Tagesarchiv für den 21. Dezember 2011

1:2 – am VfB-Keeper gescheitert

21. Dezember 2011

Das war Pech. Viel Pech. Der HSV hat es nicht geschafft, im DFB-Pokal zu überwintern. In Stuttgart gab es eine unverdiente 1:2-Niederlage, die aus Hamburger Sicht völlig unnötig war. Die Schwaben hatten zwei Chancen und machten zwei Treffer, der HSV dagegen vergab vornehmlich im zweiten Durchgang beste Möglichkeiten, hätte eigentlich zu einem klaren Sieg kommen müssen. So aber ist Fußball, er hat mitunter total ungerecht sein – wie in diesem Falle. Das war ein ganz bitterer Abend für Fußball-Hamburg, und dennoch ist es Realität. Das Achtelfinale war Schluss, weil der VfB-Keeper zu gut war. Und nun kann sich der HSV voll und ganz auf das Unternehmen Abstiegskampf konzentrieren – und das wird noch hart und lange und nervenaufreibend genug. Hoffen wir, dass es der HSV 2012 besser macht, die spielerische Vorlage dazu hat er an diesem Abend am Neckar gegeben, keine Frage. Trotz dieser Niederlage, das ist mein Resümee, sollte dieser Pokal-Abend jedem HSV-Fan wieder Mut machen, dass es schon bald wieder besser läuft.

Der HSV begann im Ländle im Stile einer Heimmannschaft. Und das ist meistens sehr gefährlich. Für den HSV. Je mehr Chancen es nämlich vorne gibt, je sorgloser wird hinten operiert. Und was kommt letztlich bei einem optisch überlegen geführten Spiel heraus? Richtig, die Führung des Gegners. So geschehen in der 23. Minute. Da befand sich der gesamte HSV wieder einmal in der Vorwärtsbewegung, was sonst? Der Fehlpass von Spielmacher Tomas Rincon riss dann alle aus dem Tiefschlaf. Ich schreibe bewusst „Spielmacher“, denn das ist der Südamerikaner im Finkschen System ja geworden. Der Ball landete in den Reihen der Schwaben, Molinaro spielte den Ball in die Spitze, wo die HSV-Defensive ungeordnet (und überrascht) war. Jeffrey Bruma stand ungünstig, grätschte am Ball vorbei – freie Bahn für Cacau, der keine Mühe hatte, Jaroslav Drobny zu überwinden. Bis dahin hatte der HSV alles, wirklich alles und jeden im Griff gehabt, aber so baut man einen Gegner eben wieder auf.

Die Frage, die ich mir nach diesem 0:1 gestellt habe ist die: Kann der HSV nicht defensiv? Kann er nicht einmal in erster Linie hinten sicher stehen, die Räume eng machen, um dann, bei passender Gelegenheit, zuzuschlagen? Per Konter? Per Konter geht wohl nicht so richtig, denn Paolo Guerrero ist gewiss kein Konter-Spieler, und Ivo Ilicevic könnte es vielleicht, spielt ja aber nicht als Spitze neben Guerrero, sondern eher hinter ihm. Und über die Flügel kam an schnellen Vorstößen kaum etwas. Was nicht heißen soll, dass von dort gar nichts kam, es gab schon Flanken, vornehmlich von links (Dennis Aogo, Marcell Jansen), doch die fanden in der Mitte keine Abnehmer. Oder landeten in der Mehrzahl bei einem Spieler im roten Trikot – einem Stuttgarter. Von rechts wurde es einmal gefährlich, doch die Flanke von Dennis Diekmeier lenkte Torwart Ulreich noch ab, so dass es trotz vielversprechender Situation kein Hamburger Tor gab.

Noch einmal zurück zu „Spielmacher“ Rincon. Wer gesehen hat, wie er den Ball auf die rechte Außenbahn „powern“ wollte, wie er im Stile eines Regisseurs den Ball mit der Innenseite anschnitt, der muss zu der Feststellung kommen: Das ist doch gar nicht Rincons Spiel. Achtet einmal drauf: „Spielmacher“ Rincon verteilt auf der (hinteren) Sechs die Bälle nach links und nach rechts – und zurück. Aber das, was ihn einst stark gemacht hat, das zeigt er fast gar nicht mehr. Nämlich die Attacke. Er kann einen Gegenspieler „totmachen“, er kann ihn nach allen Regeln der Kunst bekämpfen, beackern, aus dem Spie nehmen – aber das macht er jetzt nicht mehr. Nun „spielt“ er Fußball (bis vielleicht auf die hart umkämpfte Schlussphase des Spiels). Und beraubt sich damit seiner größten Stärke. Schade.

Die Einzelkritik:
Jaroslav Drobny hielt das, was er halten musste. Das war nicht viel. Am 0:1 war er absolut schuldlos. Dennis Diekmeier hatte auf seiner rechten Außenbahn einen schweren Stand, denn er hatte es, weil Abwehrspieler Molinaro oft nach vorne kam, oft mit zwei Stuttgartern zu tun. Dennoch hat sich Diekmeier nicht schlecht „verkauft“, weil er diesmal durchaus auch Akzente nach vorne setzen konnte. Bei Jeffrey Bruma wechselt mir noch zu oft Licht und Schatten. Er macht ja insgesamt kein schlechtes Spiel, aber er muss es lernen, konzentriert zu bleiben, auch wenn es gerade den Anschein hat, dass der HSV alles im Griff zu haben scheint. Bruma ist ja ohne Zweifel ein riesiges Talent, aber er ist eben auch noch jung. Und je eher er lernt, stets konzentriert von den Haar- bis in die Fußspitzen zu bleiben, je eher wird er ein richtig Großer. Er hat alle Veranlagungen dazu.

