Tagesarchiv für den 24. November 2011

Fink warnt – und Jansen hat sein Glück gefunden

24. November 2011

Ein langer Tag. Mal wieder. Allerdings muss ich zugeben, dass er auch deshalb so lang war, weil schon heute langsam die Vorfreude auf das Spiel in Hannover steigt. Sonnabendabend das Topspiel des Tages in Niedersachsen – dort, wo der HSV in den letzten Jahren fast nie gut aussah. „Wir haben mehrere Negativserien durchbrochen“, freute sich heute auch Trainer Thorsten Fink nach dem ersten Heimsieg der Saison. Allerdings, und das unterstreicht die Ambitionen des neuen HSV-Cheftrainers, warnte er zugleich. Er mahnte sogar zu frühe Zufriedenheit an. „Die Interviews in dieser Woche sind mir alle zu positiv. Wir gehen einen guten Weg. Aber ich verlange, dass wir weitermachen.“ Zwar habe er grundsätzlich Verständnis dafür, dass die Spieler nach dem Sieg etwas gelöster seien. Allerdings dulde er keinen Stillstand. Denn: „Zufriedenheit bedeutet Rück-schritt“, so Fink in seiner betont ernst geführten Pressekonferenz heute.

Und obwohl mir die übermäßige Zufriedenheit bei den Spielern nicht explizit aufgefallen ist, freue ich mich. Ich finde es gut, dass Fink nicht nur in schlechten Phasen auf Optimismus macht, sondern auch in vermeintlich besseren Phasen vor zu früher Zufriedenheit mahnt. Denn genau daran ist der HSV in den letzten Jahren immer wieder gescheitert. Immer dann, wenn die Mannschaft einen ganz großen Sprung machen konnte, vergab sie die Chance. Und das Trainer übergreifend.

Nein, am Wochenanfang hatten wir die Möglichkeit, Thorsten Fink in einem längeren Interview auch zu persönli-chen Dingen zu befragen. Und auch dabei machte der Coach eine gute Figur. Das Ergebnis dürften einige von Euch wahrscheinlich schon in der Print-Ausgabe vom Dienstag oder auch im Internet gelesen haben. Allerdings gab es noch einige Dinge, die das Interview in der zeilenmäßig eingeschränkten Form zwangsläufig nicht komplett transportierte. Denn Fink zeigte sich von seiner sensiblen Seite. Wobei er immer seine bestimmte, klare Art bei-behielt und mit jedem Satz sein Selbstvertrauen und Ehrgeiz präsent war.

Aber er gewann – auf jeden Fall bei mir – mit seiner familiären Art. Wie Fink über seinen Vater sprach, wie er seine Jugend umschrieb, wie er dafür seine Eltern lobte – all das zeigt mir, dass Fink geerdet ist. Egal wie er auch auf die Tonne haut, wenn nur die Hälfte von dem stimmt, was er über seinen Vater gesagt hat, dann wird er niemals zu weit abheben können. Seinem Vater, dem Zechenarbeiter, sei dank.

Ich weiß, das alles bringt zwar noch keine Punkte. Klar! Aber es macht es einfacher, an jemanden zu glauben. Daran, dass den starken Worten auch starke Taten folgen. Wie bei Marcell Jansen zuletzt. Auch der wieder er-starkte, inzwischen sogar wieder torgefährliche Linksfuß war heute auf dem Podium – und um den Blog nicht noch später erscheinen zu lassen, als nötig, stelle ich Euch die Printgeschichte vom Freitag hier rein. Viel Spaß:

Als ihn Horst Köppel das erste Mal 1999 beobachtete, war dem ehemaligen Nationalspieler mit geschultem Trai-nerblick sofort klar, dass hier ein außergewöhnliches Talent vorspielte. Dabei war Köppels erste Begegnung mit Marcell Jansen eher dem Zufall geschuldet: „Eigentlich wollte ich meinem Sohn zugucken, der damals mit Marcell in der B-Jugend von Borussia Mönchengladbach spielte. Aber ich habe sofort gesehen, dass Marcell die weitaus größere Begabung hatte. Er war schnell und körperlich schon sehr gut entwickelt.“
Elf Jahre später sitzt Marcell Jansen, 26, blaue Trainingshose, schwarze Jacke, auf dem Podium im Presseraum der Imtech-Arena. Vor der Tafel mit den Logos der HSV-Sponsoren spricht der Nationalspieler über die Lage des HSV im allgemeinen und seine persönliche Situation im besonderen. Jansen war noch nie jemand, dem man zu solchen Terminen zwingen musste. Reden, das ist ohne Frage einer seiner Stärken – auch in Zeiten, wo es mal nicht so gut läuft. Doch gestern machte Jansen der Auftritt besonderen Spaß. „Ich fühle mich gut. Ich bin wieder voll im Saft“, sagt er, die Hände lässig auf dem Kinn gestützt.
Ein Trainerwechsel, dies ist eines der Naturgesetze der Branche, teilt eine Mannschaft immer in Gewinner und Verlierer. Zu den großen Gewinnern der Ablösung von Michael Oenning und der Verpflichtung von Thorsten Fink zählt ohne Frage Jansen. Unter Oenning bestritt er nur zwei Spiele über 90 Minuten, je zwei Mal wurde er aus- und eingewechselt. Fink machte den Teil-zeitarbeiter wieder zur Stammkraft – Jansen verpasste unter ihm nur fünf von insgesamt 360 Bundesliga-Minuten. Auch im Spiel am Sonnabend (18:30 Uhr) bei Hannover 96 ist er gesetzt. Jansen traf sowohl in Leverkusen (2:2) als auch gegen Hoffenheim (2:0). Damit hat er unter Fink in vier Spielen genauso viele Tore erzielt wie in der insgesamt 14 Monate währenden Ära Vehs und Oennings. Das neue Offensiv-Spielsystem, erklärt Jansen, komme gerade ihm entgegen: „Wir haben mehr Ballbesitz, dadurch werden meine Laufwege kürzer.“
Findet Jansen bei seinem siebten HSV-Trainer – die Interims-Übungsleiter Ricardo Moniz und Rudolfo Cardoso eingerechnet – endlich sein Glück? Nach seinem überraschenden Wechsel für acht Millionen Euro im Sommer 2008 von Bayern München wurde er zwar sofort unter Trainer Martin Jol zur Stammkraft. Doch schon unter Nachfolger Bruno Labbadia holte ihn das Verletzungspech wieder ein. Mit Armin Veh und Michael Oenning geriet er dann auch menschlich aneinander. Beide warfen Jansen mangelnde Einsatzbereitschaft vor. Zu lange habe er wegen eines schnöden Zehbruchs pausiert.
Einen Vorwurf, den Jansen bis heute nicht akzeptiert. Er habe sich sehr wohl gequält, im Sommer sogar auf eigene Kosten einen Fitness-Trainer in den USA engagiert: „Das war mein Vor-Vorbereitungslager“, sagt er. Auch Horst Köppel, der ihn in seiner Trainerzeit bei Borussia Mönchengladbach zum etablierten Stammkraft machte, hat Jansen nur positiv in Erinnerung: „Bei mir hat er sogar Sonderschichten mit dem Co-Trainer eingelegt, um seinen Antritt zu verbessern.“
Womöglich braucht Jansen auch schlicht einen Trainer wie Thorsten Fink. „Er ist ein positiver Typ“, sagt Jansen. Ohne Frage ticken die beiden ähnlich: Selbstbewusst, eloquent, clever. Jansen baut sich schon jetzt ein zweites berufliches Standbein auf. Bereits vor fünf Jahren gründete er die Agentur „MJ GmbH“. Eines der großen Projekte ist das Online-Poker-Portal „v-i-poker.de“, wo man gegen Prominente antreten kann. Die Poker-VIPs akquiriert Jansen im Kollegenkreis: Virtuell werben auf der Seite Nationalspieler wie Mesut Özil oder Lukas Podolski. Zu gewinnen gibt es signierte T-Shirts von der WM 2010.
Noch fehlt das aktuelle EM-Trikot. Kein Wunder, Jansen bestritt sein letztes Länderspiel vor über einem Jahr beim 1:0-Sieg am 3. September 2010 in Brüssel gegen Belgien. 36 Länderspiele sind eher enttäuschend für einen Mann, der mit 20 als eines der größten Hoffnungen im deutschen Fußball galt – inklusive Werbevertrag als Nutella-Boy. Aber Jansen glaubt weiter an seine Chance: „Ich habe die Teilnahme an der EM 2012 noch nicht abge-schrieben. Auch bei der WM 2010 bin ich ja noch im letzten Moment auf den WM-Zug aufgesprungen.“ Positiv denken konnte Jansen schließlich schon immer.

In diesem Sinne, hoffen wir, dass Fink und Jansen den bisher eingeschlagenen Weg weitergehen. Spaß macht der mir jetzt schon.

Euch allen – nein, uns allen eine gute Nacht! Bis morgen, dann wieder zu 100 Prozent für den Blog unterwegs,

Scholle

P.S.: Mladen Petric konnte wegen seiner Wadenprobleme auch heute nicht trainieren. „Mladen wird in Hannover voraussichtlich noch nicht dabei sein können“, so Trainer Thorsten Fink heute.