Tagesarchiv für den 18. November 2011

Es gibt sie doch, die vernünftigen Jungen…

18. November 2011

Euphorie – in schönes Wort, vor allem, wenn es denn auch gelebt werden kann. Bei der Nationalmannschaft am Dienstag war das der Fall. Ich habe es genossen und genieße den Ausblick auf diese Mannschaft mit schier unbegrenztem Potenzial noch immer. Und da wollen wir auch wieder hin. Beim HSV in Winsen war zwar herzlich wenig von Euphorie zu spüren, um es vorsichtig zu formulieren. Dafür gibt es aber eine breite Zuversicht beim HSV, die begründet ist. Vordergründig verursacht sie der immer sehr offensiv und optimistisch auftretende Trainer Thorsten Fink. Allerdings wird Fink von jungen HSV-Profis flankiert, die allemal Anlass geben, den Optimismus zu leben. Wie zum Beispiel Gökhan Töre.

Der Deutsch-Türke musste beim Ausscheiden gegen Kroatien mit der türkischen Nationalmannschaft zwar gerade einen herben Schlag hinnehmen, allerdings wirkt der Linksfuß ansonsten frisch. Trainer Fink nennt diese Qualität Töres „fußballmental stark“. Soll heißen, Töre ist einer, der sich keine falschen und auch nicht zu viele Gedanken macht. Dadurch kann er auch Negativerlebnisse schnell verdauen und ist alsbald wieder auf das Wesentliche konzentriert. „Es stimmt“, sagt Töre, „ich bin ein positiver Typ und kann mit Rückschlägen sehr gut umgehen. Die Vergangenheit interessiert mich schnell nicht mehr.“ Dabei hat das bittere Aus seiner Türken in der Heimat hohe Wellen geschlagen. Unter anderem musste Trainer Guus Hiddink gehen. „Unser Volk ist sehr emotional“, sagt Töre, „da sind alle traurig. Auch ich war schockiert.“ Allerdings habe er schnell Ablenkung gefunden. „Drei Punkte gegen Hoffenheim und mir geht es wieder gut.“ Obwohl mit Hiddink sein größter Befürworter gehen musste und er sich nach eigener Aussage eine Menge Hohn und Spott von seinem kroatischen Mannschaftskollegen Ivo Ilicevic anhören muss.

Der HSV scheint für Töre Heimat geworden zu sein. Angesprochen darauf, ob er – wie einige vor ihm schon – den HSV als Sprungbrett für größere Klubs nutzen möchte, sagt er: „Nein. Hier ist alles toll.“ Und Töre klingt ehrlich. Deshalb betont er auch, dass er als Fußballer noch viel erleben wolle. Und auch solche Beispiele wie Uwe Seeler, der nur für den HSV (das eine Spiel für Cork zähle ich nicht) spielte, nennt er ehrlich „utopisch“. Dafür hätten sich die Zeiten zu sehr geändert. Allerdings macht Töre auch keinen Hehl daraus, dass er bei und mit dem HSV noch große Ziele hat. „Dabei geht es mir nicht gleich darum, irgendeinen Titel holen zu müssen. Aber es macht hier riesigen Spaß und den will ich mit der Mannschaft zusammen in Erfolge umsetzen. Wir wollen uns weiter gut entwickeln und möglichst bald auch mal einen Sieg an den anderen reihen.“

Töre sieht seine Zukunft beim HSV. Ebenso wie Zhi Gin Lam, der gestern seinen ersten Profivertrag bis 2015 unterschrieb. Ein Moment, den er nie vergessen wird. „Ich bin jetzt Profi“, so der 20-Jährige, für den sich seit seiner Beförderung von der U23 zum Bundesligateam durch Rodolfo Cardoso sehr viel verändert hat, noch etwas ungläubig. „Es ging ja auch alles sehr schnell, damit hatte ich wirklich nicht gerechnet. Das musste ich erst einmal realisieren“, so Lam heute. Zumal er im Sommer noch tief frustriert war, als etliche seiner U-23-Kollegen mit den Profis ins Trainingslager reisen durften – er allerdings nicht. „Ich war damals frustriert und habe meinen Berater angerufen. Der sagte, ich solle geduldig bleiben – und das hat sich dann gelohnt.“

Ruhe, Geduld und Bodenständigkeit – das sind neben allen sportlichen Qualitäten Lams Vorzüge. Er wohnt noch immer bei seinen Eltern in Lohbrügge, besuchte unter der Woche seine alten Kollegen von der U23 beim Training und telefoniert noch immer mit seinen Jugendtrainern aus Allermöhe und Lohbrügge. Und er ist – wie Töre – kein Schnacker. Lam zählt nicht zu denen, die Gefahr laufen, abzuheben. „Ich wurde so aufgezogen, nie zu viel zu haben. Es kam nie etwas von allein“, so Lam, der trotz des drastisch verbesserten Gehaltes nicht gleich zum nächsten Ferrari-Händler laufen will. Im Gegenteil. „Ich lade meine Familie zum Essen ein. Wie immer, wenn ich einen neuen Vertrag unterschrieben habe. Ansonsten verändert sich nichts.“ Vor allem nicht er selbst.