Heiko Westermann in der Innenverteidigung solide, er versuchte nicht nur viele Lücken zu stopfen, sondern auch, seine Kollegen gelegentlich zu wecken, auch besser zu stellen. So muss ein Abwehrchef agieren, das macht der Nationalspieler inzwischen sehr gut. Links setzte Dennis Aogo seinen Aufwärtstrend, den er gegen Augsburg unter Beweis stellte, fort, er wirkt souveräner, stellt sich nun auch der Verantwortung, die er ja zweifellos als aktueller deutscher Nationalspieler auch hat.

Die beiden „Sechser“ sind bei mir längst Risikofaktoren. Weil Rincon, wie schon geschrieben, nur noch „spielen“ statt auf- und abräumen will, und weil Gojko Kacar weit, meilenweit von seiner Bestform entfernt ist. Ich habe auch heute ganz besonders auf ihn geachtet, mir ist auch diesmal wieder aufgefallen, dass seine Körpersprache nicht stimmt. Misslingt ihm etwas, lässt er schnell den Kopf hängen. Ist er vorne und verliert den Ball, schaltet er eher behäbig um, trabt zurück, anstatt im Sprint seine Position einzunehmen. Nein, diese beiden Sechser sind ein Problem für Fink. Kacar wurde in der 68. Minute vom Rasen genommen, für ihn kam Robert Tesche.

Und die Außen? Ebenfalls. Gökhan Töre ist 19 Jahre jung, da ist es völlig normal, dass er nicht immer 100 Prozent spielt. Im Moment ist er höchstens bei 70. Er macht viele gute Dinge, aber eben auch einige schlechte. Und er macht vor allem im Moment keine überragenden Sachen. Sachen, die ihn einst ins Rampenlicht der Bundesliga gebracht haben. Dribblings, die Raum schaffen, die den Gegner vor Probleme stellen. Und die ihn als einen der wertvollsten Jungs-Stars er Liga werden ließen. Aber, wie gesagt, völlig normal, dass es in seinem Alter Hoch und Tiefs gibt, freuen wir uns, dass wir ein solches Juwel in den Reihen des HSV haben.

Links versuchte, durfte sich versuchen, Marcell Jansen, für Druck zu sorgen. Vergeblich. Der ehemalige Nationalspieler trat nur einmal effektiv in Erscheinung, als er nach Diekmeiers Flanke köpfte, aber Ulreich den Aufsetzer meisterte (11.). Ansonsten tauchte Jansen aber fast total ab. Das ist mir insgesamt zu viel Alibi-Fußball. Auch von ihm erwarte ich eigentlich, dass er sich voll reinhängt, körperlich zeigt, dass er will – aber er versucht mir zu viel, körperlos über die 90 Minuten zu kommen. Diesmal ging es für ihn nur bis zur Hälfte, dann kam Mladen Petric für ihn. Natürlich, der HSV musste beim 0:1-Halbzeitstand ja etwas für die Offensiv tun, Thorsten Fink tat es.

Das war Unterstützung für Ivo Ilicevic, der vor allem eine gute erste Halbzeit spielte. Das war erfreulich. Dennoch sage ich: Der Wirbelwind kann noch so viel mehr. Aber, immerhin, er stellte unter Beweis, dass er es kann, von ihm werden wir noch gute Sachen sehen – in der Rückrunde.

Paolo Guerrero diesmal nicht ganz so überzeugend wie zuletzt, obwohl er den 1:1-Ausgleich (ein Eigentor) vorbereitetet. War er zu oft allein in vorderster Front? Wahrscheinlich. Aber er übertrieb auch ein wenig das Einzelspiel. Und leider vergab er in der 75. Minute, als es drauf ankam, eine (fast) Hundertprozentige, als er freistehend an Keeper Ulreich scheiterte. Bitter, bitter.

Aber eine solche gute Möglichkeit vergab auch Maden Petric, der nach seiner Einwechslung für viel Betrieb in der VfB-Deckung sorgte. In der 79. Minute schien ein Petric-Tor fällig, doch den Hechtkopfball des Stürmers (nach Guerrero-Flanke) hielt der Teufelskerl im Stuttgarter Tor- Wie? Ich habe keine Ahnung, eigentlich war dieser Kopfball unhaltbar.

Zu diesem Zeitpunkt stand es schon lange 2:1 für die Schwaben, denn erneut wurde die HSV-Defensive ausgekontert, ganz leicht überspielt. Diesmal versäumte es Töre, auf den nach vorne geeilten Molinaro zu achten. Flanke, Tor – Cacau (62.). Es war die einzige Chance, die der VfB im zweiten Durchgang hatte. Wobei ich nach dem 1:0 gar keine weitere Möglichkeit für Stuttgart gesehen habe . . .

Der HSV aber vergab noch eine „Hundertprozentige“. Der in der 69. Minute eingewechselte Tesche kreuzte 60 Sekunden später allein vor dem VfB-Tor auf, doch Ulreich hielt den zu schwach geschossenen Ball.

Hier wäre mehr drin gewesen für den HSV, ganz eindeutig. Die Fink-Elf hat vor allem in Halbzeit zwei ein starkes Spiel gemacht, hat wieder einmal gezeigt, dass es auswärts etwas besser klappt als im Volkspark, aber auch diesmal reichte es nicht zum Sieg. Am Stuttgarter Torwart gescheitert. Nur daran. Und vielleicht auch etwas an den eigenen Unzulänglichkeiten, aus klarsten Möglichkeiten auch Tore zu machen. Das muss 2012 besser werden, denn es steht viel mehr auf dem Spiel, als der DFB-Pokal.

22.31 Uhr