Tagesarchiv für den 3. Dezember 2011

Stürmisches Wochenende im Volkspark

3. Dezember 2011

Stürmisch war es heute am späten Nachmittag im Volkspark. Und stürmisch soll es auch am Sonntag werden, nur einige Meter neben dem Trainingsplatz. In der Arena sollen Tore geschossen werden, HSV-Tore natürlich. Dafür wurde heute eifrig trainiert, und es wurde aus allen Rohren gefeuert, richtig schön und nach Herzenslust geballert. Nürnberg wird sich wohl – geht man nach diesen Trainingseindrücken – warm anziehen müssen. Die schönsten Treffer schoss übrigens an diesem Nachmittag (für mich) Paolo Guerrero. Der Peruaner unterstrich damit einmal mehr seine zurzeit glänzende Form. Ungewöhnlich für mich, weil ich zwei Monate kein HSV-Training mehr gesehen hatte: Im Gegensatz zu den vergangenen Jahren, als das Abschlusstraining fast immer nur aus einem Abschlussspielchen bestand, gab es heute eine richtige Einheit – wie immer. Thorsten Fink scheuchte seine Jungs so, als wäre heute Dienstag, Mittwoch oder Donnerstag, als stünde morgen kein Bundesliga-Spiel auf dem Programmplan. Eineinhalb Stunden wurde diese Einheit munter und hart durchgezogen – und bei mir kam und kommt Freude auf. Das ist Profi-Fußball.

Es begann mit einem munteren Handballspiel, bei dem der Abschluss nur Kopfballtore bringen durfte. Es wurde anschließend gepasst, nach dem Abspiel mussten die Spieler Slalomstangen umkurven und Hürden überspringen. Es folgten drei Stationen „fünf gegen zwei“, wobei an einer Station acht gegen zwei spielten. Danach standen erneut Geschicklichkeitsläufe auf dem Plan, es folgten die Torschüsse, bevor es das Abschlussspiel gab. Das ließ zwar keinerlei Rückschlüsse auf die morgige Aufstellung zu, aber wie toll es geworden ist. Lasst mich bitte einmal schwärmen: Es ist unheimlich viel Leben in der Bude. Es geht in diesen Spielchen
Munter und auch lautstark zur Sache, es ist herrlich anzusehen. „Gobi“ und „Benno Hafas“, die mir Gesellschaft leisteten, haben mir schon während des Trainings beigepflichtet, sie werden es bezeugen können: Das war einfach nur klasse. Und es bleibt uns allen nur die Hoffnung, dass diese Einstellung, diese Lust und dieser Spaß mit in das Nürnberg-Spiel hinüber gerettet werden kann.

Zur Frage, wer morgen in der Anfangsformation stehen wird, ließ sich Fink – wie erwartet – nicht in die Karten schauen. Bild, Morgenpost und Abendblatt aber waren sich an diesem Nachmittag einig, dass es wohl auf Heung Min Son zulaufen wird. Der Südkoreaner hatte auch einige sehr gute Szene, so, als er sich äußerst geschickt und gekonnt durch die Abwehr schlängelte und dann den Ball quer auf Marcell Jansen legte, sodass der nur noch eindrücken musste. Ein Treffer, der mich sehr an das Niederlande-Spiel in Hamburg erinnerte, als Miroslav Klose die Kugel noch einmal quer auf Mesut Özil legte – ein Traumtor. Wobei ich mich frage, warum Son in dieser Woche so gut trainiert hat, er aber in den Spielen zuvor nicht mal halbwegs diese Klasse gezeigt hat. Im Training schießt (und trifft) er mit links und mit rechts, legt eine Leichtigkeit an den Tag, die er in der Bundesliga in dieser Saison noch nicht so gezeigt hat (nur in der Vorbereitung).

Son ist wohl drin, obwohl ich mir auch vorstellen könnte, dass Ivo Ilicevic eine Chance von Beginn an bekommen könnte. Was durchaus Sinn machen würde – in meinen Augen. Der ehemalige Lauterer sagt ja selbst, dass er noch nicht bei 100 Prozent ist, spricht von etwa 70 Prozent – aber dann soll er diese 70 so lange abrufen, bis das Feuer erloschen ist. Und dann käme Heung Min Son. Auch diese Variante hätte etwas. Ilicevic hat im Abschlussspiel gleich zweimal mit dem Aluminium Bekanntschaft gemacht. Erst vergab er freistehend vor Jaroslav Drobny eine „Hundertprozentige“, um danach aus Wut mit voller Wucht gegen den Pfosten zu treten – sein Fuß, der Stiefel und der Pfosten blieben aber – Gott sei Dank – heil. Minuten später „ballerte“ Ilicevic einen Ball vehement unter die Torlatte, dieser Treffer hätte eine Prämie verdient gehabt.

Über einen anderen Spieler habe ich mir am Rande heute einmal einige Gedanken gemacht: Per Ciljan Skjelbred. Er hatte heute einige gute Szenen, schoss auch beherzt auf und in das Tor, sorgte so für das eine oder andere Ausrufezeichen. Insgesamt habe ich so mir gedacht, dass sich der Norweger noch immer nicht an das Bundesliga.-Tempo gewöhnt hat. Er bringt alles mit, aber oftmals erscheint es mir so, als würde er sich nach gelungenen Aktionen zu lange darauf ausruhen. Und unwillkürlich dachte ich an Thomas Doll. Der verriet mir einst ein, nein, sein Geheimnis. Er war ja ein Dribbler vor dem Herrn, aber in der Anfangszeit (im Herrenfußball) blieb er zu oft an den Gegenspielern hängen. Dann nahm ihn der große DDR-Fußballer Andreas Thom beiseite und gab ihm folgenden Tipp: „Nach dem gelungenen Dribbling nicht einschlafen und nicht ausruhen, denn dann kommt noch das lange Bein des eben gerade ausgespielten Abwehrmannes, nach einem gelungenen Dribbling erst recht Gas geben, damit es kein langes Bein mehr geben kann.“ Sollte Skjelbred mal beherzigen. Oder es müsste ihm mal einer sagen. . .

