Tagesarchiv für den 18. Dezember 2011

Fink: “Wir haben richtig guten Fußball gespielt”

18. Dezember 2011

Grottenkick, Durchschnitts-Spiel oder sehr gute 90 Minuten? Was war HSV gegen den FC Augsburg tatsächlich? Für mich war es ein schlechtes Spiel. Für die beiden Trainer ein gutes. Darüber später mehr. Vielleicht war es für mich deswegen so furchtbar, weil der HSV diese Begegnung hätte unbedingt gewinnen müssen. Die Enttäuschung war groß, war sogar riesig. Nur 1:1 gegen den Abstiegskandidaten? Das heißt, wer ist hier der Abstiegskandidat gewesen? Beide! Denn wenn man sich mal die Heimbilanz des HSV auf der Zunge zergehen lässt, dann kann einem tatsächlich angst und bange werden:

gegen Nürnberg 2:0
Kaiserslautern 1:1
Köln 3:4
Hoffenheim 2:0
Schalke 1:2
Wolfsburg 1:1
Mönchengladbach 0:1
Hertha 2:2
Augsburg 1:1.

Zwei Heimsiege – und zwar gegen Klubs, die nicht unbedingt zur Creme der Liga zählen. Und keine Siege gegen jene Klubs, die sich stets eher nach unten orientieren, gegen die eigentlich gewonnen werden muss, wenn man die Klasse halten will. Da kann sich jeder leicht ausrechnen, welche Vereine in der Rückrunde nach Hamburg kommen. Und gegen die muss dann wohl gewonnen werden, um nicht abzusteigen. Aber wird gegen die auch tatsächlich gewonnen? Nach dem Kick gegen Augsburg bleiben da doch viele Zweifel.

Die Statistik des Spiels HSV gegen Augsburg spricht allerdings deutlich für Hamburg: 25:12 Torschüsse, 8:0 Eckstöße, 17:9 Flanken, 61:39 Ballkontakte, 53:47 Zweikämpfe. Die meisten Ballkontakte beider Klubs: Tomas Rincon 100, De Jong 53. Die Zweikampfstärksten: Heiko Westermann 78 Prozent, Verhaegh 67 Prozent.
Tore aber 1:1.
Nur die zählen.

Und deswegen bleibt nach diesem Unentschieden eine große Enttäuschung, ich kann mich nur wiederholen. Zumal Augsburg nicht gerade mit einer „Wundermannschaft“ angetreten ist – im Gegenteil. Ich habe mir mal die Mühe gemacht, mit welcher Bundesliga-Erfahrung der Aufsteiger in diese Partie gegangen ist:

Das ist die FCA-Startformation:

Mohamed Amsif kam von Schalke 04, 0 Bundesliga-Spiele zu Saison-Beginn, jetzt 6.
Paul Verhaegh kam von Vitesse Arnheim, 0 Bundesliga-Spiele zu S-Beginn, jetzt 9.
Gibril Sankoh kam vom FC Groningen, 0 Bundesliga-Spiele zu S-Beginn, jetzt 10.
Marcel De Jong kam von Roda Kerkrade, 0 Bundesliga-Spiele zu S-Beginn, jetzt 8.
Andrew Sinkala kam vom SC Paderborn, 37 Bundesliga-Spiele zu S-Beginn, jetzt 44
Hajime Hosogai kam von Urawa Red Daimonds, 0 Bundesliga-Spiele zu S-Beginn, jetzt 16.
Torsten Oehrl kam von Fortuna Düsseldorf, 1 Bundesliga-Spiel zu S-Beginn, jetzt 5.
Daniel Baier kam vom VfL Wolfsburg, 28 Bundesliga-Spiele zu S-Beginn, jetzt 45.
Tobias Werner Carls Zeiss Jena, 0 Bundesliga-Spiele zu S-Beginn, jetzt 13.
Lorenzo Davids kam vom NEC Nijmegen, 0 Bundesliga-Spiele zu S-Beginn, jetzt 16.
Sascha Mölders kam vom FSV Frankfurt, 11 Bundesliga-Spiele zu S-Beginn, jetzt 28.

