Monatsarchiv für Dezember 2011

Zum Wechsel: Zwei Fragen – zehn Antworten

31. Dezember 2011

Ob es das auch in 50 Jahren noch gibt? Sie sitzen bei jedem Heimspiel auf der Tribüne im Volkspark und verfolgen „ihren“ HSV ganz genau. Sie – das sind die Meisterspieler von 1960. Fast alle der Altmeister sind immer da, wenn es um Bundesliga-Punkte geht. Sie tragen die Raute fest im Herzen, sie sind damals alle Hamburger gewesen, und sie sind es bis heute geblieben. Und sie machen sich natürlich auch ihre Gedanken, warum der HSV so steht, wie er im Moment steht. Und sie machen sich ihre Gedanken, wie es wieder nach oben gehen könnte.
Ich habe Verteidiger Erwin Piechowiak, Rechtsaußen Klaus Neisner, Torwart Horst Schnoor, Mittelläufer und Kapitän Jochen Meinke sowie Linksaußen Gert „Charly“ Dörfel jeweils zwei Fragen zum aktuellen HSV gestellt, und sie haben mit ihren Antworten gezeigt, dass sie immer noch voll auf Ballhöhe sind.

Herr Schnoor, was hat Ihnen in 2011 an Ihrem HSV nicht gefallen?

Horst Schnoor: „Es war uns ja klar, dass es einen Umbruch wird geben müssen, aber dass dieser dann so riesig ausfallen würde, das hat mich doch ein wenig verwundert. In dieser Form war das wohl einzigartig. Wie alle hoffe ich natürlich auch, dass der HSV 2012 nicht absteigen wird. Dass es überhaupt dazu gekommen ist, das ist wohl dem Umstand zu verdanken, dass es zu lange dieses Chaos um den fehlenden Sportchef gegeben hat. Das war Punkt eins. Punkt zwei war das große Hick-Hack um den designierten Sportchef Urs Siegenthaler. Mein Gott, war das ein großer Zirkus. Und dieses Theater passte nun mal so gar nicht zum HSV, das war einfach unmöglich. Und hat dem Klub zudem viel, viel Geld gekostet. Da ist Geld zum Fenster hinausgeworfen worden, für nichts und wieder nichts – schlicht eine Katastrophe.

Und zudem hatte ich von Trainer Armin Veh immer den Eindruck , dass er gar keine rechte Lust hatte, hier Trainer zu sein. Der wollte, so hatte es den Anschein, immer nur weg. Als dann Michael Oenning kam, da hatte ich die Hoffnung, dass es wieder bergauf gehen würde, aber das hielt nur ein paar Wochen an. Leider.“

Und, Herr Schnoor, gab es denn auch noch etwas Positives, was Sie mit in das neue Jahr nehmen werden?

Horst Schnoor: „Ja, das gibt es. Ich bin doch angetan vom neuen sportlichen Duo Frank Arnesen/Thorsten Fink. Die arbeiten doch sehr vielversprechend miteinander. Arnesen gefällt mir außerordentlich gut, der wirkt auf mich immer freundlich und ruhig, strahlt aber Fußball-Sachverstand aus, und er weiß offenbar was er will. Und Fink ist selbstbewusst und schwungvoll, der packt die Sachen mutig an – der passt sehr gut zum HSV.

Und dann der Jahresabschluss. Mein Gott, wie wäre es gewesen, wenn wir das Pokalspiel in Stuttgart gewonnen hätten – und wir hätten es ja gewinnen müssen. Dieser Sieg hätte dem Verein – nicht nur finanziell – sehr gut getan. Aber immerhin hat die Mannschaft gezeigt, wie gut sie spielen kann, sie war ja die meiste Zeit überlegen, sodass man für das neue Jahr durchaus guter Hoffnung sein kann, dass es wieder in Richtung gesichertes Mittelfeld geht.“

Herr Meinke, was hat Ihnen in 2011 an Ihrem HSV nicht gefallen?

Jochen Meinke: „Die Einstellung einiger Spieler. Das muss ich sagen, die hat mir nicht gefallen. Einige waren mir einfach zu lahm, zu wenig engagiert. Die haben nach dem Motto gespielt: ‚Komm ich nicht heute, dann komm ich eben morgen.’ So geht es nicht. Das war in meinen Augen Lari-Fari-Fußball. Ich war, nach der Entlassung von Armin Veh, auch dafür, dass Michael Oenning eine Chance erhalten sollte, aber als ich dann gesehen habe, dass er gegen Mönchengladbach zu Hause nur eine Spitze aufbietet, da war ich einfach nur bedient und entsetzt. Das geht doch gar nicht.

Als dann Thorsten Fink übernahm, da gab es zwar auch nicht auf Anhieb einen Sieg, es gab daheim nur ein 1:1 gegen Wolfsburg, aber da stand dann doch plötzlich eine ganz andere HSV-Mannschaft auf dem Rasen. Die Spieler haben sich bewegt, die wollten, hatten Biss – es hatte sich über Nacht vieles geändert. Das hat mir gezeigt, dass es doch anders, doch besser geht. Ich frage mich nur, warum ging es nicht schon früher? Jetzt sehe ich eine HSV-Mannschaft, die mit Begeisterung spielt – unter Veh und Oenning habe ich viel zu viele schlechte Spiele gesehen.

Eigentlich habe ich jetzt keine Befürchtungen mehr in Sachen Abstieg, auch wenn der Start 2012 schwer werden wird – aber ich traue dieser Mannschaft durchaus zu, auch gegen Dortmund und in Berlin etwas zu holen.“

Und, Herr Meinke, gab es denn auch noch etwas Positives, was Sie mit in das neue Jahr nehmen werden?

Jochen Meinke: „Ja, die Entwicklung unter Fink, habe ich gerade schon gesagt. Dazu dann auch die neue Ruhe im Verein – diese Entwicklung ist erstaunlich. Ebenso erstaunlich ist für mich, dass ich schon seit Wochen nichts mehr aus dem Aufsichtsrat gehört habe. Was ist da passiert?

Zudem finde ich, dass Carl-Edgar Jarchow einen sehr guten Job macht. Er wird natürlich auch gut unterstützt von Frank Arnesen und Thorsten Fink. Die Entwicklung der letzten Monate zeigt mir insgesamt, dass der HSV wieder auf dem richtigen Weg ist – bis auf die Ergebnisse. Da waren natürlich einige überlegen geführte Spiele dabei, in denen wir große und tolle Torchancen hatten, die mussten ganz einfach gewonnen werden. Immerhin aber haben wir gezeigt, dass wir wieder Fußball spielen können.“

Herr Piechowiak, was hat Ihnen in 2011 an Ihrem HSV nicht gefallen?

