Diesem HSV fehlt die Führung – auf dem Platz

22. Dezember 2011

Carl Edgar Jarchow ist kein Mann der lauten Worte. Nie gewesen. Und auch einen Tag nach der unnötigen Pokalpleite in Stuttgart und mit dem Wissen, dass man im Viertelfinale zu Hause auf den FC Bayern getroffen wäre, wusste der Vorstandsvorsitzende des HSV Haltung zu bewahren. Dabei dürften dem HSV im Viertelfinale gegen den FC Bayern neben den 1,125 Millionen Euro Garantiesumme auch noch TV-Gelder für eine Live-Übertragung (rund 500000), die Einnahmen eines ausverkauften Stadions (der Gewinn wäre zwischen HSV und Bayern geteilt worden) und die zusätzlichen Werbeeinnahmen entgehen. Insgesamt ein Paket, das vom HSV auf gute 3,5 Millionen Euro geschätzt wird. „Natürlich ist das sehr ärgerlich“, so Jarchow in einem ruhigen Ton, „aber uns ging es in Stuttgart nicht nur um das Finanzielle. In erster Linie ginge es uns um den sportlichen Erfolg, um die Möglichkeit auf einen internationalen Wettbewerb. Und natürlich um die Weiterentwicklung der Mannschaft, die sich ihrer Leistung nicht schämen muss. Im Gegenteil, sie darf sich über die vergebenen Chancen ärgern, sollte aber auch im Gegenzug wertschätzen, dass sie sich bei einem Europa-League-Anwärter überhaupt erst so viele Chancen erspielt hat.“ Der versöhnliche Versuch, eine Niederlage zu analysieren, die mir zwischenzeitlich zu schöngeredet wurde. Denn der VfB hatte dem HSV bis auf zwei, drei Konter nicht viel entgegenzusetzen, ohne dass der HSV daraus Kapital schlug. Im Gegenteil, in der HSV-Defensive – diesmal insbesondere bedingt durch die schwachen Sechser sowie die defensiv wackeligen Außen – stimmt es noch nicht. Und wenn dann im Angriff noch derartig fahrlässig mit Hundertprozentigen umgegangen wird und/oder ein gegnerischer Torwart einen herausragenden Tag hat wie eben gestern, gehen Spiel verloren. „Natürlich müssen wir daran arbeiten“, so Trainer Thorsten Fink, „aber wir müssen eben auch nach vorn blicken. Und dafür nehmen wir jetzt das Positive mit in die Winterpause und werden anschließend an den negativen Dingen intensiv arbeiten. Denn eines muss klar sein: wir sind auf dem absolut richtigen Weg. Aber wir lernen eben noch.“

Worte, die Jarchow in ähnlicher Form schon direkt nach Schlusspfiff der niedergeschlagen in der Kabine sitzenden Mannschaft gesagt hatte. Und Worte, die die Profis trotz der riesigen Enttäuschung versuchten, in den Vordergrund zu schieben. Allein, es gelang nicht allen. Dennis Aogo beispielsweise mochte sich zunächst nicht mit dem Auftreten anfreunden. „Ich habe schon in der Kabine gesagt, dass es nicht sein kann, dass wir immer wieder davon sprechen, wir ‚hätten ja’ gewinnen können. Wir haben es schließlich wieder nicht und sind raus“, so der Linksverteidiger, der für das Ausscheiden auch fehlende Führung innerhalb der Mannschaft verantwortlich macht. „Ich werde hier jetzt nicht groß loslegen, aber ich bin richtig sauer über ein paar Sachen, die einfach nicht gehen. Da gab es gegen Stuttgart und auch vorher schon Situationen, die uns nicht passieren dürfen, wo wir nicht präsent genug sind. Ich selbst nehme mich da absolut in die Verantwortung – allerdings auch noch einige andere. Uns fehlt noch immer die direkte Abstimmung. Da müssen wir uns dringend verbessern.“ Und ohne, dass es ausgesprochen wird, scheint klar, wer damit gemeint ist. Denn bis auf Heiko Westermann scheint sich derzeit niemand auf dem Platz für eine Kursvorgabe während der Spiele verantwortlich zu fühlen.

Ein Problem, dass Trainer Thorsten Fink schon bei seinem Amtsantritt anprangerte. „Es ist bei uns viel zu ruhig“, so Fink damals, „aber daran werden wir konsequent arbeiten. Das muss sich verbessern, wenn wir hier Erfolg haben wollen.“ Worte, die Fink noch nicht vollständig mit Leben füllen konnte. Aber auch Worte, die er in der Wintervorbereitung umsetzen will. Im Trainingslager in Marbella (4. bis 12. Januar) sowie in den Tagen bis zum Rückrundenstart gegen Borussia Dortmund (Sonntag, 22. Januar, 15.30 Uhr) sollen neben der Kommunikation aber noch etliche andere Baustellen behoben werden. Welche, darüber konnte ich mit Fink etwas ausführlicher sprechen. Das Interview:

Herr Fink, können Sie sich unbeschwert auf Weihnachten freuen?
Thorsten Fink: Ganz klar, ja. Ich werde die Tage nutzen, um mal den Kopf frei zu kriegen und durchzuatmen. In der zweiten Saisonhälfte haben wir noch eine Menge Arbeit vor uns.

Torabschlüsse beispielsweise…
Fink: Auch die. Aber wir haben in Stuttgart eine Leistung gebracht, auf die die Mannschaft und ich stolz sein können. Wir haben uns nicht versteckt und mussten auch nicht aus dem Stadion schleichen. Ich mache der Mannschaft in Sachen Willen und spielerischer Leistung keinen Vorwurf. Wir haben einen großen Fight gesehen, waren sogar die bessere Mannschaft. Wer so viele Chancen herausspielt, der hat spielerische Klasse. Und dennoch lernen wir eben noch. Denn wir haben mal wieder Torchancen nicht genutzt, wie es eigentlich nicht sein kann.

Hat der HSV offensiv ein Problem? Der beste Torschütze bringt es auf vier Treffer in der Bundesliga.
Fink: Nein. Mladen und Paolo sind zwei Stürmer, die eigentlich durch Kaltschnäuzigkeit vor dem Tor glänzen. Das hat diesmal nicht geklappt, wird aber in der Rückrunde wiederkommen. Viel mehr denke ich daran, dass wir uns durch zwei individuelle Fehler zwei Tore gefangen haben, die uns jeweils sofort und vollkommen aus dem Konzept gebracht haben. Daran sieht man, dass wir zwar auf einem guten Weg sind, aber eben auch ganz sicher noch eine Menge lernen müssen. Und das werden wir in der Wintervorbereitung forcieren.

Ihre Serie von neun unbesiegten Pflichtspielen in Folge ist gerissen. Wie sehr ärgern Sie sich auch angesichts des Spielverlaufs darüber?
Fink: Ich für mich und meine Serie gar nicht. Die ist mir egal. Aber für uns wäre ein Weiterkommen wichtig gewesen.

Finanziell?
Fink: Auch. Aber es geht dabei auch um Ziele, um unsere Ziele. Und eines davon haben wir nicht erreicht. Dennoch geht es weiter. Und ich werde mich ganz sicher nicht mit einem 13. Platz in der Bundesligatabelle zufriedengeben. Ich will mindestens unter die ersten Zehn. Und dafür müssen wir unserer Nachlässigkeit den Kampf ansagen. Es wird ein Kampf gegen die liegengelassenen Punkte der Hinrunde. Unsere Punkteausbeute in den letzten Spielen hat uns doch gezeigt, dass wir 48 Punkte erreichen können. Und am Ende der Saison werden sie mir alle Recht geben. Deshalb ist das mein nächstes Ziel.

Sie wirken sehr gefasst, trotz der vermeidbaren Niederlage.
Fink: Klar. Ich kann doch jetzt nicht rumjammern und mich verkriechen. Die Mannschaft braucht jemanden, der vorangeht. Und das übernehme ich gern.

Dennis Aogo hat gesagt, die Kommunikation auf dem Platz sei zwingend zu verbessern. Es würde dort Führung fehlen.

Fink: Natürlich muss die Mannschaft noch mehr reden, daran werden wir weiter arbeiten. Wenn ich sehe, dass niemand in der Szene mit Paolo und dem Schiedsrichter dazwischen geht, kann ich das nicht verstehen. Paolo hat sich gut im Griff und schießt einmal etwas über das Ziel hinaus, ohne dass einer der anderen Spieler auf dem Platz dazwischen geht und ihn vor sich selbst schützt. Zum Glück kriegt Paolo nur Gelb und beruhigt sich dann von selbst. Dabei stehen etliche Nationalspieler auf dem Platz, da darf so etwas nicht vorkommen. Wir müssen einfach lernen, uns im richtigen Moment noch mehr zu pushen, uns auf dem Platz noch mehr zu coachen.

Haben Sie auch Fehler gemacht?
Fink: Ich muss die Mannschaft sicherlich noch besser kennenlernen. Ein Tomas Rincon beispielsweise hatte im Pokal müde Beine. Da hat man gesehen, dass er im Sommer keine Pause hatte. Und obwohl der in den letzten acht Wochen vor Kraft strotzte und geackert hat, hätte ich ihn vielleicht gegen Augsburg früher auswechseln müssen. Das hätte ich merken müssen.

Wie sieht Ihr Halbjahres-, oder besser: Ihr Vierteljahres-Fazit aus?
Fink: Sehr positiv. Wir entwickeln uns spielerisch, wir werden langsam aber stetig besser. Und wir haben jetzt ein paar Wochen, in denen wir Automatismen studieren können und müssen. Es wird einiges passieren. Zum Beispiel werden wir in der Wintervorbereitung auf einigen Positionen die Karten neu mischen.

Insbesondere auf der Sechs? Rincon hat Sie zwar überzeugt, aber der Platz neben ihm scheint noch immer vakant.
Fink: Ich werde nicht auf einzelne Namen und Position eingehen, das wäre falsch. Ich traue dieser Mannschaft in der Konstellation noch einiges mehr zu. Zähle ich nur die wirklich verschenkten Punkte dazu, könnten wir sogar in der Nähe der internationalen Plätze stehen. Auch wenn natürlich klar ist: wenn wir nächstes Jahr in den Uefa-Cup und in zwei, drei Jahren in die Champions League wollen, müssen wir sicher noch was machen.

Auch jetzt schon im Winter?

Fink: Ich werde nichts komplett ausschließen, dafür ist der Fußball zu schnelllebig. Aber Stand jetzt planen wir keine Neuen.

Dafür aber die Rückkehr von Maximilian Beister, der sich ernsthaft mit dem Gedanken herumschlagen soll, zu Borussia Dortmund zu wechseln.
Fink: Maxi werde ich noch mal sprechen, bevor ich am 23. In den Urlaub gehe. Er steht immerhin noch bei uns unter Vertrag, deshalb darf ich das. Ich werde ihm noch mal klar machen, was wir planen, welche Philosophie und Ziele wir haben, und wie seine persönlichen Perspektiven bei uns sind. Denn eines ist klar: Maxi steht bei uns unter Vertrag und wir wollen ihn nicht gehen lassen. Das weiß er.

Hat die Mannschaft Ihre Pläne für die freie Zeit bekommen?
Fink: Klar. Jeder hat sein Pulsmesser, seinen individuellen Trainingsplan und eine Kilogrammgrenze bekommen. Aber ich bin mir sicher, dass die Jungs von sich aus an sich arbeiten.

Können Sie im Urlaub, Sie fliegen über Weihnachten nach Dubai, überhaupt loslassen, oder verfolgt Sie die Saisonplanung überall hin?
Fink: Sie verfolgt mich. Aber ich bin ein Frühaufsteher und werde genug Zeit haben, mich um den HSV zu kümmern, ohne meine Familie in irgendeiner Form zu kurz kommen zu lassen. Denn die habe ich jetzt seit zehn Wochen kaum gesehen. Sie verdient meine Aufmerksamkeit.

Es gibt noch eine ganze Menge zu verbessern. Das wissen alle. Und das ist ein guter Anfang. Auch wenn es intensiv erst am 3. Januar losgeht, darf man auf weitere Verbesserungen hoffen. Sogar personeller Art. Denn trotz des Ausscheidens und den verpassten Millionen sollen sich die Aufsichtsräte in Alarmbereitschaft halten. Das hat der frisch zum fünften und sechsten Mal zum Großvater gekrönte Sportchef Frank Arnesen seinen Kontrolleuren mit in die Winterpause gegeben.

