Tagesarchiv für den 2. Dezember 2011

Son oder nicht Son, das ist hier die Frage

2. Dezember 2011

Thorsten Fink ist ein Trainer, der sich nicht gerne in die Karten schauen lassen will. „Ein paar Geheimnisse möchte ich mir noch bis kurz vor dem Spiel aufbewahren“, sagt er, wenn es um Aufstellungen und Taktik geht. Heute, am Freitag, hat er bei den Trainings-Kiebitzen für ein wenig Verwirrung gesorgt, denn als zum Abschluss elf gegen elf spielten, da hatte sich Nachwuchsmann Kevin Ingreso, den ich gestern noch gelobt hatte, das Hemdchen der Stammformation übergestreift. Ingreso? Wieso Ingreso? Heung Min Son, der dort eigentlich erwartet wurde, der spielte in der Reservisten-Truppe. Und zwar durch. Mitte des Spiels wurde dennoch einmal gewechselt: Für Ingreso kam Robert Tesche. Und der köpfte prompt ein Tor gegen Tom Mickel. Ein Treffer, der den Mittelfeldspieler näher an oder sogar ganz in die sonntägliche Anfangsformation gebracht hat? Fink ließ sich, wie eingangs erwähnt, nicht in die Karten schauen. Er sprach etwas vom „Probieren“. Könnte bedeuten, dass der HSV am Sonntag nur mit einem „richtigen“ Angreifer spielen wird, nämlich Paolo Guerrero, der wirklich gut in Form ist.

Generell muss ich zum Finkschen Training einmal ergänzen (zu Donnerstag): Die Stimmung in der Truppe ist gut, sie ist in meinen Augen viel besser als noch vor zwei oder drei Monaten. Es geht zur Sache, die Spieler sind engagiert bei der Sache – und die Übungen, die gemacht werden, sind abwechslungsreich und gut. Es wird dabei schneller mal gewechselt, das heißt, es gibt nicht nur zwei, drei Übungen, sondern mehrere. Auch das wird dafür sorgen, dass die Spieler mit vollem Engagement bei der Sache sind.

Heute wurden zum Beispiel Spielzüge geübt. Mit Abschluss. Dabei konnte ein Spieelr auffallen, der es in den vergangenen Wochen nicht geschafft hat, jedenfalls nicht am Wochenende: Per Ciljan Skjelbred. Der Norweger sollte nach einer Passfolge frei vor Jaroslav Drobny abschließen, der Tscheche hatte einen harten Schuss erwartet und verkürzte den Winkel – da hob Skjelbred den Ball listig über den Keeper ins Netz. Ein herrlicher Treffer, der von den meisten Kollegen (die HSV-Spieler sind gemeint) mit Begeisterung beklatscht wurde. Wenn das Fernsehen da gewesen wäre, dann hätte dieser Treffer große Chancen auf das „Tor des Monats“ gehabt. Allerdings, das muss hinzugefügt werden, auch Muhamed Besic schoss später noch ein großartiges Tor (gegen Drobny), das wiederum von den Kiebitzen stürmisch und mit Applaus gefeiert wurde.

Zwei Schrecksekunden gab es während des abschließenden Spiels noch zu überstehen, und zwar innerhalb von Sekunden: Erst legte David Jarolim die neue Mittelfeldhoffnung Tomas Rincon „unangespitzt“ in den Rasen, sodass alle Sorge haben mussten, ob der Südamerikaner auch wieder aufstehen würde. Als diese Sorge genommen war (Rincon monierte nur: „Das war doch ein Foul . . .“), da langte nur wenige Meter von diesem Tatort entfernt Jeffrey Bruma zu. Der Niederländer senste ziemlich roh (oder schon brutal?) Ivo Ilicevic um. Ein ganz böses Ding. Für mich ein kleines Wunder, dass Ilicevic aufstand und nur leicht humpelnd das Spiel fortsetzte. Immerhin: In diesem Fall gab es Freistoß.