Erwin Piechowiak: „Dieses lange Theater um Bernd Hoffmann. Dadurch ist eine enorme Unruhe in den Verein gekommen, die den gesamten Klub zu lange beschäftigt hat. Es gab in der Klub-Führung zu viele selbstherrliche Entscheidungen, und da muss ich auch dem Aufsichtsrat eine Mitschuld geben, denn er hat das alles mitgetragen oder abgesegnet. Zum Beispiel der Sturz von Dietmar Beiersdorfer. Der Sportchef hatte ja gut mit Hoffmann zusammengearbeitet, und als der Boss dann zu viel Einfluss wollte, da hat Beiersdorfer Hilfe beim Aufsichtsrat gesucht, doch der ließ ihn eiskalt abblitzen. Die haben ihn hängen lassen, einfach hängen lassen. Ich weiß, dass das schon lange her ist, aber es hat sich auch immer noch, bis in dieses Jahr hinein, ausgewirkt.
Im Aufsichtsrat sitzen Männer, die dort nach dem Motto mitmachen: ‚Mehr Schein als sein.’ Da sind mir zu viele Eitelkeiten im Spiel, das passt nicht zum HSV.

Dann auch diese ständigen Trainerwechsel, die haben sich auch ganz sicher auf die Leistungen der Mannschaft niedergeschlagen. Der Umbruch musste sein, keine Frage, aber er ist mir ein wenig zu groß geworden. Ich habe, muss ich außerdem gestehen, meine Zweifel an Mladen Petric. Ich habe ihn nicht gesehen, als die Mannschaft schlecht spielt, da hätte er mal Verantwortung übernehmen können, ja sogar müssen. Das erwarte ich von einem Führungsspieler ganz einfach. Oder sollen das die jungen Leute machen? Mir war Petric auch in einigen Spielen zu faul. Und wo ich gerade dabei bin: Marcell Jansen wird überschätzt, oder er überschätzt sich selbst. Der kann doch mehr, als er zuletzt gezeigt hat. Da ist noch jede Menge Luft nach oben. Auch auf der Sechser-Position hat mich bislang keiner überzeugt, weder Gojko Kacar noch Robert Tesche. Schade ist es um Jarolim, aber er hat natürlich auch oft genug keinen ganz klaren Ball nach vorne gespielt.

Auch von Dennis Aogo erwarte ich mehr. Der hat zwar eine positive Ausstrahlung, keine Frage, aber erst aktueller deutscher Nationalspieler, da muss schon noch etwas mehr kommen.

Und, Herr Piechowiak, gab es denn auch noch etwas Positives, was Sie mit in das neue
Jahr nehmen werden?

Erwin Piechowiak: „Ja, gibt es. Mir gefällt Frank Arnesen, der hat eine positive Ausstrahlung, der ist null überheblich, der strahlt nur Positives aus, der Däne ist ein ganz großer Gewinn für den HSV. Endlich haben wir auf dieser Position Ruhe. Und im Zusammenspiel haben Carl-Edgar Jarchow und Arnesen auch Ruhe in den gesamten Verein gebracht. Sie setzen, ich beziehe da auch den Trainer mit ein, positive Signale nach aus. Zu den Fans, zu den anderen Bundesliga-Klubs, zu allen. Diese drei Herren sind meine Hoffnungsträger.

Thorsten Fink vermittelt mir den Eindruck, dass er sehr harmonisch mit der Mannschaft umgeht, dass er und das Team eine Einheit sind. Das passt, weil er auch weiß, dass er trotzdem immer wieder Leistungen sehen will, sehen muss. Ich glaube, dass der HSV am Saisonende einen guten Mittelfeldplatz belegen wird. Trotz des schwierigen Starts, den wir 2012 haben werden. Aber letztlich sind jetzt alle Spieler wieder stabiler geworden. Wenn ich so an Jaroslav Drobny erinnern darf, dieser arme Kerl. Der spielet ja zunächst hinter einer Abwehr, die keine Abwehr war. Das war ja der reinste Schweizer Käse, Loch an Loch. Jetzt sind alle besser geworden – und Drobny auch.

Zudem muss ich die jungen Leute mal loben. Jeffrey Bruma und Gökhan Töre, die gefallen mir sehr. Und Tomas Rincon ohnehin, den fand ich früher schon gut, weil der so schön bissig und giftig war. Nur dass er jetzt den Spielmacher macht, das gefällt mir nicht so gut – aber auf dieser Position hat der HSV ja ohnehin Schwierigkeiten, ein solcher Mann fehlt. Rincon kann das nicht.“

Herr Neisner, was hat Ihnen in 2011 an Ihrem HSV nicht gefallen?

Klaus Neisner: „Die Spieler, das habe ich von Anfang an moniert, laufen mir zu wenig, und es wurde mir auch zu wenig Fußball gespielt. Die vielen langen Bälle, die einfach planlos nach vorne gedroschen werden, die kommen doch immer gleich wieder zurück in die Hälfte des HSV. Das verstehe ich nicht, so sieht doch kein erfolgreicher Fußball aus.
Was mir ebenso nicht gefiel: Es wurde mir viel zu früh in dieser Saison von Abstieg gesprochen. Was sollte das? Man kann doch in Dortmund und in München verlieren, was hat das mit Abstieg zu tun? Das verunsichert nur eine Mannschaft, die Spieler begehen individuelle Fehler – und genau das haben wir dann auch gesehen. In den Spielen gegen Hertha und Köln waren schon einige Klopse dabei, die sonst nicht zu sehen gewesen wären – wahrscheinlich jedenfalls. Und wenn der HSV zum Beispiel diese beiden Spiele gewonnen hätte, dann stünde er wesentlich besser in der Tabelle – und seinerzeit hätte niemand vom Abstieg erzählt.“

Und, Herr Neisner, gab es denn auch noch etwas Positives, was Sie mit in das neue Jahr nehmen werden?

Klaus Neisner: „Thorsten Fink hat der Mannschaft schnell Selbstvertrauen eingeimpft. Das war wichtig und gut. Wir kennen das doch alle die Situation, wenn es mal schlecht läuft. Dann will doch kaum einer den Ball haben, das wird dann ein Versteckspiel. Nach dem Motto: ‚Kamerad, mach du den Fehler – ich mache ihn liebe nicht.’ Das aber ist jetzt deutlich besser geworden, es wird von einigen Spielern jetzt deutlich mehr Verantwortung übernommen. Das war in Hannover so gut zu sehen, da hat der HSV sehr gut gespielt, ist nur durch ein Jahrhundert-Tor um den Sieg gebracht worden. Und auch in Stuttgart war das Spiel sehr gut, dass wir da nicht gewonnen haben, das tat sehr weh.

Viel wird nun vom Start in die Rückrunde abhängen Drei Klatschen zu Beginn wären nicht so sehr hilfreich, aber daran glaube ich auch nicht. Ich habe sogar eine Wette laufen, dass der HSV am Ende noch einen Platz in der Europa League innehaben wird. Das sind doch nur acht Punkte, die uns bis dahin fehlen . . .“

Herr Dörfel, was hat Ihnen in 2011 an Ihrem HSV nicht gefallen?