In diesem Sinne, wir dürfen gespannt sein. Ich verabschiede mich bis Neujahr in den Urlaub und möchte die Gelegenheit nutzen, Euch allen auf diesem Wege noch mal für die vielen konstruktiven, ehrlichen, bösen und netten Beiträge zu danken. Es war ein lehrreiches Jahr – für den HSV, für die Verantwortlichen, für Euch und für mich. Und ich habe das Gefühl, dass wir alle ein Stück schlauer geworden sind. Auf jeden Fall aber kann ich sagen, dass dieser Blog lebt. Dank Euch sogar mehr denn je. Danke dafür!

Ich wünsche Euch allen schöne, erholsame Weihnachtstage mit Euren Liebsten. Genießt die fußballfreie Zeit und kommt gut ins neue, hoffentlich von neuen HSV-Erfolgen und einem Europameistertitel für unsere Nationalmannschaft geprägte Jahr!

Euer Scholle

1:2 – am VfB-Keeper gescheitert

21. Dezember 2011

Das war Pech. Viel Pech. Der HSV hat es nicht geschafft, im DFB-Pokal zu überwintern. In Stuttgart gab es eine unverdiente 1:2-Niederlage, die aus Hamburger Sicht völlig unnötig war. Die Schwaben hatten zwei Chancen und machten zwei Treffer, der HSV dagegen vergab vornehmlich im zweiten Durchgang beste Möglichkeiten, hätte eigentlich zu einem klaren Sieg kommen müssen. So aber ist Fußball, er hat mitunter total ungerecht sein – wie in diesem Falle. Das war ein ganz bitterer Abend für Fußball-Hamburg, und dennoch ist es Realität. Das Achtelfinale war Schluss, weil der VfB-Keeper zu gut war. Und nun kann sich der HSV voll und ganz auf das Unternehmen Abstiegskampf konzentrieren – und das wird noch hart und lange und nervenaufreibend genug. Hoffen wir, dass es der HSV 2012 besser macht, die spielerische Vorlage dazu hat er an diesem Abend am Neckar gegeben, keine Frage. Trotz dieser Niederlage, das ist mein Resümee, sollte dieser Pokal-Abend jedem HSV-Fan wieder Mut machen, dass es schon bald wieder besser läuft.

Der HSV begann im Ländle im Stile einer Heimmannschaft. Und das ist meistens sehr gefährlich. Für den HSV. Je mehr Chancen es nämlich vorne gibt, je sorgloser wird hinten operiert. Und was kommt letztlich bei einem optisch überlegen geführten Spiel heraus? Richtig, die Führung des Gegners. So geschehen in der 23. Minute. Da befand sich der gesamte HSV wieder einmal in der Vorwärtsbewegung, was sonst? Der Fehlpass von Spielmacher Tomas Rincon riss dann alle aus dem Tiefschlaf. Ich schreibe bewusst „Spielmacher“, denn das ist der Südamerikaner im Finkschen System ja geworden. Der Ball landete in den Reihen der Schwaben, Molinaro spielte den Ball in die Spitze, wo die HSV-Defensive ungeordnet (und überrascht) war. Jeffrey Bruma stand ungünstig, grätschte am Ball vorbei – freie Bahn für Cacau, der keine Mühe hatte, Jaroslav Drobny zu überwinden. Bis dahin hatte der HSV alles, wirklich alles und jeden im Griff gehabt, aber so baut man einen Gegner eben wieder auf.

Die Frage, die ich mir nach diesem 0:1 gestellt habe ist die: Kann der HSV nicht defensiv? Kann er nicht einmal in erster Linie hinten sicher stehen, die Räume eng machen, um dann, bei passender Gelegenheit, zuzuschlagen? Per Konter? Per Konter geht wohl nicht so richtig, denn Paolo Guerrero ist gewiss kein Konter-Spieler, und Ivo Ilicevic könnte es vielleicht, spielt ja aber nicht als Spitze neben Guerrero, sondern eher hinter ihm. Und über die Flügel kam an schnellen Vorstößen kaum etwas. Was nicht heißen soll, dass von dort gar nichts kam, es gab schon Flanken, vornehmlich von links (Dennis Aogo, Marcell Jansen), doch die fanden in der Mitte keine Abnehmer. Oder landeten in der Mehrzahl bei einem Spieler im roten Trikot – einem Stuttgarter. Von rechts wurde es einmal gefährlich, doch die Flanke von Dennis Diekmeier lenkte Torwart Ulreich noch ab, so dass es trotz vielversprechender Situation kein Hamburger Tor gab.

Noch einmal zurück zu „Spielmacher“ Rincon. Wer gesehen hat, wie er den Ball auf die rechte Außenbahn „powern“ wollte, wie er im Stile eines Regisseurs den Ball mit der Innenseite anschnitt, der muss zu der Feststellung kommen: Das ist doch gar nicht Rincons Spiel. Achtet einmal drauf: „Spielmacher“ Rincon verteilt auf der (hinteren) Sechs die Bälle nach links und nach rechts – und zurück. Aber das, was ihn einst stark gemacht hat, das zeigt er fast gar nicht mehr. Nämlich die Attacke. Er kann einen Gegenspieler „totmachen“, er kann ihn nach allen Regeln der Kunst bekämpfen, beackern, aus dem Spie nehmen – aber das macht er jetzt nicht mehr. Nun „spielt“ er Fußball (bis vielleicht auf die hart umkämpfte Schlussphase des Spiels). Und beraubt sich damit seiner größten Stärke. Schade.

Die Einzelkritik:
Jaroslav Drobny hielt das, was er halten musste. Das war nicht viel. Am 0:1 war er absolut schuldlos. Dennis Diekmeier hatte auf seiner rechten Außenbahn einen schweren Stand, denn er hatte es, weil Abwehrspieler Molinaro oft nach vorne kam, oft mit zwei Stuttgartern zu tun. Dennoch hat sich Diekmeier nicht schlecht „verkauft“, weil er diesmal durchaus auch Akzente nach vorne setzen konnte. Bei Jeffrey Bruma wechselt mir noch zu oft Licht und Schatten. Er macht ja insgesamt kein schlechtes Spiel, aber er muss es lernen, konzentriert zu bleiben, auch wenn es gerade den Anschein hat, dass der HSV alles im Griff zu haben scheint. Bruma ist ja ohne Zweifel ein riesiges Talent, aber er ist eben auch noch jung. Und je eher er lernt, stets konzentriert von den Haar- bis in die Fußspitzen zu bleiben, je eher wird er ein richtig Großer. Er hat alle Veranlagungen dazu.

Heiko Westermann in der Innenverteidigung solide, er versuchte nicht nur viele Lücken zu stopfen, sondern auch, seine Kollegen gelegentlich zu wecken, auch besser zu stellen. So muss ein Abwehrchef agieren, das macht der Nationalspieler inzwischen sehr gut. Links setzte Dennis Aogo seinen Aufwärtstrend, den er gegen Augsburg unter Beweis stellte, fort, er wirkt souveräner, stellt sich nun auch der Verantwortung, die er ja zweifellos als aktueller deutscher Nationalspieler auch hat.

Die beiden „Sechser“ sind bei mir längst Risikofaktoren. Weil Rincon, wie schon geschrieben, nur noch „spielen“ statt auf- und abräumen will, und weil Gojko Kacar weit, meilenweit von seiner Bestform entfernt ist. Ich habe auch heute ganz besonders auf ihn geachtet, mir ist auch diesmal wieder aufgefallen, dass seine Körpersprache nicht stimmt. Misslingt ihm etwas, lässt er schnell den Kopf hängen. Ist er vorne und verliert den Ball, schaltet er eher behäbig um, trabt zurück, anstatt im Sprint seine Position einzunehmen. Nein, diese beiden Sechser sind ein Problem für Fink. Kacar wurde in der 68. Minute vom Rasen genommen, für ihn kam Robert Tesche.

Und die Außen? Ebenfalls. Gökhan Töre ist 19 Jahre jung, da ist es völlig normal, dass er nicht immer 100 Prozent spielt. Im Moment ist er höchstens bei 70. Er macht viele gute Dinge, aber eben auch einige schlechte. Und er macht vor allem im Moment keine überragenden Sachen. Sachen, die ihn einst ins Rampenlicht der Bundesliga gebracht haben. Dribblings, die Raum schaffen, die den Gegner vor Probleme stellen. Und die ihn als einen der wertvollsten Jungs-Stars er Liga werden ließen. Aber, wie gesagt, völlig normal, dass es in seinem Alter Hoch und Tiefs gibt, freuen wir uns, dass wir ein solches Juwel in den Reihen des HSV haben.

Links versuchte, durfte sich versuchen, Marcell Jansen, für Druck zu sorgen. Vergeblich. Der ehemalige Nationalspieler trat nur einmal effektiv in Erscheinung, als er nach Diekmeiers Flanke köpfte, aber Ulreich den Aufsetzer meisterte (11.). Ansonsten tauchte Jansen aber fast total ab. Das ist mir insgesamt zu viel Alibi-Fußball. Auch von ihm erwarte ich eigentlich, dass er sich voll reinhängt, körperlich zeigt, dass er will – aber er versucht mir zu viel, körperlos über die 90 Minuten zu kommen. Diesmal ging es für ihn nur bis zur Hälfte, dann kam Mladen Petric für ihn. Natürlich, der HSV musste beim 0:1-Halbzeitstand ja etwas für die Offensiv tun, Thorsten Fink tat es.

Das war Unterstützung für Ivo Ilicevic, der vor allem eine gute erste Halbzeit spielte. Das war erfreulich. Dennoch sage ich: Der Wirbelwind kann noch so viel mehr. Aber, immerhin, er stellte unter Beweis, dass er es kann, von ihm werden wir noch gute Sachen sehen – in der Rückrunde.

Paolo Guerrero diesmal nicht ganz so überzeugend wie zuletzt, obwohl er den 1:1-Ausgleich (ein Eigentor) vorbereitetet. War er zu oft allein in vorderster Front? Wahrscheinlich. Aber er übertrieb auch ein wenig das Einzelspiel. Und leider vergab er in der 75. Minute, als es drauf ankam, eine (fast) Hundertprozentige, als er freistehend an Keeper Ulreich scheiterte. Bitter, bitter.

Aber eine solche gute Möglichkeit vergab auch Maden Petric, der nach seiner Einwechslung für viel Betrieb in der VfB-Deckung sorgte. In der 79. Minute schien ein Petric-Tor fällig, doch den Hechtkopfball des Stürmers (nach Guerrero-Flanke) hielt der Teufelskerl im Stuttgarter Tor- Wie? Ich habe keine Ahnung, eigentlich war dieser Kopfball unhaltbar.

Zu diesem Zeitpunkt stand es schon lange 2:1 für die Schwaben, denn erneut wurde die HSV-Defensive ausgekontert, ganz leicht überspielt. Diesmal versäumte es Töre, auf den nach vorne geeilten Molinaro zu achten. Flanke, Tor – Cacau (62.). Es war die einzige Chance, die der VfB im zweiten Durchgang hatte. Wobei ich nach dem 1:0 gar keine weitere Möglichkeit für Stuttgart gesehen habe . . .

Der HSV aber vergab noch eine „Hundertprozentige“. Der in der 69. Minute eingewechselte Tesche kreuzte 60 Sekunden später allein vor dem VfB-Tor auf, doch Ulreich hielt den zu schwach geschossenen Ball.

Hier wäre mehr drin gewesen für den HSV, ganz eindeutig. Die Fink-Elf hat vor allem in Halbzeit zwei ein starkes Spiel gemacht, hat wieder einmal gezeigt, dass es auswärts etwas besser klappt als im Volkspark, aber auch diesmal reichte es nicht zum Sieg. Am Stuttgarter Torwart gescheitert. Nur daran. Und vielleicht auch etwas an den eigenen Unzulänglichkeiten, aus klarsten Möglichkeiten auch Tore zu machen. Das muss 2012 besser werden, denn es steht viel mehr auf dem Spiel, als der DFB-Pokal.

22.31 Uhr

Finks Gespür für den VfB Stuttgart – und Trubel um Beister

20. Dezember 2011

„Ich würde mich zur Verfügung stellen.“ Sagte er und verschwand in der Kabine. Und er tauchte nicht mehr auf. Zumindest nicht auf dem Trainingsplatz. Mit der Erklärung, David Jarolim habe noch immer Magen-Darm-Probleme, erklärte uns Trainer Thorsten Fink heute, weshalb der Tscheche nicht mittrainieren konnte und voraussichtlich auch gar nicht erst mit nach Stuttgart reisen wird. „Ansonsten kommen alle mit, weil es das letzte Spiel ist und wir noch mal zusammen sein wollten“, sagte Fink unmittelbar bevor es per Flieger nach Stuttgart ging. Dort steht heute Abend noch ein gemeinsames Essen an, ehe es nach einem kurzen Aufwärmen am Morgen am Abend in die Mercedes-Benz-Arena zum Pokal-Achtelfinale beim VfB Stuttgart geht.

