Tagesarchiv für den 10. Dezember 2011

Nullnummer – die Fink-Serie hält

10. Dezember 2011

Die Serie hält, auch im siebten Bundesliga-Spiel hat HSV-Trainer Thorsten Fink keine Niederlage kassiert. Bravo! Bei den wieder erstarkten Mainzern, die zuletzt daheim immerhin drei Tore gegen den FC Bayern erzielt haben – und 3:2 gewannen -, holte der HSV einen Auswärtspunkt, es gab ein 0:0. Ob verdient oder unverdient, das sei einmal dahin gestellt, sicherlich hatten die Hausherren mehr Tormöglichkeiten, auch die besseren Chancen, aber sie machten die Tore einfach nicht. Wie auch der HSV auf der Gegenseite, denn gegen Ende des Spiels lag auch mehrfach ein Hamburger Treffer in der Luft. So gesehen ist eine Punktteilung vielleicht ganz gerecht. Der Dank der Hamburger muss aber an den ehemaligen HSV-Stürmer Choupo-Moting gehen, der in der 75. Minute das 1:0 hätte machen können, sogar müssen, aber er zeigte sich gnädig mit seinem früheren Arbeitgeber, „Choupo“ ließ eine fast „Hundertprozentige“ liegen.

Der HSV hatte lange Zeit alles im Griff. 30 Minuten war es ein typisches 0:0-Spiel, denn vor den Toren tat sich kaum etwas Brauchbares. Und dann leistete sich der HSV einige Fehler, die in ein Lehrbuch gehören. Kategorie: Wie baue ich einen ratlosen Gegner auf? Indem man den Gegner mit haarsträubenden Unzulänglichkeiten einlädt, auf das Tor zu schießen. Zum Glück nutzten die Mainzer die Aussetzer von Heiko Westermann, Jeffrey Bruma, dann einmal Dennis Aogo, Marcell Jansen und Tomas Rincon auf einmal, später noch der nur zusehende Dennis Diekmeier, nicht. Sonst hätte es zur Pause leicht 2:0 oder 3:0 stehen. Natürlich, der HSV hatte auch Möglichkeiten – zwei. Beide hatte Marcell Jansen auf seinem linken Fuß, aber beide Male vergab er – ich meine, leichtfertig. Als er in der 16. Minute allein auf das 05-Tor zulief, nahm er leider nicht den direkten Weg, sondern lief mit dem Ball ein wenig zu weit nach links. Heraus kam ein harmloser Schuss, den Keeper Wetklo mühelos hielt. Später schoss Jansen aus der Entfernung, als er ruhig noch einige Schritte hätte gehen (oder besser: laufen) können. Wieder hielt Wetklo, machte eine Schau aus der Parade und lenkte die Kugel zur Ecke. Hätte er vielleicht fangen können.

Ansonsten viel Mittelfeldgeplänkel. Aufregung herrschte eigentlich nur am Rande, wenn es Entscheidungen gegen Mainz 05 gab. Dann war der Herr Tuchel, der Trainer des Karnevalvereins, immer total aufgebracht. Der impulsive Coach trat dann immer beim vierten Mann, Mike Pickel, auf die Matte und machte Theater. Tuchel wird es nie lernen – ich gebe zu, er ist für mich ein rotes Tuch. Ich mag Mainz 05 als Verein, mit seinen Fans, vor allen Dingen mit seinem Präsidenten Harald Strutz, aber Tuchel? Nee, muss ich nicht haben. Zum Glück ließ sich der jungen Schiedsrichter Robert Hartmann (32, SV Krugzell) nicht von diesem Aufstand an der Seitenlinie anstecken. Zum Glück. Mein jüngster Sohn befand sogar: „Der Unparteiische mit es gut mit dem HSV . . .“ Meine Antwort: „Würde ich als Schiedsrichter nicht anders machen, wenn ich wüsste, welcher Trainer da draußen am Rande die Hauptrolle spielen will . . .“ Einmal, nur einmal möchte ich es erleben, dass Tuchel mal ein Bundesliga-Spiel pfeift. Einmal nur. Leider, leider, ich weiß es ja, leider werde ich es nie erleben. Wie schade.

