Tagesarchiv für den 5. Dezember 2011

“Wir wissen, was wir falsch gemacht haben”

5. Dezember 2011

„Insgesamt als Team können wir uns natürlich ein bisschen verbessern. Wir haben eigentlich nicht das geschafft, was wir uns vorgenommen hatten, nämlich Ballbesitz, den zweiten Ball erobern, geduldig sein – all das haben wir nicht umgesetzt. Aber, da muss man auch aufpassen, wir haben auch kein katastrophales Spiel gemacht. Wir hatten ein paar gute Szene, ein paar sehr gute Szenen, und wir hatten mehr Ballbesitz als der Gegner“, sagt HSV-Trainer Thorsten Fink nach und zum 2:0-Sieg über den 1. FC Nürnberg. Generell befand Fink: „Es war ein durchwachsenes Spiel, aber wir haben gewonnen. Wenn es einen Sieg gibt, ist der Trainer natürlich zufrieden, aber wir wissen, dass wir was zu verbessern haben. Aber wir haben Qualität, und wir arbeiten daran, dass es besser wird.“ Obwohl: Platz elf fühlt sich schon ganz sauber an. Auch wenn der Abstand nach unten natürlich nur lächerliche drei Punkte beträgt. Und nun folgt ein gewiss nicht leichtes Auswärtsspiel. Über das Thorsten Fink verrät: „Wir wollen auch bei Mainz 05 gewinnen, deswegen werden wir nun das aufarbeiten, was wir falsch gemacht haben, und dann gucken wir nur nach vorne.“

In Sachen Jeffrey Bruma gab es heute am Nachmittag leichte Entwarnung, der Niederländer hat offenbar keine ganz so schwere Schulterverletzung erlitten, wie zunächst befürchtet (ein Riss). Es handelt sich lediglich um eine Schulterprellung und eine Muskelquetschung, so dass er bald wieder einsteigen kann – und wird. Vielleicht schon am Mittwoch, morgen (Dienstag) ist trainingsfrei. Michael Mancienne aber hat sich wohl eine Zerrung „eingefangen“ und dürfte damit wohl bis zum Ende der Hinrunde ausfallen. Zum Glück aber ist ja Slobodan Rajkovic wieder fit, so dass es (wohl) keine Engpässe auf der Position des Innenverteidigers geben wird.

Thorsten Fink sagte heute, nachdem er eine Nacht über den zweiten Heimsieg geschlafen hat, über das Nürnberg-Spiel: „Es war nicht das, was wir können, es war ein Durchschnitts-Spiel von uns. In dem wir trotz allem unsere individuelle Klasse gezeigt haben. Wir haben Tore geschossen. Und wir haben uns diesen Sieg ja nicht gestohlen. Wir haben den Erfolg verdient, weil wir mehr Qualität hatten, besser im Torabschluss waren – gerade das zweite Tor hat das gezeigt. Das war hervorragend gespielt, und so etwas hatte Nürnberg nicht drauf. Wir stehen zu recht auf Platz elf, aber ich habe auch gesagt, dass noch Luft nach oben ist.“

Stimmt. Der Sieg, ich schrieb es bereits, war sehr, sehr wichtig, aber erreicht ist damit noch nichts. Dennoch muss festgestellt werden, dass die Mannschaft unter Fink einen gewaltigen Sprung nach vorne gemacht hat. Viele Spieler, die vorher abgetaucht waren, haben sich deutlich verbessert. Jaroslav Drobny, Marcell Jansen, Tomas Rincon und Paolo Guerrero sind da in erster Linie zu nennen. Diesbezüglich hat Thorsten Fink schon ganze Arbeit geleistet. Trotz allem, und das ist keine Kritik am Trainer, war ich leicht enttäuscht von der Vorstellung im Nürnberg-Spiel. Ich hatte nämlich erwartet, dass die HSV-Spieler von der ersten Minute an brennen. Genau so, wie sie es in den bisherigen Begegnungen unter Fink getan hatten. Da wollten die Profis, das liefen, rannte, kämpften sie. Ganz deutlich war zu sehen, das Thorsten Fink bei allen etwas geweckt hatte, was schon lange, lange nicht mehr vorhanden gewesen ist. Diesen Biss, dieses Brennen, so richtig heiß sein auf den Sieg – das habe ich gegen den Club vermisst. Und ich hoffe, dass der Coach das wieder im Hinblick auf das Mainz-Spiel wieder wecken wird. Dass er es kann, ist keine Frage, aber er muss eben auch Gehör finden. Und Spieler, die diese Vorgabe umsetzen wollen.