Mit im 20-Spieler-Tross dabei sein werden auch Jacopo Sala und Michael Mancienne, die als erste Streichkandidaten für den 18-Mann-Kader fürs Spiel gelten. Zumal Jeffrey Bruma wieder fit ist. „Ich hatte leichte Oberschenkel-Probleme“, sagte der Niederländer, der im Training das komplette Programm absolvierte und keinerlei Probleme hatte. „Ich spiele, wenn ich keine Probleme haben sollte“, so Bruma, der an die Mercedes-Benz-Arena eine besondere Erinnerung hat. Immerhin erzielte er dort im September seinen ersten Bundesligatreffer bei ersten Bundesligasieg des HSV in dieser Saison. „Das war schon etwas Besonderes für mich, so etwas vergesse ich wahrscheinlich nie“, sagte Bruma, der in Stuttgart auf einen geschwächten Gegner hofft. „Stuttgart hat seit ein paar Wochen Probleme“, so Bruma, der in den Entwicklungen der beiden Teams ein Plus für den HSV sieht: „Zuletzt haben sie gegen Wolfsburg verloren. Ihre Kurve geht leicht nach unten, unsere leicht nach oben. Das spricht zwar für uns, ebenso wie die Tatsache, dass ganz sicher nicht Favorit sind beim VfB. Das ist besser.“

Ebenso wie die Stimmung innerhalb der Mannschaft. Die war heute im Training so gut, dass sich ein älterer Herr vor mir lautstark Sorgen machte, die Mannschaft könnte sich zu früh in ihrer Winterpause wähnen. Immer wieder flachsten sich die Spieler, wenn einer ihrer Kollegen bei den Schussübungen das Ziel weit verfehlte. Allerdings, und ich glaube, das beruhigte auch den Herren vor mir, im Abschlussspiel war wieder Zug drin. Zwar ließ Trainer Thorsten Fink Jacopo Sala hinten rechts und Heung Min Son im Angriff der vermeintlichen A-Elf spielen, allerdings schien sich die restliche Startelf so darzustellen, wie es zu erwarten war. Sowohl vom Engagement het wie von der Besetzung. Drobny hinter der Viererkette mit Diekmeier statt Sala, Bruma, Westermann und Aogo. Davor spielte Rincon mit – Robert Tesche statt Gojko Kacar. Mit einer vermeintlich leicht nachvollziehbaren Erklärung, denn Tesche war es, der sich beim 2:1-Sieg in Stuttgart vor drei Monaten neben Bruma als Torschütze eintrug. Einer der Psycho-Tricks von „Psycho-Fink“ (was bitte ist an dieser scherzhaften Bezeichnung, die auch als solche gekennzeichnet ist, anstößig?)? Immerhin hatte der zuletzt immer wieder betont: „Fußball entscheidet sich zu einem nicht unwesentlichen Teil auch im Kopf.“

Dabei profitiert Tesche davon, dass sich David Jarolim heute abmeldete. Er hätte eigentlich spielen sollen, sagte Fink am Montag. Er hätte mit seiner Erfahrung helfen können, hätte beginnen sollen“, so Fink. Und obwohl Jarolim heute vor dem Abschlusstraining noch selbst betont hatte, sich für das DFB-Pokal-Achtelfinale zur Verfügung stellen zu wollen, ist er nicht im Kader. „Er hat noch immer Magen-Darm-Probleme und ist nicht fit“, so Fink, der deshalb auf die Dienste des Tschechen im Abschlusstraining verzichtete.

Ist das der leise Abschied des dienstältesten HSV-Profis? Er könnte es zumindest werden. Obgleich ich es absolut nicht hoffe, da Jaro mehr verdient hätte. Allerdings: Zuletzt hatte Jarolim vom Verein einen ablösefreien Vereinswechsel im Winter in Aussicht gestellt bekommen, sollte er sich dazu entscheiden. Und es hatten sich mit Augsburg und Nürnberg bereits zwei Bundesligisten um die Dienste des defensiven Mittelfeldspielers bemüht.

Bemüht hatte sich der HSV zuletzt um eine Vertragsverlängerung des Offensivtalentes Maximilian Beister. Der Linksfuß, der noch bis Saisonende an Fortuna Düsseldorf ausgeliehen ist, sollte nach den Wünschen von Trainer Thorsten Fink und Sportchef Frank Arnesen nach dieser Saison nach Hamburg zurückkehren und vorher seinen Vertrag bis 2016 verlängern. Und obwohl sich Fink und Beister für diesen Donnerstag zum Gespräch verabredet haben, wird in Düsseldorf gemunkelt, dass sich Beister bereits mit Borussia Dortmund über einen Wechsel einig sei. Dort soll er spätestens 2013 zum FC Bayern München wechselnden Mario Götze ersetzen. Zumal mit einem Abgang von Rechtsaußen Jakub „Kuba“ Blaszczykowski gerechnet wird.

Vereinsintern hatte Arnesen den Aufsichtsräten bei seinem letzten Treffen bereits davon berichtet, dass es sehr schwer würde, ob der Konkurrenz von Borussia Dortmund den Vertrag mit Beister zu verlängern. Es wird sogar berichtet, Jürgen Klopp habe sich mit Beister unmittelbar vor dem Pokal-Duell der Düsseldorfer und Dortmunder am Montagabend getroffen. „Ich mag nicht glauben, dass sich ein Trainer mit Blick auf so ein Spiel mit einem Spieler von uns trifft. Das widerspräche jeder Ethik im Fußball“, sagte Düsseldorf-Macher Wolf Werner, nachdem er ebenfalls von dem Gerücht erfahren hatte. Auch Beister-Berater Carsten Kühn stellte klar: „So ein Treffen gab es nicht, das wäre auch ganz schwach und weder Maxis, noch meine Art. Maxi wird sich jetzt allein auf das letzte Spiel konzentrieren und anschließend etwas Zeit für sich haben, um über verschiedene Dinge nachzudenken.“ Obgleich es vorher am Donnerstag noch ein Treffen mit Fink geben wird.

Auch Klopp selbst dementierte ein Treffen umgehend, gab aber zu: „Der Maximilian ist ein großartiges Talent. Wir sind ja nicht blind und er spielt ja nicht in China. Es ist normales Thema, dass wir uns mit einem solchen Spieler beschäftigen“. Dennoch, da Beister beim HSV noch einen Vertrag habe, seien die Chancen auf eine Verpflichtung gering. Klopp: „Wir wissen, dass wir da praktisch keine Chancen haben, ihn zu verpflichten.“ Wohl nicht mehr als eine taktische Aussage, denn auch Klopp weiß, dass der BVB ganz schnell wieder groß im Geschäft ist, wenn Beister die Vertragsverlängerung beim HSV ablehnt. Denn dann hätten Arnesen und Co. nur noch im kommenden Winter die Chance auf eine Ablösesumme für den in Lüneburg groß gewordenen Fußballprofi. „Es gibt Interessenten und ich habe gesagt, dass der BVB ein interessanter Verein für jeden Fußballer ist“, sagt Kühne, der ein wenig Tempo aus der Geschichte nimmt: „Maxi braucht jetzt Zeit. Er ist jung und muss sich über sehr viele Dinge klar werden. Daher können alle sicher sein, dass es in diesem Jahr keine Entscheidung mehr geben wird.“

Und auch wenn es bei Beister noch nicht so hoffnungsvolle Aussichten gibt, wie sie sich Arnesen erhofft, hat der Däne allen Grund zur Freude. Denn: Die Zwillinge sind da. Arnesens Tochter Britt brachte in Eindhoven die Enkelkinder fünf und sechs des Sportchefs zur Welt. Kaj und Jesper wurden Montagnacht um 23.50 Uhr in Eindhoven geboren und wiegen 2800 und 3200 Gramm. Und das Wichtigste: sie sind bei gesund.

Herzlichen Glückwunsch Britt, Frank und der gesamten Familie Arnesen!

Bleibt nur zu hoffen, dass Arnesen auch in Stuttgart etwas geschenkt bekommt – und zwar einen Sieg im DFB-Pokal-Achtelfinale. „Damit würde sich mein vielleicht zweitgrößter Weihnachtswunsch erfüllen“, so Arnesen vergangene Woche. Und die Mannschaft ist gewillt, ihrem Chef diesen Wunsch zu verwirklichen. Womit ich noch mal auf das Thema Stimmung komme. Denn die ist, das wissen wir seit Wochen, deutlich besser geworden. Heute verdeutlichte Marcell Jansen noch einmal, wie wichtig der Trainerwechsel war. „Damals hatten wir ein sehr emotionales Spiel in Stuttgart, das wir gewinnen konnten. Es war ein enorm wichtiger Moment, nachdem wir zuvor kaum noch daran geglaubt hatten. Seitdem hat sich in Sachen Stimmung innerhalb der Mannschaft richtig was getan. Das war davor nicht so prickelnd und jeder kann sich vorstellen, was passiert wäre, wenn sich nichts verändert hätte. Der Sieg in Stuttgart und die damit verbundenen Veränderungen waren unser Wendepunkt.“

Jansen selbst wird in Stuttgart spielen können. Und trotz der überaus großen Wahrscheinlichkeit, dass Jansen aufläuft, wollte sich Fink heute noch nicht hundertprozentig auf einen Einsatz des Linksfußes von Beginn an festlegen. Ob er gegen Augsburg wirklich angeschlagen war oder eher geschont wurde? „Es war eine Mischung aus beidem. Ich bin Anfang letzter Woche körperlich einmal richtig runtergefahren. Da hat der Trainer ein sehr gutes Gespür gehabt.“ Hoffentlich gilt das auch für die Startelf in Stuttgart, die identisch mit der aus dem Mainz-Spiel sein dürfte: Drobny – Diekmeier, Bruma, Westermann, Aogo – Töre, Rincon, Tesche, Jansen – Ilicevic, Guerrero.

In diesem Sinne, bis morgen! Dann meldet sich Dieter, weil ich für den Printbereich in Stuttgart live dabei sein darf. Ich melde mich Donnerstag wieder – hoffentlich mit einem erfolgreichen Jahresabschluss im Gepäck…

Scholle (18.43 Uhr)

„Psycho-Fink“ wird zum neuen Happel

19. Dezember 2011

Da waren wir kurzzeitig mal verwirrt. Okay, das sind wir häufiger werdet Ihr jetzt sagen – war ja auch eine ziemlich steile Vorlage. Aber diesmal war es unverschuldet. Denn auf die Frage, wo denn Jeffrey Bruma sei, erhielten wir von Physio-Coach Niokola Vidovic die Antwort, er sei abgeflogen. Nur wohin? Auch das wollten wir wissen und fragten wiederholt nach. Ohne konkretere Auskunft des Kroaten zu bekommen. Er sagte, er wüsste nur, dass Bruma am Dienstag wieder da sei und mit nach Stuttgart fahren können. Und anstatt uns aufzuklären, machte Torwarttrainer Ronny Teuber auf Geheimnis. Logische Folge: Sofort legten mein Bild-Kollege Kai-Uwe Hesse und ich los, telefonierten, schauten in Brumas Twitter-Mitteilungen nach und warteten auf Trainer Thorsten Fink.