Eingewechselt wurden dann noch:
Daniel Brinkmann kam von Alemannia Aachen, 0 Bundesliga-Spiele zu S-Beginn, jetzt 12.
Dominik Reinhardt kam vom 1. FC Nürnberg, 93 Bundesliga-Spiele zu S-Beginn, 105.
Uwe Möhrle kam vom VfL Wolfsburg, 114 Bundesliga-Spiele zu S-Beginn, jetzt 123.

Diese Formation des FC Augsburg hatte also insgesamt 161 Bundesliga-Einsätze in den Stiefeln. Im Vergleich dazu beim HSV beispielsweise Jaroslav Drobny (135), Heiko Westermann (209), Paolo Guerrero (151) und Mladen Petric (112).

Wobei noch anzumerken ist: Gefehlt haben beim FC Augsburg in Hamburg immerhin neun Spieler, davon einige sehr erfahrene:
Jentzsch (253 BL-Spiele), Callsen-Bracker (62). Ndjeng (24), Kapllani (53), Rafael (105), de Roeck (7), Bellinghausen (31), Bah (1) und S. Langkamp 19).

So, und nun zu den Beurteilungen der Trainer.

Jos Luhukay (FCA) befand glücklich: „Wir haben heute läuferisch und kämpferisch alles abgerufen, dazu haben wir in mehreren Momenten auch ein Quäntchen Glück gehabt, und wir hatten einen fantastischen Torwart, der uns in den schwierigen Momenten auf den Beinen gehalten hat. Wir haben heute gegen eine Klasse-Mannschaft gespielt, die offensiv mit extrem viel Bewegung gespielt hat, die ein hohes Tempo gegangen ist. Der HSV hat nur vergessen, in den entscheidenden Momenten seine Möglichkeiten zu nutzen, das hat uns immer wieder zurück ins Spiel gebracht. Nach dem Ausgleich hatten wir noch eine hundertprozentige Torchance, wenn wir die nutzten, dann hätten wir das Spiel völlig auf den Kopf gestellt. Unter dem Strich bin ich als FCA-Trainer froh, dass meine Mannschaft heute die mentale Kraft hatte, hier einen Punkt zu erkämpfen. Ich wünsche Thorsten Fink und seinem HSV nach wie vor viel Glück in der Rückrunde.“

Thorsten Fink kommentierte das 1:1 wie folgt: „Ich kann eigentlich nur das wiederholen, was der Kollege bereits gesagt hat, ich kann mich dem nur anschließen, was er gesagt hat, ich kann mich damit identifizieren. Letztlich haben wir unsere Torchancen nicht genutzt. Bis auf die Chancenauswertung gibt es heute nichts zu meckern. Meine Mannschaft war sehr spielfreudig, hat viele Chancen herausgespielt, von daher war ich damit zufrieden. Natürlich sind wir nicht zufrieden, wenn wir unsere Heimspiele nicht gewinnen, das ist auch klar, aber mit der Leistung heute war ich zufrieden.“

Fink weiter: „Wir schauen weiter nach vorne, wir wollen im Pokal in Stuttgart einen weiteren positiven Schub mit in die Rückrunde nehmen, wir haben ja beim letzten Spiel in Stuttgart gezeigt, dass man da gewinnen kann. Insgesamt bin ich mit dem gesamten Verlauf der Saison, seit ich hier bin, sehr zufrieden, weil wir ja auch nach sechs Spielen erst einen Punkt hatten. Die Mannschaft hat das umgesetzt, was wir hier heute wollten, auch vom Spielerischen her, und das ist der Trainer auch immer besonders zufrieden, wenn die Mannschaft das umsetzt, was er vorgegeben hat. Ich denke, dass wenn wir so weiter spielen, dass wir dann auch unsere Heimspiele gewinnen werden, dass wir uns in der Tabelle weiter verbessern werden. Trotzdem werden wir keine anderen Ziele ausgeben, als einen gesicherten Mittelfeldsplatz, und wir sind auf dem besten Wege dorthin – weil wir auch diesmal einen Konkurrenten auf Abstand gehalten haben.“