„Wenn mir vor sechs Wochen gesagt worden wäre, dass wir heute auf Platz elf stehen würden, dann hätte ich gesagt: jawoll. Dann hat die Mannschaft gut gearbeitet, genau das nehmen wir an. Aber wir wollen nie zufrieden sein. Natürlich können wir mit dem, was wir bislang erreicht haben, zufrieden sein, aber ich will eine innere Zufriedenheit und dennoch sehen, das wir weiterkommen wollen. Ich habe gesehen, was die Mannschaft leisten kann, und da kann man schon den Anspruch haben, dass wir noch weiter klettern können. Dieser Sieg sollte uns Selbstvertrauen geben, aber dennoch sage ich, dass wir aufpassen müssen. Wir sind noch nicht im gesicherten Mittelfeld. Wir haben eine Punktzahl, mit der wir auf Kurs sind, mehr aber nicht.“

Wenn Hannover, das 1:1, das bislang beste Spiel unter der Regie von Fink gewesen ist, war dann Nürnberg das bislang schlechteste? Fink sagt: „Nein, wenn es das gewesen wäre, hätten wir nicht gewonnen. Gegen Leverkusen war eine Halbzeit noch schlechter . . . Ich weigere mich, das schlechteste zu benennen. Das hört sich zu negativ an. Wir haben ein durchschnittliches Spiel gewonnen, das ist ja auch eine Qualität. Andere Mannschaften sehen das ja auch. Die wissen doch, dass der HSV auch mal nicht so gut spielt, dennoch aber brandgefährlich ist und trotz allem gewinnen kann, dass der HSV durch eine Situation ein Spiel entscheiden kann. Das ist ja das Positive an diesem Spiel.“

Ein negativer Punkt ist Heung Min Son gewesen – geworden. Es ist mir rätselhaft, wie ein Spieler so gut trainieren kann, und dann im Spiel nichts davon umsetzt. Okay, das schrieb ich gestern bereits, der Junge ist 19 Jahre jung, da gibt es solche Schwankungen. Und wenn dann, nach den ersten zwei, drei misslungenen Aktionen, die Zuschauer murren und zu pfeifen beginnen, dann rutscht das Herz in die Hose – und es geht eben nichts mehr. Thorsten Fink aber stellt sich vor den Südkoreaner: „Wir dürfen den Jungen nicht verheizen. Er wurde zu Beginn so hochgejubelt, aber er ist erst 19 Jahre alt. Da gibt es Rückschläge, das ist völlig normal. Aber er ist ein großes Talent, wir werden Son langsam aufbauen. Wenn er nun von allen Seiten schlecht gemacht wird, dann tut das weh. Er hat noch nicht die Leistung gebracht, das ist richtig, aber er hat gefightet, und er hat Qualität, er hat es doch schon bewiesen. Wenn er weiter an sich arbeitet, werden wir noch viel Freude an ihm haben.“

Thorsten Fink will mehr mit Son reden, ihn stark reden, und ihm so den Druck und die Angst nehmen: „Wenn er dann mal wieder trifft, dann ist bestimmt auch sein Selbstvertrauen wieder da.“ Zudem will Fink eventuell auch ein Sondertraining mit Heung Min Son durchführen – und das wiederum halte ich für ein ausgezeichnetes Mittel, um einen jungen Mann wieder in die Spur zu bringen. Der Coach abschließend: „Er ist schnell, er kann dribbeln, er ist gut im Abschluss, er hat es in den Spielen schon gezeigt, wie gut er ist – ich lasse ihm Zeit.“

Gleiches gilt auch für Gökhan Töre. Das Juwel des HSV. Gegen Nürnberg glänzte der Türke nicht wie sonst, aber er ist ebenfalls erst 19 Jahre alt, unterliegt also auch gewissen Schwankungen. Fink: „Mit ihm haben wir ein spielerisches Juwel in der Mannschaft, der braucht aber, so denke ich, einen der ihn fördert und fordert. Wenn er gelegentlich das, was ich von ihm verlange, nicht macht, dann muss er von mir auch mal einen Rüffel kriegen. Dass er Qualitäten hat, das weiß ich auch, wir sind froh, dass er bei uns ist – im richtigen Augenblick werde ich ihn dann auch wieder fördern.“

