Tagesarchiv für den 22. Dezember 2011

Diesem HSV fehlt die Führung – auf dem Platz

22. Dezember 2011

Carl Edgar Jarchow ist kein Mann der lauten Worte. Nie gewesen. Und auch einen Tag nach der unnötigen Pokalpleite in Stuttgart und mit dem Wissen, dass man im Viertelfinale zu Hause auf den FC Bayern getroffen wäre, wusste der Vorstandsvorsitzende des HSV Haltung zu bewahren. Dabei dürften dem HSV im Viertelfinale gegen den FC Bayern neben den 1,125 Millionen Euro Garantiesumme auch noch TV-Gelder für eine Live-Übertragung (rund 500000), die Einnahmen eines ausverkauften Stadions (der Gewinn wäre zwischen HSV und Bayern geteilt worden) und die zusätzlichen Werbeeinnahmen entgehen. Insgesamt ein Paket, das vom HSV auf gute 3,5 Millionen Euro geschätzt wird. „Natürlich ist das sehr ärgerlich“, so Jarchow in einem ruhigen Ton, „aber uns ging es in Stuttgart nicht nur um das Finanzielle. In erster Linie ginge es uns um den sportlichen Erfolg, um die Möglichkeit auf einen internationalen Wettbewerb. Und natürlich um die Weiterentwicklung der Mannschaft, die sich ihrer Leistung nicht schämen muss. Im Gegenteil, sie darf sich über die vergebenen Chancen ärgern, sollte aber auch im Gegenzug wertschätzen, dass sie sich bei einem Europa-League-Anwärter überhaupt erst so viele Chancen erspielt hat.“ Der versöhnliche Versuch, eine Niederlage zu analysieren, die mir zwischenzeitlich zu schöngeredet wurde. Denn der VfB hatte dem HSV bis auf zwei, drei Konter nicht viel entgegenzusetzen, ohne dass der HSV daraus Kapital schlug. Im Gegenteil, in der HSV-Defensive – diesmal insbesondere bedingt durch die schwachen Sechser sowie die defensiv wackeligen Außen – stimmt es noch nicht. Und wenn dann im Angriff noch derartig fahrlässig mit Hundertprozentigen umgegangen wird und/oder ein gegnerischer Torwart einen herausragenden Tag hat wie eben gestern, gehen Spiel verloren. “Natürlich müssen wir daran arbeiten”, so Trainer Thorsten Fink, “aber wir müssen eben auch nach vorn blicken. Und dafür nehmen wir jetzt das Positive mit in die Winterpause und werden anschließend an den negativen Dingen intensiv arbeiten. Denn eines muss klar sein: wir sind auf dem absolut richtigen Weg. Aber wir lernen eben noch.”

Worte, die Jarchow in ähnlicher Form schon direkt nach Schlusspfiff der niedergeschlagen in der Kabine sitzenden Mannschaft gesagt hatte. Und Worte, die die Profis trotz der riesigen Enttäuschung versuchten, in den Vordergrund zu schieben. Allein, es gelang nicht allen. Dennis Aogo beispielsweise mochte sich zunächst nicht mit dem Auftreten anfreunden. „Ich habe schon in der Kabine gesagt, dass es nicht sein kann, dass wir immer wieder davon sprechen, wir ‚hätten ja’ gewinnen können. Wir haben es schließlich wieder nicht und sind raus“, so der Linksverteidiger, der für das Ausscheiden auch fehlende Führung innerhalb der Mannschaft verantwortlich macht. „Ich werde hier jetzt nicht groß loslegen, aber ich bin richtig sauer über ein paar Sachen, die einfach nicht gehen. Da gab es gegen Stuttgart und auch vorher schon Situationen, die uns nicht passieren dürfen, wo wir nicht präsent genug sind. Ich selbst nehme mich da absolut in die Verantwortung – allerdings auch noch einige andere. Uns fehlt noch immer die direkte Abstimmung. Da müssen wir uns dringend verbessern.“ Und ohne, dass es ausgesprochen wird, scheint klar, wer damit gemeint ist. Denn bis auf Heiko Westermann scheint sich derzeit niemand auf dem Platz für eine Kursvorgabe während der Spiele verantwortlich zu fühlen.

