Tagesarchiv für den 26. Dezember 2011

Die Offensive – Halbzeit-Bilanz Teil zwei

26. Dezember 2011

Die Offensive des HSV – das Sorgenkind? Oder alles völlig normal – für einen Tabellen-13.? 21 Treffer hat der HSV erzielen können, elf Mannschaften waren besser. Und, was eigentlich für eine schlechte Quote spricht: Das Tabellenschlusslicht SC Freiburg hat auch 21 Tore erzielt. Die gibt es also noch reichlich Luft nach oben. Viele Experten, auch etliche „Matz-abber“ wollen den Grund für die mangelnden Offensivleistungen ja auch schon (lange) ausgemacht haben: Rafael van der Vaart. Den Namen höre ich immer und überall wieder. Es fehlt dem HSV einer wie Rafael van der Vaart. Es fehlt ein Spieler, bei dem die Fäden zusammenlaufen, der die Ideen hat, der Spielwitz zeigt, der den tödlichen Pass spielen kann. Wobei wir aber bei einem anderen Problem wären: Tödlicher Pass ist ja schön und gut, aber wer soll ihn erlaufen? Der HSV hat keinen Sprinter im Angriffszentrum. Weder Paolo Guerrero noch Mladen Petric sind Konter-Stürmer. Und ich geben bei einem Spieler-Typen wie Rafael van der Vaart auch immer zu bedenken, dass damit eine Kraft „nach hinten“ fehlen würde. Denn van der Vaart hat für die Defensive stets herzlich wenig gemacht. Auch deswegen wurde er ja auch oft nominell in den Angriff gestellt. Im Moment kümmern sich mit Tomas Rincon und Gojko Kacar zwei eher defensiv ausgerichtete „Sechser“ um die hinteren Regionen. Wobei Rincon den Ball möglichst effizient nach vorne spielen soll. Und, das ist mir auch nicht entgangen, Kacar rückt eher einmal mit in den Angriff. Wobei da zu beobachten ist, dass wenn der HSV-Angriff abgefangen ist, Kacar eher langsam und bedächtig zurück trabt. Auch dann, wenn schnelles Umschalten dringend nötig wäre. Wenn ein „Typ van der Vaart“, dann wohl schon eher hinter der einen Spitze, denn ich glaube nicht, dass sich Thorsten Fink beide Außen nehmen lassen würde. Zwei Sechser, zwei Außen, eine Spitze, ein Regisseur. So könnte es vor der Viererkette aussehen. Sieht es bislang ja auch aus, denn sowohl Guerrero als auch Ivo Ilicevic (als Petric fehlte) hielten sich ja meistens hinter der einen HSV-Spitze auf.

Zwei Namen fallen mir übrigens ein, wenn ich über den Spielmacher schreibe. Irgendwie habe ich die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass Per Ciljan Skjelbred noch in eine solche Rolle schlüpfen kann – der Norweger konnte es doch schon mal, trat doch auch international schon in Erscheinung. Vielleicht nicht als „van der Vaart“, aber an den Füßen hat Skjelbred schon einiges, und die Hoffnung stirbt in diesem Falle (für mich) auch zuletzt. Im Training hat der blonden aus dem hohen Norden mitunter recht gute Szenen, ich glaube, dass er noch kommen wird. In welcher Rolle auch immer – abschreiben werde ich ihn jedenfalls noch nicht.

Und ein zweiter Namen geht mir durch den Kopf: Piotr Trochowski. Ob er jetzt, wo es keinen Spielmacher beim HSV gibt, in seine Lieblings-Rolle geschlüpft wäre? Wahrscheinlich ja nicht, aber das ist hypothetisch, weil es nicht beweisbar ist. Immerhin, der „kleine Dibbelkünstler“ ist noch gelegentlich ein Thema bei „Matz ab“. Wie gestern, als es folgende Beiträge gab:

„Nils Lofgren“ befand:
„Ich fand das war die beste saison, die trotsche seit langem für den hsv gespielt hat.“

„Trapper Doc Seitenberg“ erwiderte:
„0,0 Minuten für uns, Du Hase! Sein Abgang ist einer der größten Leistungen, die er, neben dem Abseitstor seinerzeit, je für den HSV erbracht hat (Wenn wir mal von sieben Jahren herausragender Trainingsleistungen absehen).“

Ich habe sehr geschmunzelt, und ich habe so bei mir (ganz im Stillen, passend zur Weihnachtszeit) gedacht: „Hase!“ Das könnte doch unser Zauberwort werden. Auch wenn zurzeit gerade der Weihnachtsmann in ist.

