Tagesarchiv für den 15. November 2011

Fink: Die Mannschaft muss selbst erkennen, wie gut sie ist

15. November 2011

Es ist Länderspieltag. Sichtbar, denn der Presseraum im fünften Stock ist nicht wiederzuerkennen. Überall leuchten Mercedes-Sterne, an den Wänden hängen statt der HSV-Bilder plötzlich Gruppenfotos verschiedener Nationalmannschaften seit 1996 mit fast ausschließlich gelangweilt dreinschauenden Nationalspielern im Mercedes-Werk. Und mittendrin sitzt Thorsten Fink. Zur turnusmäßigen Presserunde mit uns. Wobei: der Inhaltsreichtum seiner Presserunden hatte heute zusätzliche Kollegen angelockt. Und der HSV-Trainer enttäuschte mal wieder nicht. Aber der Reihe nach.

Während in der Imtech-Arena lautstark die deutsche Nationalhymne zur Probe über Lautsprecher abgespielt wurde, fing Fink an, über seinen HSV zu sprechen. Zunächst mit der unerfreulichen Nachricht, dass Romeo Castelen einen Muskelfaserriss hat und einige Wochen ausfallen wird. Mal wieder. Und zu oft für Fink, wenn ich den Trainer richtig verstanden habe. „Wenn er sich immer wieder neu verletzt, müssen wir bei der Trainingsdosierung aufpassen.“ Am oberen rechten Oberschenkel hat sich der Niederländer, der ob diverser Operationen in den letzten zwei Jahren fast durchgehend pausieren musste, den Faserriss zugezogen. Und so recht gesund wird er seit Jahren nicht. Unmittelbar vor dem Winter-Transferfenster für Fink Anlass genug, sich grundsätzlich über die Sinnhaftigkeit der Personalie Castelen Gedanken zu machen. Und das wohl leider zurecht, wie ich aus eigener, leidvoller Erfahrung sagen kann. Denn Castelens Verletzung lässt eine feste Planung kaum mehr zu. Zumindest sagte mir das mein operierender und noch immer behandelnder Arzt. Hintergrund: ich habe den gleichen Grad Knorpelschaden im Knie. Und der lässt eigentlich keine zuverlässige – zumindest keine langfristige Planung mehr zu. Selbst bei den besten Behandlungen und Therapien – ein Heilmittel für Knorpelabnutzung gibt es einfach (noch) nicht. Daher bleibt nur zu hoffen, dass der HSV weiter Geduld hat mit dem pfeilschnellen Außenspieler und dass der sich möglichst schnell vom Faserriss erholt. Zu gönnen ist es dem immer sehr positiv auftretenden, sympathischen Niederländer nach der langen Leidenszeit allemal.

Hoffen darf Fink indes wieder auf zwei Stammkräfte, die zuletzt ausgefallen waren: Jeffrey Bruma und Mladen Petric. Denn beide dürfen doch noch auf einen Einsatz gegen Hoffenheim am Sonntag (17.30 Uhr, Imtech-Arena) hoffen. Petric absolvierte am Dienstag eine Einheit mit Athletik-Trainer Markus Günther und soll nach Möglichkeit am Donnerstag wieder ins Mannschaftstraining einsteigen. Fink: „Das sah schon sehr gut aus. Vielleicht reicht es ja für ein paar Minuten.“ Noch einen Tick besser sieht es bei Bruma aus. „Er wird wohl fit sein“, sagt Thorsten Fink, der sich in den Trainingseinheiten davon überzeugen will, ob letztlich Bruma neben Westermann in die Innenverteidigung zurückkehrt oder doch Michael Mancienne eine erneute Chance erhält. „Michael hat sich gefangen. Schon in der zweiten Halbzeit gegen Leverkusen hat man gesehen, dass er sicherer wurde“, so Fink. Der Trainer weiter: „Die Entscheidung, wer neben Heiko aufläuft, ist noch nicht gefallen.“

Klar ist dagegen, dass Marcus Berg im Angriff neben Paolo Guerrero beginnen wird. Der Schwede hatte zuletzt gegen Oststeinbek dreifach getroffen und den Trainer überzeugt. Eben so, wie zuvor und danach im Training. „Marcus gibt auf dem Trainingsplatz Vollgas, trainiert hervorragend. Seine Körperhaltung signalisiert Selbstvertrauen und er ist sehr motiviert, schnell und torgefährlich. Sollte nichts passieren, beginnt er.“ Und das für Heung Min Son, der in Leverkusen unauffällig und unglücklich agiert hatte. Trotzdem nimmt Fink seinen Youngster in Schutz. „Ich hatte mir von seiner Schnelligkeit viel erhofft. Und zunächst sah es so aus, als sei er nicht so recht ins Spiel gekommen. Aber ich habe mir das Spiel noch mal angesehen und bemerkt, dass er sich gut bewegt hatte, oft frei stand aber einfach nicht den entscheidenden Pass bekommen hat.“ Auffällig: Fink redet selbst die stark, die er von der Startelf auf die Bank befördert. Eine Kunst, die nicht viele beherrschen.

