Tagesarchiv für den 7. Dezember 2011

Ilicevic geht in die Offensive – von Beginn an?

7. Dezember 2011

Wie erkläre ich, dass ich unzufrieden mit meiner Situation bin, ohne dem Trainer auf den Schlips zu treten? Schwer. Allerdings machbar. Das bewies heute Ivo Ilicevic. Der Kroate bemühte dafür allerdings auch alle Tricks, viel Lächeln und seinen Charme. „Natürlich ist der Trainer das Maß der Dinge, darüber setze ich mich ganz sicher nicht hinweg“, sagt Ivo, „aber ich kann mit Recht behaupten, endlich auf dem Stand zu sein, den ich brauche, um von Beginn an aufzulaufen.“

Unschuldig wirkende Worte des eher zierlichen Mannes, dessen 63 Kilogramm auf 174 Zentimeter verteilt ebenso harmlos wie trügerisch wirken. Vor allem für die zumeist deutlich kräftigeren Gegenspieler, denen Ilicevic regelmäßig Knoten in die Beine gespielt hat – und wieder spielen will. Und zwar so auffällig, wie damals, wo ihn der FC Bayern verpflichten wollte. Ohne das Veto seines damaligen Arbeitgebers 1. FC Kaiserslautern wäre der 25-Jährige am heutigen Mittwoch wahrscheinlich in der Champions League im Einsatz. So aber ist er – zu unserem Glück – beim HSV gelandet. Vier Millionen Euro hat der HSV für den Kroaten bezahlt, der gegen Mainz nur zu gern anfangen würde, Cent für Cent mit Leistung zurückzuzahlen.

Und das zum ersten Mal von Beginn an für den HSV in der Bundesliga. „Natürlich will ich das“, sagt Ilicevic, der auf seiner Lieblingsposition links im Mittelfeld mit dem derzeit formstarken Marcell Jansen konkurriert. „Allerdings kann ich im Mittelfeld auf allen Positionen spielen.“ Also auch im rechten Mittelfeld? Dort, wo sein bester Kumpel Gökhan Töre (Ilicevic: „Gökhan ist charakterlich ein ganz feiner Kerl, wir sprechen irgendwie eine Sprache“) nach fulminantem Start derzeit seit zwei Wochen ein kleines Formtief durchläuft? „Dort und auch zentral hinter den Spitzen. Die Positionen sind nicht so gravierend anders, weil bei uns die außen auch relativ weit nach innen gezogen spielen.“ Soll heißen: Ilicevic bietet sich auf allen Positionen an, um so seine Startelfchancen zu erhöhen.

Ilicevic, der sich zuletzt stets zurückhaltend äußerte und darauf verwies, noch nicht bei hundert Prozent zu sein, geht in die Offensive. Er sei topfit, bräuchte Spielpraxis – und er fordert offen seine Chance ein. Zumal es am Sonnabend um 15.30 Uhr ausgerechnet zu der Mannschaft geht, gegen die er sein Bundesliga-Debüt feierte: zum FSV Mainz 05. Hinzukommt, dass er da etwas gutzumachen hat. Denn am 12. August 2006 hagelte es für ihn mit dem VfL Bochum eine bittere 2:1-Niederlage am Bruchweg. Ein schlechtes Omen? Mitnichten. Am Sonnabend geht es in die neue Coface-Arena – der Bruchweg ist ebenso Geschichte wie das Reservistensein für Ilicevic. Hofft der Kroate. Nur 70 Kilometer von seinem Heimatort Aschaffenburg entfernt warten seine Eltern sowie seine beiden Brüder und etliche Freunde auf ihn. „Und auch die würden sich natürlich freuen, wenn sie mich von Beginn an sehen könnten“, lacht Ilicevic.

