Tagesarchiv für den 14. Dezember 2011

Arnesen überzeugt – und hofft auf Europa

14. Dezember 2011

Auch wenn es einige hier vielleicht anders sehen, ich bin immer darum bemüht, objektiv zu sein. Dabei haben wir Journalisten das Glück, uns mit den Protagonisten persönlich unterhalten zu können und so nächstmöglich am Geschehen zu sein. Dennoch ist es trotz dieses Privilegs (Informationsvorsprung) nahezu unmöglich, von jetzt auf gleich immer richtig zu beurteilen. Zumindest nicht dann, wenn es – wie heute in diesem Blog um Frank Arnesen -, um Menschen geht.

Dafür braucht man Zeit. Zeit, um sich von dessen Ideen zu überzeugen, seine Strategie über einen längeren Zeitraum kennenzulernen und sie einzuschätzen. Zumal dann, wenn vieles neu gemacht wird – wie beim HSV in dieser Saison von Frank Arnesen. Der Däne hatte am Anfang der Saison viele routinierte Spieler mit großen Namen durch junge Talente ersetzt. Die meisten Neuen, gleich vier (Bruma, Mancienne, Rajkovic, Sala), kamen dabei von seinem Ex-Klub FC Chelsea und waren dort in der zweiten, oder sogar in der dritten Reihe geparkt. Logische Folge war die Frage, ob das so richtig ist oder ob der Sportchef zu eingleisig unterwegs ist. „Ich hätte es mir auch leichter machen und andere Talente holen können“, sagt Arnesen heute, „vier Leute aus Chelsea bedeuten auch für mich gleich zu Beginn mehr Druck. Aber am Ende ging es mir immer darum, überzeugt zu sein. Und das war und bin ich.“

Berechtigterweise, wie ich denke. Ich glaube, inzwischen zumindest einen Zwischenstand vermelden zu können, und der spricht für Arnesen. Sogar deutlich. Menschlich offenbart sich der Däne als tadellos. Sein Umgang mit den Profis wurde von Beginn an von selbigen gelobt. Denn Arnesen sucht die Gespräche, den Austausch mit seinen Spielern. Ähnlich wie es Dietmar Beiersdorfers verkündete Philosophie („Ich muss nahe an der Mannschaft sein, um zu wissen, was ich sportlich erwarten kann und was wir noch verbessern müssen“) war, agiert Arnesen aktuell als Bindeglied zwischen Vorstand, Trainer und Mannschaft. „Ich spreche sehr viel mit dem Trainer, wir sprechen sehr viel mit den Spielern.“ Allerdings sei es gerade für ihn sehr wichtig, dabei die richtige Dosierung zu finden. „Am Ende spielen wir Fußball“, so Arnesen, „und darum geht es. Bei den Gesprächen geht es darum, mein Bild von allen immer wieder zu schärfen, um Entwicklungen zu erklären. Und zu verstehen.“

So wie jetzt. Nach sechs Spieltagen unter Michael Oenning hatte der HSV einen Punkt, inzwischen sind es derer 18 geworden. „Wir hatten sehr schwere Tage“, gesteht Arnesen, der selbst alles aufbringen musste, um ruhig zu bleiben. „Ich habe in meinen 36 Jahren Profifußball nur zwei Jahre ohne internationalen Wettbewerb verbracht: eines bei Tottenham und das jetzige. Ich bin das nicht gewohnt. Und dann waren da Niederlagen dabei, nach denen ich ganz schlechte Tage hatte. Ich kann einfach nicht verlieren. Da musste ich all meine Erfahrung aufbieten, um ruhig zu bleiben. Zumal wir immer wieder betont hatten, dass hier alles auf Jahre ausgelegt ist und Geduld wichtig sei.“ Auch die Kritik an seiner Person ertrug er ohne zu murren. „Bei einem Punkt nach sechs Spielen musste ich mir Kritik gefallen lassen. Das war mir immer klar. Auch wenn die eine oder andere Kritik komisch war. Mir zu wenig Erfahrung nach nunmehr 36 Jahren im Profigeschäft nachzusagen – okay, wer das meint…“