Geschafft hatte Fink das auch bei David Jarolim, dem Sportchef Frank Arnesen unlängst Ablösefreiheit zugesagt hatte, sollte der zum Reservisten degradierte Ex-Kapitän den Verein verlassen wollen. „Da wird mir ein wenig zu viel spekuliert“, so Fink, „schließlich hat von uns keiner gesagt, dass er gehen soll. Im Gegenteil: ich weiß, dass wir seine Erfahrung im Abstiegskampf noch dringend brauchen werden.“ Klingt, als hätten Fink und Arnesen sich nicht besonders gut abgesprochen – dieser Eindruck täuscht aber. Denn auch Fink betont, dass er einem verdienten Spieler wie Jarolim niemals Steine in den Weg legen würde. Dabei betonte Fink heute aber auch, dass er Jarolim nicht ohne passenden Ersatz gehen lassen würde. „Wenn im Winter jemand geht, sollte der auch dringend ersetzt werden.“ Dennoch, bei allen lobenden und warmen Worten für Jarolim legte sich Fink erneut auf Gojko Kacar und Tomas Rincon im defensiven Mittelfeld fest. Sofern beide Profis gesund von ihren Länderspielreisen zurückkehren.

Auf dem Weg zum heute wieder formulierten Ziel („Ich will Weihnachten aus den Abstiegsrängen raus sein, also mindestens Rang 15 erreicht haben“) macht sich Fink derzeit am meisten Gedanken über die vielen Gegentore. Insbesondere die frühen Rückstände. „Die Mannschaft beweist Stärke und kommt nach Rückständen immer wieder zurück“, lobt Fink und schränkt zugleich ein: „Allerdings braucht sie dafür auch erst den Rückschlag. Unser Ziel aber muss sein, endlich mal in Führung zu gehen. Das würde ich mir wünschen.“ Und um keine rosa Elefanten – wer den Blog verfolgt, weiß, was gemeint ist – in den Spielerköpfen zu erzeugen, will Fink die Aufmerksamkeit seiner Profis auf die letzten Leistungen lenken. „In Leverkusen hatten wir zwischen der 20. und der 70. Minute gut 70 Prozent Ballbesitz. Und das immerhin bei einer Mannschaft, die in die Champions League will. Gleiches hatten wir gegen Wolfsburg. Und das sind Dinge, die sich die Mannschaft hart erarbeitet hat, die sie selbst erkennen muss. Da muss ich nicht tricksen, sondern nur Fakten verdeutlichen.“

Insgesamt will Fink den Druck von der Mannschaft nehmen, die seit März nicht mehr zuhause gewinnen konnte. Zumal mit den richtigen Schiedsrichterentscheidungen normalerweise vier Punkte mehr auf dem Konto stünden, „und dann hätten alle davon gesprochen, dass es überragend wäre. Deshalb gibt es bei uns auch gegen Hoffenheim kein ‚wir-müssen-gewinnen’. Es geht darum, das Potenzial in der Mannschaft zu entdecken. Und das habe ich“, so Fink.

Worte, die den Nationalmannschaftskollegen neben mir zu gefallen schienen. Er hatte sie das erste Mal gehört. Allerdings konnte ich ihn schnell beruhigen, denn die Begeisterung über Finks positive Art ist auch bei uns noch lange nicht gewichen. Und da der Trainer selbst davon überzeugt ist, dass die Mannschaft am Sonntag gegen Hoffenheim „ein gutes Spiel machen“ wird, stimmt auch das. Denn es fehlen weiterhin nur die Punkte, um endlich mal wieder richtig glücklich zu sein.

In diesem Sinne, heute bin ich zumindest für 90 Minuten mal wieder richtig glücklich. Denn ich darf heute nach einer gefühlten Ewigkeit mal wieder als reiner Zuschauer in die Imetch-Arena. Als Fan mit ’nem Bierchen (heute wohl besser Glühwein) in der Hand. Ganz ohne Arbeiten. Einfach nur Gucken. Und genießen. Wie am Sonntag.

Bis morgen,
Scholle (18.10 Uhr)

Kurz notiert:

Angesetzt: Am Mittwoch wird um zehn Uhr an der Imtech-Arena trainiert.

Dabei: Zhi Gin Lam soll am Mittwoch beim Testspiel in Winsen (Anpfiff: 18 Uhr) nach seiner Grippe eine Halbzeit spielen. Ebenso wieder gesund ist Ivo Ilicevic, der am Donnerstag nach seiner Rückkehr von den Playoffs wieder mit der Mannschaft trainieren soll.