Okay, es geht zur Sache, jetzt ist die HSV-Offensiv-Abteilung dran – wieder mit Schulnoten.

Gökhan Töre ist für mich die Entdeckung. Und wird es sicherlich nicht für mich sein, denn die HSV-Fans wissen ihn inzwischen längst zu schätzen, und die anderen Klubs wohl auch –nicht nur in Deutschland. Selbst die türkische Nationalmannschaft hat ihn in diesem Jahr ja lieben und schätzen gelernt. Und wenn ich kürzlich im ZDF-Sportstudio gesehen habe, wer von den Experten zum Aufsteiger der Saison gewählt wurde – da kreuzte der HSV-Profi an dritter oder vierter Stelle auf. Sieh an, sieh an. Da hat doch der Frank Arnesen ein gutes Händchen und zugleich auch ein gutes Näschen bewiesen. Und wenn ich mich gleich zweimal an den früheren Nationaltorwart Jens Lehmann erinnere (den ich übrigens sehr schätze – ist auch ein Freund von Christian Pletz), dann stehen folgende Bemerkungen von ihm im Raume. Erstens hat er einst Arnesen vorgeworfen, nur Spieler von Chelsea zu kennen . . . Und zweitens hat Lehmann kürzlich gesagt: „Gut dass Arnesen den Töre kannte, und dass ansonsten kaum einer Töre kannte, sonst wäre Töre nämlich niemals zum HSV gekommen . . .“ So werden Sportchefs (auch des HSV) durch die Hintertür geadelt. Töre ist für mich schon jetzt unersetzlich für den HSV, auch wenn der Deutsch-Türke, der erst 19 Jahre ist, zuletzt doch ein wenig nachgelassen hatte. Das kommt wieder. Hundertprozentig. Deswegen gibt es für ihn von mir die
Note zwei.

Marcell Jansen auf der linken Außenbahn ist von jener Form, die ihn einst in die Nationalmannschaft gebracht, sehr, sehr wiet entfernt. Er hatte im Sommer ein Extra-Fitness-Training absolviert, versprach danach in Deutschland: „Ich bin fit wie noch nie.“ Das allerdings war nie zu sehen. Jansen war zwar weniger verletzt als sonst die Jahre zuvor, aber für mich lief er immer irgendwie „unrund“. Auch ein wenig hüftsteif, was er vorher nie hatte. Wie ich gestern schon bei Jeffrey Bruma und Gojko Kacar empfahl: Einzeltraining. Hilft gelegentlich. Wird allerdings zu selten drauf zurückgegriffen. Leider. Ich erinnere, „Alt-Matz-abber“ werden es wissen, dabei gerne an Thomas von Heesen. Der galt als „ewiges Talent“, wollte aber mehr. Und engagierte sich einen Privat-Trainer, einen Zehnkämpfer. Immer dann, wenn der HSV nicht trainierte, dann trainierte von Heesen in der Jahnkampfbahn mit Rainer Sonnenburg. Und Thomas von Heesen wurde besser – nur wusste keiner, warum. Irgendwann wurde das „private Paar“ gesehen, und damit auch „entlarvt“, von Heesen gab seine „Nachhilfestunden“ zu. Was zur Folge hatte, dass Rainer Sonnenburg erst in den Trainerstab des HSV kam, später dann zum FC St. Pauli ging. Zurück zu Jansen. Wenn er seine Form nicht bessern kann, dann war es das mit der Nationalmannschaft. Ich gebe ihm, trotz seiner Tore und weil ich genau weiß, dass er so viel mehr abrufen könnte, für diese Hinrunde nur
Note fünf.

Über Per Ciljan Skjelbred habe ich bereits alles gesagt, ganz klar ist, dass er bislang seinen hohen Vorschusslorbeeren nicht gerehct geworden ist. Nun sollte die Zeit der Umstellung aber abgelaufen sein. Bislang ist er aber nur bei
Note fünf.

Pechvogel Romeo Castelen ist nicht zu bewerten. Bewundernswert, wie er sich immer wieder herankämpft, allein dafür müsste er die Note eins bekommen. Der Mann ist klasse – und ganz nebenbei ein ganz, ganz feiner Mensch. Es wäre wirklich schön, wenn Ihr ihm alle die Daumen drücken würdet, dass er es tatsächlich noch einmal packt. Obwohl . . .