Arnesen aber ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. Im Gegenteil: „Letztlich hatte ich immer ein gutes Gefühl. Und mit dem Sieg in Stuttgart ging es los. Thorsten hat diesen Trend inzwischen konserviert. Und trotzdem müssen wir weiter sehr vorsichtig sein. Gegen Augsburg am Sonnabend haben wir die Chance, statt der erhofften 17 oder 18 Punkte – mehr hatten wir nach dem sechsten Spieltag kaum erhofft – jetzt sogar bis auf 21 Punkte zu kommen. Das wäre fantastisch. Dann könnten wir in der Wintervorbereitung auch mal wieder nach oben schauen, auf die Mannschaften vor uns.“ Auf die internationalen Plätze? Arnesen lacht und winkt ab. „Dieses Jahr nicht. Aber in den nächsten Jahren, wenn wir die Mannschaft entwickelt haben.” Der einzige Unterschied zu Teams wie beispielsweise Bayer Leverkusen sei, so Arnesen, “dass wir jünger sind. Wir haben genauso viel Talent, aber weniger Erfahrung. Wenn wir uns weiter so entwickeln, die Mannschaft sich verbessert und es uns auch finanziell wieder besser geht, denken wir weiter. Bislang haben wir immer gesagt, dass wir besser sind, als unten drin zu hängen. Das zeigen wir jetzt. Aber wir sind noch den Beweis schuldig, dass wir auch besser als das Mittelfeld sind. Ich persönlich glaube daran, aber dafür ist gerade das Spiel gegen Augsburg wichtig, ein richtiges Schlüsselspiel.“ Mal wieder.

Aber egal wie, für Arnesen spricht neben der sportlichen Entwicklung der Mannschaft auch die seiner Talente. Rajkovic hat überzeugt, ist ein guter Backup für den neben Heiko Westermann inzwischen gesetzten Jeffrey Bruma. Der Niederländer, der auf Leihbasis beim HSV ist, hat sich in den letzten Wochen bewiesen. Er begründet seinen Wunsch, in Hamburg bleiben zu wollen, neben seinen Einsatzzeiten auch mit seinem Vertrauen in die Person Arnesen. Ebenso wie die größte Entdeckung dieser Hinserie, Gökhan Töre. Der Deutsch-Türke hatte zuletzt erste Angebote abgelehnt, weil er sich in Hamburg wohlfühlt. Zwingend damit verbindet Töre Arnesen, der ihm in sportlichen Dingen „immer wie ein Vater mit Rat und Tat zur Seite stand“, wie der dribbelstarke Linksfuß betont.

Auch deshalb will Arnesen möglichst bald den Vertrag mit Töre verlängern. „Allerdings nur, wenn er besser spielt als in den letzten zwei Spielen“, scherzt Arnesen und fügt ernster hinzu: „Wir wollen ihn sehr gern länger in Hamburg behalten und haben eine klare Absprache, dass wir uns im Februar hinsetzen und unterhalten. Das reicht mir, weil ich Gökhan und seine Leute sehr gut kenne und ganz ruhig bin.“

Ebenso wie bei Maximilian Beister. Ob ihn die Konkurrenz mit Bayer Leverkusen und Borussia Dortmund Sorgen bereitet? „Nein“, sagt Arnesen, „warum auch? Ich glaube eher, dass wir für die beiden der viel größere Konkurrent sind.“ Zumal nach dem letzten Gespräch mit Beister und dessen Berater. Arnesen klar: „Wir haben über die Laufzeit und über Geld gesprochen, Maximilian hat von uns ein Angebot unterbreitet bekommen.“ Dabei geht es um einen Vertrag, der ab Sommer um vier Jahre verlängert werden soll, also bis 2016 laufen würde. „Diese Laufzeit war auch sein Wunsch“, so Arnesen, der optimistisch ist. „Wenn ich vor ein paar Wochen gesagt habe, dass ich optimistisch bin, dann muss ich jetzt sagen, dass es noch besser aussieht.“

Dennoch wird es mit einer Entscheidung in diesem Jahr nichts mehr. „Der Trainer hatte zuletzt ein gutes Gespräch mit Maxi“, so Arnesen über Finks Austausch mit dem Spieler, der noch bis Saisonende an Fortuna Düsseldorf verliehen ist. „Und Thorsten wird zwischen den Feiertagen und Neujahr noch mal mit Maxi sprechen. Aber ich glaube, dass bislang alles gut verlaufen ist, sich Maxi dabei wohlfühlt. Er sieht, dass wir uns von Beginn an um ihn bemüht haben, auf ihn bauen. Und er scheut auch nicht die Konkurrenz.“ Ob Beister das Geld am Ende vielleicht zu wichtig werden könne? Immerhin stehen mit Bayer und dem BVB zwei sehr potente Konkurrenten in Kontakt mit dem Offensivspieler. „Das glaube ich nicht. Das wäre auch die negative Sicht, zu der Maxi uns überhaupt nicht veranlasst. Ich will ihn da nicht in eine Ecke drängen. Er hat uns gegenüber immer wieder betont, dass er ein Hamburger ist.“ Sollte sich Beister letztlich wirklich für den HSV entscheiden, wäre es ein weiterer Schritt in die richtige Richtung, den Arnesen maßgeblich beeinflusst hat. Zusammen mit Fink versteht sich.