Gert Dörfel: „Viele Köche verderben den Brei, sagt man ja, und das war beim HSV auch so. Mir ist das ein wenig zu viel Vettern-Wirtschaft, deswegen ist der Klub nie auf einen Nenner gekommen. Die vielen Aufsichtsräte haben dem HSV nicht gut getan, der Klub wurde früher mit weniger Leuten geführt – aber besser. Einst mit den Brüdern Mahlmann und Mechelen, später mit Klein, Happel, Netzer. Jetzt ist der HSV zuletzt nach unten durchgestartet, und zwar mit allen Facetten – und dabei haben alle von ganz oben geträumt. So waren ja auch die Ziele ausgegeben worden. Da waren aber zu viele Leute am Werk, die im Fußball eigentlich nichts zu suchen haben. Weil sie ganz einfach keine Ahnung davon haben. Und die, die Ahnung im Verein haben und hätten, die werden seit Jahren untergebuttert. Das ist schlechter Stil. Erfahrene Leute wie Seeler, Meinke oder auch Schnoor, auf die hätte man besser mal hören sollen, oder solche Leute wie Magath und Nogly, die wüssten wie es geht, werden aber nicht gehört, weil sich andere mit ihren Eitelkeiten stets durchgesetzt haben.

Und sportlich muss ich dem HSV vorwerfen, dass er im Mittelfeld einfach zu schlecht aufgestellt ist. Daran vor allem krankt das Spiel – schon viel zu lange. Ich finde ja auch, dass gute Leute wie zuletzt van der Vaart zu schnell verkauft werden. Und früher auch schon: Mussten so gute Leute wie von Heesen, Bein, Doll und viele andere wirklich immer verkauft werden? Das war tödlich.

Und, Herr Dörfel, gab es denn auch noch etwas Positives, was Sie mit in das neue Jahr nehmen werden?

Gert Dörfel: „Das Trio Jarchow, Fink und Arnesen finde ich gut, dieses Dreieck funktioniert offenbar. Ich glaube zwar nicht daran, dass diese Herren noch die ganz große Sause im Jahr 2012 starten werden, aber der HSV wird wohl auf einem gesicherten Mittelfeldplatz enden. Fink versucht ja emsig, wieder eine Linie in den Laden zu bekommen, und es ist ja auch Licht am Ende des Tunnels zu sehen. Ein, zwei Leute aus dieser Mannschaft sind ja auch recht ordentlich, ich finde den Gökhan Töre zum Beispiel gut, der hat gute Ansätze.

Aber der beste Mann steht für mich ja zwischen den Pfosten: Jaroslav Drobny. Der kam zurück wie Phönix aus der Asche. Zu Beginn hatte er sich von seiner schlechten Abwehr anstecken lassen, und zwar vom allgemeinen Abwärtstrend im HSV. Jetzt aber ist Drobny ganz groß, und ich drücke ihm die Daumen, dass er auch 2012 seine überragende Form bestätigen kann.“

So,
Prost Neujahr!

Es kamen noch einige Beiträge von Euch, und das ist auch gut so. Vielen Dank für Eure Treue und Mitarbeit. Drei Sachen hat das Moderatoren-Team noch einmal herausgepickt:

Von „altona”:

@Dieter und Scholle !

Ich wünsche Euch beiden einen guten Rutsch und einen erfolgreichen Start ins neue Jahr. Ich persönlich wünsche mir genau so viel Aktualität für 2012
wie bisher, viel besser geht’s nicht. An den Inhalten scheiden sich bekanntlich die Geister. Das ist gut so und muss auch so bleiben. Ihr werdet es
nicht schaffen, es allen Recht zu machen. Mögen sich auch im kommenden Jahr 2012 möglichst viele Fans und Leser an Euren Beiträgen reiben und diese
durch kluge und witzige Kommentare bereichern. Immer wieder werden ja auch aus dem Leserkreis News gepostet, die – weil gerade frisch im Internet
gefunden – zuerst nur hier und nirgendwo anders zu finden sind. Dies ist ein Zeichen großer Akzeptanz und sicher auch ein Alleinstellungsmerkmal des
Matz-Ab-Blogs. Bitte behaltet auch Eure “Dickfelligkeit” bei, die ihr Euch in den letzten Monaten erarbeitet habt, denn nichts wäre schlimmer, als
wenn ihr in Euren Beiträgen Stellung zu Kommentaren einiger Leser beziehen würdet, in denen den Verfassern mehrfach der Finger auf der Tastatur
verrutscht ist. Nimmt es mit Humor, hier hilft manchmal auch ein wenig Lockerheit und Toleranz, manche Auswüchse der Verbitterung zu ertragen. Bitte
bewahrt Euch – wie bisher auch – eine gewisse Neutralität und Objektivität und lasst Euch auch in 2012 nicht vor den Karren Einzelner, insbesondere
aus dem Kreis der “Zwölf” zur Durchsetzung ihrer Einzelinteressen spannen. Was wäre die HSV-Welt ohne Euch? Der Blog hat sich seit seinem Bestehen zu
einer festen Instanz des HSV etabliert und gäbe es ihn nicht, bestünde so eine Art Vakuum und man müsste ihn schnellstens erfinden. In diesem Sinne –
macht weiter so, herzliche Neujahrsgrüße auch an das “Moderatorenteam”.

Und dann zum Jahreswechsel noch etwas zum Schmunzeln:

von „Bernado Romeo MS“:

„tja Dieter; mit Troche ist es doch so, wie bei vielen anderen: Nicht konstant genug!!!!!!! Da jagt man solche halt schnell vom Hof. Nicht zu vergessen
sein 2:2 aus leicht abseitsverdächtigter Position, welches uns zur Teilnahme am internationalen Wettbewerb berechtigte…leider aber zu wenig von
solchen Aktionen. Spielte selten durch bei diversen Trainern. Das sagts doch.“

Darauf „Eiches“ Antwort:

Bernado Du Lappen;-)
1. Nicht schnell vom Hof, sondern nach 6 Jahren!
2. Nicht 2:2, sondern 2:3
3. Nicht abseitsverdächtig, sondern total und absolut Abseits!
.
Weitere Fragen? Keine?
.
Guten Rutsch und Gruß an die Holde daheim.

Dem kann ich mich nur anschließen. Nicht dem Lappen, sondern den Gruß an alle „Matz-abber“ und den guten Rutsch. „Scholle“ hat mich angerufen und ausdrücklich darum gebeten, auch in seinem Namen ein herzliches Dankeschön an alles auszurichten, und gleichzeitig alles Gute für 2012 zu wünschen.
Beide tun wird das jetzt. Es war ein turbulentes Jahr, für den HSV, für Euch, für uns. Es ging teilweise drunter und drüber, nicht immer wurde guter oder bester Fußball geboten, nicht immer wurde hier der beste Ton getroffen.
Nun ist 2011 gelaufen, und wir bedanken uns trotz allem recht herzlich. Weil es hier so viele gute Menschen gibt, die diesen Laden auch mit Menschlichkeit unterstützen, ihn damit auch am Leben erhalten.
Danke, danke, danke dafür. Ich weiß, wir wissen es, zu schätzen.