Das dann allerdings mit dem erhofften Erfolg. Und das im doppelten Sinn. Denn Bruma war nirgendwo hingeflogen, sondern hatte sich ob leichter Oberschenkelprobleme lediglich einen Tag geschont und im Kraftraum fit gehalten. Der Innenverteidiger soll am Dienstag schon wieder ganz normal ins Training einsteigen. Zudem ist er vor der Abschlusseinheit bei uns in der Runde und kann selbst noch mal erzählen, was los war…

Aber okay, auch wenn wir da in die Irre geführt wurden, sauer bin ich selbstverständlich nicht. Im Gegenteil. Ich bin erleichtert, dass der Niederländer, der zuletzt stark aufspielte, auch in Stuttgart dabei sein kann. Denn die Aufgabe bei den Schwaben wird sauschwer. Die haben sich nach einem furiosen Saisonstart zuletzt zwar in Schwierigkeiten gebracht, doch noch gibt es eine Chance, die Abwärtsspirale im laufenden Jahr zu stoppen: Mit einem Sieg im Pokal gegen den HSV. „Wir haben uns in diese Ausgangslage gebracht. Der Pokal ist nun eine sehr wichtige Sache für uns.“ Wieder mit dabei ist Cristian Molinaro, der in der Liga zuletzt gesperrt war. „Problem“ für den HSV: dadurch kann Arthur Boka auf die rechte Seite rücken und die zuletzt größte Schwachstelle des VfB stopfen.
Für Fink ist das allerdings kein Problem. Sagt er und konzentriert sich nur auf seine Mannschaft. Zwar wird es am Dienstag vor dem Abschlusstraining noch eine längere Videoanalyse geben, allerdings müsse sich sein Team nur an die jüngere Vergangenheit erinnern. Da gab es am 23. September in Stuttgart einen 2:1-Erfolg. Den ersten dieser Bundesliga-Saison. „Wir haben unser letztes Spiel da gewonnen und wissen, dass wir das können. Ich kann mir auch gut vorstellen, dass das noch immer in den Köpfen der Spieler ist – und zwar nicht nur bei unseren Spielern.“

Ein kleiner Psycho-Trick von Fink, der seine Mannschaft gut vorbereitet sieht. „Wir haben eine grundsätzlich positive Tendenz, ohne, dass wir uns deshalb in den Armen liegen müssen. Wir können in der Bundesliga noch nicht anfangen, die Europa-League als Ziel auszugeben“, so Fink vs. Den zarten Träumereien von Dennis Aogo, „aber es sind im Pokal auch nur noch vier Spiele, um dieses Ziel doch noch zu verwirklichen. Dabei sind wir in Stuttgart sicher nicht der Favorit – aber wir wissen, dass wir überraschen können.“ Und eine solche Überraschung könne seinen Spielern eine Dynamik verleihen, deren Ende nicht abzusehen sei. Fink optimistisch: „Ich gehe jetzt einfach mal davon aus, dass wir gewinnen..“ Immerhin haben er (inklusive Basel er sogar seit 17 Partien) und seine Mannen seit neun Spielen nicht mehr verloren. Bleibt diese Serie bestehen, würde es der HSV wenigstens ins Elfmeterschießen schaffen. „Und dafür haben wir mit Jaroslav Drobny einen Torwart, der alles hält.“

In Sachen Bundesliga gibt Fink sich etwas ruhiger. Die Europa League könne noch nicht das Ziel sein, die Meisterschaft („Wir haben hier keinen Maradona oder Schweinsteiger, um an sowas denken zu können“) noch weniger. „Mein Ziel ist ein gesicherter Mittelfeldplatz, ich will unter die Top Ten.“ Würde er weiterhin 1,5 Punkte pro Spiel machen, wären es am Ende rund 45 Punkte n- genau so viele wie in der vergangenen Saison. Damals wurde der HSV Achter. Enttäuschend ob der großen Namen. Diesmal wäre es anders, diesmal wären letztlich alle zufrieden. Vor allem Fink: „Immerhin hat man vor acht Wochen, als ich herkam, dieser Mannschaft noch die Bundesligatauglichkeit abgesprochen.“ Nur noch ein Zauberer sollte den HSV retten können. Das hatte kein geringerer als Franz Beckenbauer gesagt – und sich inzwischen darauf festgelegt, dass Fink eben jener Zauberer sein müsse.

Alles andere als Zauber erwartet hingegen VfB-Sportchef Fredi Bobic. Der fordert gegen den HSV altbekannte Tugenden: „Ich erwarte, dass die Spieler über die volle Spieldauer Willen, Leidenschaft und Engagement zeigen.“. Tugenden, die David Jarolim verkörpert – allerdings nicht auf den Platz bringen wird, denn heute fehlte der Tscheche ob einer Magen-Darm-Grippe. „Das ist sehr schade“, so Fink, „denn eigentlich wollte ich David Jarolim spielen lassen.“ Worte, die mich an Slobodan Rajkovic erinnern. Der Serbe hatte sich vor dem Mainz-Spiel nach vier Wochen Sperre mit Rückenproblemen kurzfristig abgemeldet – und hätte damals laut Fink ebenso überraschend spielen sollen wie diesmal Jarolim. Ein Schelm, wer…. aber egal, lassen wir das. Bringt ja auch nichts.

Stattdessen setzt Fink auf alte Kräfte, will nicht zu viel umstellen. Und er will wieder auf Marcell Jansen setzen. Der nach leichten Adduktorenproblemen zuletzt geschonte Linksfuß ersetzt auf der linken Außenbahn Ivo Ilicevic, der seinerseits Mladen Petric als zweite Spitze ersetzen könnte. Denn der Kroate leidet unter leichten Kniebeschwerden, blieb heute nur im Trainingstrakt zur Pflege, soll aber beim Abschlusstraining ebenso wie in Stuttgart dabei sein können. Nur nicht in der Startelf. „Mladen ist im Moment noch nicht richtig fit und muss das zweite Spiel in vier Tagen absolvieren.“ Was genau das bedeutet? Fink: „Dass Mladen vielleicht erst mal auf der Bank sitzt. Sollte es zum Elfmeterschießen kommen, könnte er zum Ende hin noch sehr wichtig werden.“ Zumal Petric als sicherster Elferschütze des HSV gilt und Penaltys nicht geübt werden. „Ich halte nichts davon, die zu üben“, so Fink, der die hohe Kunst des sicher verwandelten Elfmeters im psychischen Bereich sieht. „Meine Erfahrung ist, dass hierbei das Selbstvertrauen entscheidet. Und im Moment haben unsere Jungs Selbstvertrauen.“ Und eben Drobny.

Noch nicht haben die HSV-Verantwortlichen Maximilian Beister. Die Leihgabe an Fortuna Düsseldorf ist weiter heiß umworben. Aber der HSV ist dran. Ganz nah sogar. Noch am Donnerstag will sich Fink mit dem Wunschspieler treffen, um ihn von einer Vertragsverlängerung beim HSV zu überzeigen. „Wir hatten schon gute Gespräche und wollten uns beide jetzt noch auf den Saisonendspurt konzentrieren.“ Der ist am Dienstag für die Düsseldorfer gegen Dortmund und am Mittwoch für den HSV nach der Partie gegen Stuttgart beendet. „Deshalb setzen wir uns schnell noch mal miteinander hin, damit ich ihm unsere Fußball-Philosophie und vor allem seine sportliche Perspektive aufzeigen kann. Denn sportlich überzeugt bin ich von ihm, das weiß er.“

Das ist Fink irgendwie von allen, mit denen er zusammenarbeitet. Vor allem von seinen Spielern. Und während er betont, wie sehr er von seinem aktuellen Mittelfeld überzeugt ist, stellt er noch mal hervor: „Stand jetzt werden wir im Winter keinen Neuen holen. Es sei denn, Messi will plötzlich zu uns und ist finanzierbar. Nein, wir sind mit der Qualität der Mannschaft zufrieden. Der Kern stimmt, deshalb werden wir die Mannschaft nur punktuell sinnvoll verbessern und nicht auf Masse gehen. Mir geht es darum, die Mannschaft spielerisch zu verbessern, wobei schon die Vorbereitung helfen wird. Und ich möchte hier etwas entwickeln. Und zwar in aller dafür nötigen Ruhe.“ Immerhin hätte auch Borussia Dortmund – noch immer das Paradebeispiel für den erfolgreichen Umbruch von alt auf jung – zwei, drei Jahre dafür gebraucht. Fink: „Langfristig erfolgreich zu sein, kann man nicht von heute auf morgen erzwingen.“

Recht hat unser „Psycho-Fink“, der sich auf die Spuren eines legendär erfolgreichen HSV-Trainers macht: auf die von Ernst Happel. Auch der Österreicher hatte in den 80ern immer wieder betont, keinen Sinn darin zu sehen, auswärts taktisch großartig anders aufzutreten als daheim. Auch Happel forderte von seinen (zweifellos herausragenden Weltklasse-)Fußballern damals Dominanz auf dem Platz – auch auf fremdem Geläuf. „Das wollen wir auch in Stuttgart. Wir werden dort genauso auftreten, wie zu Hause. Das ist uns in Mainz nicht so gut gelungen, dafür gegen Augsburg wieder. Und auch wenn der VfB fußballerisch sicher so gut ist, dass er uns immer wieder mal unter Druck setzen wird und wir kontern, verändert sich unsere Taktik nicht.“ Denn, wie gesagt, so hat der HSV unter Fink noch keines seiner bislang neun Pflichtspiele verloren. Hoffen wir darauf, dass diese Serie anhält…

In diesem Sinne, morgen melde ich mich mit (Über-)Flieger Bruma und Marcell Jansen sowie mit letzten Erkenntnissen aus dem Abschlusstraining wieder.

Bis morgen,
Scholle (18.42 Uhr)

Fink: „Wir haben richtig guten Fußball gespielt“

18. Dezember 2011

Grottenkick, Durchschnitts-Spiel oder sehr gute 90 Minuten? Was war HSV gegen den FC Augsburg tatsächlich? Für mich war es ein schlechtes Spiel. Für die beiden Trainer ein gutes. Darüber später mehr. Vielleicht war es für mich deswegen so furchtbar, weil der HSV diese Begegnung hätte unbedingt gewinnen müssen. Die Enttäuschung war groß, war sogar riesig. Nur 1:1 gegen den Abstiegskandidaten? Das heißt, wer ist hier der Abstiegskandidat gewesen? Beide! Denn wenn man sich mal die Heimbilanz des HSV auf der Zunge zergehen lässt, dann kann einem tatsächlich angst und bange werden:

gegen Nürnberg 2:0
Kaiserslautern 1:1
Köln 3:4
Hoffenheim 2:0
Schalke 1:2
Wolfsburg 1:1
Mönchengladbach 0:1
Hertha 2:2
Augsburg 1:1.

Zwei Heimsiege – und zwar gegen Klubs, die nicht unbedingt zur Creme der Liga zählen. Und keine Siege gegen jene Klubs, die sich stets eher nach unten orientieren, gegen die eigentlich gewonnen werden muss, wenn man die Klasse halten will. Da kann sich jeder leicht ausrechnen, welche Vereine in der Rückrunde nach Hamburg kommen. Und gegen die muss dann wohl gewonnen werden, um nicht abzusteigen. Aber wird gegen die auch tatsächlich gewonnen? Nach dem Kick gegen Augsburg bleiben da doch viele Zweifel.

Die Statistik des Spiels HSV gegen Augsburg spricht allerdings deutlich für Hamburg: 25:12 Torschüsse, 8:0 Eckstöße, 17:9 Flanken, 61:39 Ballkontakte, 53:47 Zweikämpfe. Die meisten Ballkontakte beider Klubs: Tomas Rincon 100, De Jong 53. Die Zweikampfstärksten: Heiko Westermann 78 Prozent, Verhaegh 67 Prozent.
Tore aber 1:1.
Nur die zählen.

Und deswegen bleibt nach diesem Unentschieden eine große Enttäuschung, ich kann mich nur wiederholen. Zumal Augsburg nicht gerade mit einer „Wundermannschaft“ angetreten ist – im Gegenteil. Ich habe mir mal die Mühe gemacht, mit welcher Bundesliga-Erfahrung der Aufsteiger in diese Partie gegangen ist:

Das ist die FCA-Startformation:

Mohamed Amsif kam von Schalke 04, 0 Bundesliga-Spiele zu Saison-Beginn, jetzt 6.
Paul Verhaegh kam von Vitesse Arnheim, 0 Bundesliga-Spiele zu S-Beginn, jetzt 9.
Gibril Sankoh kam vom FC Groningen, 0 Bundesliga-Spiele zu S-Beginn, jetzt 10.
Marcel De Jong kam von Roda Kerkrade, 0 Bundesliga-Spiele zu S-Beginn, jetzt 8.
Andrew Sinkala kam vom SC Paderborn, 37 Bundesliga-Spiele zu S-Beginn, jetzt 44
Hajime Hosogai kam von Urawa Red Daimonds, 0 Bundesliga-Spiele zu S-Beginn, jetzt 16.
Torsten Oehrl kam von Fortuna Düsseldorf, 1 Bundesliga-Spiel zu S-Beginn, jetzt 5.
Daniel Baier kam vom VfL Wolfsburg, 28 Bundesliga-Spiele zu S-Beginn, jetzt 45.
Tobias Werner Carls Zeiss Jena, 0 Bundesliga-Spiele zu S-Beginn, jetzt 13.
Lorenzo Davids kam vom NEC Nijmegen, 0 Bundesliga-Spiele zu S-Beginn, jetzt 16.
Sascha Mölders kam vom FSV Frankfurt, 11 Bundesliga-Spiele zu S-Beginn, jetzt 28.

