Monatsarchiv für Dezember 2011

Der HSV und seine Manager

28. Dezember 2011

Keine Zugänge, keine Abgänge – Winterpause. So ist das zurzeit beim HSV. Mein Kollege Kai Schiller hatte heute das Glück, mit ´Frank Arnesen sprechen zu können – es passiert (wohl) nichts mehr. Mein Bauchgefühl hatte mir ja gesagt, dass der HSV noch einen „Kracher“ zu Silvester holen wird – oder auch kurz danach, aber daraus wird wohl doch nichts. Der Blick in die klamme Kasse ist wohl zu ernüchternd . . . Obwohl: Dieses Fass möchte ich gar nicht erst wieder aufmachen. Wir alle werden es ja demnächst – genau am 15. Januar – wieder einmal genau erleben und hören, wie es um den HSV bestellt ist, auf der Jahreshauptversammlung nämlich, und die Herren werden es uns dann schon mitteilen. Die Finanzen des Klubs sind ja schon immer ein ganz, ganz heikles Thema gewesen, und selbst wenn sie noch so schlecht sein sollten – der HSV lebt ja immer noch. Ich sage mir deshalb seit einer geraumen Zeit schon: warum aufregen? Was hat es denn in der Vergangenheit gebracht? Da wurde über leere Kassen, halbleere und volle Kassen geschrieben, aber geändert hat es ohnehin nie etwas. Mir genügt es ohnehin, wenn die jetzige Führung hin und wieder davon spricht, dass finanziell keine großen Sprünge mehr gemacht werden können. Dann weiß ich, dass das Geld zwar knapp ist, aber es ist noch ein bisschen da. So interpretiere ich das jedenfalls – für mich. Nur für mich. Und vor dieser Saison war ja auch eigentlich kein Geld mehr da, oder nur wenig, und trotzdem konnten einige Spieler verpflichtet werden. Wie zum Beispiel Ivo Ilicevic, der mit vier Millionen Euro wohl der teuerste Neuzugang ist. Und vier Millionen sind ja auch Geld, wenn auch im gehobenen Profi-Fußball fast so etwas wie „Kleingeld“. Aber wenn es denn „Kleingeld“ ist, so hat der HSV wenigstens das noch in der Kasse.

Aber nun Schluss mit diesem leidigen Thema. Mehr gibt es, wie gesagt, am 15. Januar. Und zwar dann von kompetenter Seite. Wobei ich, das muss ich schnell noch loswerden, kürzlich sogar deshalb ein Lob erhalten habe (von einem „Matz-abber“), weil ich gar nicht mehr auf dieses Geld-Thema eingegangen bin. Danke dafür (auch Scholle erhielt Lob!), aber ich bin es auch Leid. Deswegen fange ich gar nicht erst (groß) damit an. Immerhin aber ist es ja so, dass der Sportchef zu dieser Saison mit wenig Geld und viel Auge eingekauft hat. Ich glaube, dass ich das immerhin sagen darf, weil sich darüber ja wohl die meisten einig sind. Und weil ich das im Zusammenhang mit Frank Arnesen geschrieben, wurde hier ja viel über den Dänen diskutiert. Was eigentlich ein schönes Thema ist: Wer ist der beste HSV-Manager? Welcher Mann hat hier für Furore gesorgt? Ich habe sie ja alle mitbekommen, angefangen bei Dr. Peter Krohn.

Der „General“ war ja 1973 erstmalig HSV-Präsident, wurde zwei Jahre später dann Generalmanager. Und Krohn war ein Mann mit vielen Ecken und Kanten, auch ein Mann, der mitunter auch recht unangenehm für seine Mitstreiter werden konnte – aber auch ein Mann, der vor Ideen nur so sprühte. Wenn Uli Hoeneß heute die Mutter alle Bundesliga-Manager ist, dann war Krohn der Vater. Er führte den HSV aus schlimmsten Krisen-Zeiten heraus – bis in die Spitze Europas. Rosa Trikots, Elefanten beim Show-Training. Wer Dr. Krohn daran festmacht, wird ihm nicht gerecht. Krohn holten Felix Magath (Krohn: „Meine Fernseh-Liebe“), Willi Reimann, Horst Bertl, Hans „Buffy“ Ettmayer, Horst Blankenburg, Ivo Buljan und einige mehr, Krohn holte aber vor allem Kevin Keegan. Das, obwohl der HSV – schon damals – kein Geld hatte. Um die Kassen wieder aufzufüllen, erfand Krohn mal eben den „Hafen-Pokal“. Zum Beispiel kam Liverpool nach Hamburg, füllte das Volksparkstadion und die Kassen (beider Klubs). Krohn war, so schrieb das Abendblatt einst, seiner Zeit damals weit voraus, er „verkaufte“ den Klub und die Raute – er setzte Maßstäbe für die nachfolgende Manager-Generation. Dabei hatte der frühere Bundestrainer Sepp Herberger einst – in Richtung Hamburg – gewarnt: „Krohn soll vom Fußball besser die Finger lassen . . .“ Und Max Merkel spottete damals: „Der Krohn glaubt doch, dass der Ball nur deshalb springt, weil ein Frosch darin sitzt.“ Egal, der äußerst kreative Krohn hat, trotz des Dauerkrachs mit Trainer Kuno Klötzer, dem HSV letztlich sehr, sehr gut getan, er hat Zeichen gesetzt – und die Note eins verdient.

