Tagesarchiv für den 20. Dezember 2011

Finks Gespür für den VfB Stuttgart – und Trubel um Beister

20. Dezember 2011

„Ich würde mich zur Verfügung stellen.“ Sagte er und verschwand in der Kabine. Und er tauchte nicht mehr auf. Zumindest nicht auf dem Trainingsplatz. Mit der Erklärung, David Jarolim habe noch immer Magen-Darm-Probleme, erklärte uns Trainer Thorsten Fink heute, weshalb der Tscheche nicht mittrainieren konnte und voraussichtlich auch gar nicht erst mit nach Stuttgart reisen wird. „Ansonsten kommen alle mit, weil es das letzte Spiel ist und wir noch mal zusammen sein wollten“, sagte Fink unmittelbar bevor es per Flieger nach Stuttgart ging. Dort steht heute Abend noch ein gemeinsames Essen an, ehe es nach einem kurzen Aufwärmen am Morgen am Abend in die Mercedes-Benz-Arena zum Pokal-Achtelfinale beim VfB Stuttgart geht.

Mit im 20-Spieler-Tross dabei sein werden auch Jacopo Sala und Michael Mancienne, die als erste Streichkandidaten für den 18-Mann-Kader fürs Spiel gelten. Zumal Jeffrey Bruma wieder fit ist. „Ich hatte leichte Oberschenkel-Probleme“, sagte der Niederländer, der im Training das komplette Programm absolvierte und keinerlei Probleme hatte. „Ich spiele, wenn ich keine Probleme haben sollte“, so Bruma, der an die Mercedes-Benz-Arena eine besondere Erinnerung hat. Immerhin erzielte er dort im September seinen ersten Bundesligatreffer bei ersten Bundesligasieg des HSV in dieser Saison. „Das war schon etwas Besonderes für mich, so etwas vergesse ich wahrscheinlich nie“, sagte Bruma, der in Stuttgart auf einen geschwächten Gegner hofft. „Stuttgart hat seit ein paar Wochen Probleme“, so Bruma, der in den Entwicklungen der beiden Teams ein Plus für den HSV sieht: „Zuletzt haben sie gegen Wolfsburg verloren. Ihre Kurve geht leicht nach unten, unsere leicht nach oben. Das spricht zwar für uns, ebenso wie die Tatsache, dass ganz sicher nicht Favorit sind beim VfB. Das ist besser.“

Ebenso wie die Stimmung innerhalb der Mannschaft. Die war heute im Training so gut, dass sich ein älterer Herr vor mir lautstark Sorgen machte, die Mannschaft könnte sich zu früh in ihrer Winterpause wähnen. Immer wieder flachsten sich die Spieler, wenn einer ihrer Kollegen bei den Schussübungen das Ziel weit verfehlte. Allerdings, und ich glaube, das beruhigte auch den Herren vor mir, im Abschlussspiel war wieder Zug drin. Zwar ließ Trainer Thorsten Fink Jacopo Sala hinten rechts und Heung Min Son im Angriff der vermeintlichen A-Elf spielen, allerdings schien sich die restliche Startelf so darzustellen, wie es zu erwarten war. Sowohl vom Engagement het wie von der Besetzung. Drobny hinter der Viererkette mit Diekmeier statt Sala, Bruma, Westermann und Aogo. Davor spielte Rincon mit – Robert Tesche statt Gojko Kacar. Mit einer vermeintlich leicht nachvollziehbaren Erklärung, denn Tesche war es, der sich beim 2:1-Sieg in Stuttgart vor drei Monaten neben Bruma als Torschütze eintrug. Einer der Psycho-Tricks von „Psycho-Fink“ (was bitte ist an dieser scherzhaften Bezeichnung, die auch als solche gekennzeichnet ist, anstößig?)? Immerhin hatte der zuletzt immer wieder betont: „Fußball entscheidet sich zu einem nicht unwesentlichen Teil auch im Kopf.“

Dabei profitiert Tesche davon, dass sich David Jarolim heute abmeldete. Er hätte eigentlich spielen sollen, sagte Fink am Montag. Er hätte mit seiner Erfahrung helfen können, hätte beginnen sollen“, so Fink. Und obwohl Jarolim heute vor dem Abschlusstraining noch selbst betont hatte, sich für das DFB-Pokal-Achtelfinale zur Verfügung stellen zu wollen, ist er nicht im Kader. „Er hat noch immer Magen-Darm-Probleme und ist nicht fit“, so Fink, der deshalb auf die Dienste des Tschechen im Abschlusstraining verzichtete.

Ist das der leise Abschied des dienstältesten HSV-Profis? Er könnte es zumindest werden. Obgleich ich es absolut nicht hoffe, da Jaro mehr verdient hätte. Allerdings: Zuletzt hatte Jarolim vom Verein einen ablösefreien Vereinswechsel im Winter in Aussicht gestellt bekommen, sollte er sich dazu entscheiden. Und es hatten sich mit Augsburg und Nürnberg bereits zwei Bundesligisten um die Dienste des defensiven Mittelfeldspielers bemüht.

Bemüht hatte sich der HSV zuletzt um eine Vertragsverlängerung des Offensivtalentes Maximilian Beister. Der Linksfuß, der noch bis Saisonende an Fortuna Düsseldorf ausgeliehen ist, sollte nach den Wünschen von Trainer Thorsten Fink und Sportchef Frank Arnesen nach dieser Saison nach Hamburg zurückkehren und vorher seinen Vertrag bis 2016 verlängern. Und obwohl sich Fink und Beister für diesen Donnerstag zum Gespräch verabredet haben, wird in Düsseldorf gemunkelt, dass sich Beister bereits mit Borussia Dortmund über einen Wechsel einig sei. Dort soll er spätestens 2013 zum FC Bayern München wechselnden Mario Götze ersetzen. Zumal mit einem Abgang von Rechtsaußen Jakub „Kuba“ Blaszczykowski gerechnet wird.