Eingewechselt wurden dann noch:
Daniel Brinkmann kam von Alemannia Aachen, 0 Bundesliga-Spiele zu S-Beginn, jetzt 12.
Dominik Reinhardt kam vom 1. FC Nürnberg, 93 Bundesliga-Spiele zu S-Beginn, 105.
Uwe Möhrle kam vom VfL Wolfsburg, 114 Bundesliga-Spiele zu S-Beginn, jetzt 123.

Diese Formation des FC Augsburg hatte also insgesamt 161 Bundesliga-Einsätze in den Stiefeln. Im Vergleich dazu beim HSV beispielsweise Jaroslav Drobny (135), Heiko Westermann (209), Paolo Guerrero (151) und Mladen Petric (112).

Wobei noch anzumerken ist: Gefehlt haben beim FC Augsburg in Hamburg immerhin neun Spieler, davon einige sehr erfahrene:
Jentzsch (253 BL-Spiele), Callsen-Bracker (62). Ndjeng (24), Kapllani (53), Rafael (105), de Roeck (7), Bellinghausen (31), Bah (1) und S. Langkamp 19).

So, und nun zu den Beurteilungen der Trainer.

Jos Luhukay (FCA) befand glücklich: „Wir haben heute läuferisch und kämpferisch alles abgerufen, dazu haben wir in mehreren Momenten auch ein Quäntchen Glück gehabt, und wir hatten einen fantastischen Torwart, der uns in den schwierigen Momenten auf den Beinen gehalten hat. Wir haben heute gegen eine Klasse-Mannschaft gespielt, die offensiv mit extrem viel Bewegung gespielt hat, die ein hohes Tempo gegangen ist. Der HSV hat nur vergessen, in den entscheidenden Momenten seine Möglichkeiten zu nutzen, das hat uns immer wieder zurück ins Spiel gebracht. Nach dem Ausgleich hatten wir noch eine hundertprozentige Torchance, wenn wir die nutzten, dann hätten wir das Spiel völlig auf den Kopf gestellt. Unter dem Strich bin ich als FCA-Trainer froh, dass meine Mannschaft heute die mentale Kraft hatte, hier einen Punkt zu erkämpfen. Ich wünsche Thorsten Fink und seinem HSV nach wie vor viel Glück in der Rückrunde.“

Thorsten Fink kommentierte das 1:1 wie folgt: „Ich kann eigentlich nur das wiederholen, was der Kollege bereits gesagt hat, ich kann mich dem nur anschließen, was er gesagt hat, ich kann mich damit identifizieren. Letztlich haben wir unsere Torchancen nicht genutzt. Bis auf die Chancenauswertung gibt es heute nichts zu meckern. Meine Mannschaft war sehr spielfreudig, hat viele Chancen herausgespielt, von daher war ich damit zufrieden. Natürlich sind wir nicht zufrieden, wenn wir unsere Heimspiele nicht gewinnen, das ist auch klar, aber mit der Leistung heute war ich zufrieden.“

Fink weiter: „Wir schauen weiter nach vorne, wir wollen im Pokal in Stuttgart einen weiteren positiven Schub mit in die Rückrunde nehmen, wir haben ja beim letzten Spiel in Stuttgart gezeigt, dass man da gewinnen kann. Insgesamt bin ich mit dem gesamten Verlauf der Saison, seit ich hier bin, sehr zufrieden, weil wir ja auch nach sechs Spielen erst einen Punkt hatten. Die Mannschaft hat das umgesetzt, was wir hier heute wollten, auch vom Spielerischen her, und das ist der Trainer auch immer besonders zufrieden, wenn die Mannschaft das umsetzt, was er vorgegeben hat. Ich denke, dass wenn wir so weiter spielen, dass wir dann auch unsere Heimspiele gewinnen werden, dass wir uns in der Tabelle weiter verbessern werden. Trotzdem werden wir keine anderen Ziele ausgeben, als einen gesicherten Mittelfeldsplatz, und wir sind auf dem besten Wege dorthin – weil wir auch diesmal einen Konkurrenten auf Abstand gehalten haben.“

Thorsten Fink ging dann später noch einmal ins Detail: „Heute haben wir richtig guten Fußball gespielt. Wir haben in den letzten zwei Spielen nicht so gut Fußball gespielt, haben auch im letzten Heimspiel nicht gut gespielt, aber 2:0 gewonnen, weil wir zwei von drei Chancen genutzt haben. Heute haben wir von den vielen Torchancen, die wir hatten nur eine genutzt, das ist alles. Die Mannschaft zeigt jedes Mal Charakter, hat sich viele Bälle erkämpft, hatte viel mehr Ballbesitz, hat auch heute spielerisch gezeigt, was sie kann – und das kann uns keiner mehr nehmen. Wir haben leider nur die Chancen nicht genutzt, aber deswegen müssen wir nicht so kritisch sein mit der Mannschaft. Beim letzten Mal war ich sehr kritisch, aber diesmal nicht. Und ich glaube, dass ich jemand bin, der sehr kritisch ist, wenn es mal nicht so läuft. Dann darf ich mir auch mal erlauben, nicht so kritisch zu sein. Weil ich denke, dass die Zuschauer, die gekommen sind, ein gutes Spiel gesehen haben. Wir haben den Gegner hinten rein gedrängt, wir haben uns auch viele Möglichkeiten sehr gut herausgespielt – jetzt müssen wir sehen, dass wir das mitnehmen, dass wir das in der Vorbereitung noch verbessern.“

Der HSV-Coach befand auch noch: „Wir sind weiter ungeschlagen geblieben, auch wenn es heute gegen eine Mannschaft von unten ging. Aber Augsburg hatte in der letzten Woche Mönchengladbach geschlagen, darf man auch nicht vergessen, und Gladbach spielt im Moment hervorragenden Fußball, ist zurzeit sehr gut drauf. Und von daher haben wir gegen eine Mannschaft gespielt, die unangenehm zu spielen ist, und das hat meine Mannschaft hervorragend gelöst. Aber man wird eben nicht immer im Fußball belohnt. Aber auf Dauer wird man dann schon belohnt.“

Zur sportlichen Gesamtlage sprach Fink noch: „Was wir jetzt geschafft habe ist das, dass wir vom Abstiegsplatz weggekommen sind. Und das nach diesem schlechten Start. Natürlich kann es in den nächsten zwei Jahren nicht der Anspruch sein, dort zu stehen wo wir jetzt stehen, das weiß ich auch, ich will immer weiter höher kommen, und das werden wir auch erreichen. Nur kontinuierlich, mit gezielter Arbeit, alles ein wenig mehr automatisieren. Und wir arbeiten sehr hart, wir arbeiten sehr gut, die Mannschaft ist sehr lernwillig. Wenn ich dann sehe, mit wie vielen Punkten wir angefangen haben, als ich hier die Arbeit aufnahm, und wenn ich sehe, wie viele Punkte wir heute haben, dann hätten sie alle eingeschlagen und gesagt: ‚Jawoll, Herr Fink, wir sind zufrieden damit.’ Wir wollen uns aber stets verbessern. Und hätten ja auch durchaus noch mehr Punkte haben können – siehe Hannover.“

Thorsten Fink fügt noch hinzu: „Wir sehen jetzt keinen Anlass, diese Mannschaft irgendwie noch schnell zu verstärken. Was nicht heißt, dass wir es jetzt nicht machen. Wir werden uns abschließend noch besprechen. Kann sich ja immer mal etwas ergeben. Wenn zum Beispiel ein Cristiano Ronaldo sich anbieten würde und nichts kostet, können wir nicht sagen: Dich nehmen wir nicht, Junge. Es ist immer was möglich im Fußball, aber eigentlich haben wir es jetzt nicht vor. Zur neuen Saison dann werden wir uns natürlich noch verstärken.“

So, das waren die Empfindungen des HSV-Trainers Thorsten Fink. Ich werde – nach diesen Ausführungen – das Wort „Grottenkick“ zwar zurücknehmen, aber trotz allem bleibt es für mich ein schlechtes Spiel des HSV. Nicht weil ich trotzig bin, sondern weil es gegen diesen dezimierten und limitierten Gegner ganz einfach einen Heimsieg geben muss. Muss. Wenn Fink ein gutes spielerisches Match von seinen Mannen gesehen haben will, dann fehlte mir dann doch die kämpferische Komponente. Und auch ein wenig die Lust, der Spaß, die Leidenschaft, das Herz. Und ich finde auch nach wie vor, dass das Nachrücken nicht so klappt, wie es eigentlich sein sollte, sein müsste. Dadurch hängen die beiden Stürmer, erst Mladen Petric, dann Paolo Guerrero, zu oft allein da vorne herum. Hinzu komm, dass es über die Flügel hapert, denn bei Gökhan Töre läuft es im Moment nicht so hervorragend, wie noch vor Wochen, und Ivo Ilicevic verlässt zu oft seine Position. Der Ex-Lauterer läuft überall und nirgends herum, würde er aber auf seinem Platz (für die Mitspieler zu finden) sein, fände er sicherlich wesentlich besser ins Spiel.

Und noch eines hat mir missfallen – wieder einmal. Die Freistöße. Wie fahrlässig geht der HSV bloß damit um. Ihr könnt es beobachten: Pfeift der Schiedsrichter einen Freistoß in Strafraumnähe für den HSV, läuft die Hälfte der Hamburger Mannschaft zum Punkt. Das ist fast schon lächerlich, wie beim Jugend-Fußball (aber E-Jugend!). Ich will schießen! Ich will schießen! Ich will aber auch schießen. Nein, ich will schießen. Und: Du schießt ganz sicher nicht.
Derjenige, der sich dann mannhaft durchgesetzt hat, der ist von diesem Kamp so mitgenommen (und unkonzentriert), dass er den Ball garantiert in die Wolken oder in die Mauer haut. Unfassbar ist das.

Meine Hoffnungen ruhen aber auch in diesem Fall auf Thorsten Fink. Ich war kürzlich dabei, als der Trainer ein Spielchen unterbrach, weil er eine gewisse OIrdnung beim Einwurf (!) haben wollte. Motto, so Fink: „Wir werfen den Ball immer zum Gegner. Aber wenn sich einer blitzschnell von seinem gegenspieler lösen würde, dann gäbe es eine komfortable Situation von zwei gegen einen. Der, der sich gelöst hat, muss den ball nur zu dem Einwerfenden zurückspielen.“ Klingt logisch. Wurde dann auch (im Training) gemacht. So muss sich das dann eigentlich auch mit den Freistößen lösen lassen. Fink sagt vor dem Spiel an, wer zu schießen hat, dann muss nicht später darum gekämpft werden. Kostet doch alles Kraft und Konzentration. Was man dann bei der Ausführung prompt auch sehen kann. Aber: Viele Spiele im heutigen Fußball sind so eng, dass sie gerade durch Freistöße (oder allgemein Standards) entschieden werden können.
Noch verschenkt der HSV in dieser Hinsicht zu viel.

Aber vielleicht wird es ja am Mittwoch alles besser – oder vieles. Und es gibt einen Sieg, wenn nicht unbedingt alle HSV-Fans damit rechnen (können). Im Pokal beim VfB Stuttgart fällt Marcus Berg auf jeden Fall aus, er brach sich am Sonnabend das Schlüsselbein. Dafür ist Marcell Jansen wieder fit, der wegen Leistenbeschwerden gegen Augsburg fehlte – und wohl auch, wie Thorsten Fink verriet, „aus taktischen Gründen“. Die gegen Augsburg ausgewechselten Mladen Petric und Gojko Kacar werden, davon geht der Coach aus, werden im Ländle mit von der Partie sein können, es liegen keine Verletzungen vor.

Ja, und dann war da noch
eine Aussage der besonderen Art. Nicht zum HSV, sondern mal eben in den freien deutschen Fußball-Raum gesprochen. Darauf muss Mann erst einmal kommen:

„Es gibt ein paar Journalisten, die offenbar mein Gesicht nicht mehr sehen können. Das ist nach einer langen Zeit an der DFB-Spitze wohl normal. Dann gehe ich lieber, solange es nur ein paar sind.“

Das hat Dr. Theo Zwanziger, Präsident des Deutschen Fußball-Bundes, in einem Interview der „Welt“ gesagt.