Wo ich gerade bei Bruma bin: Im Blog wurde gefragt, wie die Vertrags-Situation mit ihm sei. Der niederländische Nationalspieler wurde ja für zwei Jahre vom FC Chelsea ausgeliehen, aber die Engländer haben eine Option. Sie könnten, wenn sie wollten, Bruma im Sommer zurück nach London beordern. Machen sie es nicht, so spielt Bruma noch ein weiteres Jahr für den HSV – mindestens. Der Spieler hat erklärt, dass er sich in Hamburg sehr wohl fühlt, und dass er gerne bleiben würde. Aber in diesem Fall geht es um viel, viel Geld. Für Jeffrey Bruma müsste, sollte ihn der HSV behalten wollen, müssten mindestens 15 Millionen Euro von Deutschland auf die britische Insel fließen – mindestens. Und wir alle wissen, dass der HSV diese Summe im Moment nicht hätte. Wie lange dieser Zustand noch andauern wird, das vermag ich nicht zu sagen, im Moment aber ist die Situation eben so. Und Ende.

Zum Nürnberg-Spiel. „Wir sehnen uns nach dem Sonntag. Weil wir die drei Punkte brauchen, die drei Punkte unbedingt holen wollen. Wir wollen am Sonntag nachlegen, wollen uns weiter nach vorne arbeiten. Wir haben die besser Mannschaft, deswegen wollen wir natürlich gewinnen“, sagt Kapitän Heiko Westermann, der ebenfalls von einem guten Klima und einer guten Stimmung beim Training spricht: „Jeder gibt Gas, wir haben kaum Verletzte, jeder will spielen. Man merkt, wie jeder will, es wehrt sich jeder – dadurch wird es auch für den Trainer schwer, weil er nun ausreichend die Wahl hat.“ Und auch das spielerische Miteinander ist, so der Innenverteidiger, besser geworden: „Wir verstehen nun, besser umzuschalten. Das ist zwar noch nicht perfekt, aber doch schon deutlich besser geworden.“

Westermann, der einst beim Nürnberg-Konkurrenten Fürth spielte, will sich – Schaden macht klug – in Sachen Clubberer mit Sprüchen zurückhalten: „Vor einem Jahr habe ich hier gesagt, dass ich noch nie gegen Nürnberg verloren habe, und prompt verloren wir. Von daher Ball flach halten. Es ist ein wichtiges Bundesliga-Spiel – und was Nürnberg macht, das ist mir völlig egal. Wir müssen unser Spiel durchziehen.“ Immerhin gibt er zu: „Wenn wir den Club schlagen würden, dann hätte ich viele Freunde, die sich darüber freuen würden. Und ich gehe davon aus, dass wir gewinnen werden.“ Seine Rechnung: „Mit einer guten Punktzahl in die Winterpause gehen, und dann mit einem guten Trainingslager frisch und voller Engagement in die Rückserie starten.“ Und um dann das Feld von hinten aufzurollen? Schön wäre es ja.

Dass der HSV – als Klub, der zurzeit nicht international spielt – schon wieder an einem Sonntag spielen muss, ist schon verwunderlich. Das finden auch die Eltern von Marcell Jansen, der zu diesen Ansetzungen aber generell sagt: „Sonntag das späte Spiel, das ist schon okay. Wenn aber 15.30 Uhr, dann, so glaube ich, würden viele meiner Kollegen schon sagen, dann doch sonnabends. Am Sonnabend um 18.30 Uhr ist aber auch geil, und toll ist auch ein Freitagsspiel, denn Flutlichtspiele sind einfach etwas Geiles. Warum wir aber zuletzt immer sonntags gespielt haben, das weiß ich auch nicht. Irgendwie ist es Quatsch . . .“ Immerhin: Gegen Mainz (auswärts) und gegen Augsburgs wird sonnabends um 15.30 Uhr angestoßen.

