Tagesarchiv für den 19. Dezember 2011

“Psycho-Fink” wird zum neuen Happel

19. Dezember 2011

Da waren wir kurzzeitig mal verwirrt. Okay, das sind wir häufiger werdet Ihr jetzt sagen – war ja auch eine ziemlich steile Vorlage. Aber diesmal war es unverschuldet. Denn auf die Frage, wo denn Jeffrey Bruma sei, erhielten wir von Physio-Coach Niokola Vidovic die Antwort, er sei abgeflogen. Nur wohin? Auch das wollten wir wissen und fragten wiederholt nach. Ohne konkretere Auskunft des Kroaten zu bekommen. Er sagte, er wüsste nur, dass Bruma am Dienstag wieder da sei und mit nach Stuttgart fahren können. Und anstatt uns aufzuklären, machte Torwarttrainer Ronny Teuber auf Geheimnis. Logische Folge: Sofort legten mein Bild-Kollege Kai-Uwe Hesse und ich los, telefonierten, schauten in Brumas Twitter-Mitteilungen nach und warteten auf Trainer Thorsten Fink.

Das dann allerdings mit dem erhofften Erfolg. Und das im doppelten Sinn. Denn Bruma war nirgendwo hingeflogen, sondern hatte sich ob leichter Oberschenkelprobleme lediglich einen Tag geschont und im Kraftraum fit gehalten. Der Innenverteidiger soll am Dienstag schon wieder ganz normal ins Training einsteigen. Zudem ist er vor der Abschlusseinheit bei uns in der Runde und kann selbst noch mal erzählen, was los war…

Aber okay, auch wenn wir da in die Irre geführt wurden, sauer bin ich selbstverständlich nicht. Im Gegenteil. Ich bin erleichtert, dass der Niederländer, der zuletzt stark aufspielte, auch in Stuttgart dabei sein kann. Denn die Aufgabe bei den Schwaben wird sauschwer. Die haben sich nach einem furiosen Saisonstart zuletzt zwar in Schwierigkeiten gebracht, doch noch gibt es eine Chance, die Abwärtsspirale im laufenden Jahr zu stoppen: Mit einem Sieg im Pokal gegen den HSV. „Wir haben uns in diese Ausgangslage gebracht. Der Pokal ist nun eine sehr wichtige Sache für uns.“ Wieder mit dabei ist Cristian Molinaro, der in der Liga zuletzt gesperrt war. „Problem“ für den HSV: dadurch kann Arthur Boka auf die rechte Seite rücken und die zuletzt größte Schwachstelle des VfB stopfen.
Für Fink ist das allerdings kein Problem. Sagt er und konzentriert sich nur auf seine Mannschaft. Zwar wird es am Dienstag vor dem Abschlusstraining noch eine längere Videoanalyse geben, allerdings müsse sich sein Team nur an die jüngere Vergangenheit erinnern. Da gab es am 23. September in Stuttgart einen 2:1-Erfolg. Den ersten dieser Bundesliga-Saison. „Wir haben unser letztes Spiel da gewonnen und wissen, dass wir das können. Ich kann mir auch gut vorstellen, dass das noch immer in den Köpfen der Spieler ist – und zwar nicht nur bei unseren Spielern.“

Ein kleiner Psycho-Trick von Fink, der seine Mannschaft gut vorbereitet sieht. „Wir haben eine grundsätzlich positive Tendenz, ohne, dass wir uns deshalb in den Armen liegen müssen. Wir können in der Bundesliga noch nicht anfangen, die Europa-League als Ziel auszugeben“, so Fink vs. Den zarten Träumereien von Dennis Aogo, „aber es sind im Pokal auch nur noch vier Spiele, um dieses Ziel doch noch zu verwirklichen. Dabei sind wir in Stuttgart sicher nicht der Favorit – aber wir wissen, dass wir überraschen können.“ Und eine solche Überraschung könne seinen Spielern eine Dynamik verleihen, deren Ende nicht abzusehen sei. Fink optimistisch: „Ich gehe jetzt einfach mal davon aus, dass wir gewinnen..“ Immerhin haben er (inklusive Basel er sogar seit 17 Partien) und seine Mannen seit neun Spielen nicht mehr verloren. Bleibt diese Serie bestehen, würde es der HSV wenigstens ins Elfmeterschießen schaffen. „Und dafür haben wir mit Jaroslav Drobny einen Torwart, der alles hält.“

In Sachen Bundesliga gibt Fink sich etwas ruhiger. Die Europa League könne noch nicht das Ziel sein, die Meisterschaft („Wir haben hier keinen Maradona oder Schweinsteiger, um an sowas denken zu können“) noch weniger. „Mein Ziel ist ein gesicherter Mittelfeldplatz, ich will unter die Top Ten.“ Würde er weiterhin 1,5 Punkte pro Spiel machen, wären es am Ende rund 45 Punkte n- genau so viele wie in der vergangenen Saison. Damals wurde der HSV Achter. Enttäuschend ob der großen Namen. Diesmal wäre es anders, diesmal wären letztlich alle zufrieden. Vor allem Fink: „Immerhin hat man vor acht Wochen, als ich herkam, dieser Mannschaft noch die Bundesligatauglichkeit abgesprochen.“ Nur noch ein Zauberer sollte den HSV retten können. Das hatte kein geringerer als Franz Beckenbauer gesagt – und sich inzwischen darauf festgelegt, dass Fink eben jener Zauberer sein müsse.