Feiert schön, treibt es nicht zu bunt (Alkohol!) – und dann auf ein Neues in 2012. Ich hoffe mit Euch, dass es mit dem HSV wieder (oder weiter) bergauf gehen wird – und dass auch „Matz ab“ weiterhin bestehen bleibt und von Euch weiter so gut angenommen wird.
Wir, „Scholle“ und ich, werden unser Bestes geben.

Darauf trinken wir. Einen!

Prost Neujahr!

16.09 Uhr

Trochowskis Leben in Spanien

30. Dezember 2011

Um 14.52 Uhr klingelt es an der Tür. „Einen Moment bitte mal, ich muss kurz zur Tür“, sagt mein Gesprächspartner, dann legt er sein Handy zur Seite. Ich kann nichts sehen, kann nur zuhören. Und bin begeistert. Vor der Tür steht ganz offensichtlich eine Spanierin, und die spricht schnell und ohne Pause mit Piotr Trochowski. Ich denke so bei mir: „Ob diese Frau schon mitbekommen hat, dass sie mit einem Deutschen spricht?“ Plötzlich die Antwort an die Dame. Spanisch. Nein, es kommt mir nicht Spanisch vor, es ist Spanisch. So, wie es sich anhört, ist es perfekt. „Troche“ spricht fließend wie die Dame, er spricht ohne Pause, er spricht voller Selbstbewusstsein. Unglaublich. Ich staune nur. Und als er der Dame erklärt hat, dass er gerade ein Telefonat mit Hamburg führt, als er die Tür wieder geschlossen hat und sein Handy wieder in die Hand nimmt, da sagt er: „Sorry. Aber ich habe mich beeilt.“ Ich halte mit meiner Begeisterung nicht zurück: „Troche, das ist ja unglaublich. Du sprichst ja perfekt Spanisch – wie geht das?“ Er: „Ich wollte es anders machen, als die Spieler, die aus dem Ausland zum HSV gekommen sind. Oft können sie nach einem halben Jahr oder noch länger kein Deutsch. Das wollte ich mir nicht zum Vorbild nehmen, also habe ich, als der Vertrag mit dem FC Sevilla im April perfekt war, sofort damit begonnen, Spanisch zu lernen. Im Auto habe ich immer nur spanische CD’s gehört. Und inzwischen unterhalte ich mich mit jedem hier auf Spanisch, gebe auch Interviews auf Spanisch – alles kein Problem mehr.“ Er fügt noch hinzu: „Ich wusste, dass sie hier alle kein Englisch sprechen, also blieb mir nichts übrig, als Spanisch zu lernen.“ Das hätte ich, das gebe ich zu, niemals erwartet. Großes Kompliment, Piotr Trochowski!

Über Weihnachten war er mal wieder in Hamburg. Bei seiner Familie, seinen Freunden – in seiner Wohnung, die er immer noch hier hat. „Es war einfach nur schön. Aber zu kurz. Nur fünf Tage. Es war schnell, intensiv, aber es hat Spaß gebracht. Und wenn ich schon mal hier bin, dann muss ich eben alle sehen, die Familie und die Freunde, das ist dann ein volles Programm. Zudem musste ich ja für Weihnachten Geschenke einkaufen und einpacken, dafür ging auch eine Menge Zeit drauf. Insgesamt war es schön, aber auch anstrengend.“

Im Sommer hat er Hamburg verlassen. Ich habe lange überlegt, wie diese Geschichte, die ich jetzt schreibe, heißen soll. Lange hatte ich den Gedanken: „Der kleine Dribbelkünstler setzt sich durch.“ Das habe ich schnell verworfen. Dann: „Von einem der auszog . . .“ Und weiter war mein Gedanke: „ . . . weil sie ihn beim HSV nicht mehr wollten.“ Oder: „. . . weil sie ihn hier vom Hof gejagt haben.“ Das klang mir aber dann doch zu hart. Obwohl doch viel Wahrheit dran ist. An beiden Versionen. Ich erinnere mich noch ganz genau: Im Frühjahr bahnte sich sein Wechsel zum FC Sevilla an. Damals bat mich ein HSV-Verantwortlicher, nichts mehr davon zu schreiben, dass Trochowski keine Zukunft mehr beim HSV hätte. Die Begründung wurde mir gleich mitgeliefert: „Dann könnte sich der Deal mit Sevilla vielleicht doch noch zerschlagen, denn was sollen die mit einem Spieler, den der HSV nicht mehr will . . ?“ Gebeten, geschwiegen – Wechsel geklappt.

Obwohl ich es bis heute nicht verstehen kann, noch immer nicht verstehen kann, wieso in Hamburg mit einem deutschen Nationalspieler so verfahren wurde? Und zwar von allen. Nicht nur vom HSV. 35 Länderspiele hat Trochowski gemacht, er wurde mit 2010 Deutschland WM-Dritter – sein bislang letztes Länderspiel hat er im WM-Halbfinale ausgerechnet gegen Spanien bestritten. Warum? Warum gerät ein solcher Spieler so in die Kritik? Wegen seiner Kringel, die er auf den Rasen hinlegte? Wegen seiner offenen Worte, wenn er gelegentlich über Ziele und andere Klubs sprach? Das allein kann es nicht gewesen sein, irgendetwas muss es aber gewesen sein – doch das ist für ihn längst abgehakt. Und für mich jetzt auch. Er fühlt sich wohl in Sevilla, sauwohl sogar. Er hat nichts falsch gemacht, als er im Frühjahr bei einem in Europa sehr angesehenen spanischen Spitzen-Klub für gleich vier Jahre unterschrieb. Damals wurde diese Zeremonie von vielen mit einem süffisanten Lächeln begleitet. Heute sagte er: „Ich habe alle Spiele, die ich mitmachen konnte, auch mitgemacht. Und das in der besten Liga der Welt.“ Stolz klingt mit, in seinen Worten, und dieser Stolz ist in meinen Augen auch völlig berechtigt.