Neben den sportlichen Dingen ist es auch Arnesens gewinnende Art. Der Däne ist ruhig, sachlich, aber immer verbindlich in dem, was er sagt. Und das mit Stil, zuletzt gesehen bei der Personalie David Jarolim. Der Tscheche spielt beim HSV keine große Rolle mehr und erhielt für den Winter die Freigabe. Und das ablösefrei, weil er sich um den HSV verdient gemacht hat. Und seitdem Jarolim das weiß, wirkt er trotz seiner sportlich für ihn unbefriedigenden Situation wieder motivierter. Im Training führt das zu der einen oder anderen harten Grätsche, beim Trainerteam und Arnesen aber hinterlässt Jarolims neues Engagement Eindruck. „Ich habe das Gefühl, er ist im Moment sehr gern hier“, sagt Arnesen und lobt: „Er hat einen sehr guten Einfluss auf die Mannschaft. Ich weiß auch, dass der Trainer sehr gern seine Qualitäten behalten würde. Aber ich lasse ihn jetzt in Ruhe. Er soll sich seine Gedanken machen und dann entscheiden. Er weiß, dass er alles in der eigenen Hand hat.“

Arnesen versteht es, oder besser: Arnesen versteht die Spieler, er weiß, wie Fußballprofis ticken. Auch Heung Min Son nahmen er und der Trainer im Doppelpass zuletzt aus dem Schussfeld. „Son hatte als er 18 war noch keinen Druck und hat überrascht. Er hat gut gespielt und wurde gelobt. Jetzt ist er zwar immer noch jung, aber schon im zweiten Jahr, da gibt es Druck. Im Moment sogar zu viel. Aber so ist das bei der Entwicklung von Talenten. Sie müssen auch da durch. Und wir unterstützen sie dabei. Zumal jetzt, wo er selbst Zweifel hat.“ Etwas, was weder Fink noch Arnesen bei Son haben. „Er ist ganz sicher noch nicht bei 100 Prozent, aber er hat eine fantastische Mentalität. Wir werden noch sehr viel Freude mit ihm in Hamburg haben“, so der HSV-Sportchef.

Ob das auch für Mladen Petric gilt, ist derzeit offen. „Es gibt nichts Neues“, so Arnesen, der betonte, wie sehr er sich über die Rückkehr des Top-Torjägers freue. Dennoch würde es erst im Frühjahr wieder Gespräche geben. „Bis dahin warten wir ab“, so Arnesen, der angesprochen auf Petric nicht annähernd so optimistisch wirkte wie zuvor bei Töre und den anderen Talenten

Eher so, wie beim Thema potenzielle Zugänge. Dabei wurden zuletzt Basel Chaka sowie seit Wochen immer wieder Rene Adler gehandelt. Arnesen: „Ich kann klar sagen, dass wir keinen der gehandelten Spieler im Winter verpflichten werden.“ Ob das nur für den Winter gelte? Ob ein ablösefreier Rene Adler im Sommer nicht doch interessant würde? „Das ist ein anderes Thema. Aber im Moment kann ich nicht mehr sagen, als dass im Winter nichts passieren wird.“

Dafür vielleicht am Sonnabend. Geht man nach dem heutigen Training und der Ankündigung Finks vor einigen Tagen, dürfte Marcell Jansen am Sonnabend zunächst rausrotieren. „In Englischen Wochen lasse ich gern den einen oder anderen aussetzen, damit wir immer nur hundertprozentig fitte Spieler auf dem Platz haben“, so Fink am vergangenen Freitag. Heute ließ er im zwölfminütigen Abschlussspiel Jansen in der B-Elf spielen. Für ihn agierte Ilicevic im A-Team. Ebenso wie Kacar, der wieder für den in Mainz wenig überzeugenden Tesche ins A-Team rückte. Morgen gibt’s dazu mehr.

In diesem Sinne, bis morgen.

Scholle (18.30 Uhr)

Kurz notiert:

Jacopo Sala und Romeo Castelen stiegen heute wieder ins Mannschaftstraining ein. Bei Erstgenanntem könnte es im Winter eine Veränderung geben. „Wir werden im Trainingslager sprechen und schauen, ob es Sinn macht, ihn zu verleihen. Er braucht Spielpraxis“, so Arnesen, der Gleiches auch bei Muhamed Besic sieht: „Es wäre vielleicht für alle gut, ihn zu verleihen, damit er spielt.“