Ich hätte da mal einen Rat an den Noch-Präsidenten. Er sollte sich besser auch mal im eigenen Stall umhören. Wenn dann diese Menschen, die er befragt, die Manns genug sind, um ihm die Wahrheit ins Gesicht zu sagen, dann würde er nicht mehr (nur) von Journalisten sprechen . . .
DFB und DFL warten auf die Wachablösung, warten auf Wolfgang Niersbach, der wieder Grund in den größten Sport-Verband der Welt bringen soll – und bringen wird.

16.29 Uhr

Nur 1:1 – der Abstiegskampf geht weiter!

17. Dezember 2011

Der Abschied aus dem Volkspark war ein wenig erschütternd. Der HSV schaffte gegen den FC Augsburg nur ein 1:1 und bleibt damit in der Abstiegszone stecken. Es war, um es einmal krass zu sagen, ein Grottenkick. Das spielten Not gegen Elend, der HSV zog ein Spiel auf, als ging es noch einmal gegen die Armut in Afrika, als ginge es noch einmal gegen Zidane, Figo, Ronaldo und Co. Kein Tempo, kein Hunger, kein Biss, kein Herz, kein Wille – grausam. Der HSV hat sich zwar durch einen Kraftakt vor einigen Wochen aus der unmittelbaren Gefahr befreit, aber von einem schwungvollen, ideenreichen, engagierten Fußball ist diese Mannschaft so weit entfernt, wie der FC Bayern vom 18. Tabellenplatz. Das war bislang eine harte Saison, es wird weiter so bleiben, jeder HSV-Fan kann sich auf Abstiegskampf auch im Jahr 2012 einstellen. Der Umbruch uns seine Folgen. . .

Da spielten zwei Mannschaften von unten – und so gingen sie auch zu Werke. Augsburg brav und bieder, ich war enttäuscht davon, denn das war doch eher Zweitliga-Format. Und der HSV tat sich vor 48 143 Zuschauern oft sehr schwer, den Abwehrriegel zu knacken – teilweise war das rat-, hilf- und ideenlos, oftmals auch viel zu verspielt. Wer geglaubt hatte, dass der HSV schon über den Berg sei, dass der HSV diese harmlosen Augsburger vor sich hin spielen würde, der liegt leider total daneben. Wenn da nicht noch viel in der Winterpause passiert (auf Hamburger Seite), dann bleibt das bis zum Saisonende so. Und mit passieren meine ich nicht nur, dass da neue Leute eingekauft werden müssen (die wird es auch nicht geben – vielleicht einer), sondern auch dass Thorsten Fink diese Mannschaft wieder auf Vordermann bringt, dass er seinen Spielen den Hintern aufreißt. Laufen, kämpfen, rennen, beißen, alles geben. Nur so kommt man auch tatsächlich da unten raus.

Und mit Biss hatte der HSV einst auch unter Thorsten Fink begonnen. Da brannte ein jeder, da wollte ein jeder, da war der Biss zu spüren, sich gegen die prekäre Situation zu wehren. Seit einigen Spielen aber spielt der Fußball, da fehlt mir der Kampf, die Leidenschaft, das Herz. Was offenbar auch einige andere Hamburger so sehen, denn in Sachen Zuschauer klaffen immer größere Lücken in der Arena. Der Süd-Osten war doch sehr, sehr luftig – die schönen Zeiten, als das Stadion trotz mieser Leistungen immer rappelvoll war, die sind offenbar vorbei. Oder ist das bevorstehende Weihnachtsfest die Ursache? Ich glaube nein.

Dabei hatte der HSV genügend Möglichkeiten, dieses Spiel vorzeitig für sich zu entscheiden. Aber es wurden die besten Chancen vergeben. Weihnachtsgeschenke an die armen Augsburger verteilt. Weil die Süddeutschen so Mitleid erregend spielten?
Ivon Ilicevic hätte nach einem Super-Pass von Dennis Aogo das 1:0 schießen können, als er aus 16 Metern abzog, aber der beste Augsburger, Torwart Amsif, hielt – Ecke (7.).
In der 29. Minute kam Paolo Guerrero aus zwölf Metern frei zum Schuss – mit der Pike. Wieder gehalten. So auch in der 43. Minute. Gojko Kacar, wunderbar von Mladen Petric bedient, schoss den Ball frei vor dem Keeper genau auf den Bauchnabel von Amsif. Und als der Torwart zweimal schon chancenlos war, da retteten unmittelbar vor dem Halbzeitpfiff zwei Augsburger Abwehrspieler gegen die Schüsse von Petric und Ilicevic auf der Torlinie.

„Wir hatten in dieser Halbzeit mehr Torchancen, als in der gesamten letzten Saison. Dann ist es bitter, wenn es dann noch 0:0 steht“, befand „Dittsche“, nämlich Olli Dittrich. Und so ging es weiter. 54. Minute, Eckstoß Ilicevic, Kopfball Petric – vorbei. Unfassbar. Und dann begann es zu schneien. Zeit zum Ausrutschen?

Wie sollte das gehen? Gegen eine Mannschaft, die nur einen Spieler an der Mittellinie ließ, um mit allen anderen hinten drin, im und am eigenen Strafraum zu stehen? Es geht! In der 63. Minute traf Oehrl flach aus 15 Metern – 0:1. So musste es kommen. Doch der HSV erwachte noch. Gerade noch rechtzeitig. Freistoß von halblinks von Aogo, Kopfball Guerrero aus sechs Metern – 1:1 (67.). Endlich! Und zum Glück ließ der Augsburger Baier nach einem Konter noch das sichere 1:2 „liegen“, als er nach einem katastrophalen Fehler von Ilicevic frei vor Drobny vorbei schoss (72.).

Eigentlich hätte der Ausgleich den HSV ja beflügeln müssen, aber es blieb ein Durchschnitts-Kick. Gegenüber Halbzeit eins hatte sich im zweiten Durchgang nur Gökhan Töre ein wenig verbessert, denn der Türke gab von der 46. Minuten an gelegentlich mal so richtig Gas. So, wie ihn die Hamburger schätzen und lieben.

Ansonsten aber war es erschütternd.
Jaroslav Drobny konnte am 0:1 nichts halten, er hatte aber in der 31. Minute seine große Szene, als er aus nächster Nähe gegen Baier rettete. Dennis Diekmeier spielte solide und unauffällig, war nach vorne kaum zu sehen. Heiko Westermann souverän, bis auf eine Szene. Jeffrey Bruma ließ kaum etwas anbrennen, müsste aber meiner Meinung nach entschiedener auftreten. So wie diesmal Dennis Aogo. Der Nationalspieler war von Beginn präsent, er wollte den Ball, er übernahm Verantwortung – das war gut so.

Von den beiden Sechsern war &Tomas Rincon der etwas bessere, aber auch er darf seine Stärken nicht ganz vergessen. Der Amazonas-Gattuso kann kämpfen, rennen, kloppen, Gegner bekämpfen. Nun aber versucht er sich schon zu viel als Spielmacher. Und das kann er – in meinen Augen – nicht. Gojko Kacar ist mir ein Rätsel, er könnte viel mehr, zeigt davon aber schon seit Wochen nichts. Warum? Genau das ist und bleibt mir rätselhaft.

Gökhan Töre verschlief Halbzeit eins, dann taute er wenigstens ein wenig auf. Was von Ivo Ilicevic nicht zu sagen ist. Ich habe vor Wochen gesagt, dass wir noch viel Freude an ihm haben werden, aber so nicht. Das war nicht Fleisch, nicht Fisch.

Und vorne? Mladen Petric bemühte sich, schnell zu spielen, aber zu viel blieb Stückwerk. Und er ist eben noch nicht bei 100 Prozent. Paolo Guerrero wollte, fand in meinen Augen aber kaum Unterstützung. Schade. Auch wie er zum Schluss das 2:1 auf dem Kopf hatte, aber wieder hielt Amsif glänzend (90.).

Bitter war der Auftritt von Marcus Berg (kam 71. für Petric), der sich beim Versuch eines Fallrückziehers wohl eine schwere Schulterverletzung zugezogen hat. Für Berg kam Per Ciljan Skjelbred, der aber – genau wie der zuvor gekommene Heung Min Son (75. für Kacar) – nichts mehr bewegen konnte.

Wieder einmal zwei verschenkte Punkte. Im neuen Jahr kann das alles nur viel besser werden.

PS: Leider war es wohl zu kalt, ich konte erneut nicht senden, erst im Presseraum ging es -leider.

17.47 Uhr

Luhukay ist verärgert und will Fink Lügen strafen

16. Dezember 2011

In Hamburg fällt alles aus. Nahezu alle Hamburger Amateurspiele sind bereits abgesagt, der Rest wird wahrscheinlich morgen noch abgesagt. Nicht so das Spiel gegen Augsburg. Da wird kein Risiko gegangen. Selbst das Abschlusstraining wurde aus dem Stadion auf die Außenplätze verlegt, um den Untergrund in der Imtech-Arena zu schonen. „Trotzdem wird es tief“, weiß Mannschaftskapitän Heiko Westermann und stieß ins gleiche Horn wie sein Trainer Thorsten Fink am Donnerstag. „Es wird ein absolutes Kampfspiel. Augsburg ist nicht nach Hamburg gekommen, um hier spielerische Glanzpunkte zu setzen. Die wollen unser Spiel zerstören, gehen Mann gegen Mann. Da werden wir kein bisschen weniger als 100 Prozent Kampf aufbieten müssen, um zu gewinnen.“

Mit Westermann. Wie immer. Die letzten 50 Spiele hat der Kapitän in der Bundesliga gespielt. Auch gegen Augsburg ist Westermann von Beginn an dabei. 51 Mal in der Startelf, dabei keine Sekunde verpasst – das ist schon beeindruckend. Und selten. Was sein Erfolgsgeheimnis ist? Westermann: „Das ist eine Qualität, die ich habe. Ich habe das Glück, körperlich gute Voraussetzungen zu haben. Und ich pflege sie, arbeite ständig an mir.“ Weil er weiß, was er kann. Und was eben nicht. Westermann zählt zu den Spielern, die sicherlich fußballerisch weniger Talent mit auf den Weg bekommen haben wie andere – beispielsweise Eljero Elia und Marek Heinz um nur zwei von vielen zu nennen -, aber er bringt seine speziellen Qualitäten optimal ein.

Bei Westermann sieht man, vergleichbar mit Bernd Hollerbach, wie wichtig ein gesunder Verstand für einen Fußballer sein kann. Westermann quält sich in jedem Spiel und ist eine Zuverlässigkeit auf dem Platz. So sehr, dass er der unumstrittene Kapitän des HSV ist, der gegen Augsburg am Sonnabend (15.30 Uhr, Imtech-Arena) sein Halbserienziel erreichen kann. Und will. „Wir hatten uns gesagt, es sollten über 20 werden“, so Westermann, „und gegen Augsburg, die wahrlich keine super Mannschaft sind, aber immer kämpfen, machen wir die 21 voll. Egal wie. Das muss auch nicht schön sein. Wenn wir dann noch im Pokal weiterkommen, geht hier alles wieder seinen Weg.“ Soll heißen: dann redet hier niemand mehr von Abstiegskampf. Nein, dann können wir beruhigt in die Winterpause gehen“, so Westermann, der allerdings auch warnt: „Es ist Zeit, hart zu arbeiten. Aber es ist jetzt noch nicht die Zeit zum Träumen.“

Eine kleiner Hieb in Richtung Dennis Aogo, der gestern offen von seinen Europa-League-Träumen sprach? Westermann verneint. „Das habe ich gar nicht gelesen. Ich wollte eigentlich nur klar machen, dass wir nicht vergessen dürfen, wo wir herkommen. Immerhin saßen wir vor zwei, drei Monaten noch hier als Tabellenletzte mit der Aussicht auf – nichts! Nein, erst Augsburg schlagen, egal wie. Danach können wir weitersehen.“ Westermann in Reinkultur. Der Franke holt sich und seine Jungs wieder runter, wenn sie abzuheben drohen.