In den Länderspielpausen hatte Trochowski immer frei, weil Jogi Löw ihn nicht mehr anruft. In diesen Zeiten flog der dreimal nach Hamburg. Weil er Hamburg immer noch im Herzen hat. Und alle unliebsamen Sachen, die er hier erlebt hat: „Abgehakt.“ Sagt er. Und weiter: „Weil ich doch viele, sehr viele schöne Zeiten in den sechseinhalb Jahren hier hatte. In der Europa League im Halbfinale, im DFB-Pokal im Halbfinale, das war doch was. Ich denke an das Positive, denke nicht an das Schlechte. Und beim HSV wurde ich ja auch Nationalspieler. Hamburg ist meine Heimat, daran wird sich nichts ändern. Wenn ich hier bin, dann blühe ich auf. Dann freue ich mich einfach, wieder hier zu sein. Egal ob es regnet, egal was für ein Wetter gerade ist.“ Von Sevilla schwärmt er: „Das ist der Gegensatz zu Hamburg. Eher klein, ein wenig verträumt, viele alte Gebäude – und immer Sonne. Das ist einfach traumhaft. Ich habe eine Stunde zum Strand. Und im Winter trainiert man hier bei 16 Grad, das ist doch super.“

Er fährt in Sevilla noch immer seinen Mercedes mit deutschem Kennzeichen, und er bewohnt mit Ehefrau Melanie eine Wohnung in der Stadt. „Ich wollte nicht an den Rand, so wie in Hamburg Henstedt-Ulzburg oder Norderstedt, ich wollte mittendrin sein, wenn ich vor die Tür gehe. Noch wohnen wir aber nicht in der richtigen Wohnung, denn es ist schwer, hier eine passende Wohnung zu finden“, sagt er. Weil Melli zum ersten Mal in ihrem jungen Leben von zu Hause weg ist, fliegt sie noch öfters heim. „Mir ist der Gang von Hamburg nach Sevilla leichter gefallen, weil ich das als Fußballer ja gewohnt war“, sagt er und ergänzt: „Der Wechsel hat sich absolut gelohnt, ich habe nichts, wirklich nichts zu bereuen.“

Gleich zu Saisonbeginn wurde Piotr Trochowski vom Platz gestellt. Eine Erfahrung, die er in Hamburg nie machen musste. Aber wieso? Er erklärt: „Zweimal Gelb. Ich bin zweimal zu hart eingestiegen.“ Wie ist das überhaupt? Wie erlebt er es, in Spanien zu spielen? Ist es härter? „Nein, härter ist es ganz sicher nicht. Es ist aber schneller. Der Unterschied zu Deutschland ist, dass sie hier alle, von vorne bis hinten, sogar bis zum Torwart, eine solide Grundtechnik haben, hier wird technisch anspruchsvoller gespielt. Hier sind sie alle zierlicher, quirliger, alle können sie super mit dem Ball umgehen. Härter aber ist es hier nicht, ich werde hier nicht anders als in Deutschland attackiert.“

Gibt es denn noch andere Unterschiede zum deutschen Fußball? Er sagt: „Ja. Das Training zum Beispiel.“ Und was? „Unser Trainer ist in allen Übungen unheimlich präzise, er ist ein Perfektionist. Und dazu haben wir in der Vorbereitung kaum Läufe absolviert. Wir haben alles mit dem Ball gemacht, wenn Läufe, dann beschränkte sich das auf eine kurze und intensive Zeit. Monotones Laufen, wie es in Deutschland in der Vorbereitung so oft gemacht wird, das gibt es in Spanien nicht. Das hat ja auch nicht wirklich etwas mit Fußball zu tun. Hier ist alles auf das Spiel ausgelegt.“

Sätze, wie sie mir einst auch Ruud van Nistelrooy gesagt hat – als er staunte, wie hier in Deutschland vor Beginn einer Saison trainiert wird.

Gleich im ersten Punktspiel gab es für „Troche“ das Wiedersehen mit van Nistelrooy und Joris Mathijsen. In Sevilla wurde der FC Malaga mit 2:1 besiegt. Nach dem Spiel flogen Ruud und „Troche“ gemeinsam nach Hamburg, weil es dort noch etwas zu erledigen gab.

Die Nationalmannschaft ist immer noch sein Ziel: „Davon träumt doch jeder Spieler. Und ich werde wieder angreifen und versuchen, wieder auf den Zug aufzuspringen.“ Über die Chancen sagt er: „Ich habe oft gespielt, bin jetzt ja erst ein halbes Jahr hier. Es ist noch ausbaufähig, mein Spiel kann auch – ganz klar – noch besser werden, aber bislang läuft es ganz gut.“ Der FC Sevilla ist Tabellensechster, hat eine gute Mannschaft, die Konkurrenz für Piotr Trochowski ist groß. Er sagt über die Ziele: „Wir sind bislang nicht zufrieden mit Platz sechs, unser Ziel ist die Champions League. Wir sind besser als wir zurzeit stehen, aber wir hatten zwischendurch auch eine schlechtere Phase, als wir in vier Spielen nur zwei Punkte gemacht haben. Das muss besser werden.“

Zum HSV hat er hin und wieder noch Kontakt. Per Telefon. Mit Dennis Aogo und Marinus Bester, den Jürgen Ahlert habe ich hier mal getroffen.“ Deutsches Fernsehen hat er nicht, hat deshalb auch nur einmal ein HSV-Spiel in einer Sportsbar live gesehen, die Heimniederlage gegen Schalke: „Da hat der HSV ganz gut gespielt, das hätten sie nicht verlieren müssen.“ Da hat er auch seinen „Nachfolger“ gesehen, den jungen Zhi Gin Lam. Trochowski: „Der gefiel mir gut, er hat viele sehr gute Sachen gemacht, hat mit Tempo nach vorne gespielt, hat ohne Scheu aufgespielt – das war schon okay.“ Obwohl er ja ein kleiner Spieler ist. Wie Trochowski auch. Der reklamiert aber sofort: „Wenn du hier Xavi und Messi siehst, die wiegen gerade mal 60 Kilo, das sind Fliegengewichte und sind dennoch die besten Spieler der Welt. Die Größe hat nichts damit zu tun, wie man Fußball spielt, man muss nur Fußball spielen können.“

Apropos Weltstars. Wie ist es, wenn er gegen Barcelona oder Real Madrid spielt? „Das ist schon etwas Besonderes, ganz klar, wenn man sich mit solchen Stars messen kann. Gegen Real haben wir kürzlich ja 2:6 auf den Kopf bekommen, das war ganz bitter, denn wir hatten in Halbzeit eins mehr Spielanteile und die besseren Chancen. Real hatte drei Möglichkeiten und macht daraus drei Treffer. Daran kann man erst einmal die Effektivität solcher Stars sehen, das war unglaublich. Die machen nicht viel, die machen aber das meiste richtig. Das ist der Unterschied.“

Und Barcelona? Am 22. Oktober hat der FC Sevilla – mit Piotr Trochowski – 0:0 bei der zurzeit weltbesten Mannschaft gespielt. Wie war das? Trochowski: „Unfassbar. Barcelona ist noch besser, noch extremer als Real. Unsere Leistung an diesem Tag war super, wir waren nur defensiv eingestellt – und kamen nur ganz selten an den Ball. Den hält Barcelona fast perfekt. Und wenn du den Ball tatsächlich einmal hast, dann ist der Weg bis zum Tor so weit, da liegen dann 60, 70 Meter vor dir. Und du bist von den defensive Aktionen schon so kaputt, dass du die Aktionen gar nicht mehr voll konzentriert zum Abschluss bringen kannst. Das merken die Gegenspieler sofort, die attackieren dich sofort – da ist es sehr, sehr schwer, überhaupt mitspielen zu können. Barcelona ist wirklich unglaublich, eine solche Mannschaft habe ich noch nie erlebt.“