Zum Nürnberg-Spiel sagt Jansen: „Der Club spielt oftmals schnell, frech und unbekümmert nach vorne. Für uns wird wichtig sein, dass wir Geduld haben, auf unsere Chancen warten und dass wir nicht in Konter laufen.“ Insgesamt bescheinigt Marcell Jansen seinem Team einen klaren Aufwärtstrend: „Wir haben jetzt eine bessere Stimmung in der Mannschaft, dadurch bringen wir uns gegenseitig hoch, wir sind heiß. Und wir haben zuletzt Spiel für Spiel einen Schritt in die richtige Richtung getan, auch wenn es mit den Punkten nicht unbedingt so gut geklappt hat. Viele Freunde und Bekannte von mir haben gesagt, dass wir auf dem richtigen Weg sind – auch wenn Nürnberg natürlich kein leichter Gegner für uns sein wird. Die müssen auch. Gut wäre es, wenn wir in Führung gehen könnten.“

Dann hat Jansen auch noch ein dickes Lob für die neuen Verantwortlichen parat: „Bei uns weiß jetzt jeder, wo er hinzulaufen hat. Auch wenn da noch lange nicht alles geklappt hat, so haben wir uns doch wieder viel mehr Torchancen herausgespielt. Zudem haben wir unseren Fans auch gezeigt, dass wir das Spiel bestimmen wollen, und das ist ein Verdienst des gesamten Trainerstabs.“

Was ja auch deutlich zu sehen war – in der Zeit, seit Thorsten Fink hier übernommen hat. Die Spieler gehen zur Sache, sind von der ersten Minuten an hellwach und motiviert, und sie zeigen – endlich – eine hohe Laufbereitschaft. Ausruhen, abwarten, abtasten – das war gestern. Fink hat seinen Jungs Beine gemacht. Und wird sicherlich auch weiterhin dafür sorgen, denn vollbracht hat der HSV 2011 noch nichts. Es droht noch immer der Abstieg, die letzten Ränge sind noch immer in Reichweite – und da die Konkurrenz (Augsburg, Freiburg) nicht schläft (und punktet), dürfte es noch ein langer Kampf ums Überleben werden. Ich bin nur froh, dass jetzt mit Thorsten Fink ein Mann das Sagen hat, der diese Gefahr nicht nur erkannt hat, sondern gegen diese Gefahr arbeitet und dabei alle geweckt hat. Sollte sich bei Fink, so mein Eindruck, einer drücken wollen, einer nur mal kurz eine Auszeit nehmen wollen, so dürfte es das für denjenigen Spieler gewesen sein. Fink will, dass sich seine Spieler den Hintern für die Raute aufreißen, und bislang hat er es nicht nur hervorragend vermitteln können, nein, bislang haben es die Spieler auch sehr gut gemacht. Es muss nur so bleiben. Natürlich vor allem am Sonntag, bei diesem so wichtigen Abstiegsduell.

So, wir sind am Ende. Mit diesem Bericht. Training ist am Sonnabend um 16 Uhr. Wahrscheinlich an der Arena, weil der Rasen drinnen für Sonntag geschont werden soll.

PS: Da ich ja weiß, dass nur sehr wenige User die Beiträge bei Matz ab lesen, wollte ich zum Wochenende noch etwas zum Schmunzeln für die Allgemeinheit herausstellen:

Neu-Ossi – ein Doktor der netteren Art – schrieb:

Seit 5 Wochen arbeite ich am Freitag immer in HSV Stutzen (passen farblich
exzellent zu unserer OP-Wäsche). Seitdem geht es mit dem HSV bergauf!
Nur zufällig ist seitdem auch T. Fink Trainer bei HSV – deswegen wird der
Erfolg irrtümlich ihm zugeschrieben… :-)
Heute hatte ich die Stutzen vergessen – Deswegen tippe ich ein schmales
1:1.
Verdammt, ich hätte aber auch an die wichtigste Sache der Welt denken
müssen.

Kann ich nur hoffen, dass Neu-Ossi diesmal dran denkt. Damit sein Tipp nicht stimmt. 1:1? Wir brauchen einen Dreier!

In diesem Sinne: Schönes, erfolgreiches Wochenende für Euch und Eure Lieben.

17.04 Uhr