Tagesarchiv für den 4. Dezember 2011

2:0 – aber keine souveräne Sache

4. Dezember 2011

Aufatmen. Schön war es nicht, gut ist was anderes, aber der HSV hat seinen zweiten Heimsieg dieser Saison eingefahren. Nach 90 Minuten, in denen wahrlich kein ansehnlicher Fußball gespielt wurde, stand ein 2:0-Erfolg zu Buche. Gegner Nürnberg wurde damit abgehängt, aber das Resultat war schmeichelhaft, denn die Franken hatten besonders in der ersten Halbzeit zahlreiche Chancen, von den eigentlich einige hätten zu Toren führen müssen. Es war für Trainer Thorsten Fink das sechste Bundesliga-Spiel in Folge ohne Niederlage, diese Bilanz ist sicher super, aber es darf sich kein einziger Hamburger damit schon in Sicherheit wiegen. Es darf weiter gezittert werden, dieser noch viel zu harmlose HSV ist noch lange nicht über dem Berg. Am kommenden Sonnabend geht es nach Mainz, da wird sich zeigen, wie viel Selbstvertrauen dieser Dreier gegeben hat. An diesem Tag darf sich jeder HSV-Fan über den Erfolg freuen, er sollte aber auch bedenken, dass es noch viel, viel Sand im Getriebe der Fink-Truppe zu sehen gab. Der Coach hat noch Schwerstarbeit zu verrichten, um diesen angeschlagenen Patienten wieder auf die Beine zu stellen. Immerhin, und das war positiv: Die Stimmung während des Spiels war gut, die Stimmung nach dem Sieg war hervorragend. Gefeiert werden kann in Hamburg also immer noch bestens. Das sollte Mut machen.

Viele Lücken in der Arena. Ist der HSV nicht mehr so richtig in? Macht sich der Tabellenstand doch allmählich bemerkbar? Nur 45 473 Zuschauer – neuer Minusrekord in der Saison. Ich war erschrocken, als ich das sah. Gebe ich zu. Immerhin gab es diesbezüglich eine erfreuliche Nachricht: „Dittsche“ war da. Für mich ein kleines Wunder. Am Sonnabend kurz vor Mitternacht noch auf der Piste von Ischgl (Außenwette bei Wetten dass . . `?), um dann am Sonntag um 15.30 Uhr auf seinem Stammplatz zu sitzen. Hervorragend. „Es gibt ja Flugzeuge . . .“, hat er mir gesagt. Logisch. Aber bei Gottschalks Abschiedssendung hatte ich ihn dort feiernd erwartet. Aber Olli Dittrich sagte dazu lediglich: „Nur der HSV.“ Klasse. Das ist Einsatz. Und das vor seiner abendlichen „Dittsche“-Sendung!

Diesen Einsatz vermisste ich diesmal übrigens vom HSV. Das war zeitweise wie Sommerfußball, keine Spur mehr vom Leben, von Begeisterung, von Spaß und von Lust an der Sache. Der HSV begann so, als hätten die Spieler vorher Schlaftabletten genommen. In den ersten Spielen unter Thorsten Fink brannte jeder, rannte jeder, kämpften alle. Und diesmal? Standfußball – teilweise jedenfalls. Von brennen keine Spur. Ein mentales Problem? Es kommt ja „nur“ Nürnberg. Vorher, auf dem Weg vom Parkplatz zum Stadion, traf ich so viele Fans, die vor Optimismus platzten: „3:0 hauen wir die weg.“ Oder: „Ganz klar, 4:0 für den HSV. Das wird eine eindeutige Angelegenheit.“

Denkste. Die „Clubberer“, längst keine Übermannschaft, hatte Chance um Chance. Die Franken hätten führen müssen, eindeutig – der HSV fand kein Mittel, um die schnellen Stürmer des Clubs zu stoppen. Es war nur Jaroslav Drobny und dem Glück zu verdanken, dass bis zum Pausenpfiff die Null hinten stand. Nur Glück und nur Drobny. Was war das denn? Ein Rückfall in alte Zeiten. Erschütternd für mich die Rückwärtsbewegung der HSV-Mannschaft. Die meisten Spieler, ich nehme mal Tomas Rincon aus, trottelten in aller Seelenruhe zurück, wenn vorne der Ball verloren gegangen war. Unfassbar. Das sah wie bei einem Freundschafts-Kick gegen die B-Vertretung der Glasgow Rangers aus.