Und wie feiert dann der „kleine“ FC Sevilla ein 0:0 bei einer solchen Übermannschaft? Piotr Trochowski: „Gar nicht groß. Von einem 0:0 in Barcelona kann man sich ja nicht viel kaufen. Das ist genauso wie in Hamburg, wenn wir gegen den FC Bayern gewonnen haben. Dann kommt der nächste Gegner, und wenn du die Punkte nicht holst, dann ist ein 0:0 gegen den großen Klub schlicht vergessen – so ist das.“

Zum Schluss, das ist nicht vergessen, frage ich noch eine Frage zum HSV. Steigt der HSV ab? „Troche“ wie aus der Pistole geschossen: „Niemals. Das wird nicht passieren. Die werden diese Saison überstehen, und dann wird es darauf ankommen, was sie draus machen. Aber Abstieg wird in dieser Saison kein Thema sein, denn die Mannschaft ist ja wieder im Kommen, und die Fans werden schon richtig gut helfen. Und ich vertraue Thorsten Fink, mit dem ich ja schon beim FC Bayern gespielt habe – ein guter Typ, er wird es schon richten, keine Angst.“

Okay, „Troche“ das wollen wir Dir dann mal so glauben. Und alles Gute weiter in Spanien. Bereist am 5. Januar geht es ja weiter, dann spielt der FC Sevilla beim FC Valencia – gleich ein Hammer-Auftakt. Wie der des HSV.

18.03 Uhr

Ditmar Jakobs will keine “Pappnase” sein

29. Dezember 2011

Er hat 323 Bundesliga-Spiele absolviert, ist heute 58 Jahre alt, war HSV-Kapitän und erfolgreicher Nationalspieler, Vize-Weltmeister – und trägt die Raute immer noch fest im Herzen. Ein Gespräch mit Ditmar Jakobs ist immer etwas Besonderes und etwas Schönes, auch diesmal war das so. Ich sprach mit dem ehemaligen Stopper, der sein letztes Spiel für den HSV am 20. September 1989 bestritt (der Karabinerhaken-Unfall), über den heutigen HSV. Und war überrascht von so mancher Antwort. „Jako“ ist mit Feuer und Flamme bei der Sache, weiß alles, kennt jeden, macht sich sein eigenes Bild. In diesem Gespräch war Biss drin – so wie wir ihn alle kennen.

Ditmar, machst Du Dir eigentlich Sorgen um den HSV, der ja durchaus absteigen könnte?
Ditmar Jakobs: „Nein, im Moment mache ich mir keine Sorgen, denn ich glaube nicht, dass die Mannschaft noch einmal so schlecht spielt, wie sie es zu Saisonbeginn tat. Natürlich hängt auch viel von einem guten Start in die Rückrunde ab, und das Programm ist ja alles andere als leicht, aber die Mannschaft ist ja jetzt deutlich besser und stabiler geworden. Nein, ganz klar, ich habe keine Angst vor dem Abstieg.“

Das überrascht mich jetzt schon in der Deutlichkeit. Wieso keine Angst?
Jakobs: Die Spieler sind näher aneinander gerückt, und sie vermitteln mir den Eindruck, als hätten sie den Ernst der Lage erkannt. Sorgen würde ich mir erst dann machen, wenn der HSV auf einem Abstiegsplatz stehen würde, und dann vier oder fünf Punkte Rückstand zum rettenden Ufer hätte – dann würde ich mir Sorgen machen, große Sorgen sogar. Wenn sie so spielen wie zuletzt, wenn sie auch dann und wann mal das Tor besser treffen, dann werden sie da stehen, wo sie zurzeit stehen, im Mittelfeld.

Der HSV wollte, so die früheren Ziele der Verantwortlichen, schon längst wieder zu den Großen in Europa gehören, es ist aber genau das Gegenteil eingetreten – wieso?

Jakobs: „Warum denn wohl? Guckt euch doch mal den Weg an, den wir gegangen sind. Den kennen ja jetzt alle. Den wollten doch alle gehen, und alle haben gesagt, dass wir ihn gehen müssen, alle haben auch gesagt, dass sie ihn mitgehen werden. Der Umbruch musste kommen, ganz klar. Nur das war der Weg. Nur wird dann in den Medien stets sehr schnell vergessen, dass sie diesen Weg einst mitgehen wollten. Sie haben es alle gesagt, aber nach den ersten Niederlagen war das Geschrei gleich riesig. Dabei gab es keinen anderen Weg.“

Aber jedes Jahr ging es irgendwie einen Schritt bergab, und jedes Jahr gab es mindestens einen neuen Trainer . . .

Jakobs unterbricht: „Leute, Leute, Leute, Leute. Wer hat denn einst die hohen Ziele des HSV formuliert und vorgegeben und in die Welt gesetzt? Das waren doch Leute wie Hoffmann, was weiß ich. Das aber ist doch längst schon zu den Akten gelegt worden. Von allen. Wir, der Klub und die Medien doch auch. Deswegen ist es mir auch völlig unverständlich, warum die Medien auf einmal an diese Ziele erinnerten, dass sie auf einmal forderten, diese Ziele noch zu erreichen, dass sie begannen, wieder aus jeden und alle drauf zu hauen. Wir aber wollen keinen internationalen Wettbewerb, wir haben gesagt, dass wir jetzt mit einem Drei- oder Fünf-Jahres-Plan arbeiten werden, wir wollen uns erst einmal wieder national etablieren, erst dann wieder international erscheinen, und wir wollen vor allem Kontinuität, indem wir kontinuierlich gut arbeiten.“

Aber jedes Jahr einen neuen Trainer . . .

Jakobs unterbricht erneut: „Das ist doch aber jetzt Vergangenheit, das ist Schnee von gestern. Wir sind in der Gegenwart, wir gucken nur in die Zukunft. Und die Gegenwart sagt mir, dass wir im Moment Kontinuität drin haben.

Und wohl auch Ruhe, oder täuscht das`?

Jakobs: „Nein, Ruhe haben wir auch. Das wollten wir ja auch, das ist genau das, was wir wollten – alle. Der Klub muss in Ruhe arbeiten können, also lassen wir ihn in Ruhe arbeiten, sollten es auf jeden Fall versuchen. Obwohl ich auch ganz klar sagen muss, dass es nicht so sein darf, dass wir alles kommentarlos hinnehmen müssen, was da gemacht wird, so ist es ja auch nicht. Nur, das muss ich noch einmal sagen, nur war es so, dass jedem klar war, dass wir diesen Schnitt machen müssen, weil wir von dem Lohngefüge runter mussten, wir mussten das Lohngefüge herunterschrauben, deswegen mussten Leistungsträger, die viel verdienten, auch gehen. Nur so ging es doch. Und deswegen wurde es auch so gemacht. Ob wir die richtigen Spieler gehen ließen, ob wir die richtigen jungen Leute geholt haben, das steht auf einem ganz anderen Blatt, ist jetzt aber auch nicht gefragt. Wir haben den Schnitt gemacht, haben den Sprung ins kalte Wasser gewagt, alle sind mit uns ins kalte Wasser gesprungen – und nun sollte man die Leute auch erst einmal vernünftig arbeiten lassen. Momentan sieht es ja so aus, als wäre die richtige Truppe beisammen.“

Vertraust Du denn der jetzigen Klubführung uneingeschränkt?