Vereinsintern hatte Arnesen den Aufsichtsräten bei seinem letzten Treffen bereits davon berichtet, dass es sehr schwer würde, ob der Konkurrenz von Borussia Dortmund den Vertrag mit Beister zu verlängern. Es wird sogar berichtet, Jürgen Klopp habe sich mit Beister unmittelbar vor dem Pokal-Duell der Düsseldorfer und Dortmunder am Montagabend getroffen. „Ich mag nicht glauben, dass sich ein Trainer mit Blick auf so ein Spiel mit einem Spieler von uns trifft. Das widerspräche jeder Ethik im Fußball“, sagte Düsseldorf-Macher Wolf Werner, nachdem er ebenfalls von dem Gerücht erfahren hatte. Auch Beister-Berater Carsten Kühn stellte klar: „So ein Treffen gab es nicht, das wäre auch ganz schwach und weder Maxis, noch meine Art. Maxi wird sich jetzt allein auf das letzte Spiel konzentrieren und anschließend etwas Zeit für sich haben, um über verschiedene Dinge nachzudenken.“ Obgleich es vorher am Donnerstag noch ein Treffen mit Fink geben wird.

Auch Klopp selbst dementierte ein Treffen umgehend, gab aber zu: „Der Maximilian ist ein großartiges Talent. Wir sind ja nicht blind und er spielt ja nicht in China. Es ist normales Thema, dass wir uns mit einem solchen Spieler beschäftigen”. Dennoch, da Beister beim HSV noch einen Vertrag habe, seien die Chancen auf eine Verpflichtung gering. Klopp: „Wir wissen, dass wir da praktisch keine Chancen haben, ihn zu verpflichten.“ Wohl nicht mehr als eine taktische Aussage, denn auch Klopp weiß, dass der BVB ganz schnell wieder groß im Geschäft ist, wenn Beister die Vertragsverlängerung beim HSV ablehnt. Denn dann hätten Arnesen und Co. nur noch im kommenden Winter die Chance auf eine Ablösesumme für den in Lüneburg groß gewordenen Fußballprofi. „Es gibt Interessenten und ich habe gesagt, dass der BVB ein interessanter Verein für jeden Fußballer ist“, sagt Kühne, der ein wenig Tempo aus der Geschichte nimmt: „Maxi braucht jetzt Zeit. Er ist jung und muss sich über sehr viele Dinge klar werden. Daher können alle sicher sein, dass es in diesem Jahr keine Entscheidung mehr geben wird.“

Und auch wenn es bei Beister noch nicht so hoffnungsvolle Aussichten gibt, wie sie sich Arnesen erhofft, hat der Däne allen Grund zur Freude. Denn: Die Zwillinge sind da. Arnesens Tochter Britt brachte in Eindhoven die Enkelkinder fünf und sechs des Sportchefs zur Welt. Kaj und Jesper wurden Montagnacht um 23.50 Uhr in Eindhoven geboren und wiegen 2800 und 3200 Gramm. Und das Wichtigste: sie sind bei gesund.

Herzlichen Glückwunsch Britt, Frank und der gesamten Familie Arnesen!

Bleibt nur zu hoffen, dass Arnesen auch in Stuttgart etwas geschenkt bekommt – und zwar einen Sieg im DFB-Pokal-Achtelfinale. „Damit würde sich mein vielleicht zweitgrößter Weihnachtswunsch erfüllen“, so Arnesen vergangene Woche. Und die Mannschaft ist gewillt, ihrem Chef diesen Wunsch zu verwirklichen. Womit ich noch mal auf das Thema Stimmung komme. Denn die ist, das wissen wir seit Wochen, deutlich besser geworden. Heute verdeutlichte Marcell Jansen noch einmal, wie wichtig der Trainerwechsel war. „Damals hatten wir ein sehr emotionales Spiel in Stuttgart, das wir gewinnen konnten. Es war ein enorm wichtiger Moment, nachdem wir zuvor kaum noch daran geglaubt hatten. Seitdem hat sich in Sachen Stimmung innerhalb der Mannschaft richtig was getan. Das war davor nicht so prickelnd und jeder kann sich vorstellen, was passiert wäre, wenn sich nichts verändert hätte. Der Sieg in Stuttgart und die damit verbundenen Veränderungen waren unser Wendepunkt.“

Jansen selbst wird in Stuttgart spielen können. Und trotz der überaus großen Wahrscheinlichkeit, dass Jansen aufläuft, wollte sich Fink heute noch nicht hundertprozentig auf einen Einsatz des Linksfußes von Beginn an festlegen. Ob er gegen Augsburg wirklich angeschlagen war oder eher geschont wurde? „Es war eine Mischung aus beidem. Ich bin Anfang letzter Woche körperlich einmal richtig runtergefahren. Da hat der Trainer ein sehr gutes Gespür gehabt.“ Hoffentlich gilt das auch für die Startelf in Stuttgart, die identisch mit der aus dem Mainz-Spiel sein dürfte: Drobny – Diekmeier, Bruma, Westermann, Aogo – Töre, Rincon, Tesche, Jansen – Ilicevic, Guerrero.

In diesem Sinne, bis morgen! Dann meldet sich Dieter, weil ich für den Printbereich in Stuttgart live dabei sein darf. Ich melde mich Donnerstag wieder – hoffentlich mit einem erfolgreichen Jahresabschluss im Gepäck…

Scholle (18.43 Uhr)