Alles andere als Zauber erwartet hingegen VfB-Sportchef Fredi Bobic. Der fordert gegen den HSV altbekannte Tugenden: „Ich erwarte, dass die Spieler über die volle Spieldauer Willen, Leidenschaft und Engagement zeigen.“. Tugenden, die David Jarolim verkörpert – allerdings nicht auf den Platz bringen wird, denn heute fehlte der Tscheche ob einer Magen-Darm-Grippe. „Das ist sehr schade“, so Fink, „denn eigentlich wollte ich David Jarolim spielen lassen.“ Worte, die mich an Slobodan Rajkovic erinnern. Der Serbe hatte sich vor dem Mainz-Spiel nach vier Wochen Sperre mit Rückenproblemen kurzfristig abgemeldet – und hätte damals laut Fink ebenso überraschend spielen sollen wie diesmal Jarolim. Ein Schelm, wer…. aber egal, lassen wir das. Bringt ja auch nichts.

Stattdessen setzt Fink auf alte Kräfte, will nicht zu viel umstellen. Und er will wieder auf Marcell Jansen setzen. Der nach leichten Adduktorenproblemen zuletzt geschonte Linksfuß ersetzt auf der linken Außenbahn Ivo Ilicevic, der seinerseits Mladen Petric als zweite Spitze ersetzen könnte. Denn der Kroate leidet unter leichten Kniebeschwerden, blieb heute nur im Trainingstrakt zur Pflege, soll aber beim Abschlusstraining ebenso wie in Stuttgart dabei sein können. Nur nicht in der Startelf. „Mladen ist im Moment noch nicht richtig fit und muss das zweite Spiel in vier Tagen absolvieren.“ Was genau das bedeutet? Fink: „Dass Mladen vielleicht erst mal auf der Bank sitzt. Sollte es zum Elfmeterschießen kommen, könnte er zum Ende hin noch sehr wichtig werden.“ Zumal Petric als sicherster Elferschütze des HSV gilt und Penaltys nicht geübt werden. „Ich halte nichts davon, die zu üben“, so Fink, der die hohe Kunst des sicher verwandelten Elfmeters im psychischen Bereich sieht. „Meine Erfahrung ist, dass hierbei das Selbstvertrauen entscheidet. Und im Moment haben unsere Jungs Selbstvertrauen.“ Und eben Drobny.

Noch nicht haben die HSV-Verantwortlichen Maximilian Beister. Die Leihgabe an Fortuna Düsseldorf ist weiter heiß umworben. Aber der HSV ist dran. Ganz nah sogar. Noch am Donnerstag will sich Fink mit dem Wunschspieler treffen, um ihn von einer Vertragsverlängerung beim HSV zu überzeigen. „Wir hatten schon gute Gespräche und wollten uns beide jetzt noch auf den Saisonendspurt konzentrieren.“ Der ist am Dienstag für die Düsseldorfer gegen Dortmund und am Mittwoch für den HSV nach der Partie gegen Stuttgart beendet. „Deshalb setzen wir uns schnell noch mal miteinander hin, damit ich ihm unsere Fußball-Philosophie und vor allem seine sportliche Perspektive aufzeigen kann. Denn sportlich überzeugt bin ich von ihm, das weiß er.“

Das ist Fink irgendwie von allen, mit denen er zusammenarbeitet. Vor allem von seinen Spielern. Und während er betont, wie sehr er von seinem aktuellen Mittelfeld überzeugt ist, stellt er noch mal hervor: „Stand jetzt werden wir im Winter keinen Neuen holen. Es sei denn, Messi will plötzlich zu uns und ist finanzierbar. Nein, wir sind mit der Qualität der Mannschaft zufrieden. Der Kern stimmt, deshalb werden wir die Mannschaft nur punktuell sinnvoll verbessern und nicht auf Masse gehen. Mir geht es darum, die Mannschaft spielerisch zu verbessern, wobei schon die Vorbereitung helfen wird. Und ich möchte hier etwas entwickeln. Und zwar in aller dafür nötigen Ruhe.“ Immerhin hätte auch Borussia Dortmund – noch immer das Paradebeispiel für den erfolgreichen Umbruch von alt auf jung – zwei, drei Jahre dafür gebraucht. Fink: „Langfristig erfolgreich zu sein, kann man nicht von heute auf morgen erzwingen.“

Recht hat unser „Psycho-Fink“, der sich auf die Spuren eines legendär erfolgreichen HSV-Trainers macht: auf die von Ernst Happel. Auch der Österreicher hatte in den 80ern immer wieder betont, keinen Sinn darin zu sehen, auswärts taktisch großartig anders aufzutreten als daheim. Auch Happel forderte von seinen (zweifellos herausragenden Weltklasse-)Fußballern damals Dominanz auf dem Platz – auch auf fremdem Geläuf. „Das wollen wir auch in Stuttgart. Wir werden dort genauso auftreten, wie zu Hause. Das ist uns in Mainz nicht so gut gelungen, dafür gegen Augsburg wieder. Und auch wenn der VfB fußballerisch sicher so gut ist, dass er uns immer wieder mal unter Druck setzen wird und wir kontern, verändert sich unsere Taktik nicht.“ Denn, wie gesagt, so hat der HSV unter Fink noch keines seiner bislang neun Pflichtspiele verloren. Hoffen wir darauf, dass diese Serie anhält…

In diesem Sinne, morgen melde ich mich mit (Über-)Flieger Bruma und Marcell Jansen sowie mit letzten Erkenntnissen aus dem Abschlusstraining wieder.

Bis morgen,
Scholle (18.42 Uhr)