Günter Netzer war dann der Mann, der ihm folgte. „Ich bin aus Mönchengladbach nach Hamburg gefahren, weil ich beim HSV die Stadionzeitung machen wollte, aber dann hat mir der damalige Präsident Paul Benthien gesagt, dass ich die Stadionzeitung nur machen dürfe, wenn ich auch HSV-Manager werde“, hat Netzer einst über seine Hamburger Karriere verraten. Es wurde die erfolgreichste Zeit des HSV. Weil Netzer erst den „harten Hund“ Branko Zebec verpflichtete, danach den genialen Ernst Happel nach Hamburg holte. Und weil es Netzer gelang, den abwanderungswilligen Kevin Keegan beim HSV zu halten – trotz größter Widerstände. Von 1978 bis 1986 war Günter Netzer, den ich noch heute sehr verehre, das muss ich shcnell mal gestehen (weil der Mann einfach Fußball pur ist), HSV-Manager. Gegen Ende seiner HSV-Laufbahn kaufte er Dieter Schatzschneider und Wolfram Wuttke – wie das endete, das wissen wir (wohl) alle. Netzer: „Ich hatte nicht für möglich gehalten, dass diese beiden Spieler die Mannschaft und den alten Ernst Happel noch so durcheinander bringen könnten, aber sie haben es tatsächlich geschafft . . .“ Von nun an ging’s bergab – würde Hildegard Knef singen.

Später sagte der damalige HSV-Präsident Dr. Wolfgang Klein über die Netzer-Ära: „Es gab zwischen Ernst Happel, Günter Netzer und mir nie einen einzigen Streit. Jeder hat den Bereich des anderen akzeptiert, auch ein ehemaliger Weltklasse-Spieler wie Günter Netzer hat einem Trainer Happel nie in den Job hineingeredet.“

Nachfolger von Netzer wurde ebenfalls ein „Zehner“: Felix Magath. Der hatte bis zum Sommer 1986 noch selbst gespielt, beendete dann mit dem WM-Finale von Mexiko (Argentinien – Deutschland 3:2) seine Fußball-Karriere und rutschte auf den HSV-Manager-Stuhl. Er holte – oder holten ihn doch eher Wolfgang Klein?) Josip Skoblar als Trainer, und später, nach dem Rauswurf von Torwart Uli Stein, auch Mladen Pralija. Der Anfang vom Ende des Managers Magath. Zumal er schnell begriffen hatte, dass er erstens mit Klein nicht auf einer Wellenlänge lag, und dass er zweitens doch besser in kurzen Hosen auf den Fußballplatz gehörte. Das allerdings dauerte noch, erst wurde Magath noch Manager in Uerdingen und Saarbrücken, bevor er dann die Trainer-Laufbahn einschlug. Erste Station, nur nebenbei, war Bremerhaven.

Für Magath kam 1988 Erich Ribbeck, den der damalige HSV-Präsident Ernst Naumann quasi im Alleingang verpflichtet hatte. Ribbeck war eine meiner größten Enttäuschungen beim HSV – aller Zeiten. Eigentlich ist er noch immer die größte. Mehr ist nicht zu sagen.

Auf Ribbeck folgte Hartmut Dieckhoff, der aber nur eine Art „Mini-Manager“ war. Und den Titel „HSV-Organisationsreferent“ trug. Das waren Zeiten. Ich war einst dabei, als Dieckhoff nach einem Freundschaftsspiel in der Nähe von Husum das Antrittsgeld für den HSV in einer Zigarrenkiste einsammelte und in den Bus trug. Zwischendurch musste er, die Kiste unter dem Arm, noch Autogramme geben . . .

Dann kam 1991 Georg Volkert vom FC St. Pauli Manager. Ein klangvoller Name im deutschen Fußball auch beim HSV, doch die Zusammenarbeit zwischen Volkert und Präsident Jürgen Hunke klappte überhaupt nicht. Das war wie Hund und Katze – ein frühes Ende war keine Überraschung. Auf Volkert folgte Heribert Bruchhagen, der bis Dezember 1994 im Amt war – in meinen Augen auch gute Arbeit geleistet – denn auch damals waren die Verhältnisse in Hamburg nicht gerade rosig. Bruchhagen und der damalige Präsident Ronald Wulff „konnten aber so gar nicht“ miteinander, deswegen die Trennung.

Mit dem neuen Präsidium um Uwe Seeler gab es dann 1995 auch den Manager Bernd Wehmeyer. Aber der ehemalige Linksverteidiger musste schnell lernen, dass es gar nichts – oder nur sehr wenig – zu „managen“ gab. Früher hielt sich das Gerücht, dass Wehmeyer bei Uwe Seeler fragen musste, ob er tatsächlich eine 50-Pfennig-Briefmarke auf dem Umschlag kleben dürfe, oder ob er den Brief doch besser persönlich zustellen solle? Meistens musste er wohl selbst laufen . . . So viel Ebbe herrschte in der Kasse.

1998 kam Holger Hieronymus. Zweiter Vorsitzender und sportlicher Leiter. Keine goldene Ära. „Hiero“ holte Thomas Doll zurück (aus Bari), Alexander Curtianu, Fabian Ernst, Dimitrios Grammozis, Vanja Grubac, Martin Groth, Setrgej Kirjakow, Nico Hoogma, Oliver Straube – und im Jahre 2001 den alternden Jörg Albertz von den Glasgow Rangers zurück. Im August 2002 übernahm dann Dietmar Beiersdorfer den Manager-Posten. Und ich denke noch heute, dass der „Didi“ Schwung (und Strukturen) in den Verein gebracht hat. Er hatte Ideen, er packte auch an – aber fühlte sich im Zusammenspiel mit dem Vorstand Hoffmann/Kraus wie ein fünftes Rad am Wagen. Leider, leider. Denn eigentlich gab es unter dem Duo Hoffmann/Beiersdofer eine sehr erfolgreiche Zeit, der HSV spielte wieder in Europa mit, der HSV holte namhafte (und teilweise auch teure) Spieler wie Vincent Kompany, Nigel de Jong, Mladen Petric, Marcell Jansen, Ivica Olic, Romeo Castelen, Paolo Guerrero, Joris Mathijsen, Frank Rost und vor allem Rafael van der Vaart. Natürlich aber auch den einen oder anderen „Rohrkrepierer“, und darunter einen „Knüller“ wie Juan Pablo Sorin. Dieser Name allein verdirbt dem Duo H/B eine Note über der Drei. Und ich weiß nicht, ob es der damalige Vorstandsvorsitzende tatsächlich so weit auf die Spitze getrieben hätte (die fehlende Zusammenarbeit mit dem Sportchef), wenn er gewusst oder geahnt hätte, dass er selbst bald nicht mehr im Amt sein würde. Eigentlich hätte alles so gut weiterlaufen können, aber wie heißt es so schön im Volksmund: „Wenn’s dem Esel zu wohl wird . . .“

Auf Beiersdorfer folgte dann erst einmal nichts. Die große Leere. Und das war, heute sehen es fast alle ein (auch die, die es damals – in verantwortlicher Position – vehement abgestritten haben!), der größte HSV-Fehler in diesem Jahrtausend. An diesem Vakuum hat der Klub bis heute zu knabbern. Allerdings bleibt uns heute die Hoffnung, dass Frank Arnesen dafür sorgen wird, dass dieser Fauxpas des HSV schon bald in Vergessenheit gerät. Hoffen wir es einmal gemeinsam.