Lam, der heute in unserer Runde ebenso sichtbar wie meiner Meinung nach grundlos nervös war, macht Hoffnung. Zum einen, weil er ein überdurchschnittlich talentierter Fußballer ist. Zum anderen aber auch, weil er das Gegenteil zu den Jung-Millionären ist, die als „die neue Generation halt“ von den Älteren kritisiert werden. Lam ist eben kein Elia, der sich auf das falsche Umfeld verlassen hat – und damit trotz seines Potenzials zum Weltklassefußballer im Mittelmaß stagniert. Lam ist ein bescheidener Junge, der mit jeder Silbe betont, dass er lernen will. Jeden Tag. Selbst Spieler wie Töre, der sogar ein Jahr jünger ist – bezeichnet er als „Vorbild, von dem ich täglich lernen kann“. Lam wirkt gut erzogen. Er scheint die richtige Portion Bescheidenheit zu haben, um seine exponierte Stellung als Fußballprofi richtig einzuschätzen und ihren Wert zu erkennen. Zuhause bei seinen Eltern will er vorerst wohnen bleiben. „Und ich werde weiterhin den Abwasch machen müssen“, so Lam.

Die Gespräche mit Lam und Töre zeigen, dass die neue Generation nicht so versaut ist, wie wir oft beklagt haben. Es gibt sie noch, die jungen, erfolgshungrigen und vernünftigen Jungs. Zwei davon hatten wir heute im Gespräch – und das hat mir richtig gefallen. Es waren zwei Gespräche, die mich an den HSV glauben lassen, die meine persönlichen Aussichten verbessern. Euphorisch bin ich sicherlich noch nicht – aber ich könnte es werden, wenn der HSV bis zum Winter tatsächlich die 20-Punkte-Marke durchbricht. Weil das zeigen würde, was ich glaube. Denn wer Leute wie Töre und Lam binden kann, wer einen Fink als Trainer holt – der muss was können. Daher an dieser Stelle noch einmal: Chapeau, Herr Arnesen!

Und dieses Kompliment habe ich lange nicht exklusiv. Im Gegenteil. Indirekt stellt auch Ottmar Hitzfeld dem HSV und damit insbesondere Frank Arnesen, ein erstklassiges Zeugnis aus. Zumindest bei der Trainerwahl. Fink sei ein „Spitzentrainer, der irgendwann beim FC Bayern landen wird, weil er das Bayern-Gen hat“, so Hitzfeld heute bei einem Termin des Fernsehsenders „Sky“. Fink sei „ein Taktikfuchs, ein großer Motivator, er hat eine hohe Sozialkompetenz und kann begeistern“, erklärte Hitzfeld, selbst jahrelang Trainer des FC Bayern und derzeit Schweizer Nationaltrainer. Er prophezeite auch, dass sein ehemaliger Spieler mit dem HSV „bald im Mittelfeld“ stehen werde und „vielleicht auch noch den Europapokal“, was aber grundsätzlich „nur eine Frage der Zeit“ sei. Und warum sollten wir uns hier mit euphorisierten Gedanken zurückhalten, wenn selbst so renommierte Leute wie Hitzfeld den HSV schon für die kommende Saison in den Europa-Cup wähnen??

Dann sicherlich nicht mehr dabei sein dürfte David Jarolim. Der Tscheche wird den HSV im Winter oder spätestens im Sommer ablösefrei verlassen. Und der 32-Jährige will nach Möglichkeit weiter in der Bundesliga spielen. Heute berichten Münchner Zeitungen, dass der ehemalige HSV-Kapitän bei den Löwen hoch im Kurs steht. Da heißt es: „…obwohl es sportlich attraktivere Alternativen für Jarolim gibt (auch Augsburg und Düsseldorf bieten mit), rechnen sich die Sechziger eine gute Außenseiterchance aus, nach Collin Benjamin einen zweiten Routinier vom HSV zu übernehmen. „Die Frage ist, ob wir ihn uns leisten können“, sagt Hinterberger, „und ob Jarolim bereit ist, für ein Viertel seines gewohnten Gehalts zu spielen.“ Sportlich, da sind sich Präsident und Manager einig, wäre Jarolim auf jeden Fall ein Gewinn. „Vom Spielertyp her würde er ideal passen“, sagt Hinterberger.
Worte, denen ich mich anschließen kann. Allerdings drohen sie relativ wirkungslos zu verhallen. Zumindest ist meine Info die, dass die zweite Liga für Jaro keine Alternative ist. Es ist daher kaum denkbar, dass Jaro seinem Kumpel Benjamin folgt. Egal wie nett in München über ihn gesprochen wird.

In diesem Sinne, am Sonnabend wird um 16 Uhr – mit Jarolim und seinen designierten Erben Lam, Töre und Co. – an der Arena trainiert. Und am Sonntag wird gewonnen. Auch wenn Holger Stanislawski, den ich sehr schätze, heute auf der Pressekonferenz der TSG betonte, dass es für ihn nichts Schöneres gibt, “als beim HSV zu gewinnen”. Das hatte er. Mindestens einmal zu viel.

Bis morgen, Scholle (17.30 Uhr)

Kurz notiert:
Beispiel:
Noch ein Grund, weshalb mir Töre immer besser gefällt (die aufmerksamen Blogger werden wissen, was ich meine): Heute verglich er den Fußball der Deutschen im Spiel gegen die Niederländer anerkennend mit dem Fußball auf der Playstation…
Schreck: Tomas Rincon musste das Training heute mit einem dicken Verband ums Knie beenden. Allerdings gab der kernige Mittelfeldspieler umgehend Entwarnung: “Alles okay. Es tat ein bisschen weh, wird aber gehen.”
Klicks: Wer sich die letzten Klickzahlen angesehen hat, wird erkannt haben, dass es pro Blogbeitrag aktuell mal etwas weniger geworden ist. Das ist schade, aber in einer Länderspielpause auch verständlich. Dennoch haben wir von gestern auf heute die Marke von 500 000 Posts durchbrochen! Und die erste Million ist das nächste Ziel. Danke dafür!