Zurück zum Wesentlichen, zum Fußball. Der HSV tat sich oft sehr schwer im Spielaufbau, versuchte es meiner Meinung nach zu oft (und zu oft erfolglos) mit „langen Dingern“. Ganz selten klappte der Aufbau einmal, indem die Kugel von Mann zu Mann gespielt wurde. Natürlich war Mainz enorm aggressiv, stand eng an den Männern, aber ein bisschen mehr hätte es schon sein dürfen. Gefährlich – oder gefährlicher – wurde es immer dann, wenn Paolo Guerrero mit ins Spiel einbezogen wurde, denn der Peruaner machte viele gute Sachen. Er ist einfach zurzeit in erstklassiger Verfassung, das unterstrich er auch diesmal. Sein Hintermann Ivo Ilicevic hielt sich dagegen merklich zurück. Er ist, das ist ja logisch, noch immer nicht bei 100 Prozent, kann er ja auch gar nicht sein, aber er tauchte mir überall und nirgends auf. In der meisten Zeit aber lief das Spiel an ihm vorbei. Er kann sicherlich viel, viel mehr, und das wird er uns auch noch zeigen – hundertprozentig. Auch in Sachen Torabschluss, denn er hatte erst „einen“ auf dem Fuß, verzog aber aus 16 Metern mehr oder weniger kläglich (61.). Und in der 77. Minute hätte er den HSV eigentlich in Führung bringen müssen – daneben. Aus sechs, sieben Metern. Er fasste sich an den Kopf – völlig berechtigt. Trotz allem: Als Töre gegangen war (68.), da taute Ilicevic ein wenig (oder ein wenig mehr) auf, er war für mich der Mann der Schlussphase 15 Minuten. Obwohl da eigentlich seine Kräfte eigentlich schon am Ende gewesen sein müssten – aber auch das gibt es im Fußball. In der 83. Minute aber musste der dann doch raus (Zhi Gin Lam kam).

Die Augen gerieben habe ich mir, wenn ich Gökhan Töre gesehen habe. Was war da denn los? Der Deutsch-Türke spielte den Ball oftmals direkt, oft auch sehr schnell ab – keine langen Dribblings. Schade. Sehr schade sogar, wenn ihm da der Zahn gezogen sein sollte. Solche Dribblings kann kaum noch einer, wagt auch kaum noch einer, erst recht nicht beim HSV, aber wenn Töre nun diese Stärke nicht mehr ins Spiel bringen darf, dann ist dieses HSV-Spiel um eine Nuance ärmer geworden. Für Töre, der nur bis zur 68. Minute spielen durfte, kam dann, früher als von mir erwartet, Mladen Petric. Und der führte sich mit einem sehr schönen Freistoß auch gleich sehr gut ein. Überhaupt hatte Petric einige sehr gute Szenen, die hoffen lassen . . .

Stark war für mich erneut Tomas Rincon. Mein Freund Peter aus Mühlheim (Ruhr) sagt schon lange bevor es im Fernsehen gesagt worden ist, „Amazonas-Gattuso“ zu Rincon, und das ist er in meinen Augen auch. Rincon der Unermüdliche. Was rennt sich der VW des HSV die Lunge aus dem Hals? Und nebenbei attackiert er alles, was vom Gegner den ball am Fuß hat. Das ist einfach nur großartig. Und ich freue mich für Thorsten Fink, dass er Rincon erstens „ausgegraben“ hat, und das Rincon zweitens mit erstklassigen Leistungen „zurückzahlt“. So muss es sein.