Wer Heung Min Son im Zillertaler Trainingslager Tore schießen und auch tanzen (!) sah, der dachte sicherlich bei sich: „Das wird seine Saison, jetzt kommt der Son ganz groß heraus.“ Denkste. Testspiele gegen „Pille-palle-Gegner“ können zwar gelegentlich Selbstvertrauen geben, aber sie geben leider keinerlei Aufschluss darüber, wie gut ein Spieler tatsächlich in Form ist, in Form kommt. Im vergangenen Jahr hatte Son eine schwere Verletzung, die ihn zurückgeworfen hatte, diesmal wäre er wohl „da“ gewesen, aber er konnte seine im Sommer gezeigten Leistungen nie bestätigen. Leider. Zum Schluss war es sogar weit von der Rolle, deswegen gibt es nur
Note fünf.

Marcus Berg hat bei Thorsten Fink wieder einmal aufgeatmet. Der Trainer sieht in dem Schweden eine echte Alternative für den Angriff, was in erster Linie für den Trainer spricht. Und dazu müsste dann Berg unendlich viel Gas geben, um dieses Vertrauen zu rechtfertigen. Das tat Berg aber nicht – auch deshalb, weil ich zwei schwere Verletzungen ereilten. Jetzt fällt er noch wochenlang aus, verpasst die Vorbereitung (vielleicht nicht ganz, aber einige Sachen ganz sicher), so dass auch in dieser Saison der Durchbruch wohl ausbleiben wird. Für die bisherige Saison gibt es von mir nur
Note fünf.

Ivo Ilicevic kam und war gesperrt, dann verletzt. Kein Einstand nach Maß. Ich erwarte aber nun, wenn er die Vorbereitung mit der Mannschaft absolviert, dass er das zeigt, was er kann. Und er kann in meinen Augen (und in den Augen von Arnesen) ganz viel. Bislang aber hat er es nicht gezeigt, weil er auch nie bei 100 Prozent war. Das wird er (wohl) im Januar sein, und dann wird er schwer kommen. Ich bin davon restlos überzeugt. Mit ihm hat Frank Arnesen einen „Goldfisch“ an Land gezogen – jetzt muss der „Goldfisch“ nur noch zeigen, dass er besser als die vielen Karpfen um ihn herum ist. Bislang war das
Note vier.

Zhi Gin Lam kam wie Kai aus der Kiste – von Rodolfo Cardoso ins kalte Wasser geworfen. Und sofort mitgeschwommen – Kompliment. Nur hat der „Lütte“ noch ein wenig zu wenig auf den Rippen. Er soll nicht dicker werden, nur athletischer. Wenn er da zulegen kann, und ich hoffe, dass da die Trainer vor sind, dann wird er „einer“. Spielerisch und läuferisch ist er hoch veranlagt, er könnte eventuell auch in eine Art „Van-der-Vaart-Rolle“ schlüpfen. Eines Tages habe ich geschrieben, nicht jetzt. Bislang war das
Note vier.

Paolo Guerrero war in Hamburg lange Zeit höchst umstritten. Besonders als wurfgewaltiger Handballer. Abgehakt. In den zurückliegenden Fink-Wochen habe ich noch nie so viel Lob über Guerrero gehört. Hamburg schwärmt inzwischen von dem manchmal eigenwilligen Südamerikaner, der aber, das versichere ich jedem, abseits des Platzes ein ganz feiner, stiller und eher introvertierter Mensch ist. Und jetzt zeigt er ganz Hamburg (und der Bundesliga), dass er auch eins ehr guter Fußballer sein kann. Deswegen
Note drei.

Mladen Petric hat lange gepokert, war lange verletzt, scheint jetzt nicht mehr so lange pokern zu wollen, kann sich sogar vorstellen, in Hamburg zu verlängern – und er zeigt auf dem Platz, dass er Taten sprechen lassen will. Unter Thorsten Fink sah es dann, wenn Petric spielte, immer recht gut aus. Weil sich der Kroate auch meistens rege bewegte – und nicht nur bedienen lassen wollte. Wenn er das konservieren kann, wenn Fink ihm das auch im neuen Jahr mit in jedes Spiel gibt – dann freue ich mich auf eine lange Verlängerung. Bislang war das
Note vier.

Nicht zu bewerten ist Tolgay Arslan, der „dank“ des Wolfsburgers Dejagah schon seit Saisonbeginn verletzt ist. Was schade ist, denn in der vorherigen Saison hat Arslan in Aachen (wohl) eine sehr gute Saison gespielt. Am Tivoli jedenfalls weinen sie ihm schon lange nicht nur eine Träne nach.

So, das war die Offensive, gestern war es die Defensive – und keine Angst, der Trainerstab und die Herren Funktionäre werden auch noch unter die Lupe genommen.

Erst einmal lasst das Fest gut und bestens ausklingen, und dann wünsche ich jedem von Euch einen guten Start in die letzte Woche des Jahres.

16.52 Uhr