Verdient hätte er es. Das einzige Problem ist, dass es zumindest auf den Außenpositionen beim HSV niemand wirklich verdient hat, ausgewechselt zu werden. Weder Jansen, noch Töre. Womit für Ilicevic immerhin noch die Position von zuletzt Heung Min Son bliebe. Der Südkoreaner wirkte zuletzt glücklos, teilweise überfordert. Was auch für Trainer Thorsten Fink nicht verborgen blieb. Der HSV-Coach hatte zuletzt trotz Formschwäche an seinem 19-jährigen Youngster festgehalten und ihm auch gegen Nürnberg eine Chance gegeben. Allein, Son wusste sie nicht zu nutzen und wirkte überspielt, wenigstens aber überfordert. Anlass genug für Fink, über eine Pause für Son nachzudenken. „Er braucht Zeit, er bekommt von mir Zeit“, so Finks solidarische Worte Richtung Son, der gegen Mainz verstärkt damit rechnen muss, zunächst auf der Bank Platz zu nehmen.

Für Ilicevic. Obwohl: für Ilicevic? Immerhin meldet sich jetzt auch Mladen Petric gesund zurück. Ilicevics Landsmann hatte zuletzt fast fünf Wochen aussetzen müssen und konnte heute wieder voll mittrainieren. „Ich freue mich, dass Mladen wieder fit ist“, sagt Ilicevic über seinen Nationalmannschaftskollegen, der mit ihm um die eine Position im Zweiersturm neben Paolo Guerrero konkurriert. Trotzdem lobt Ilicevic fair: „Mladen ist für die Mannschaft ein ganz wichtiger Spieler. Er verfügt über eine riesige Qualität, die die Mannschaft braucht.“ Dass das nicht unbedingt von Beginn an in Mainz so sein muss – selbstredend…

Mit deutlich weniger zufrieden ist dagegen Slobodan Rajkovic. Der Serbe war nach seiner Drei-Spiele-Sperre zuletzt gegen Nürnberg nicht mal mehr im Kader. „Der Trainer hatte mir gesagt, dass er ungern etwas verändern wolle nach den guten Spielen zuvor“, so der körperliche Gegenpart von Ilicevic. Rund 88 Kilogramm verteilt auf 194 Zentimeter verleihen dem 22-Jährigen eine beeindruckende Erscheinung. Dabei ist Rajkovic selbst ein eher schüchterner, höflicher Typ. Ganz entgegen seinem Rambo-Image, das neben seiner imposanten Erscheinung vielleicht auch einen Teil dazu beigetragen haben könnte, dass er „für nichts und wieder nichts“ (O-Ton Rajkovic) gegen Kaiserslautern mit Rot vom Platz musste – und so seinen Stammplatz an Jeffrey Bruma verlor. Der Niederländer machte seinen Job anschließend so gut, dass er als gesetzt gilt. Zumal er seine Schulterverletzung auskuriert zu haben scheint und am Sonnabend einsetzbar ist. „Ich muss warten“, so Riese Rajkovic kleinlaut, „so ist eben Profi-Fußball.“

Und der wird aus Finks Sicht immer schöner. Nachdem der HSV bis auf Platz elf klettern konnte, kann Fink den kurzfristigen Ausfall von Michael Mancienne mit der Hereinnahme von Rajkokvic schnell und allemal ebenbürtig kompensieren. Im Angriff hat er zudem, wie oben bereits beschrieben, viele verschiedene Variationsmöglichkeiten. Und da nur elf Spieler auf dem Platz stehen dürfen, hat der HSV-Coach im normalen Fall (wenn alle gesund bleiben) ausreichend Möglichkeiten auf der Bank, um den Spiel mit Einwechslungen zu verändern. Er hat wieder echte Alternativen. Oder besser gesagt: noch mehr als zuletzt.

Und das ist gut so. Zumindest vergrößert das die Chance, dass Fink auch weiterhin von der ersten bis zur letzten Minute Profis auf dem Platz hat, die um ihren Stammplatz kämpfen. So, wie es Ilicevic zuletzt eindrucksvoll im Training sowie bei seinen Einwechslungen machte und sich meiner Meinung nach damit eine Chance von Beginn an verdient hat. Auch wenn das bedeutet, dass Mladen Petric damit zunächst nur als Reservist dabei ist.

Wohl denen, die so eine Auswahl haben. Wer hätte das am Saisonanfang gedacht?

In diesem Sinne, bis morgen! Da wird wieder um zehn Uhr an der Imtech-Arena trainiert. Und um die Startelfplätze gekämpft. Klingt irgendwie gut…

Scholle (18.26 Uhr)