Tagesarchiv für den 26. November 2011

1:1 in Hannover – da war deutlich mehr drin…

26. November 2011

Lehmann war ein Riesentorwart. Das möchte ich vorwegschocken. Ich schätze ihn für seine Verdienste um den deutschen Fußball. Aber seine Kommentare sind eines Pay-TV-Senders wie Sky nicht würdig. Ich würde sogar noch weiter gehen und behaupten, dass sie für niemanden, der auch nur ein bisschen mit Fußball zu tun hat, zu gebrauchen sind. Denn was auch immer auf dem Platz passiert, Lehmann sieht was anderes. Vielleicht passt er auch einfach nicht auf. Wer weiß es. Und: eigentlich ist es auch egal. Schließlich können wir alle das Spiel einschätzen, ohne uns von Lehmann beirren zu lassen.

Deshalb bleibe ich auch dabei, dass die erste Halbzeit nicht annähernd so schlecht war, wie Lehmann es machte. Natürlich kann man kein Spiel mit Ballstafetten á la Real Madrid erwarten, dafür geht’s schon allein für den HSV um zu viel. Und für ein solches Spiel agiert Hannover auch definitiv zu de-struktiv. 96-Trainer Slomka hatte bereits angekündigt, keinen erhöhten Wert auf Ballbesitz, dafür aber auf Effektivität seiner Mannschaft zu setzen. Und das hatte ein von seinen Akteuren eher behäbig wirkendes Spier zur Folge.

Dennoch gab es ausreichend rassige Zweikämpfe und Torraumszenen. Gleich vier Mal (!!) rettete der mal wieder überragende Jaroslav Drobny in höchsten Nöten. Dabei konnte der Tscheche in der 14. Minute sogar im Eins-gegen-Eins gegen Hannovers Schlaudraff dank einer sensationellen Fußabwehr eine Hundertprozentige der Niedersachsen vereiteln.

Nein, das Spiel war nicht schön, aber spannend. Und das, weil Hannover wie erwartet gut konterte, und der HSV wie angekündigt ein sehr hohes Laufpensum an den tag legte. Neben Schlaudraff scheiterten auch Hannovers Abdellaoue (17.) und Haggui (20., war allerdings abseits) am HSV-Keeper, während auf der anderen Seite die laufstarken Heung Min Son sowie Paolo Guerrero immer wieder Lücken in die Gegner-Abwehr rissen. Guerrero (2., 32.), Töre (3.), Jansen (10., 25.), Son (29.) und vor allem der starke Gojko Kacar (35.) vergaben für den HSV gute Gelegenheiten. Und, auch wenn ich nach dem unfassbar schlechten Saisonstart des HSV etwas genügsamer geworden bin, daraus dann das „schwächste Topspiel der Saison“ zu machen, wie es Lehmann machte, kann ich nicht nachvollziehen. Im Gegenteil, es zog für mich die sofortige Suche nach der Kommentarfunktion im Sky-Menü nach sich.

Und auch in der zweiten Halbzeit legte der HSV von der ersten Sekunde an ein hohes Tempo vor. Und um es vorwegzunehmen, ich hörte weiterhin den Kommentator Dittmann samt Lehmann. Und es dauerte tatsächlich bis zur 48. Minute, bis ich Lehmann vollkommen recht geben musste. Heung Min Son soll bei einem Zweikampf, an dessen Ende Guerrero den Ball zum 1:0 auf dem Fuß hatte, gefoult haben. Gezogen haben sollte er laut Schiedsrichter Felix Zwayer (Berlin), der heute keine glückliche Figur abgab. Allerdings bestätigte die Zeitlupe das auch von Lehmann Er-ahnte: es war KEIN Foul.