Thorsten Fink ging dann später noch einmal ins Detail: „Heute haben wir richtig guten Fußball gespielt. Wir haben in den letzten zwei Spielen nicht so gut Fußball gespielt, haben auch im letzten Heimspiel nicht gut gespielt, aber 2:0 gewonnen, weil wir zwei von drei Chancen genutzt haben. Heute haben wir von den vielen Torchancen, die wir hatten nur eine genutzt, das ist alles. Die Mannschaft zeigt jedes Mal Charakter, hat sich viele Bälle erkämpft, hatte viel mehr Ballbesitz, hat auch heute spielerisch gezeigt, was sie kann – und das kann uns keiner mehr nehmen. Wir haben leider nur die Chancen nicht genutzt, aber deswegen müssen wir nicht so kritisch sein mit der Mannschaft. Beim letzten Mal war ich sehr kritisch, aber diesmal nicht. Und ich glaube, dass ich jemand bin, der sehr kritisch ist, wenn es mal nicht so läuft. Dann darf ich mir auch mal erlauben, nicht so kritisch zu sein. Weil ich denke, dass die Zuschauer, die gekommen sind, ein gutes Spiel gesehen haben. Wir haben den Gegner hinten rein gedrängt, wir haben uns auch viele Möglichkeiten sehr gut herausgespielt – jetzt müssen wir sehen, dass wir das mitnehmen, dass wir das in der Vorbereitung noch verbessern.“

Der HSV-Coach befand auch noch: „Wir sind weiter ungeschlagen geblieben, auch wenn es heute gegen eine Mannschaft von unten ging. Aber Augsburg hatte in der letzten Woche Mönchengladbach geschlagen, darf man auch nicht vergessen, und Gladbach spielt im Moment hervorragenden Fußball, ist zurzeit sehr gut drauf. Und von daher haben wir gegen eine Mannschaft gespielt, die unangenehm zu spielen ist, und das hat meine Mannschaft hervorragend gelöst. Aber man wird eben nicht immer im Fußball belohnt. Aber auf Dauer wird man dann schon belohnt.“

Zur sportlichen Gesamtlage sprach Fink noch: „Was wir jetzt geschafft habe ist das, dass wir vom Abstiegsplatz weggekommen sind. Und das nach diesem schlechten Start. Natürlich kann es in den nächsten zwei Jahren nicht der Anspruch sein, dort zu stehen wo wir jetzt stehen, das weiß ich auch, ich will immer weiter höher kommen, und das werden wir auch erreichen. Nur kontinuierlich, mit gezielter Arbeit, alles ein wenig mehr automatisieren. Und wir arbeiten sehr hart, wir arbeiten sehr gut, die Mannschaft ist sehr lernwillig. Wenn ich dann sehe, mit wie vielen Punkten wir angefangen haben, als ich hier die Arbeit aufnahm, und wenn ich sehe, wie viele Punkte wir heute haben, dann hätten sie alle eingeschlagen und gesagt: ‚Jawoll, Herr Fink, wir sind zufrieden damit.’ Wir wollen uns aber stets verbessern. Und hätten ja auch durchaus noch mehr Punkte haben können – siehe Hannover.“

Thorsten Fink fügt noch hinzu: „Wir sehen jetzt keinen Anlass, diese Mannschaft irgendwie noch schnell zu verstärken. Was nicht heißt, dass wir es jetzt nicht machen. Wir werden uns abschließend noch besprechen. Kann sich ja immer mal etwas ergeben. Wenn zum Beispiel ein Cristiano Ronaldo sich anbieten würde und nichts kostet, können wir nicht sagen: Dich nehmen wir nicht, Junge. Es ist immer was möglich im Fußball, aber eigentlich haben wir es jetzt nicht vor. Zur neuen Saison dann werden wir uns natürlich noch verstärken.“

So, das waren die Empfindungen des HSV-Trainers Thorsten Fink. Ich werde – nach diesen Ausführungen – das Wort „Grottenkick“ zwar zurücknehmen, aber trotz allem bleibt es für mich ein schlechtes Spiel des HSV. Nicht weil ich trotzig bin, sondern weil es gegen diesen dezimierten und limitierten Gegner ganz einfach einen Heimsieg geben muss. Muss. Wenn Fink ein gutes spielerisches Match von seinen Mannen gesehen haben will, dann fehlte mir dann doch die kämpferische Komponente. Und auch ein wenig die Lust, der Spaß, die Leidenschaft, das Herz. Und ich finde auch nach wie vor, dass das Nachrücken nicht so klappt, wie es eigentlich sein sollte, sein müsste. Dadurch hängen die beiden Stürmer, erst Mladen Petric, dann Paolo Guerrero, zu oft allein da vorne herum. Hinzu komm, dass es über die Flügel hapert, denn bei Gökhan Töre läuft es im Moment nicht so hervorragend, wie noch vor Wochen, und Ivo Ilicevic verlässt zu oft seine Position. Der Ex-Lauterer läuft überall und nirgends herum, würde er aber auf seinem Platz (für die Mitspieler zu finden) sein, fände er sicherlich wesentlich besser ins Spiel.