Eine Tormöglichkeit hatte der HSV, als Dennis Diekmeier den Ball in den Nürnberger Fünfmeterraum gepasst hatte, und Paolo Guerrero den Pfosten traf (11.). Ansonsten herrschte Harmlosigkeit vor. Ein Ausfall für mich: Heung Min Son. Der Südkoreaner machte fast alles falsch, fand nie eine Bindung zu den Nebenleuten, wirkte total verunsichert. Dabei hatte der Stürmer so gut trainiert. Es ist mir ein absolutes Rätsel, warum er im Spiel dann nicht „zu Potte“ kommt? Wie ein Jugendspieler stolperte Son über den Rasen, ohne körperlich auch nur einmal dagegen zu halten. Für mich spielte der HSV nur zu zehnt.

Dabei will ich diese Leistung gar nicht an Son allein festmachen. Wenn ich so auf Gojko Kacar geblickt habe – oh, oh. Erschreckend auch bei ihm die Rückwärtsbewegung. Und auch wenn er im direkten Duell mit seinem Gegenspieler war, fiel mir seine Langsamkeit auf. Dabei spielt der Serbe doch seit langer Zeit, er müsste also voll im Saft stehen – aber das ist leider nicht so. Zudem denke ich, dass er als Sechser oftmals zu offensiv ist. Kacar hat seine Stärken im Abräumen, und immer dann, wenn es Standards gibt – weil er kopfballstark ist. Steht er zu weit vorne, muss er oftmals der Musik hinterherlaufen. Das war gar nichts.

Leicht enttäuscht war ich auch diesmal von Gökhan Töre. Der hatte, ich schrieb es schon, nicht besonders gut trainiert zuletzt. So spielte er auch. Larifari. So, als ginge es ihm gar nicht so richtig etwas an, was da neben ihm passierte. Sind die vielen guten Kritiken, die er zuletzt immer wieder von allen Seiten erhielt, schuld daran? Oder ist es, wie bei Son, doch die Jugend und die Unerfahrenheit? Natürlich können solche jungen Leute nicht immer nur 100 Prozent bringen, selbstverständlich fallen sie auch mal in ein kleines oder auch tieferes Loch, aber eines sollten sie dann immer können: kämpfen.

Zum Glück hatte der HSV solche Kämpfer an Bord. Ganz vorne ist da Guerrero zu nennen. Der Alleinunterhalter. Gott sei Dank hatte der HSV ihn. Der Peruaner allein beschäftigte die Nürnberger Abwehr, sonst hätten die Franken alle vorne herumturnen können, die der Harmlosigkeit der anderen Hamburger.

Nicht von ungefähr schoss Guerrero auch das 1:0. Ein langer Abschlag von Drobny, Guerrero rang Simons nieder, es war sicherlich ein wenig grenzwertig, dieses Duell, aber der HSVer setzte sich durch und erzielte mit einem klugen Heber über Torwart Schäfer die Hamburger Führung (23.). Ein glücklicher Treffer. Und einer, der am Rande für Aufregung sorgte. Club-Trainer Dieter Hecking war außer sich, er gestikulierte wie wild, war erst gar nicht einzufangen. Schiedsrichter Thorsten Kinhöfer (Herne) war sich aber seiner Sache sicher: Tor. Glück für Hamburg.

Besser wurde das HSV-Spiel aber nicht. Nürnbergs Pekart köpfte, nachdem Esswein zuvor Dennis Diekmeier mit einem Lied auf den Lippen vorgeführt hatte, an die Torlatte des HSV (37.). Noch einmal Glück. Und Pekart köpfte auch noch einmal an den HSV-Pfosten, das war in der 58. Minute. Glück? Oder war es nur Nürnberger Pech? Egal. Es hieß weiter 1:0.