Komplimente, die man ungefiltert auch an Tomas Rincon weitergeben kann. In der „Bild“ sprach Trainer Thorsten Fink jüngst davon, dass der Venezolaner für ihn die positivste Überraschung der Hinserie sei. „Der hat ein großes Potenzial, das Herz auf dem rechten Fleck und ist ein absoluter Fighter. Mit dem kann ich mich identifizieren. Tomas ist eine Säule mit der wir für die Zukunft planen.“ Worte, die Rincon freuen. Zumal er lange auf dieses Vertrauen von einem Trainer warten musste. „Ich habe auch vorher immer mal gespielt. Aber dann meistens nicht auf meiner Position und unregelmäßig. Das ist jetzt zum Glück anders.“

Dank Thorsten Fink. Der Trainer hat eine seiner Qualitäten ausgespielt und seinen Worten auch Taten folgen lassen. Rincon gilt im Mittelfeld unter ihm sogar als gesetzt. Trotz der zahlreichen Konkurrenz. Gegen Augsburg wird der 23-Jährige voraussichtlich mit Gojko Kacar im Mittelfeld auflaufen, nachdem er in Mainz mit Robert Tesche begonnen hatte. „Das ist aber kein Problem, weil wir uns alle gut kennen, sich jeder von uns hilft. Außerdem sind Robert, Jaro und Gojko auch tolle Spieler, die es einem leicht machen.“

Nicht leicht, dafür aber wie auf ihn abgestimmt dürfte die Augsburg-Partie werden. Ein Spiel, dem der Ruf vorauseilt, es würde ein hartes, kampfbetontes Spiel auf tiefem Geläuf. Eben genau das, was dem Vorzeigekämpfer Rincon liegen dürfte. „Seine Zweikampfstärke werden wir brauchen“, sagt Westermann. Und Rincon stimmt ein: „Wir haben zuletzt zweimal nicht so gut gespielt, müssen jetzt wieder die Spannung reinbekommen. Wir dürfen nicht denken, dass wir hier mal locker 5:0 gewinnen. Sonst verlieren wir“, so Rincon.

Nicht dabei sein wird Marcell Jansen. Der Linksfuß konnte zwar heute wieder voll mittrainieren, wird aber wie angekündigt für das Pokalspiel gegen Stuttgart geschont. „Er hatte leichte Probleme mit dem Oberschenkel, deshalb lassen wir ihn raus“, sagt Fink und bestätigt: „Aber am Mittwoch gegen Stuttgart plane ich wieder mit ihm.“ Für Jansen rückt gegenüber dem Mainz-Spiel Slobodan Rajkovic wieder in den Kader. Auch ein Spieler der Sorte, der sich für keinen Zweikampf zu schade ist. Gute Aussichten, wie ich finde.

Beginnen wird der HSV voraussichtlich mit folgender Elf: Drobny – Diekmeier, Bruma, Westermann, Aogo – Töre, Kacar, Rincon, Ilicevic – Petric, Guerrero. Wobei im Abschlusstraining heute beim abschließenden Spiel auf verkürztem und völlig unter Wasser stehendem Feld bunt gemischt wurde. Da spielte Petric mit Ilicevic zusammen, während auf der anderen Seite Guerreo mit Son angriff und Per Skjelbred spielte Rechtsverteidiger. Ergo: alles eher nichts aussagend.

Aber ziemlich sicher Dinge, die wir morgen wahrscheinlich eher nicht in der Konstellation zu sehen bekommen. Was allerdings Thema sein dürfte, ist der – ich nenne es mal unaufgeregt Zwist – zwischen Jos Luhukay und Fink. Die Worte des HSV-Trainers, Augsburg käme nur, um zu zerstören, bezeichnet der Augsburg-Trainer als „Frechheit“. „Wenn die das wirklich so gesagt haben, dann haben sie uns lange nicht mehr spielen sehen“, so Luhukay sauer, bevor er auch sportliche Rache sinnt: „Ich möchte, dass er sieht, wie wir wirklich spielen, und hoffe, dass er seine Aussage danach revidiert. Wir werden versuchen, nach vorne zu spielen.“

Einmal in Form, konnte sich Luhukay einen kleinen Seitenhieb in Richtung seines Kollegen nicht verkneifen. Der Niederländer führte den jüngsten Aufschwung des HSV nicht nur auf die Person Fink zurück. „Durch den neuen Trainer ist die Mannschaft geschlossener, es ist sehr schwer, sie zu schlagen“, sagte er zwar, ergänzte aber: „Wenn man die Qualität des HSV-Kaders sieht – nicht nur der Stammelf, sondern des kompletten Kaders in der Breite -, war es nur eine Frage der Zeit, bis sich die Mannschaft im Mittelfeld positioniert. Das sehe ich unabhängig vom Trainerwechsel.“

Dennoch bin ich mir ziemlich sicher, dass sich beide Trainer morgen sportlich fair begegnen werden – und der HSV am Ende gewinnt, sollte die Mannschaft den Kampf annehmen.

In diesem Sinne, morgen meldet sich nach dem Spiel (Sieg) Dieter bei Euch. Ich verabschiede mich bis Montag und stelle Euch ans Ende noch ein paar Daten und Fakten zum Spiel. Bis morgen,

Scholle (18.58 Uhr)

Statistik:

Das einzige Pflichtspielduell beider Teams gab es 1986/87 in der 2. Runde des DFB- Pokals. Beim 2:1-Sieg der Hamburger musste ab der 69. Minute Feldspieler Heinz Gründel ins Tor, nachdem Uli Stein vom Platz geflogen war.

BL-Dino empfängt BL-Neuling: Der HSV steht vor seinem 1645. Spiel, der FC Augsburg vor seinem 17.

Zu Hause gab der HSV gegen Klubs aus dem Freistaat in den vergangenen Jahren stets eine gute Figur ab: Keines der letzten 11 Pflichtspiele gegen bayerische Teams ging verloren (7 Siege, 4 Remis).

Thorsten Fink ist in seinen ersten 7 BL-Spielen ungeschlagen (2 Siege, 5 Remis), der BL-Rekord liegt bei 14(Karl-Heinz Feldkamp beim FCK). Beim HSV war zuletzt Bruno Labbadia zum Start länger ungeschlagen (10 Spiele – 6 Siege, 4 Remis).

In den letzten 5 BL-Partien haben die bayerischen Schwaben immer getroffen, wenngleich sparsam: viermal gelang ein Tor, einmal 2. Dem HSV hingegen gelang zuletzt erstmals unter Fink (8 Pflichtspiele) kein Tor.

Seit Einführung der 3-Punkte-Regel 1995/96 spielte kein BL-Neuling (vor dem FCA waren es sechs) in seiner Premierensaison eine schlechtere Hinrunde als Augsburg. Doch nur SSV Ulm stieg 1999/00 gleich wieder ab.

Seit dem 6. Spieltag hat Augsburg nicht mehr in der 1. Hälfte getroffen. Keine Mannschaft traf so selten in der 1. Hälfte wie der FCA (dreimal).

Der HSV (92) und der FCA (91) ließen die meisten Schüsse auf das eigene Tor zu.

Aogo träumt von Europa, Fink von einem Spielmacher

15. Dezember 2011

Heute kommt’s im Doppelpack. Zuerst Dieters sehr schöne Laudation auf Herrmann Rieger, jetzt noch ein kurzes sportliches Update. Und trotz der Kürze wird es ein aus meiner Sicht sehr interessantes Update. Denn der HSV wird mutiger. Zurecht werden jetzt die meisten hier sagen, schließlich entwickelt sich der Fußball sehr ordentlich. Allerdings hatte das bislang immer nur kurze Ausblicke zur Folge. Zumeist ging es nur um das nächste Spiel und die Distanz zu den Abstiegsrängen. Bis zum Mainz-Spiel. Davor hatte Trainer Thorsten Fink von einem „absoluten Schlüsselspiel“ gesprochen. Eines, das entscheiden sollte, ob der HSV nach oben schauen kann oder weiterhin nach unten schauen muss. Am Ende gab es ein Remis, das keinem so recht weiterhelfen konnte.

Es ging weder nach oben noch nach unten. Und diesmal ist es Frank Arnesen, der das nächste Spiel zum Schlüsselspiel erklärte. Dennis Aogo geht sogar noch einen Schritt weiter und spricht offen vom Erreichen der Europa-League: „Fakt ist, das ich noch von der Europa League träume“, so der Linksverteidiger, „und das liegt nicht nur daran, dass Weihnachten vor der Tür steht. Ich orientiere mich nicht mehr nach hinten und es ist noch so viel möglich. Daher stecke ich mir große Ziele, auch wenn sie zu hoch wirken.“ Mitentscheidend für das Erreichen derartiger Ziele sei, und da schlägt Aogo in Arnesens Kerbe, ein Sieg gegen Augsburg. „Damit halten wir den Anschluss, so ein Sieg strahlt auch auf die Vorbereitung aus.“ Und die würde besonders wichtig. „Weil wir Automatismen trainieren können, die uns noch fehlen. Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass wir noch lange nicht alles abgerufen haben, was wir können. Und wenn wir die Punkte in der Rückrunde holen, die wir in dieser Hinserie unnötig liegengelassen haben, ist alles möglich.“

Forsche Töne, die am Sonnabend im Duell mit Augsburg mit Leben gefüllt werden können. Nein, gefüllt werden müssen. Auch wenn es kein schönes Spiel wird, wie Fink prophezeit: „Augsburgs Spiel ist darauf ausgerichtet, zu zerstören. Das wird nicht schön“, so der HSV-Trainer, der sich heute schon auf zwei Personalwechsel gegenüber dem Mainz-Spiel festlegte: „Mladen Petric und Gojko Kacar werden auflaufen“, so Fink, der damit die sich im Training bereits angedeutete Herausnahme von Robert Tesche im defensiven Mittelfeld bestätigte. Zusammen mit Tesche wird auch Jansen seinen Platz räumen. Zum einen, weil Fink diese Pause geplant hatte, zum anderen, weil Jansen heute mit Leistenproblemen nicht trainieren konnte. Im Pokalspiel am kommenden Mittwoch in Stuttgart soll Jansen zwar wieder auflaufen, gegen Augsburg wird allerdings Ivo Ilicevic aus dem Sturmzentrum auf die linke Außenbahn gezogen, während Petric als hängende Spitze mit Guerrero stürmen soll. Rechts spielt erneut Gökhan Töre.

Apropos, Töre ist der Hit. Nicht nur, dass sich der 19-jährige Deutsch-Türke auf dem Platz super entwickelt hat, auch in Sachen Merchandising gibt der ruhige Töre den Ton an. Kein Trikot wurde häufiger verkauft als seines. Auch nicht das von Dennis Aogo, der diesen Umstand mit Humor nimmt: „Gökhan ist doch auch ein spektakulärer Spieler, ganz klar. Ich würde auch kein Trikot von mir kaufen.“

Wenig spektakulär war heute das Training. Auffällig neben der guten Stimmung innerhalb der Mannschaft war dabei, dass Fink sich ganz speziell um die Spieleröffnung kümmerte. Immer wieder holte er sich die Viererkette zusammen, gab Tomas Rincon und Mladen Petric als potenzielle Anspielpunkte klare Anweisungen. Und auch wenn noch nicht alles funktionierte, deutet vieles darauf hin, dass es am Sonnabend schnörkellos wird. Immer wieder übte Fink heute die Spieleröffnung unter Druck, forderte dabei Tempo ein. „Das Spiel gegen Augsburg wird ein harter Kampf, nicht schön“, so der Coach. Weil Augsburg zerstören will. „Zum Teil spielen sie Manndeckung. Wir müssen kämpfen und brauchen Geduld.“ Ziel sei es, das letzte Heimspiel zu gewinnen und die 20 Punkte-Marke zur Winterpause zu überwinden. „Mit einem Sieg haben wir die Chance, zuhause zur Macht zu werden. Das I-Tüpfelchen für das ablaufende Jahr wäre im Anschluss ein Sieg im Pokal“, so Fink, der sich heute auf eine hier im Blog wie auch öffentlich immer wieder diskutierte Personalie festlegte: „Es fehlt uns einer im Team, der das Spiel gestaltet.“ Ob der im Winter kommen soll? „Stand jetzt, machen wir nichts“, so Sportchef Frank Arnesens wenig sagende Antwort. Immerhin lässt sie alles offen – und mich ehrlich gesagt hoffen. Fortsetzung folgt. Hoffentlich…

In diesem Sinne,
wir hören/sehen/lesen uns morgen!