Und noch eines hat mir missfallen – wieder einmal. Die Freistöße. Wie fahrlässig geht der HSV bloß damit um. Ihr könnt es beobachten: Pfeift der Schiedsrichter einen Freistoß in Strafraumnähe für den HSV, läuft die Hälfte der Hamburger Mannschaft zum Punkt. Das ist fast schon lächerlich, wie beim Jugend-Fußball (aber E-Jugend!). Ich will schießen! Ich will schießen! Ich will aber auch schießen. Nein, ich will schießen. Und: Du schießt ganz sicher nicht.
Derjenige, der sich dann mannhaft durchgesetzt hat, der ist von diesem Kamp so mitgenommen (und unkonzentriert), dass er den Ball garantiert in die Wolken oder in die Mauer haut. Unfassbar ist das.

Meine Hoffnungen ruhen aber auch in diesem Fall auf Thorsten Fink. Ich war kürzlich dabei, als der Trainer ein Spielchen unterbrach, weil er eine gewisse OIrdnung beim Einwurf (!) haben wollte. Motto, so Fink: “Wir werfen den Ball immer zum Gegner. Aber wenn sich einer blitzschnell von seinem gegenspieler lösen würde, dann gäbe es eine komfortable Situation von zwei gegen einen. Der, der sich gelöst hat, muss den ball nur zu dem Einwerfenden zurückspielen.” Klingt logisch. Wurde dann auch (im Training) gemacht. So muss sich das dann eigentlich auch mit den Freistößen lösen lassen. Fink sagt vor dem Spiel an, wer zu schießen hat, dann muss nicht später darum gekämpft werden. Kostet doch alles Kraft und Konzentration. Was man dann bei der Ausführung prompt auch sehen kann. Aber: Viele Spiele im heutigen Fußball sind so eng, dass sie gerade durch Freistöße (oder allgemein Standards) entschieden werden können.
Noch verschenkt der HSV in dieser Hinsicht zu viel.

Aber vielleicht wird es ja am Mittwoch alles besser – oder vieles. Und es gibt einen Sieg, wenn nicht unbedingt alle HSV-Fans damit rechnen (können). Im Pokal beim VfB Stuttgart fällt Marcus Berg auf jeden Fall aus, er brach sich am Sonnabend das Schlüsselbein. Dafür ist Marcell Jansen wieder fit, der wegen Leistenbeschwerden gegen Augsburg fehlte – und wohl auch, wie Thorsten Fink verriet, „aus taktischen Gründen“. Die gegen Augsburg ausgewechselten Mladen Petric und Gojko Kacar werden, davon geht der Coach aus, werden im Ländle mit von der Partie sein können, es liegen keine Verletzungen vor.

Ja, und dann war da noch
eine Aussage der besonderen Art. Nicht zum HSV, sondern mal eben in den freien deutschen Fußball-Raum gesprochen. Darauf muss Mann erst einmal kommen:

„Es gibt ein paar Journalisten, die offenbar mein Gesicht nicht mehr sehen können. Das ist nach einer langen Zeit an der DFB-Spitze wohl normal. Dann gehe ich lieber, solange es nur ein paar sind.“

Das hat Dr. Theo Zwanziger, Präsident des Deutschen Fußball-Bundes, in einem Interview der „Welt“ gesagt.

Ich hätte da mal einen Rat an den Noch-Präsidenten. Er sollte sich besser auch mal im eigenen Stall umhören. Wenn dann diese Menschen, die er befragt, die Manns genug sind, um ihm die Wahrheit ins Gesicht zu sagen, dann würde er nicht mehr (nur) von Journalisten sprechen . . .
DFB und DFL warten auf die Wachablösung, warten auf Wolfgang Niersbach, der wieder Grund in den größten Sport-Verband der Welt bringen soll – und bringen wird.

16.29 Uhr