Aber egal, die HSV-Mannschaft lamen-tierte nicht lang und legte nach. Mit der besten Chance in der 56. Minute, als Drobny einen schnellen Konter über Westermann einleitete. Der HSV-Kapitän verpasste allerdings den finalen Pass, der Töre die Chance eröffnet hätte, allein aufs 96-Tor zuzulaufen. Ein Fehler, den der HSV fast doppelt bereut hätte, allerdings parierte Drobny den Schuss des 96ers Stoppelkamp.

Doch auch eine weitere vergebene Kontermöglichkeit sollte sich für den HSV nicht weiter rächen. Im Gegenteil, der HSV holte sich den verdienten Lohn seiner Arbeit. Cherundolo hatte unnötig zur Ecke geklärt. Die trat Töre von links und fand in der Mitte den mit ihm zusammen im Sommer vom FC Chelsea zum HSV gewechselten Bruma, der mit einem langen Bein weder seinem Gegenspieler Abdellaoue noch dem guten 96-Torwart Zieler eine Chance ließ – das 1:0 für den HSV in der 64. Minute.

Und als ich mich schon darauf einstellen wollte, den nächsten Dreier hier zu bejubeln, kam das, was Hannover auszeichnet: sie machen aus nichts Tore. Diesmal – wie in 70 Prozent ihrer eigenen Treffer – über einen Eckball. Schlaudraff hatte sich bis kurz vor die Mittellinie zurückgezogen und sich so aus dem Blickfeld der HSV-Defensive gestohlen. Allerdings war er schnell wieder da, als der Eckball getreten wurde und traf mit einer Direktabnahme aus 20 Metern. Ein Traumtor. Unhaltbar für Drobny. Leider. Das 1:1. Besonders ärgerlich: Dem Eckball war ein Foul-pfiff vorausgegangen, der falsch war…

Dennoch, plötzlich war es ein Spiel mit zwei aktiven Mannschaften. Hannover scheiterte durch Pander an Drobny (83.) und der HSV an seiner Ungenauigkeit beim letzten Pass. Nachdem Zwayer einen eindeutigen Freistoß an Son nicht gegeben hatte (wäre direkt am Sechzehner eine sehr gute Position gewesen), konnte Guerrero Son den Ball nicht ausreichend scharf in den Lauf spielen. So rettete Pogatetz, bevor der Südkoreaner allein aufs 96-Tor hätte zulaufen können. Umso ärgerlicher, dass Rincon in der 89. Minute völlig allein vor Zieler beim Schuss ausrutschte.

Was blieb war die Erkenntnis, dass der HSV einen Dreier verpasste, der ebenso drin wie verdient gewesen wäre. Auch deshalb jubelten die Hannoveraner nach dem Schlusspfiff, während beim HSV zunächst der Ärger über die verpasste Chance vorherrschte. Dass Hannovers Trainer anschließend von einem für beide Seiten zufriedenstellenden Ergebnis sprach, bleibt ihm exklusiv vorbehalten. „Wir haben hier 90 Minuten dominiert, das Ergebnis ist nicht zufriedenstellend“, konterte Westermann nach dem Spiel. Und er hatte Recht. Auch damit: „Das ist einfach sehr ärgerlich.“ Obwohl die Mannschaft unter Fink weiter ungeschlagen ist. Und obwohl der HSV auswärts dominierte, eine Handschrift des neuen Trainers immer deutlicher erkennbar wird. Der Fußball wird weiter besser. Auch wenn es sich wie heute nicht ausrei-chend oft in drei Punkten nieder-schlägt. „Wir haben ein sehr, sehr gutes Spiel gemacht, deshalb ärgere ich mich. Dazu noch so ein Sonntagsschuss – umso ärgerlicher, weil wir die zweite Halbzeit dominiert haben. Wir haben genug Konterchancen gehabt, die wir besser hätten ausspielen müssen.“

Aber ganz sicher: Das holen Fink und Co. nach. In der kommenden Woche gegen Nürnberg.

In diesem Sinne,
bis morgen, (ein nur vom Ergebnis enttäuschter) Scholle