Tagesarchiv für den 16. November 2011

HSV in Winsen – ein Kulturschock

16. November 2011

Da meinte es der Fußball-Gott aber mal so richtig gut. Mit mir, wofür ich an dieser Stelle noch mal allen beteiligten meinen tief empfunden Dank aussprechen will. Aber ganz sicher auch mit den anderen 51499 Zuschauern in der Imtech-Arena und den Millionen Fußballfans vor den Fernsehern. So ein Offensivfußball wie die deutsche Nationalelf gegen die Niederländer abzog durften wir in Hamburg lange nicht mehr sehen. Allerdings, und da werdet ihr mir alle zustimmen, hat Trainer Thorsten Fink zumindest genau das seit Wochen als sein größtes Ziel proklamiert. Auch der HSV soll, so die Vorstellung Finks, möglichst offensiv-dominant agieren. „Die Nationalmannschaft ist schwer mit einer Vereinsmannschaft vergleichbar. Aber es gab sicherlich bestimmte Dinge, die in der Nationalelf so gut funktioniert haben, dass sie als Beispiel dienen können“, sagt Dennis Aogo, der gegen die Niederlande auf der linken Seite eine ordentliche Partie ablieferte, „mit Sicherheit auch einige Dinge, die sich der Trainer anschauen konnte.“

Und wie ich Fink kenne, hat er das. Fink hat gesehen, dass eine Mannschaft mit Spielern wie Thomas Müller, Miroslav Klose, Toni Kroos und Mesut Özil offensiv alles in den Schatten stellt. Selbst eher durchschnittliche Viererketten haben dann kaum mehr Probleme, da der Ball weitgehend von ihnen ferngehalten bleibt. Die beste Nachricht allerdings war für mich in der geglückten Revanche fürs Halbfinale 1988 (auch damals war ich im Stadion und knabberte bis gestern noch daran), dass diese Deutsche Nationalmannschaft Weltklassefußball spielen kann. Und wer auch immer mit der Erklärung kommt, bei den Niederländern hätten ja auch van Persie, van der Vaart und Robben gefehlt, dem nenne ich mit Lahm, Schweinsteiger und auch Gomez, der nur auf der Bank blieb, drei Namen, die im Deutschen Spiel fehlten.

Nein, das gestrige Spiel war natürlich nur ein Test, aber er hat gezeigt, wozu die Deutschen unter Trainer Joachim Löw in der Lage sind. Jetzt wissen alle im Team, dass sie alles können. Und dieses Selbstvertrauen braucht eine Mannschaft, die eine EM gewinnen will.

Was mich wiederum an den HSV erinnert. Der hat zwar in den letzten Spielen nicht dreifach gepunktet, allerdings hat die Mannschaft Spiele hingelegt, in denen sie gezeigt hat, was sie kann. Sollte das so oft zitierte Potenzial nunmehr mal über 90 Minuten abgerufen werden, werden auch die HSV-Fans von ihrer Mannschaft ähnlich verwöhnt, wie die Deutschlandfans gegen die Niederlande. Zumindest relativ betrachtet. „Im Bus auf dem weg zum Hotel haben mich ein par Spieler schon geflachst, dass es jetzt für uns als HSV-Spieler schwer würde, die eigenen Fans zufriedenzustellen. Zu hoch sei die Messlatte gehängt. Aber ich bin mir sicher, dass unsere Fans wissen, in welcher Situation wir sind. Und vor allem, dass erstmal nur ein Sieg zählt. Das allein würde uns schon zufriedenstellen.“

Aogo wirkte gefasst. Er sei stolz darauf, bei einem so großen Ereignis dabei gewesen zu sein. Dennoch, und solche Sätze folgten immer unmittelbar auf eine Schwärmerei, „ich werde aus dem Spiel in erster Linie mitnehmen, dass es endlich mal wieder ein Heimsieg war. Dieses Gefühl nehme ich mit in das Spiel am Sonntag gegen Hoffenheim. Die Tendenz bei uns ist positiv“, war Aogo immer schnell wieder beim HSV, „und wir haben einen sehr guten Trainer, der sehr viel entdeckt und umgesetzt hat. Ich habe überhaupt keinen Zweifel, dass wir Erfolg haben werden.“

Gut so. Denn bei aller Freude und Verständnis für die Jubelarien nach diesem 3:0 der DFB-Elf, für einen wirklich geglückten Jahresausklang fehlen wahrscheinlich nicht nur mir noch etliche Punkte. Drei davon sollten am Sonntag gegen allemal nicht überragend auftretende Hoffenheimer geholt werden. Mit einer positiven Grundstimmung. „Wir dürfen uns nicht mehr mit dem beschäftigen, was hinter uns liegt“, sagt Aogo, der die Fink’sche Denkweise schon verinnerlicht hat: „Je mehr wir über das reden, was nicht funktioniert, desto mehr machen wir uns verrückt und provozieren Fehler.“

Wie in Winsen an der Luhe. Vor 4000 Zuschauern und gefühlten minus 60 Grad gewann der HSV zwar, allerdings konnte beim enttäuschenden 3:1 bis auf den Sechstligisten (Landesliga) niemand zufrieden sein. Auch Fink nicht. „Wir haben zu wenig Tore gemacht, ganz klar. Die erste Halbzeit war noch ganz okay, die zweite eher nicht mehr.“ Dennoch, Fink wäre nicht der der letzten Tage, würde er nicht auch aus diesem Spiel etwas Positives mitnehmen. „Diese Spiele sind wichtig für den Rhythmus und das ständige Üben von Automatismen.“ Und zumindest der griff über die rechte Seite. Denn sowohl das 1:0 durch Berg (8.) als auch das 2:0 durch Jansen bereitete Dennis Diekmeier nach jeweils schönen Pass von Zhi Gin Lam vor, indem er seinen Gegenspieler überlief und direkt flach nach innen passte.

Besonders bitter war der Abend indes für Sven Neuhaus. Der dritte Torwart griff beim Anschlusstreffer des Winseners Yannick Heidrich bös daneben. Der Neuner der bei Kontern erstaunlich gefährlichen Gastgeber vollendete per Kopf. Es war Neuhaus’ erste Szene, in der er eingreifen musste (19.), bevor er in der zweiten Hälfte zweimal in höchster Not rettete und sich zumindest teilweise rehabilitieren konnte. Dennoch, dieser Abend war kein Leckerbissen. Winsen hätte vor dem 1:3 durch Tesche (84.) seinerseits treffen und aus einem schwachen HSV-Spiel eine Blamage machen können. Und im Vergleich zum offensiven Feuerwerk von gestern natürlich (und auch erwartet) ein richtiger Kulturschock. Aber welches Spiel wäre das nicht…

Allerdings, und das lässt dieses Spiel schnell zu einer schwächeren, aber wenig aussagekräftigen Trainingseinheit verkommen, heute agierten mit Westermann, Jansen, Diekmeier und Berg nur vier Spieler, die auch am Sonntag gegen Hoffenheim auf dem Platz stehen werden. Und ich bin mir sicher, dass gerade mit Leuten wie Guerrero, Töre und vielleicht auch schon Ilicevic das Offensivspiel des HSV gegen Hoffenheim ganz anders aussehen wird als heute.

Das muss es allerdings auch.

In diesem Sinne, bis morgen!
Scholle (20.20 Uhr)

P.S.: David Jarolim fehlte mit einer leichten Grippe, soll aber am Donnerstag voraussichtlich um zehn Uhr mittrainieren können.