18.55 Uhr

Halbzeit-Bilanz Teil drei

27. Dezember 2011

Teil drei der Bilanz – das wird eventuell ja brisant. Deswegen möchte ich vorher ganz schnell noch einmal weihnachtlich werden. Oft wurde ich heute gefragt, wie das Fest denn für mich war. Na ja, ruhig, besinnlich, familiär. Und irgendwie auch ein wenig nervig – habe ich geantwortet. Wie nervig? Ja, nervig deswegen, weil ich einen besonderen Kampf zu bestehen hatte. Heiligabend. Ich sehe auf dem Balkon noch einmal auf den angebratenen, dort für den nächsten Tag geparkten Puter. Es ist dunkel, ich lasse die Tür weit auf, kümmere mich auch nicht um das Fliegengitter, das sonst vor der Tür still seine Pflicht erfüllt. Was soll am Heiligabend denn noch durch die Luft schwirren – und dann zu uns rein wollen? Gegen Mitternacht ging es dann ins Bett, ein wenig Fernsehen an zum Berieseln – und da: plötzlich eine Mücke auf dem Bildschirm. Nicht von innen, sondern von außen. Also in unserem Schlafzimmer. Der Auftakt zu einer unruhigen Nacht.

„Lass die Mücke doch, die stechen jetzt nicht mehr“, sagte Frau M. zu mir. Ich zu ihr: „Wissen das auch die Mücken? Das höre ich schon seit dem Herbst – von allen möglichen Leuten: „Keine Angst, du kannst das Fenster ruhig geöffnet haben, wenn die Mücken kommen – die stechen jetzt nicht mehr . . .“ Toll. Und sie haben dann immer doch noch gestochen. Als diese Heiligabend-Mücke auf dem Bildschirm saß, das versuchte ich sie zu – töten. Sie flog weg. Zweimal. Und dann kam sie nicht wieder. Ich stehe also auf, Vollbeleuchtung. Sie ist nicht zu finden. Frau M. hat die Augen dicht, aber die Mücke ist weg. Frechheit. Ich weiß genau, dass ich sie nicht erwischt habe, aber sie ist weg. Ich sehe in jeden Winkel, jede Ecke, an die Lampen – null Mücke. Licht aus, Fernsehen aus – gute Nacht. Vorsichtshalber lege ich mich auf die rechte Seite, weil sich mein rechtes Ohr schon seit geraumer Zeit von 100 Prozent verabschiedet hat. Mit links will ich nun hören, ob die Mücke einen neuen Anlauf nimmt. Und sie nimmt. Ich hatte nichts anderes erwartet. Skandal. Um nicht am Körper gestochen zu werden, verkrieche ich mich total unter der Decke. Und schwitze wie in der Sauna. Dann dieses so unangenehme Surren dieser unangenehmen Mücke. Dieses feine und gemeine, so hohe und unangenehme Sirren – oder was ist es? Blöd auf jeden Fall. Ich schlage mit der Hand und in absoluter Dunkelheit nach dem Mistviech. Treffe natürlich nicht. Und mehrfach wiederholt sich dieses Schauspiel, das niemand sieht. Zum Glück. Es ist drei Uhr geworden, vier Uhr geworden – und später. Ich bekomme diese Mücke nicht zu fassen. Irgendwann schlafe ich dann ein. In der Hoffnung, nicht gestochen zu werden. Frau M. hatte ja gesagt, die stechen jetzt nicht mehr. Und viele andere Menschen gaben mir diesen Rat ja ebenfalls. Das muss diese Mücke gehört haben. Sie hat mich nicht gestochen. Und als ich morgen in die Küche kam, da lag die (oder eine) Mücke tot am kalten und gefliesten Boden. Wahrscheinlich war es Selbstmord. Weil sie es gemerkt hatte, dass sie unerwünscht ist (in meinem Leben).

Übrigens: Als ich diese Geschichte am Montag im Kreise der Familie erzählte, da sagte mein Ältester (einer der Moderatoren), der Andre: „Ich habe kürzlich im NDR-Radio die Rubrik ‚Stimmts?’ gehört. Da wurde meines Wissens gesagt, dass es nicht stimmt, dass die Mücken jetzt, oder im Herbst, nicht mehr stechen. Die stechen schon doch noch.“ Aha. Ich finde, allgemein gesagt, dass es eine so komische Zeit geworden ist. Erderwärmung heißt das wohl. Früher war mehr Lametta, zu Weihnachten. Und heute? Da fliegen Mücken durch die Schlafzimmer. Das ist doch einfach nur fies. Und es entsetzt mich immer noch.

So, Ende dieser nachweihnachtlichen Geschichte. Tut mir Leid, wenn sich jemand gelangweilt fühlt.
Wie ich überhaupt darauf gekommen bin, eine solche Geschichte überhaupt hier zu schreiben? Von jener Mücke, aus der man keinen Elefanten machen sollte. Deswegen.
Weil uns ja demnächst ein eventuell höchst brisanter 15. Januar bevorsteht. Da könnte dann schnell aus einer Mücke ein Elefant gemacht werden. Obwohl es ja zurzeit im HSV – oberflächlich betrachtet – ganz schön ruhig zu sein scheint. Jedenfalls ruhiger, als es der Tabellenstand – oder die Abstiegsgefahr – eigentlich zulassen dürfte. Aber in Hamburg ist eben Ruhe. Vielfach höre ich schon, dass wohl noch nie ein verein aus der Liga abgestiegen ist, bei dem so viel Ruhe und Verständnis und Sachlichkeit und Harmonie herrschte.