Scholle (18 Uhr)

P.S.: Ich habe heute länger mit Armin Veh gesprochen, von dem ich hier ausdrücklich grüßen soll. Der 50-Jährige zeigte sich überrascht, dass wir hier Abstiegssorgen hatten. Vielmehr sieht er die Entwicklung beim HSV grundsätzlich positiv: „Ich habe ehrlich gesagt nie verstanden, weshalb es am Anfang diese Abstiegshysterie gab.“ Obwohl der HSV nach sechs Spieltagen nur einen Punkt hatte? Veh: „Ja, trotzdem. Der HSV hatte immer zu viel Qualität, um ganz unten zu stehen. Da wurde am Anfang leider etwas zu viel auf Understatement gemacht. Es musste sich doch nur finden. Und dass ein derartiger Umbruch Zeit bedarf, war doch eigentlich allen klar. Ich hatte die Situation beim HSV eher als große Chance gesehen. Es ist doch ein Vorteil für Mannschaft wie Trainer, wenn man nicht unter dem Druck steht, einen internationalen Platz erreichen zu müssen. Und dass man absteigt, halte ich für ausgeschlossen. Demnach ist genau jetzt der Platz für den Umbruch und eine Entwicklung gegeben. Ich hoffe, der HSV nutzt diese Chance weiter wie in den letzten Wochen. Das zu sehen macht Spaß.“ Hoffentlich hat er Recht.

„Wir bleiben Freunde, mein Burschi“

15. Dezember 2011

Gratulation an das gesamte HH1-Team, das war eine wirklich gelungene Sendung, von vorne bis hinten. Dickes Kompliment! Der „Hamburger des Jahres“ – wieder einmal eine runde Sache, die Damen und Herren des TV-Senders haben das perfekt inszeniert. Die Moderatoren Lisa Reimnitz und Michael Schmidt führten großartig und gekonnt durch den Abend, Sänger Stefan Gwildis zog eine tolle Show ab – es passte einfach alles. Mit dem Höhepunkt zum Schluss: Hermann Rieger. Felix Magath, sein langjähriger Freund, hielt die Laudatio. Man hatte mich für Felix Magath als persönlichen Betreuer von Anfang und Ende eingesetzt, deswegen war ich dabei, als sich Felix und Hermann, der dort ganz allein saß, vor der Sendung im VIP-Raum trafen. Hermann schmolz dahin, wusste er doch zu diesem Zeitpunkt gar nicht, was mit ihm passieren würde. „Mensch Felix, du kommst extra aus Wolfsburg angefahren, das ist ja unfassbar, das kann ich nicht glauben“, sagte Hermann total gerührt und glücklich. Er sagte es mehrfach in den folgenden Minuten. Dann betrat Bernd Hollerbach den Raum, und auch ihm fiel Hermann natürlich in die Arme. Das war schon eine kleine Aufführung für sich.

Dann die Sendung selbst. Dass ich in Reihe eins neben dem ehemaligen Aufsichtsrats-Chef Udo Bandow saß, hatte ich dem Umstand zu verdanken, dass es kurzfristig eine Absage gegeben hatte. Und: Als Hermann, Felix, Holler und ich aus dem VIP-Raum kamen, waren alle Plätze schon besetzt – bis auf die mit Namensschildern geblockte erste Reihe. Dort durfte ich dann für den „Absager“ Platz nehmen – gefiel mir natürlich. Wobei ich Jürgen Hunke, der während der Sendung nur stand, diesen Platz angeboten hatte – aber er wollte nicht.

Die Reden, die an diesem Abend gehalten wurden, waren in meinen Augen sehr, sehr gut. Klar, wenn Ole von Beust und Bürgermeister Olaf Scholz sprechen. Mir aber hat Jasmin Wagner (einst „Blümchen“) am besten gefallen, denn sie sprach „freihändig.“ Überragend. Sie las nicht ein Wort ab.

Meine Gedanken dabei: Wie wird sich Felix Magath, dann als letzter Redner, aus der Affäre ziehen? Super. Er hat es wirklich super gemacht. Ich habe zufällig die Rede von ihm, Ihr könnt sie nachfolgend lesen. Mir wäre das Herz in die Hose gerutscht, gebe ich ehrlich zu, aber Felix Magath hat es wirklich großartig gemacht. Und er brachte den Saal zum Schluchzen und Weinen. Es wurde kräftig geschnieft. Allen voran „uns Hermann“. Er war überwältigt – und alle, wirklich alle haben sich mit ihm gefreut. Nach der Sendung gratulierten ihm die meisten Gäste, der erste Mann, der auf ihn zutrat, war der Olaf Scholz – und Hermann, dem die Tränen noch über die Wangen liefen, sagte – völlig fertig: „Herr Bürgermeister, ich bin so glücklich.“

Ein großer Abend ging dann großartig zu Ende, denn „Hermanns treue Riege“, sein Fan-Klub aus Alfstedt, war extra angereist, um den Helden ein weiteres Mal zu feiern. Tolle Geste von HH1, diese Rieger-Fans zum Schlussbild auf die Bühne zu bitten – das war ein würdiger Abschluss. Da ich zur HA-Weihnachtsfeier musste (durfte), sah ich Hermann beim Weggehen immer nur noch Hände schütteln. Inzwischen aber strahlte er – fast hätte ich geschrieben, über alle vier Backen. . .

Hier die Laudatio von Felix Magath:

Guten Abend, meine Damen und Herren!

Zieht den Bayern die Lederhosen aus. Von diesem Szenario träumt Fußball-Hamburg fast schon so lange, wie es die Bundesliga gibt. Einige Male hat es geklappt, dass die Münchner ihren Hosen – sprich die Punkte – an der Elbe lassen mussten, einige Male aber auch nicht. Egal. Einer, der in seinen 26 Jahren beim HSV stets mitgeholfen hat, dass die Bayern hier ins Stolpern gerieten, ist – ausgerechnet – ein Ur-Bayer. Hermann Rieger. Geboren am 2. Oktober 1941, mitten im Krieg, in Mittenwald, gelernter Kolonialwarenhändler, dann Ski-Lehrer und Masseur. Für den jungen Hermann waren die damaligen Wintersport-Stars wie Toni Sailer, Georg Thoma oder Christel Cranz wahre Helden, an den Fußball dachte er zu jener zeit noch lange nicht. Er brauchte „zwoa Brettl’n“ unter seinen Füßen, dann war die Welt, seine bayrische Welt, für ihn absolut in Ordnung.

Als Ski-Lehrer wurde er sogar vom Deutschen Ski-Verband entdeckt und eingestellt, der Hermann wurde Techniktrainer für den Riesenslalom. Und wurde auf diese Art Teilnehmer an Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen. Hätten Sie’s gewusst?

Hermann Rieger wurde so Weltreisender in Sachen Skisport, und er hatte dieses Leben bald über. In seine bayerische Heimat kam er praktisch nur noch zum Wäschewechseln – deshalb fasste er irgendwann den Entschluss, dieses Vagabundenleben zu ändern. Er wurde Masseur, auch wenn es einige Zeit brauchte, ihn davon zu überzeugen. Die Eltern schafften es letztlich.

Als Massage-Schüler kam er so ein wenig näher an die Fußballer des TSV 1860 München und des FC Bayern. Ein Kontakt, der sein Leben grundlegend veränderte. Der damalige Löwen-Trainer bat Hermann eines Tages, für den erkrankten TSV-Masseur einzuspringen – ausgerechnet vor einem Auswärtsspiel der Sechziger beim FC St. Pauli. Plötzlich und unerwartet war Hermann ein Fußballer. Und St. Pauli hatte 4:1 gewonnen . . .

Über einige Abstecher bei Hannover 96 kam Hermann Rieger zum FC Bayern, vermittelt – selbstverständlich – von Uli Hoeneß persönlich. Natürlich. Wer denn sonst? Er holte den Rieger Hermann für ein Jahr zum FC Bayern – nachdem er sich vorher einige Male privat von ihm hatte behandeln lassen.

Im Frühjahr 1978 kam Hermann dann quasi per Zufall zur Fußball-Nationalmannschaft. Als Ersatzmann für den erkrankten Erich Deuser. Vermittelt hatte den Rieger-Blitz-Auftritt der damalige Nationaltorwart Sepp Maier. Und damit hatte der Münchner Spaßvogel eine Lawine ausgelöst, denn: Hermann Rieger bekam sofort Angebote von Schalke 04, Borussia Dortmund, Eintracht Frankfurt und – vom HSV. Hinter der Hamburger Offerte stand Nationalverteidiger Manfred Kaltz, der von Hermanns Knet-Künsten auf Anhieb überzeugt gewesen ist.
Und damit nahm im Juni 1978 eine schier unglaubliche Masseur-Karriere ihren Lauf. Hermann heuerte beim HSV an – weil ihm die Mama zur schönsten Stadt Deutschlands geraten hatte. Sein erster Patient war am ersten Tag Verteidiger Ivan „Iko“ Buljan. Hunderte folgten. Tausende sogar. Hermanns heilende Hände waren gefragt, sein Einsatz unermüdlich, seine Menschlichkeit geschätzt. Hermann Rieger wurde ein Traum für diesen, für seinen HSV. Fast unfassbar war dazu, dass am Ende der ersten Rieger-HSV-Saison erstmalig seit 1960 wieder die Meisterschale nach Hamburg geholt werden konnte. Es muss an Hermann gelegen haben . . . Es folgten zwei weitere deutsche Meisterschaften, ein DFB-Pokalsieg, der Europapokal-Triumph von Athen, und, und, und.

Er wurde in Hamburg ein Star für sich. Er war ein Mann des Volkes, er hatte ein Ohr für jeden Fan, er überschlug sich in jedem Moment vor Herzlichkeit, er half quasi rund um die Uhr, er war allzeit bereit. Und er wurde hofiert und gefeiert. Auch von seinen Spielern. Für die er Masseur, psychologischer Therapeut, Beichtvater und Freund in einer Person war. Er hatte stets einen passenden Spruch auf den Lippen, er spendete Trost, er baute auf.

Alle hatten „ihren Hermann“ ganz fest ins Herz geschlossen. Das ist bis heute so geblieben – ein Novum in der Bundesliga. Hermann Rieger hat schon lange seinen eigenen Fan-Klub, ihm zu Ehren wurde ein Buch geschrieben, und der HSV veranstaltete ein Abschiedsspiel für ihn, lud auch seine Freunde kürzlich zum 70. Geburtstag in die Arena. „Hermann ist ein Kerl aus Stahl und Eisen, er hat die Raute im Herzen“, schwärmte einst HSV-Manager Günter Netzer und befand: „Er ist einer unserer besten Einkäufe aller Zeiten.“

Der frühere Aufsichtsrats-Chef des HSV, Udo Bandow, schrieb einst über Hermann Rieger: „Ich kenne nur wenige Menschen, die eine so große Hilfsbereitschaft, Menschenliebe und ein so bedingungsloser Einsatzwillen auszeichnet. Wenn ich einen Nobelpreis für Humanität vergeben dürfte, dann würde der an Sie. Lieber Hermann Rieger, gehen.“

Auch deshalb sind wir heute hier. Es gibt zwar keinen Nobelpreis, der könnte ja noch kommen, aber es gibt diese ganz besondere Ehrung. Hermann Rieger ist der Hamburger des Jahres 2011. Weil er nicht nur ein Vorbild-HSVer ist, weil nicht nur ein großer Freund aller Menschen ist, sondern auch deshalb, weil er seit Juni 1978 nicht nur ein Hamburger ist, sondern der Hamburger geworden ist. Und weil er stets kräftig und an maßgeblicher Stelle mithalf, wenn es gegen die Bayern ging, ihnen die Lederhosen auszuziehen. Ob er dabei seine Lederhose stets anbehalten hat, entzieht sich meinen Erinnerungen – er zog jedenfalls immer am kräftigsten, wenn es den Münchnern ans Leder ging. Weil Hermann Rieger, der einstige Ur-Bayer, längst ein Ur-Hamburger geworden ist.

Herzlichen Glückwunsch, lieber Hermann, Du hast jetzt schon eine sehr lange Leidenszeit hinter Dir, Du hast viele schmerzvolle Rückschläge in Deinem Leben hinnehmen müssen, aber Du bist immer ein Kämpfer geblieben – und Du bist Dir immer treu geblieben. Du hilfst selbst dann, wenn Du schon fast am Boden liegst, Du hast Dich für andere stets aufgeopfert – weil Du ein Herz für alle Menschen hast. Du bist ein ganz besonderer Mann, Du hast diese Ehrung und diesen Tag wahrlich verdient, es hätte ganz sicher keine bessere Wahl geben können!

Alles Gute für Dich, Hermann, wir bleiben Freunde, mein Burschi.

12.12 Uhr

Als Ergänzung: ‚Randnotiz‘ wies in den Kommentaren darauf hin, dass bei Hamburg 1 ein Clip von gestern Abend zu finden ist: http://www.hamburg1.de/
13.12 Uhr

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