Ein Dribbler vor dem Herrn ist ja auch Gökhan Töre, ich muss zugeben, schon lange ein (geheimer) Liebling von mir. Der junge Kerl ist einfach nur super, ich hoffe, dass ihn der HSV schon beizeiten langfristig und noch längerfristig binden wird. Töre trat in diesem Training, auch in der Woche im Training, nicht so sehr in Erscheinung, aber ich denke, dass er gegen Nürnberg wieder sein ganz großes Können zeigen wird. Vielleicht hat er sich ja für diese 90 Minuten ein wenig geschont . . .

Überrascht bin ich ja nach wie vor von Tomas Rincon. Sowohl im Training als auch im Spiel. Erst einmal finde ich es klasse, dass Thorsten Fink voll auf den Südamerikaner setzt, und der dankt es ihm ja auch mit Spitzen-Leistungen. Was mich bei all dem Hype im Rincon verblüfft: Oftmals holt er sich ja den Ball fast vom letzten Mann ab. Und dann baut er das Spiel auf. Eine Sache, die nicht nie für möglich gehalten hätte. Achtet einmal drauf. Sehr oft hat Rincon hinten den Ball, ist praktisch dazu „verdammt“, die Kugel sinnvoll nach vorne zu spielen. Früher war Rincon für mich nur ein Terrier, der den gegnerischen „Spielmacher“ bewachen und attackieren kann. Das hat er oft gemacht – und auch gekonnt. Dass er nun auch die Pille mit einem Plan nach vorne spielen soll und es auch tut, das hatte ich nie als eine Möglichkeit für den HSV angesehen. Aber man lernt eben nie aus.

Übrigens: Als die Mannschaft heute schon etwas kurz vor vier Uhr den Rasen betrat, da ging Mladen Petric gerade in Richtung Kabine. Ich dachte schon, dass er sich erneut verletzt hätte, aber der Kroate gab Entwarnung: „Alles ist gut, ich habe mich nicht verletzt, ich habe jetzt nur eine Stunde volle Pulle trainiert. Und es ging gut.“ Super Nachricht. Nicht zum Spiel gegen Nürnberg, aber für das Mainz-Spiel eine Woche später. Und was Petric, der in meinen Augen schon immer ein Mann der Fans gewesen ist, heute auf dem Weg in die Kabine gemacht hat, das wollte „Benno Hafas“ eigentlich schreiben, macht er wohl auch, hat er vielleicht schon gemacht. Ich mache es aber auch. Motto: „Ja ist denn heut’ schon Weihnachten?“ Was war geschehen: Da stand eine vierköpfige „Matz-ab“-Familie aus Frankfurt und bat um ein Autogramm. Die wackeren HSV-Fans aus Hessen hatten dort schon seit um 11 Uhr ausgeharrt. Mladen Petric schenkte dem Mädchen (oder dem jungen Fräulein) eine HSV-Tüte und stand noch für Fotos parat. Super. Und in der Tüte war ein Original-Trikot von ihm. Großartig. Das Mädchen hat vor Freude geweint, was auf dem Foto zu sehen war. Ja, so geht es auch. Danke, Mladen!

So, weil es gerade so schön ist, von gelungen Aktionen zu schreiben. Es gab heute noch eine. Am Nachmittag stand plötzlich der frühere HSV-Torwarttrainer Claus Reitmaier vor und an der Arena. Der inzwischen schon 47-jährige Keeper hütet ja nun beim Oberliga-Verein Halstenbek-Rellingen das Tor, hatte sich heute beim Spiel gegen den SV Rugenbergen (3:2 für HR) am Kopf verletzt und musste ausgewechselt werden. Reitmaier erinnerte sich an seine HSV-Zeit, fuhr mit seiner Kopfplatzwunde nicht in die Klinik, sondern in den Volkspark und ließ sich dort den Riss kleben (es wurde nicht genäht!). Toll, dass es auch so etwas gibt.

Ganz kurz noch zu einem Zwischenruf eines altverdienten “Matz-abbers”: “Dieter, hast du am Feitag nicht vergessen, bei der Ablösesumme für Jeffrey Bruma ein Komma zu setzen?” Kann sein. Ich hätte auch 15,0 Millionen schreiben können, wollte mir die Null aber ersparen. Nein, im Ernst, die 15 Millionen sind schon so gemeint. Kein Mensch wird denken, dass ein niederländischer Nationalspieler für nur und lächerliche 1,5 Millionen Euro zu haben sein wird. Und da Frank Arnesen im Sommer versucht hat, Bruma ganz vom FC Chelsea loszueisen, wird der HSV diese Summe (15 Mill.) schon ruhigen Gewissens nennen können. Um diese 15 wird es sich einpendeln, wir werden es eines Tages sicher miterleben – vielleicht nur bei einem anderen Klub. Weil, wie geschrieben, der HSV niemals diese 15 Millionen hätte.

So, das war es für den späten Nachmittag, ich wünsche Euch allen einen wunderbaren Abend im Kreise Eurer Lieben – und morgen einen – trotz des Wetters – erfreulichen und sportlichen erfolgreichen HSV-Sonntag.

19.27 Uhr