Auf den ersten Blick mag es ja auch zutreffen, aber ich habe auch schon gehört, dass am 15. Januar sehr wohl aus einer kleinen Mücke ganz schnell ein Elefant werden könnte. Mal abwarten, wie dieser Tag dann verläuft. Gespannt bin ich jetzt schon mal – riesig sogar.

Wobei ich dann bei den Zeugnissen wäre, die ich noch – wie gestern angekündigt – vergeben möchte. An die sportlich verantwortlichen, auch an die Männer, die an der Spitze des Vereins stehen. Und bevor sich hier schon der eine oder andere User aufregt: Es ist meine ureigenen Meinung, die soll und muss keiner mit mir teilen, sie soll mir auch keiner nehmen (wollen). Ich möchte damit keinerlei Politik betreiben, auch deswegen gibt es für dieses Jahr auch keine Noten mehr für das alte Vorstands-Paar. Das, was da gut oder auch schlechter gelaufen ist, kann ich ohnehin nicht mehr zunichte machen, es ist mir relativ egal, was da passiert ist – damit wird sich dann auch ganz sicher der 15. Januar genügend und ausreichend beschäftigen.

Diesbezüglich hatte ich heute am Nachmittag auch einen Termin – es sollte, so hatte ich es geplant, ein Interview werden. Aber daraus wurde nichts, ich erhielt eine Interview-Absage. Zu brisant sein ein solches Interview im Vorfeld dieser Jahreshauptversammlung, meine vermeintlicher Interview-Partner wolle nicht noch zusätzlich Öl ins Feuer kippen. Dafür hatte ich dann auch Verständnis, aber ich stehe letztlich ohne Interview da. Und das hätte – meiner Meinung nach – sehr gut zu den Zeugnissen der „hohen Herren“ gepasst. Aber gut, ich kann das auch ganz allein. . .

Um einmal mit dem 15. März zu beginnen. Da übernahm Carl-Edgar Jarchow den HSV-Vorsitz, er „übernahm“ Oliver Scheel und brachte (nein, eigentlich brachte er ihn nicht mit, er wurde ihm zur Seite gestellt) Joachim Hilke mit. Zuerst, so meine Beobachtungen, gab es einige Eingewöhnungs-Probleme, aber die legten sich relativ schnell. Die eben genannten Probleme waren, rückwirkend betrachtet, ja auch völlig normal, denn Jarchow zum Beispiel hatte ja noch nie einen Verein geführt, geschweige denn einen Bundesliga-Klub, der ja ein großes Unternehmen darstellt. Das aber hat der neue Vorsitzende nach und nach glänzend hinbekommen. Für mich ist Carl-Edgar Jarchow schon lange kein Übergangs-Chef mehr, sondern der Klub-Boss, der den Verein sehr gut im Griff hat. Deswegen gibt es für ihn auch
Note zwei.

Joachim Hilke ist dazu ein großartiger „Kronprinz“. Er ist der zweite Mann im HSV, und er muss nicht erst von mir gelobt werden, sondern das tun andere (Insider) schon seit Monaten. Hilke macht einen hervorragenden Job, er tut dem HSV einfach nur gut, auch deshalb, weil er trotz seines großen Erfolgs kein Aufheben um seine Person macht, sondern still und unaufgeregt vor sich hin arbeitet. Da haben sich offenbar zwei gesucht und gefunden, Jarchow und Hilke passen unglaublich gut zusammen, ich denke, dass dem HSV kaum etwas Besseres hätte passieren können. Deswegen auch für Hilke
Note zwei.

Oliver Scheel ist die Nummer drei. Schon vorher gewesen. Jetzt aber erfüllt er sie mit mehr Leben, als vorher. Aus Gründen, über die ich hier nicht mehr schreiben möchte. Da ich mich nicht als Wahlkampfhelfer aufspielen will, denn auch in dieser Beziehung könnte der 15. Januar ja durchaus höchst brisant werden, ergreife ich jetzt nicht Partei für Scheel. In meinen Augen aber hat er durchaus einiges für den HSV getan, und wenn es nur das war, nach außen Ruhe auszustrahlen. Fest steht, dass die drei Herren, Jarchow, Hilke, Scheel, sehr gut, harmonisch und vertrauensvoll zusammengearbeitet haben, so wie es vorher eben nicht der Fall gewesen ist. Und genau auf dies, eine solche Zusammenarbeit habe ich gewartet, gehofft – weil das dem Verein einfach nur gut tun kann. Und das meine Meinung ich auch als HSV-Mitglied.
Aber wie sagte erst kürzlich ein etwas größerer Fan-Vertreter? „Das sehen einige so, und andere eben so. Und noch andere sehen es etwas anders.“ Bei so vielen Mitgliedern bleibt so etwas gar nicht aus.
Kurz noch zu Oliver Scheel, sie fehlt noch, die
Note drei.