Ein Problem, dass Trainer Thorsten Fink schon bei seinem Amtsantritt anprangerte. „Es ist bei uns viel zu ruhig“, so Fink damals, „aber daran werden wir konsequent arbeiten. Das muss sich verbessern, wenn wir hier Erfolg haben wollen.“ Worte, die Fink noch nicht vollständig mit Leben füllen konnte. Aber auch Worte, die er in der Wintervorbereitung umsetzen will. Im Trainingslager in Marbella (4. bis 12. Januar) sowie in den Tagen bis zum Rückrundenstart gegen Borussia Dortmund (Sonntag, 22. Januar, 15.30 Uhr) sollen neben der Kommunikation aber noch etliche andere Baustellen behoben werden. Welche, darüber konnte ich mit Fink etwas ausführlicher sprechen. Das Interview:

Herr Fink, können Sie sich unbeschwert auf Weihnachten freuen?
Thorsten Fink: Ganz klar, ja. Ich werde die Tage nutzen, um mal den Kopf frei zu kriegen und durchzuatmen. In der zweiten Saisonhälfte haben wir noch eine Menge Arbeit vor uns.

Torabschlüsse beispielsweise…
Fink: Auch die. Aber wir haben in Stuttgart eine Leistung gebracht, auf die die Mannschaft und ich stolz sein können. Wir haben uns nicht versteckt und mussten auch nicht aus dem Stadion schleichen. Ich mache der Mannschaft in Sachen Willen und spielerischer Leistung keinen Vorwurf. Wir haben einen großen Fight gesehen, waren sogar die bessere Mannschaft. Wer so viele Chancen herausspielt, der hat spielerische Klasse. Und dennoch lernen wir eben noch. Denn wir haben mal wieder Torchancen nicht genutzt, wie es eigentlich nicht sein kann.

Hat der HSV offensiv ein Problem? Der beste Torschütze bringt es auf vier Treffer in der Bundesliga.
Fink: Nein. Mladen und Paolo sind zwei Stürmer, die eigentlich durch Kaltschnäuzigkeit vor dem Tor glänzen. Das hat diesmal nicht geklappt, wird aber in der Rückrunde wiederkommen. Viel mehr denke ich daran, dass wir uns durch zwei individuelle Fehler zwei Tore gefangen haben, die uns jeweils sofort und vollkommen aus dem Konzept gebracht haben. Daran sieht man, dass wir zwar auf einem guten Weg sind, aber eben auch ganz sicher noch eine Menge lernen müssen. Und das werden wir in der Wintervorbereitung forcieren.

Ihre Serie von neun unbesiegten Pflichtspielen in Folge ist gerissen. Wie sehr ärgern Sie sich auch angesichts des Spielverlaufs darüber?
Fink: Ich für mich und meine Serie gar nicht. Die ist mir egal. Aber für uns wäre ein Weiterkommen wichtig gewesen.

Finanziell?
Fink: Auch. Aber es geht dabei auch um Ziele, um unsere Ziele. Und eines davon haben wir nicht erreicht. Dennoch geht es weiter. Und ich werde mich ganz sicher nicht mit einem 13. Platz in der Bundesligatabelle zufriedengeben. Ich will mindestens unter die ersten Zehn. Und dafür müssen wir unserer Nachlässigkeit den Kampf ansagen. Es wird ein Kampf gegen die liegengelassenen Punkte der Hinrunde. Unsere Punkteausbeute in den letzten Spielen hat uns doch gezeigt, dass wir 48 Punkte erreichen können. Und am Ende der Saison werden sie mir alle Recht geben. Deshalb ist das mein nächstes Ziel.

Sie wirken sehr gefasst, trotz der vermeidbaren Niederlage.
Fink: Klar. Ich kann doch jetzt nicht rumjammern und mich verkriechen. Die Mannschaft braucht jemanden, der vorangeht. Und das übernehme ich gern.

Dennis Aogo hat gesagt, die Kommunikation auf dem Platz sei zwingend zu verbessern. Es würde dort Führung fehlen.

Fink: Natürlich muss die Mannschaft noch mehr reden, daran werden wir weiter arbeiten. Wenn ich sehe, dass niemand in der Szene mit Paolo und dem Schiedsrichter dazwischen geht, kann ich das nicht verstehen. Paolo hat sich gut im Griff und schießt einmal etwas über das Ziel hinaus, ohne dass einer der anderen Spieler auf dem Platz dazwischen geht und ihn vor sich selbst schützt. Zum Glück kriegt Paolo nur Gelb und beruhigt sich dann von selbst. Dabei stehen etliche Nationalspieler auf dem Platz, da darf so etwas nicht vorkommen. Wir müssen einfach lernen, uns im richtigen Moment noch mehr zu pushen, uns auf dem Platz noch mehr zu coachen.