Allerdings nicht mehr ganz so lange. Erst kam Ivo Ilicevic endlich, endlich für den völlig überforderten und oftmals ausrutschenden Son (60.), und 120 Sekunden später stand es 2:0. Ilicevic spielte mit Töre, der umkurvte in seiner glänzenden Art einen Nürnberger und bediente Marcell Jansen, der hart und souverän mit einem Schuss aus zehn Metern in die lange Ecke vollendete. Ein schönes Tor. Das aber dem Spielgeschehen nicht ganz entsprach, doch wer fragt da morgen noch nach?

Nach dieser beruhigenden 2:0-Führung wurde das Spiel des HSV insgesamt etwas souveräner und besser.

Zur Einzelkritik:

Drobny wieder ein sicherer Rückhalt. Er hält auch nicht nur gut, er hat auch die Fähigkeit, einige Bälle, die drin sein könnten, um sein Tor zu „sehen“. Diekmeier würde von mir mit Wohlwollen die Schulnote vier bekommen, gerade eben noch. Er hatte mit Esswein große Probleme. Jeffrey Bruma, der zur Pause mit einer Schulterverletzung raus musste, spielte einen soliden Part, wenn er auch gelegentlich zu weit aus dem Zentrum gegangen ist.

Bester Feldspieler war für mich der Kapitän. Heiko Westermann hielt die Abwehr zusammen, bügelte viele Fehler aus und stopfte etliche Lücken. Ganz starker Auftritt von ihm. Links neben Westermann spielte Dennis Aogo, ich finde ja, für einen Nationalspieler ein wenig zu unauffällig. Aogo spielte eigentlich grundsolide, aber er müsste meiner Ansicht nach mehr die Initiative ergreifen. Er kann es doch.

Was allerdings gut ist, das ist die Abstimmung zwischen ihm und Marcell Jansen. Geht der eine in die Offensive, sicher der andere ab. Klappte gut. Wobei auch Jansen ganz okay war, dennoch noch etliche Meter von seiner Bestform entfernt ist. Auch bei ihm trifft es zu: Mehr Initiative ergreifen, mehr Verantwortung übernehmen.

Über Kacar ist schon alles gesagt, er steigerte sich im zweiten Durchgang leicht. Nebenmann Rincon ackerte wieder einmal vorbildlich, so ist er aus dieser Elf nicht mehr wegzudenken. Das war gut.

Gökhan Töre legte im zweiten Durchgang erheblich zu, kam so seiner Normalform schon wieder recht nahe. Son war ein Ausfall, Guerrero hat seine zurzeit tolle Form eindrucksvoll bestätigt. Er ist wieder da. Dass der eingewechselte Michael Mancienne in der 66. Minute verletzt ausgewechselt werden musste (für ihn kam Robert Tesche), das war Pech, bis dahin hatte der Innenverteidiger eine Leistung gezeigt, die okay war. Den ebenfalls eingewechselten Ilicevic möchte ich bitte, lieber Herr Fink, in Mainz von Beginn an sehen. Auch wenn der ehemalige Lauterer noch immer nicht bei 100 Prozent sein sollte. Aber Son ist, leider, leider, in der jetzigen Verfassung nicht mal bei 50.

Abschließend sei gesagt: Der HSV gewann nicht 3:0, auch nicht 4:0, sondern 2:0. Ein ganz wichtiger Erfolg. Ein unheimlich wichtiger sogar. Der aber nicht darüber hinwegtäuschen kann, dass diese Saison noch haarig wird. Der Abstiegskampf bleibt ein Thema, ich glaube sogar, er wird es noch einige Monate bleiben. Da müssen, da sollten wir alle Realisten sein. Und zusammenstehen. Auch wenn es nun schon diese großen Lücken auf den Tribünen gab. Der Hamburger Erfolgsweg in Sachen Zuschauern scheint ebenfalls auf dem Prüfstand zu stehen.

17.31 Uhr