Zum Aufsichtsrat. Auch nur ganz kurz. Ich habe das Gefühl, dass es um die Räte in jüngster Zeit etwas ruhiger geworden ist. Was bis zum 15. Januar nicht unbedingt so bleiben wird. Schöne wäre es ja, aber irgendein Störfeuer wird es garantiert noch geben, alles andere wäre dann ja auch doch viel zu ruhig – für den HSV. Die Ruhe in den letzten Wochen tat trotz allem gut. Auch wenn es innerhalb des Aufsichtsrates natürlich nicht immer so einträchtig und harmonisch zuging. Da gibt es unter den zwölf Räten schon einige, die sich mit Argwohn (und etwas Neid?) begegnen. Leider, leider. Auf den Tag aber, an dem sie alle, alle zwölf, an einem Strang ziehen werden und nur zum Wohle des HSV arbeiten, auf den werden wir noch lange warten können. Und ich mit über 60 werde wohl darüber hinwegsterben, ich werde diesen tag nicht mehr erleben. Was eigentlich sehr, sehr schade ist, denn es sollte in einem solchen Gremium doch nur, nicht nur in erster Linie, sondern ausschließlich zum Wohle des HSV gearbeitet werden. Aber hier stehen seit Gründung des Aufsichtsrates immer wieder viele persönliche Interessen („Wie komme ich weg? Wie sehe ich aus? Bin ich auch wichtig genug? Nimmt man vor allem mich in der Stadt auch wahr?) an erster Stelle – und erst dann kommt der HSV.
Wie gesagt, keine Sorge, das wird sich nie ändern. Es sei denn, der Aufsichtsrat wird endlich einmal verkleinert. Aber auch das liegt nicht in meinen Händen.

Abschließend zu den Räten möchte ich noch kurz AR-Chef Ernst-Otto Rieckhoff beurteilen. Der Mann übernahm im Januar 2011, als höchste Not angesagt war. Und er hat, bis auf die turbulente Anfangsphase, einen guten Job gemacht. Er hat vor allem (und in erster Linie er) schnell, blitzschnell sogar für Ruhe im Klub gesorgt. Alles rechnete doch damit, dass nun das Chaos im und rund um den HSV herrschen würde, doch nichts da. Rieckhoff, der sehr wohl (das vergesse ich nicht) vorher auch schon im Aufsichtsrat saß und dabei die Kontrolle über den alten Vorstand hatte, hat, und ich weiß, wovon ich schreibe, Tag und Nacht gearbeitet, um den HSV wieder das richtige Gleis zu stellen. Und es ist ihm gelungen. Sportpolitisch gesehen, nicht sportlich. Ob er dabei nun den einen oder anderen Fehler gemacht hat, ist für mich nicht so wichtig. Wie gesagt, für mich, das gilt nur für mich, niemand muss sich da angesprochen fühlen. Keiner aber kann bestreiten, dass zurzeit Ruhe herrscht im Verein, und das ist auch Rieckhoffs Verdienst. Deswegen gibt es für ihn
Note drei.

Zu den Trainern dieses Jahres.

Mit Armin Veh ging es 2011 weiter, obwohl hinter den Kulissen schon das Ende des Trainers beschlossen war. Und es war tatsächlich so. Erst in letzter Sekunde – und im Hinblick auf die bevorstehende Jahreshauptversammlung – wurde dieser Beschluss wieder gekippt. Es gibt genügend Eingeweihte, die diesen Vorgang bestätigen könnten, es eines Tages auch sicherlich tun werden. Veh sollte seines Amtes entbunden werden, weil er der damaligen Führung zu oft vom „Aufhören“ vorgeschwärmt hatte. Er durfte, wie gesagt, bleiben – allerdings nicht bis zum Saisonende. Mit dem Debakel in und von München war das Fass zum Überlaufen gebracht worden.
Ich habe Armin Veh hier immer verteidigt, weil ich der Meinung war, dass mit dieser Mannschaft, so wie sie damals zusammengestellt war, jeder Trainer seine Schwierigkeiten bekommen hätte. Jeder. Dazu stehe ich immer noch. Heute glaube ich aber auch, dass einiges unter seiner Führung hätte besser laufen können, deswegen gibt es von mir die
Note vier.

Veh-Nachfolger Michael Oenning war zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Er war Co-Trainer, er wurde von vielen Fans gefordert (erinnert sich eigentlich noch jeder an die eigene Forderung?), weil er ein Typ wie Jürgen Klopp und Thomas Tuchel sei, und er wurde letztlich genommen, weil er eine sehr billige Lösung war. Er hatte Vertrag. Ohnehin stand nur der jetzige Kölner Coach Solbakken zur Diskussion, aber der wäre teurer gewesen, und er hätte gewissen Sprachschwierigkeiten gehabt, die sich der HSV nicht antun wollte.

Zu Oenning sei gesagt, dass er noch in er vorherigen Saison (nach dem Aus von Veh) die Zügel anzog. Er hatte ausgemacht, dass diese Mannschaft zu wenig drauf hatte. Und als Co-Trainer hatte er sich wohl gegenüber seinem Chef nicht so durchsetzen können, wie es im Sinne des Klubs vonnöten gewesen wäre. Es war völlig richtig, dass Oenning die Zügel anzog, aber für mein Empfinden ließ er diese Zügel mit Beginn der Saison wieder schleifen. Obwohl, das sei noch einmal gesagt, er im Zillertaler Trainingslager richtig gut arbeiten ließ. Das war noch okay. Danach aber schlich sich wieder der graue HSV-Alltag ein, alles war so wie immer beim HSV . . . Keine Schärfe, keine Härte, kein rechter Wille, besser zu sein, mehr dafür zu tun. Wie gesagt, alles wie immer. Was hinzukam: Nach den (gefühlten) Klatschen in Dortmund und München ergab sich Oenning dem Schicksal, dass er beim kleinen HSV Trainer war. „Die spielen in einer anderen Liga“, hieß es vom HSV-Coach. Was etliche Spieler ihm auch übelnahmen. Zumal es solche unterwürfigen Töne auch schon vor den Spielen gegeben hatte. Ich erinnere mich an einen Freitag (vor der Auswärtspartie), als mir ein Spieler sagte: „Warum fahren wir da überhaupt noch hin? Der Trainer hat doch bereits festgestellt, dass wir zu schwach sind . . .“
Und genau so spielte der HSV dann auch meistens. Für Michael Oenning gibt es
Note fünf.