Haben Sie auch Fehler gemacht?
Fink: Ich muss die Mannschaft sicherlich noch besser kennenlernen. Ein Tomas Rincon beispielsweise hatte im Pokal müde Beine. Da hat man gesehen, dass er im Sommer keine Pause hatte. Und obwohl der in den letzten acht Wochen vor Kraft strotzte und geackert hat, hätte ich ihn vielleicht gegen Augsburg früher auswechseln müssen. Das hätte ich merken müssen.

Wie sieht Ihr Halbjahres-, oder besser: Ihr Vierteljahres-Fazit aus?
Fink: Sehr positiv. Wir entwickeln uns spielerisch, wir werden langsam aber stetig besser. Und wir haben jetzt ein paar Wochen, in denen wir Automatismen studieren können und müssen. Es wird einiges passieren. Zum Beispiel werden wir in der Wintervorbereitung auf einigen Positionen die Karten neu mischen.

Insbesondere auf der Sechs? Rincon hat Sie zwar überzeugt, aber der Platz neben ihm scheint noch immer vakant.
Fink: Ich werde nicht auf einzelne Namen und Position eingehen, das wäre falsch. Ich traue dieser Mannschaft in der Konstellation noch einiges mehr zu. Zähle ich nur die wirklich verschenkten Punkte dazu, könnten wir sogar in der Nähe der internationalen Plätze stehen. Auch wenn natürlich klar ist: wenn wir nächstes Jahr in den Uefa-Cup und in zwei, drei Jahren in die Champions League wollen, müssen wir sicher noch was machen.

Auch jetzt schon im Winter?

Fink: Ich werde nichts komplett ausschließen, dafür ist der Fußball zu schnelllebig. Aber Stand jetzt planen wir keine Neuen.

Dafür aber die Rückkehr von Maximilian Beister, der sich ernsthaft mit dem Gedanken herumschlagen soll, zu Borussia Dortmund zu wechseln.
Fink: Maxi werde ich noch mal sprechen, bevor ich am 23. In den Urlaub gehe. Er steht immerhin noch bei uns unter Vertrag, deshalb darf ich das. Ich werde ihm noch mal klar machen, was wir planen, welche Philosophie und Ziele wir haben, und wie seine persönlichen Perspektiven bei uns sind. Denn eines ist klar: Maxi steht bei uns unter Vertrag und wir wollen ihn nicht gehen lassen. Das weiß er.

Hat die Mannschaft Ihre Pläne für die freie Zeit bekommen?
Fink: Klar. Jeder hat sein Pulsmesser, seinen individuellen Trainingsplan und eine Kilogrammgrenze bekommen. Aber ich bin mir sicher, dass die Jungs von sich aus an sich arbeiten.

Können Sie im Urlaub, Sie fliegen über Weihnachten nach Dubai, überhaupt loslassen, oder verfolgt Sie die Saisonplanung überall hin?
Fink: Sie verfolgt mich. Aber ich bin ein Frühaufsteher und werde genug Zeit haben, mich um den HSV zu kümmern, ohne meine Familie in irgendeiner Form zu kurz kommen zu lassen. Denn die habe ich jetzt seit zehn Wochen kaum gesehen. Sie verdient meine Aufmerksamkeit.

Es gibt noch eine ganze Menge zu verbessern. Das wissen alle. Und das ist ein guter Anfang. Auch wenn es intensiv erst am 3. Januar losgeht, darf man auf weitere Verbesserungen hoffen. Sogar personeller Art. Denn trotz des Ausscheidens und den verpassten Millionen sollen sich die Aufsichtsräte in Alarmbereitschaft halten. Das hat der frisch zum fünften und sechsten Mal zum Großvater gekrönte Sportchef Frank Arnesen seinen Kontrolleuren mit in die Winterpause gegeben.

In diesem Sinne, wir dürfen gespannt sein. Ich verabschiede mich bis Neujahr in den Urlaub und möchte die Gelegenheit nutzen, Euch allen auf diesem Wege noch mal für die vielen konstruktiven, ehrlichen, bösen und netten Beiträge zu danken. Es war ein lehrreiches Jahr – für den HSV, für die Verantwortlichen, für Euch und für mich. Und ich habe das Gefühl, dass wir alle ein Stück schlauer geworden sind. Auf jeden Fall aber kann ich sagen, dass dieser Blog lebt. Dank Euch sogar mehr denn je. Danke dafür!

Ich wünsche Euch allen schöne, erholsame Weihnachtstage mit Euren Liebsten. Genießt die fußballfreie Zeit und kommt gut ins neue, hoffentlich von neuen HSV-Erfolgen und einem Europameistertitel für unsere Nationalmannschaft geprägte Jahr!

Euer Scholle