Ein anderes Thema: Am Sonnabend hatte ich berichtet, dass der HSV ein Abschlusstraining über 90 Minuten absolviert hatte. Ich sprach Thorsten Fink darauf explizit an, und der Trainer antwortete: „Wir haben nicht 90 Minuten trainiert, sondern nur 70. Wir trainieren am Tag vor dem Spiel immer weniger, da ist es nicht so intensiv.“ Ich hatte auf die Uhr gesehen, für mich waren es 90 Minuten. Fink: „Wir machen schon einige Pausen im Training. Und ob das eine Philosophie von mir ist? Ich habe das so aus meiner aktiven Zeit mitgenommen.“

Um das gleich zu betonen: Auch das ist nicht 0,5 Prozent Kritik an Fink. Im Gegenteil, ich freue mich über jeden Trainer, der seine Mannen im Training auch richtig fordert. Meiner Meinung nach ist das in den letzten Jahren beim HSV nicht geschehen, es ist mir zu wenig trainiert worden – deswegen würde ich mich schon wie ein Schneekönig (passend zum Tag) freuen, wenn Thorsten Fink im Pensum ein wenig „anziehen“ würde – er hat es meiner Meinung nach ja auch schon getan. Wenn man dann nämlich 90 Minuten brennen will und brennen muss, dann kann man das auch . . .

Fink fand heute auch noch lobende Sätze für einen der HSV-Aufsteiger des Jahres, Tomas Rincon. Abschließend befand der Trainer: „Auf seiner Position sind wir sehr gut besetzt, da mache ich mir keinerlei Gedanken, noch einen neuen Spieler zu holen.“ Meine Frage daraufhin: „Auf anderen Positionen?“ Fink: „Diese Frage habe ich in den letzten drei Wochen immer wieder beantwortet: Wir sind noch nicht in der Winterpause, wir haben noch drei Spiele, danach werden wir dann reden können, ob wir noch etwas brauchen oder nicht. In diesen drei Spielen, die noch kommen, werden wir sehen, ob wir noch etwas machen müssen – oder nicht.“ Fink ergänzend: „Wenn wir eine Spieler holen, dann gezielt, nicht weil wir Masse haben wollen. Eine Mannschaft kann ja auch miteinander wachsen, kann dann um Titel mitspielen. Den einen oder anderen Spieler kaufen und wachsen, das hat Dortmund wunderbar vorgemacht. Dazu braucht man gute Scouts, dazu muss man gut schauen – und ich glaube, dass wir da auf einem guten Weg sind.“

Klingt gut. Klingt sehr gut sogar.

Zum Schluss noch einmal einen Beitrag aus „Matz ab“. Weil ja nicht jeder von den User diese Beiträge auch liest.

„W.A.“ schrieb (mir) zur Töre-Kritik („Leicht enttäuscht war ich auch diesmal von Gökhan Töre.“):

„Der Junge ist 19 Jahre alt, hat ein Angebot aus Russland über ein Gehalt von 2 Millionen EURO pro Jahr und hört das ein Mannschaftskollege nach ein paar Spielen für den HSV bereits 15 Millionen EURO wer ist, nur weil der nicht aus der Türkei kommt sondern für die Niederlande spielt – da bist du mit den Gedanken schon woanders, aber nicht auf dem Spielfeld.“

Ich war, das muss ich gestehen, auf jeden Fall nicht bei einem Türken und einem Niederländer, sondern bei einem HSV-Profi. Das gebe ich zu. Und wer sich noch immer nicht über die 15 Millionen abregen kann, für den habe ich einen ganz kleinen Tipp: Einfach ein Komma setzen; geht auf 1,5 Millionen – und dann darf sich jeder freuen, wer will. Denn es ist ja so: Mache ich die Preise? Nein. Ich kaufe nicht für den HSV ein, ich verkaufe auch keine Spieler – lassen wir uns doch mal überraschen, was es letztlich mit Bruma gibt. Und auch mit Töre. Letzterer ist tatsächlich ein Juwel, aber das (und das ist nachzulesen) schreibe ich nicht erst, seit Thorsten Fink es gesagt hat, sondern schon seit Monaten. Das Internet lügt ja nicht, alles ist nachzulesen und nachzuprüfen. Wer es will – bitteschön.

In diesem Sinne, ich wünsche allen „Matz-abbern“ einen wunderbaren Feierabend und einen guten, erfolgreichen Verlauf in dieser Woche.

17.54 Uhr

PS: Kleine Ergänzung zu meinem letzten Absatz (weil ich auch familien-intern darauf aufmerksam gemacht wurde!): Das sollte nicht so klingen, als sei ich beleidigt, ich wollte auch nicht oberlehrerhaft wirken. Beides habe ich (im Moment) nicht drauf. Zudem denke ich, dass es dazu auch keinen Grund gibt. Alles ist gut (22.44 Uhr).