Nachfolger wurde und ist Thorsten Fink. „Ich bin einer wie Klopp“, hat er bei seiner Vorstellung gesagt. Nicht die HSV-Fans (wie bei Oenning) haben es gesagt, nein, der neue Trainer selbst. Alle Achtung, habe ich bei mir gedacht, der Mann hat aber Mut. Als ich eines Tages in die Redaktion gekommen bin, lag auf meinem Schreibtisch ein Artikel eines Schweizer Zeitung. Da ging es um Fink. Die Überschrift lautete: „Fink: Ich bin selbstbewusst, und das ist nicht verboten“.
Stimmt. Vielleicht ist es im Falle HSV sogar hilfreich, denn eine so selbstbewussten Trainer gab es hier seit Jahren nicht mehr. Ich kann mich jedenfalls nicht erinnern. Ein Ausnahme-Trainer wie Ernst Happel war zwar auch selbstbewusst, aber er ließ es doch ein wenig anders „raus“. Egal, Fink hat für die (kleine) Wende gesorgt, und ich vertraue ihm weiter. Irgendwie glaube ich ja auch, dass der HSV noch einen „richtig guten Spieler“ aus dem Hut zaubert, und dann wird es schon noch laufen. Nicht ganz nach oben, aber immerhin weg von den Abstiegsrängen. Hoffe ich auf jeden Fall. Denn darüber muss sich jeder HSV-Anhänger im Klaren sein – der Start in die Rückrunde wird sehr, sehr hart und könnte auch den einen oder anderen Rückschlag mit sich bringen. Doch auch dann ist Thorsten Fink gefragt. Für ihn gebe ich
Note drei.

Die vielen, vielen Co-Trainer des HSV bewerte ich nicht. Zu viele. Es sind mir einfach zu viele. Ob das alles so sein muss, das ist die Frage. Ernst Happel hatte seinen Aleksandar Ristic, Felix Magath hatte lange gar keinen – heute gibt es immer gleich ein ganzes Rudel. Wer soll das eigentlich auch in den kommenden Jahren bezahlen können, wenn das Geld immer knapper wird – und die Abfindungen nicht weniger werden? Das ist, in dieser Beziehung, schon eine komische Zeit. Aber kein Verein hat aus gehabtem Schaden jemals gelernt. Ich wüsste es jedenfalls nicht. Alle machen immer weiter. Geht ein Trainer, gehen ungefähr acht mit. Und müssen natürlich auch abgefunden werden. Natürlich.

Zum Schluss noch der Sportchef. Frank Arnesen war für viele, nicht nur für mich, aber auch für mich, vor der Saison der Hoffnungsträger Nummer eins. Und dann „schleppte“ er (fast) nur Chelsea-Spieler an, die keiner kannte. Schnell wurde aus dem Hoffnungsträger ein, krass gesagt, „Versager“. Arnesen wurde milde belächelt, gelegentlich auch recht hart kritisiert. Und nicht wenige sprachen ihm seine fußballerischen Kenntnisse total ab. Heute wissen wir alle, dass das nicht richtig war. Ich kenne genügend Fans, die sich innerlich bei ihm entschuldigt haben. Arnesen hatte kaum Geld, aber er hat mit viel Auge eingekauft. Junge Leute, die niemand drauf hatte, von denen er aber überzeugt war, dass sie es hier bringen. Und sie bringen es. Kompliment, Herr Arnesen, ich kann mich nur wiederholen, Kompliment. Sie haben sich sogar, als es eng wurde, ganz eng wurde, als Trainer zur Verfügung gestellt. Wenn das schiefgegangen wäre, dann wären Sie in Hamburg erledigt gewesen, ganz klar. Aber Sie gingen dieses Risiko ein. Großartig. Sie kümmern sich in diesem Klub um sehr, sehr viel, Sie sprechen oft und mit vielen Spielern, Sie sind für alles, alle und jeden da, Sie blicken auch oft nach Ochsenzoll – und das ist toll! Deswegen gibt es für Sie von mir die
Note eins.

Und das ist, ich weiß es wohl, die beste Note des Zwischenzeugnisses. Es würde mich tierisch freuen, wenn ich diese glatte Eins auch im Sommer noch an den Sportchef vergeben könnte.

So, es ist spät und auch wieder recht lang geworden. Falls Ihr (oder Du) nun meckern wollte, erinnert Euch an die Anfangsgeschichte. Macht aus einer kleinen Mücke keinen Elefanten . . . In diesem Sinne wünsche ich allen „Matz-abbern“ einen wunderschönen Feierabend.

19.44 Uhr

Die Offensive – Halbzeit-Bilanz Teil zwei

26. Dezember 2011

Die Offensive des HSV – das Sorgenkind? Oder alles völlig normal – für einen Tabellen-13.? 21 Treffer hat der HSV erzielen können, elf Mannschaften waren besser. Und, was eigentlich für eine schlechte Quote spricht: Das Tabellenschlusslicht SC Freiburg hat auch 21 Tore erzielt. Die gibt es also noch reichlich Luft nach oben. Viele Experten, auch etliche „Matz-abber“ wollen den Grund für die mangelnden Offensivleistungen ja auch schon (lange) ausgemacht haben: Rafael van der Vaart. Den Namen höre ich immer und überall wieder. Es fehlt dem HSV einer wie Rafael van der Vaart. Es fehlt ein Spieler, bei dem die Fäden zusammenlaufen, der die Ideen hat, der Spielwitz zeigt, der den tödlichen Pass spielen kann. Wobei wir aber bei einem anderen Problem wären: Tödlicher Pass ist ja schön und gut, aber wer soll ihn erlaufen? Der HSV hat keinen Sprinter im Angriffszentrum. Weder Paolo Guerrero noch Mladen Petric sind Konter-Stürmer. Und ich geben bei einem Spieler-Typen wie Rafael van der Vaart auch immer zu bedenken, dass damit eine Kraft „nach hinten“ fehlen würde. Denn van der Vaart hat für die Defensive stets herzlich wenig gemacht. Auch deswegen wurde er ja auch oft nominell in den Angriff gestellt. Im Moment kümmern sich mit Tomas Rincon und Gojko Kacar zwei eher defensiv ausgerichtete „Sechser“ um die hinteren Regionen. Wobei Rincon den Ball möglichst effizient nach vorne spielen soll. Und, das ist mir auch nicht entgangen, Kacar rückt eher einmal mit in den Angriff. Wobei da zu beobachten ist, dass wenn der HSV-Angriff abgefangen ist, Kacar eher langsam und bedächtig zurück trabt. Auch dann, wenn schnelles Umschalten dringend nötig wäre. Wenn ein „Typ van der Vaart“, dann wohl schon eher hinter der einen Spitze, denn ich glaube nicht, dass sich Thorsten Fink beide Außen nehmen lassen würde. Zwei Sechser, zwei Außen, eine Spitze, ein Regisseur. So könnte es vor der Viererkette aussehen. Sieht es bislang ja auch aus, denn sowohl Guerrero als auch Ivo Ilicevic (als Petric fehlte) hielten sich ja meistens hinter der einen HSV-Spitze auf.