Wenn der zweite „Sechser“, diesmal Robert Tesche, nur halb so viel Temperament entwickeln würde, dann hätte es der HSV wahrscheinlich geschafft, eine gewisse Dominanz im Mittelfeld zu haben, aber Tesche bleibt sich und seiner Linie treu. Oft nur ein Tempo abspulend, nur nicht zu viel Verantwortung übernehmen, möglichst unauffällig von Minute eins bis zur Minute 90 (diesmal aber nur bis zur 68.). Immerhin, und das fand ich gut, hatte Fink diesmal Gojko Kacar draußen gelassen (bis 68.), denn der Serbe war zuletzt weit von Bestform entfernt. Kacar muss im Training, so mein Empfinden, mehr machen, sollte vielleicht auch mal die eine oder andere Sonderschicht einlegen, es wäre nur in seinem Sinne. Jede Ballberührung kann helfen, jeder Lauf natürlich auch – und eventuell sogar noch mehr.

Und wenn es solche Sonderschichten geben sollte, dann bitte ich darum, dass auch Marcell Jansen mitmacht. Der Ex-Gladbacher hat zuletzt zwar einige Tore gemacht (das ist gut so!), aber im Mittelfeld wechseln sich bei ihm doch gute und schlechte Szenen in bunter Reihenfolge ab. Und zu schnell. Manchmal ist es mir auch zu viel Alibi-Fußball. Und es macht mich immer auch, das gebe ich zu, fassungslos, wenn Jansen nach misslungenen Aktionen (auch seiner Mitspieler) immer den Daumen nach oben präsentiert. Was soll das? Daumen hoch, so hat es mir mal ein Trainer gepredigt, immer nur dann, wenn etwas Gelungenes zu loben ist. Ansonsten weiter, weiter, weiter, nicht am erhobenen Daumen ausruhen.

Apropos ausruhen. Die Viererkette hat zuletzt ja überwiegend sehr gute Kritiken bekommen – diesmal nicht. Zwar zeigte sich Dennis Diekmeier gegenüber der Null-Leistung im Nürnberg-Spiel erholt, aber ich denke mal, dass bei ihm erst noch der Knoten platzen muss. Immerhin, der Verteidiger, der einst als „Flanken-Wunder“ gepriesen wurde, hatte in der Offensive endlich einmal wieder die eine oder andere viel versprechende Szene. Wie er allerdings in der 88. Minute einfach mal abschalten konnte, als Choupo-Moting aus spitzem Winkel zum Schuss kam, das war abenteuerlich.

Jeffrey Bruma quälte sich angeschlagen durch die 90 Minuten, machte seine Sache nicht schlecht, aber „Bruder Leichtfuß“ hat eben auch immer ein paar Szenen, die darauf schließen lassen, dass er nicht immer hundertprozentig konzentriert bei der Sache ist, dass er einige Dinge vielleicht auf die leichte Schulter nimmt. Aber das wird noch, da bin ich mir sicher, der Niederländer hat alle Anlangen, um ein Klasse-Mann zu werden – 90 Minuten lang.

Gleiches trifft auf Heiko Westermann zu. Viele Dinge hat er ausgesprochen gut gemacht, vorne und hinten gewesen, alles gegeben für die Mannschaft – aber wer viel macht, der macht eben auch Fehler. Und davon gab es diesmal wieder einige – einige zu viel, wenn er mich fragen sollte.

Dennis Aogo ließ über seine Seite nicht viel zu, das sei ihm attestiert, aber ich bleibe dabei: Der Nationalspieler muss mehr machen, sich besser einbringen, sich auch in ein Spiel „reinbeißen“ wollen. Aogo macht zu viele Sachen einfach nur mal eben so mit „links“, wo klare und entschlossene Aktionen angebrachter wären. Aber auch das wird ihm sicherlich Thorsten Fink viel besser erklären können.

Zum Schluss ein erfreulicher Aspekt: Jaroslav Drobny war wieder eine echte Eins, ein sicherer Rückhalt, souverän. Auf ihn kann man sich verlassen, auf ihn verlässt sich der HSV auch immer mehr. Und liegt richtig damit.

Nun noch ein Dreier am nächsten Wochenende gegen Augsburg, und dann ist diese (so miese) Hinrunde so einigermaßen gerettet.

17:32 Uhr