Jakobs: „Ich habe zu jedem Mann eine eigenen Meinung, und ich hoffe darauf, dass sie sich auch auf ihren Job beschränken. Die, die sportlich die Verantwortung haben, die sollten auch zu den sportlichen Dingen Auskunft geben, und die, die im Marketingbereich arbeiten, die sollten nur über den Marketingbereich reden. Das wird im Moment auch gemacht. Wir haben im Moment einen Super-Vorstand. Und ich sehe den HSV auf dem richtigen Wege.

Sportlich gesehen: Von welchem Spieler oder von welchen Spielern erwartest Du 2012 den Durchbruch?

Jakobs: „Ich hoffe, dass alle den Durchbruch schaffen. Aber das sind junge Leute, die unterliegen auch Formschwankungen. Und die sind nach Deutschland gekommen, ohne unsere Sprach zu können. Da tut sich jeder schwer. Frag mal einen deutschen Spieler, ob der nach einem Vereinswechsel innerhalb Deutschlands sofort seine Leistung gebracht hat? Frag mal Marcell Jansen, wie der sich bei den Bayern gefühlt hat, als er dort neu war? Oder einen Mladen Petric, als der nach Dortmund gekommen ist? Die sind nicht auf Anhieb zurechtgekommen. Das ist so. Und das ist auch erst recht so, wenn junge ausländische Spieler nach Deutschland kommen. Es ist höchst selten einmal der Fall, dass solche Spieler auf Anhieb 100 Prozent bringen. Deswegen sage ich, dass wir unseren Leuten Zeit geben, ein halbes Jahr, ein dreiviertel Jahr. Lasst ihnen Zeit. Man sollte nicht immer nur fordern, man sollte die jungen Leute auch fördern. Nicht nur die Trainer und Manager, sondern auch die Medien – und die Fans.“

Bist Du überrascht von Frank Arnesen, der ja zu Beginn einiges um die Ohren bekommen hat?

Jakobs: „Der hat doch nichts um die Ohren bekommen. Ach du heiliger Bimbam, der hat doch nichts um die Ohren bekommen. Das, was er um die Ohren bekam, war doch nur pille-palle. Das war nichts. Und wenn ich mich recht erinnere, so standen die Medien doch immer eisern zu ihm. Nein, nein, da war gar nichts. Und der Thorsten Fink bekommt, völlig richtig, auch nichts um die Ohren, weil er ja noch kein Bundesliga-Spiel verloren hat. Es ist doch Ruhe. Und das ist auch gut so. Wichtig ist, dass die jungen Leute auch weiterhin ihre Chance beim HSV bekommen, denn nur so klappt auch der Umbruch.“

Auch die jungen Ochsenzoll-Leute von Rodolfo Cardoso?

Jakobs: „Natürlich. Ganz wichtig. Ganz Ochsenzoll guckt doch zu einem Spieler, der mal bei den Profis eingesetzt wird. Wenn der es schafft, wenn er auch dabei bleibt, dann ist das ein großer Ansporn für jeden, der ebenfalls darauf hofft. Der sieht dann doch, dass es nicht unmöglich ist. Aber wenn einer mal schwache zehn Minuten hat und dann sofort verdammt wird, das ist dann der denkbar schlechteste Weg. Das macht jeden mutlos. Und dann sind wir schnell wieder dabei, dass der eine oder andere zu sich sagt: ‚Dann gehe ich lieber nach Osnabrück.’ Und das darf nicht sein.“

Themawechsel: Am 15. Januar ist Hauptversammlung. Bist Du dabei?

Jakobs: „Nein. Was soll ich da?“

Sich sehen lassen, Interesse zeigen – und eventuell einmal bereit sein, ein Amt zu übernehmen. Du wirst doch ab und an mal mit dem Aufsichtsrat in Verbindung gebracht.

Jakobs: „Das will ich nicht. Ich gehe auch niemals in den Aufsichtsrat. Das habe ich immer gesagt. So lange da zwölf Leute drin sind, werde ich niemals in den Aufsichtsrat gehen. Ich will mich nämlich nicht lächerlich machen. Man ist als einer von zwölf nur eine Pappnase. Da sitzen zwölf Pappnasen herum. Wie soll man da mal Grund hineinbekommen? Wieso sollte ein Kaufmann, der viel von Finanzen versteht, über sportliche Dinge im HSV entscheiden? Wieso? Das sehe ich gar nicht ein. Und derjenige, der sportliche Kompetenz hat, wird nach innen dann stets überstimmt, muss aber in der Außenwirkung immer schön seinen Kopf hinhalten? Ich möchte nie eine Pappnase sein. Deswegen – muss ich mir das antun? Nein, nein, da setze ich meine Prioritäten doch ganz, ganz anders.“

Letzte Frage: Ist es richtig, dass der HSV David Jarolim gehen lässt?

Jakobs: „Ich bin kein Freund von Jarolims Spielweise. Aber ich bin einer der weiß, wie wertvoll ein David Jarolim für seine Mannschaft sein kann. Ich finde es schade, dass er jetzt so aufhört, er hätte es anders verdient, keine Frage. Er ist ein wichtiger Spieler für den HSV gewesen, und ich glaube sogar, dass er es noch immer sein könnte. Schade für ihn.

So, das war das Gespräch mit Ditmar Jakobs. Hoffentlich kommt dabei rüber, wie viel Feuer darin war. Danke, „Jako“, und alles Gute für 2012.

Kurz noch zu den Mails, die „Matz ab“ zu dem Bericht „Der HSV und seien Manager“ erhalten hat. Es waren einige mehr, als sie hier jetzt gezeigt werden, aber diese sind es nun einmal:

von „altona“:

Dieter: Danke für den “Winterpausenfüller” Manager des HSV”. Habe ich mit großem Interesse gelesen, obwohl nicht ganz so viel Neues zu lesen war.
Macht aber nichts. An einigen Stellen hätte es gerne noch ausführlicher sein können, z.B. warum sich Huhnke/Volkert und Wulf/Bruchhagen nicht mochten.
Ich erinnere mich noch daran, dass Trikotsponsor TV-Spielfilm auf Grund des Zoffs zwischen Wulf/Bruchhagen für ein Spiel seine Werbung von den Trikots
zurückzog. Bruchhagen ist ja immer noch im Profifussball mehr oder weniger erfolgreich tätig. Wulf dagegen hat es ja nur über die Hintertür gerade mal
wieder zurück ins Kabinett der Eitelkeiten geschafft, damit er wieder Mitglied der ruhmreichen HSV-Familie sein darf, jedenfalls solange, bis neu
gewählt wird…

von „trainerglück“:

Wäre der gestrige Blog eine Printausgabe gewesen, hätte ich mir noch nicht einmal die Mühe gemacht, zwischen Altpapier und Hausmüll zu unterscheiden.
Und dann kommt Dieter wie Kai aus der Kiste und zaubert uns ein schönes Nähkästchen.
Vielen Dank und bitte mehr davon!

von „pwehsv“:

Ich finde, die Masseure sollten auch noch zu ihrem Recht kommen, wenn auch alle neben Herrmann verblassen :)

von „matchball“:

Ist das nicht herrlich, ich glaube da scheint Herr Matz mit seiner Retrospektive in Sachen Management eine Lawine losgetreten zu haben, die bis zum
nächsten Blog eine Welle der Abneigung offenbaren wird gegen alles was sich erfolglos im Bürosessel gedreht hat…
Sir Erich bekommt selbstverständlich die meisten Prügel und wird auch nach so vielen Jahren noch ultimativ verbal geteert und gefedert.
Ich freue mich jetzt schon auf den Trainerblog.
Und dann muss ein ganz spezieller Rückblick auf die gefühlten 500 Spieler Pflicht sein, die in den letzten 25 jahren für den HSV Trikot- und
Sponsorenpflege betrieben haben. Da waren so viele exzellente Talente und Superstars dabei, dass es locker bis zum Trainingsauftakt für mehrere Blogs
langt…

von „HSVLuenen“:

Danke Dieter, beim Lesen kamen doch einige Erinnerungen hoch. Allerdings haben sich dabei doch bei den einen oder anderen Namen heute noch die Nackenhaare gekräuselt.
Bei Felix Magath ist mir aufgefallen, der konnte damals schon nicht einkaufen.
Dieter, vergessen hast Du, dass Dr.Krohn aber auch den “Welttrainer” Rudi Gutendorf geholt hat. Die Beiden haben doch die zukünftige Taktik Des HSV gemeinsam und Medienwirksam in den Sand auf Sylt geritzt.

von „nordbert“:

Als “Knüller” fallen mir eher Cristian Ledesma (der hier irgendwie nie eine richtige Chance bekam – weiß man inzwischen eigentlich, ob ihn HH oder DB
geholt hat?), Thiago Neves, der Golfkart-Mann, oder Carlos Alberto ein, der uns dann ja zum Glück doch noch weggeschnappt wurde, was man aber nicht
UNSEREM Vorstand bzw. Sportchef zuschreiben kann.

So, zu Nordbert möchte ich scnell noch sagen, dass ich – so glaube ich jedenfalls – schon einmal etwas über Ledesma und den HSV geschrieben habe. Da ich noch heute ein Tonband habe (aufbewahrt!), das ein Gespräch mit dem damaligen HSV-Trainer Kurt Jara und meiner Person festgehalten hat, gebe ich dieses Gespräch noch einmal zum Besten. Sportchef des HSV war damals übrigens Holger Hieronymus, Klub-Chef Werner Hackmann.

Hier das damalige Interview im Wortlaut:

Matz: Herr Jara, Sie haben gesagt, dass Sie die Verantwortung für die Mannschaft haben. Das trifft aber doch nicht für den Kauf von Cristian Ledesma zu, oder?

Kurt Jara: „In dem Fall ist es so gewesen, ganz klar, dass ich gesagt habe, dass wir auf dieser Position Spieler haben. Aber der Sportchef kam, er hat gesagt, dass wir den Ledesma haben können er will ihn auch. Und dann habe ich gesagt: Ja, ich habe ihn auf Video gesehen, der Mann hat Talent, der ist 23 Jahre, das wird seine erste Auslandsstation – der kann einer sein, dass kann einer werden. Der war ja in Argentinien auch erst seit einem Jahr Stammspieler. Sicher ist die Ablösesumme der große Rucksack, wie sie es bei Jörg Albertz auch war. Es ist ja auch nicht so, dass nicht nur bei uns solche Spieler nicht spielen, der Matellan hat auch bei Schalke lange Zeit nicht gespielt. Solchen Leuten muss man auch Zeit geben.“

Matz: Was mich überrascht: Sie wollten ihn nicht unbedingt, warum haben Sie ihn dann aber genommen?

Jara: „Sagen Sie als Trainer, wenn Sie einen Spieler bekommen, der in Argentinien spielt, mehr oder weniger ein Jahr Stammspieler ist, sagen Sie dann nein? Und dann stehen Sie am Schluss mit drei Punkten da und der Sportchef sagt: ‚Der Trainer wollte den ja nicht . . .’”

Matz: Aber hätten Sie nicht mit Hieronymus sprechen können, dass Sie Ledesma im Grunde gar nicht benötigen? Sie verstanden sich doch so gut mit Hieronymus…

Jara: „Es ist ja nicht so, dass ich ihn nicht unbedingt wollte. Ich habe gesagt, wir nehmen den, und wenn er sich durchsetzt, dann spielt er. Gegen Hannover hat er sich eine Halbzeit lang durchgesetzt, gegen Bremen hat er sich nicht durchgesetzt. Das argentinische Spiel wollen wir ihm ja nicht wegnehmen, aber er hat in Bremen wie gegen Bayern zweimal attackiert, wie es nicht geht. Gegen Bayern gab es dann Gegentore. Die Attacke gegen Salihamidzic, die zum 0:2 führte, da haben der Manni Linzmaier und ich schon darauf hingewiesen, so wie er sie da gefahren hat, die hat er auch schon in Argentinien gemacht. Nur war da seine Mannschaft jedes Mal zwei Klassen stärker als der Gegner. Ledesma hat seine Fähigkeiten, er hat Talent, er muss sich nur durchsetzen. Wenn man Wicky in der Vorbereitung gesehen hat, dann war der eben stärker. Ich kann ja nicht sagen: Ledesma hat vier Millionen Euro gekostet, deswegen muss er spielen.“

Und ganz kurz, wirklich kurz zu den Fragen, warum sich einige Herren nicht so gut verstanden haben. Ja, warum versteht man sich nicht? Generell muss ich mal schreiben, dass es bei vielen Leuten unterschiedliche Auffassungen über die Arbeitsweise, über die Pünktlichkeit, über den Einsatz gab. Es gab dabei auch schon mal die eine oder andere Abmahnung, die dann aber nicht an die Öffentlichkeit gedrungen ist. Das war nicht nur in den oben erwähnten Fällen so – oder so ähnlich. Gibt es immer wieder einmal, wird es auch wohl in Zukunft noch das eine oder andere Mal geben – wenn im Moment bei der jetzigen Führung auch kaum vorstellbar. Aber es kommen ja auch noch eines fernen Tages und irgendwann mal auch wieder andere Leute an die Macht . . .

Nun aber. Das war es für heute. Einen wunderschönen Feierabend wünswche ich Euch – bis morgen in alter Frische.

17.23 Uhr

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