Zwei Namen fallen mir übrigens ein, wenn ich über den Spielmacher schreibe. Irgendwie habe ich die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass Per Ciljan Skjelbred noch in eine solche Rolle schlüpfen kann – der Norweger konnte es doch schon mal, trat doch auch international schon in Erscheinung. Vielleicht nicht als „van der Vaart“, aber an den Füßen hat Skjelbred schon einiges, und die Hoffnung stirbt in diesem Falle (für mich) auch zuletzt. Im Training hat der blonden aus dem hohen Norden mitunter recht gute Szenen, ich glaube, dass er noch kommen wird. In welcher Rolle auch immer – abschreiben werde ich ihn jedenfalls noch nicht.

Und ein zweiter Namen geht mir durch den Kopf: Piotr Trochowski. Ob er jetzt, wo es keinen Spielmacher beim HSV gibt, in seine Lieblings-Rolle geschlüpft wäre? Wahrscheinlich ja nicht, aber das ist hypothetisch, weil es nicht beweisbar ist. Immerhin, der „kleine Dibbelkünstler“ ist noch gelegentlich ein Thema bei „Matz ab“. Wie gestern, als es folgende Beiträge gab:

„Nils Lofgren“ befand:
„Ich fand das war die beste saison, die trotsche seit langem für den hsv gespielt hat.“

„Trapper Doc Seitenberg“ erwiderte:
„0,0 Minuten für uns, Du Hase! Sein Abgang ist einer der größten Leistungen, die er, neben dem Abseitstor seinerzeit, je für den HSV erbracht hat (Wenn wir mal von sieben Jahren herausragender Trainingsleistungen absehen).“

Ich habe sehr geschmunzelt, und ich habe so bei mir (ganz im Stillen, passend zur Weihnachtszeit) gedacht: „Hase!“ Das könnte doch unser Zauberwort werden. Auch wenn zurzeit gerade der Weihnachtsmann in ist.

Okay, es geht zur Sache, jetzt ist die HSV-Offensiv-Abteilung dran – wieder mit Schulnoten.

Gökhan Töre ist für mich die Entdeckung. Und wird es sicherlich nicht für mich sein, denn die HSV-Fans wissen ihn inzwischen längst zu schätzen, und die anderen Klubs wohl auch –nicht nur in Deutschland. Selbst die türkische Nationalmannschaft hat ihn in diesem Jahr ja lieben und schätzen gelernt. Und wenn ich kürzlich im ZDF-Sportstudio gesehen habe, wer von den Experten zum Aufsteiger der Saison gewählt wurde – da kreuzte der HSV-Profi an dritter oder vierter Stelle auf. Sieh an, sieh an. Da hat doch der Frank Arnesen ein gutes Händchen und zugleich auch ein gutes Näschen bewiesen. Und wenn ich mich gleich zweimal an den früheren Nationaltorwart Jens Lehmann erinnere (den ich übrigens sehr schätze – ist auch ein Freund von Christian Pletz), dann stehen folgende Bemerkungen von ihm im Raume. Erstens hat er einst Arnesen vorgeworfen, nur Spieler von Chelsea zu kennen . . . Und zweitens hat Lehmann kürzlich gesagt: „Gut dass Arnesen den Töre kannte, und dass ansonsten kaum einer Töre kannte, sonst wäre Töre nämlich niemals zum HSV gekommen . . .“ So werden Sportchefs (auch des HSV) durch die Hintertür geadelt. Töre ist für mich schon jetzt unersetzlich für den HSV, auch wenn der Deutsch-Türke, der erst 19 Jahre ist, zuletzt doch ein wenig nachgelassen hatte. Das kommt wieder. Hundertprozentig. Deswegen gibt es für ihn von mir die
Note zwei.

Marcell Jansen auf der linken Außenbahn ist von jener Form, die ihn einst in die Nationalmannschaft gebracht, sehr, sehr wiet entfernt. Er hatte im Sommer ein Extra-Fitness-Training absolviert, versprach danach in Deutschland: „Ich bin fit wie noch nie.“ Das allerdings war nie zu sehen. Jansen war zwar weniger verletzt als sonst die Jahre zuvor, aber für mich lief er immer irgendwie „unrund“. Auch ein wenig hüftsteif, was er vorher nie hatte. Wie ich gestern schon bei Jeffrey Bruma und Gojko Kacar empfahl: Einzeltraining. Hilft gelegentlich. Wird allerdings zu selten drauf zurückgegriffen. Leider. Ich erinnere, „Alt-Matz-abber“ werden es wissen, dabei gerne an Thomas von Heesen. Der galt als „ewiges Talent“, wollte aber mehr. Und engagierte sich einen Privat-Trainer, einen Zehnkämpfer. Immer dann, wenn der HSV nicht trainierte, dann trainierte von Heesen in der Jahnkampfbahn mit Rainer Sonnenburg. Und Thomas von Heesen wurde besser – nur wusste keiner, warum. Irgendwann wurde das „private Paar“ gesehen, und damit auch „entlarvt“, von Heesen gab seine „Nachhilfestunden“ zu. Was zur Folge hatte, dass Rainer Sonnenburg erst in den Trainerstab des HSV kam, später dann zum FC St. Pauli ging. Zurück zu Jansen. Wenn er seine Form nicht bessern kann, dann war es das mit der Nationalmannschaft. Ich gebe ihm, trotz seiner Tore und weil ich genau weiß, dass er so viel mehr abrufen könnte, für diese Hinrunde nur
Note fünf.

Über Per Ciljan Skjelbred habe ich bereits alles gesagt, ganz klar ist, dass er bislang seinen hohen Vorschusslorbeeren nicht gerehct geworden ist. Nun sollte die Zeit der Umstellung aber abgelaufen sein. Bislang ist er aber nur bei
Note fünf.

Pechvogel Romeo Castelen ist nicht zu bewerten. Bewundernswert, wie er sich immer wieder herankämpft, allein dafür müsste er die Note eins bekommen. Der Mann ist klasse – und ganz nebenbei ein ganz, ganz feiner Mensch. Es wäre wirklich schön, wenn Ihr ihm alle die Daumen drücken würdet, dass er es tatsächlich noch einmal packt. Obwohl . . .

Wer Heung Min Son im Zillertaler Trainingslager Tore schießen und auch tanzen (!) sah, der dachte sicherlich bei sich: „Das wird seine Saison, jetzt kommt der Son ganz groß heraus.“ Denkste. Testspiele gegen „Pille-palle-Gegner“ können zwar gelegentlich Selbstvertrauen geben, aber sie geben leider keinerlei Aufschluss darüber, wie gut ein Spieler tatsächlich in Form ist, in Form kommt. Im vergangenen Jahr hatte Son eine schwere Verletzung, die ihn zurückgeworfen hatte, diesmal wäre er wohl „da“ gewesen, aber er konnte seine im Sommer gezeigten Leistungen nie bestätigen. Leider. Zum Schluss war es sogar weit von der Rolle, deswegen gibt es nur
Note fünf.

Marcus Berg hat bei Thorsten Fink wieder einmal aufgeatmet. Der Trainer sieht in dem Schweden eine echte Alternative für den Angriff, was in erster Linie für den Trainer spricht. Und dazu müsste dann Berg unendlich viel Gas geben, um dieses Vertrauen zu rechtfertigen. Das tat Berg aber nicht – auch deshalb, weil ich zwei schwere Verletzungen ereilten. Jetzt fällt er noch wochenlang aus, verpasst die Vorbereitung (vielleicht nicht ganz, aber einige Sachen ganz sicher), so dass auch in dieser Saison der Durchbruch wohl ausbleiben wird. Für die bisherige Saison gibt es von mir nur
Note fünf.

Ivo Ilicevic kam und war gesperrt, dann verletzt. Kein Einstand nach Maß. Ich erwarte aber nun, wenn er die Vorbereitung mit der Mannschaft absolviert, dass er das zeigt, was er kann. Und er kann in meinen Augen (und in den Augen von Arnesen) ganz viel. Bislang aber hat er es nicht gezeigt, weil er auch nie bei 100 Prozent war. Das wird er (wohl) im Januar sein, und dann wird er schwer kommen. Ich bin davon restlos überzeugt. Mit ihm hat Frank Arnesen einen „Goldfisch“ an Land gezogen – jetzt muss der „Goldfisch“ nur noch zeigen, dass er besser als die vielen Karpfen um ihn herum ist. Bislang war das
Note vier.

Zhi Gin Lam kam wie Kai aus der Kiste – von Rodolfo Cardoso ins kalte Wasser geworfen. Und sofort mitgeschwommen – Kompliment. Nur hat der „Lütte“ noch ein wenig zu wenig auf den Rippen. Er soll nicht dicker werden, nur athletischer. Wenn er da zulegen kann, und ich hoffe, dass da die Trainer vor sind, dann wird er „einer“. Spielerisch und läuferisch ist er hoch veranlagt, er könnte eventuell auch in eine Art „Van-der-Vaart-Rolle“ schlüpfen. Eines Tages habe ich geschrieben, nicht jetzt. Bislang war das
Note vier.

Paolo Guerrero war in Hamburg lange Zeit höchst umstritten. Besonders als wurfgewaltiger Handballer. Abgehakt. In den zurückliegenden Fink-Wochen habe ich noch nie so viel Lob über Guerrero gehört. Hamburg schwärmt inzwischen von dem manchmal eigenwilligen Südamerikaner, der aber, das versichere ich jedem, abseits des Platzes ein ganz feiner, stiller und eher introvertierter Mensch ist. Und jetzt zeigt er ganz Hamburg (und der Bundesliga), dass er auch eins ehr guter Fußballer sein kann. Deswegen
Note drei.

Mladen Petric hat lange gepokert, war lange verletzt, scheint jetzt nicht mehr so lange pokern zu wollen, kann sich sogar vorstellen, in Hamburg zu verlängern – und er zeigt auf dem Platz, dass er Taten sprechen lassen will. Unter Thorsten Fink sah es dann, wenn Petric spielte, immer recht gut aus. Weil sich der Kroate auch meistens rege bewegte – und nicht nur bedienen lassen wollte. Wenn er das konservieren kann, wenn Fink ihm das auch im neuen Jahr mit in jedes Spiel gibt – dann freue ich mich auf eine lange Verlängerung. Bislang war das
Note vier.

Nicht zu bewerten ist Tolgay Arslan, der „dank“ des Wolfsburgers Dejagah schon seit Saisonbeginn verletzt ist. Was schade ist, denn in der vorherigen Saison hat Arslan in Aachen (wohl) eine sehr gute Saison gespielt. Am Tivoli jedenfalls weinen sie ihm schon lange nicht nur eine Träne nach.

So, das war die Offensive, gestern war es die Defensive – und keine Angst, der Trainerstab und die Herren Funktionäre werden auch noch unter die Lupe genommen.

Erst einmal lasst das Fest gut und bestens ausklingen, und dann wünsche ich jedem von Euch einen guten Start in die letzte Woche des Jahres.

16.52 Uhr

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