Tagesarchiv für den 14. November 2011

Arnesen lässt Jarolim gehen – und lobt den DFB

14. November 2011

Frank Arnesen merkt man nicht an, ob im Urlaub war oder nicht. Und das macht auch nichts, denn der Däne ist eigentlich immer entspannt. So auch heute. Und das, obwohl er in Italien weilte und dort Zeitung gelesen hat. So auch die „Corriere dello sport“, die über großes Interesse Juventus Turins an einer Verpflichtung von Dennis Aogo berichteten. „Das habe ich auch gelesen“, sagt Arnesen, der das inflationäre Handeln von Spielernamen bei Juventus Turin nicht mehr ernst zu nehmen scheint: „Das ist doch wie immer: Juventus kauft jedes Jahr geschätzt 60 Spieler. Ich habe auf jeden Fall noch nichts Offizielles gehört.“ Allerdings, und das fügt Arnesen im Scherz an, habe er seinen Urlaub ja auch in Rom und nicht in Turin verbracht.
Dabei ist die ganze Angelegenheit für Aogo sicher nicht nur von Nachteil. Im Gegenteil. Aogos Name in Verbindung mit einem Traditionsverein, der an alte Zeiten anknüpfen will – klingt für den Linksverteidiger wie ein Kompliment. Allerdings könnte man damit auch das Verhältnis Aogo/HSV umschreiben. Denn auch der HSV strebt nach alten, erfolgreicheren Zeiten. Und hier ist man nicht gewillt, ihn abzugeben. „Wir wollen unsere Schlüsselspieler nicht verkaufen“, sagt Arnesen und schließt Aogo dabei mit ein. „Wir sind nicht verzweifelt. Wir müssen nichts machen“, so der Sportchef.

Allerdings schließt er nicht aus, dass trotzdem was im Winter passiert, dass dennoch Spieler vom HSV verkauft werden. Oder gar ablösefrei abgegeben werden, wie im Fall David Jarolim möglich. „Er ist vergangene Woche zu mir gekommen und hat mit mir gesprochen“, so Arnesen. „Wir hatten ein sehr gutes Gespräch. Und bei einem Spieler wie ihm, der so viel für den Verein getan hat, fühlen wir uns auch verpflichtet.“ Verpflichtet, die Anliegen mit einer gewissen Sorgsamkeit zu bearbeiten. Eben so, wie Jarolim seinen Job in Hamburg ausgeübt hat. „David ist extrem ehrgeizig. Er ist neun Jahre hier bei einem Klub geblieben – und das ist für einen Profi im Ausland nicht immer zu erwarten. Und obwohl er so viel geleistet hat, unbedingt jedes Spiel spielen will, ist er ruhig geblieben. Er war sehr, sehr positiv die letzten zwei Monate“, lobt Arnesen, der dem Angesprochenen auch deshalb ein Angebot gemacht hat: „Ich wusste, dass er sehr gern Trainer werden will. Sein Vertrag läuft nach der Saison aus und deshalb habe ich ihm das Angebot gemacht, bei uns als Coach einzusteigen. Allerdings sagte er mir, dass er sich dafür noch viel zu fit fühlt und spielen will.“ Deshalb habe man einen Kompromiss gefunden: „Wenn er noch mal bei einem anderen Verein spielen will, muss er das machen. Das soll er auch, ganz klar. Aber wir würden einen, der so vorbildlich als Profi arbeitet, sehr gern bei uns als Trainer haben. Deshalb soll er sich vertraglich zusichern lassen, dass er nach zwei Jahren wieder zu uns kommen und als Trainer anfangen kann.“ Das klingt für mich alles sehr vernünftig. Arnesen hat Stil Aber es klingt halt auch – zumal nach dem Gespräch mit Jaro selbst vor einer Woche -, als würde der Tscheche den Verein schon im Winter verlassen.

Auf jeden Fall aber ist Jarolim ablösefrei. Zum einen im Sommer, weil sein Vertrag dann endet. Allerdings hat Arnesen dem defensiven Mittefeldspieler auch für einen vorzeitigen Wechsel im Winter Ablösefreiheit zugesichert. „David ist ein Vorbild in allem. In seiner Lebensweise, im Training und im Umgang. Ein großer Sportler, bei dem man ein Stück weiter mitdenken muss.“ Soll heißen: Jarolim hat sich diese Sonderbehandlung verdient.

Und wie überall im Leben ist es auch beim HSV so: die einen gehen – andere kommen. Manchmal so überraschend wie bei Zhi Gin Lam, der seinen Vertrag noch in dieser Woche bis 2015 verlängern will und soll. „Den kannte ich ehrlich nicht“, so Arnesen, „das war ein Verdienst von Rodolfo, der Lam einfach reingeschmissen hat.“ Und Lam gefällt den HSV-Verantwortlichen um Frank Arnesen so gut, dass sie den jungen Außen, der noch vor sechs Wochen ausschließlich bei der eigenen U23 spielte, noch nicht einmal mehr als potenziellen Leihspieler sehen. „Er bleibt bei uns, weil er gut ist. Lam ist vielseitig, schnell, hat ein gutes Auge und eine gute Technik und er ist ein intelligenter Fußballer. Er hat alle Voraussetzungen, um ein Großer zu werden. Auf jeden Fall aber kann man so einen Jungen nicht wegschicken“, so Arnesen.

Im Gegenteil, Arnesen, der erneut betonte, dass man zur neuen Saison Maximilian Beister auf jeden Fall von Fortuna Düsseldorf zurückholen werde, macht sich eher über Zugänge im Winter Gedanken. Und dafür wäre ein Pokalsieg in Stuttgart zuträglich. „Das Geld können wir sehr gut gebrauchen. Denn wir wollen, wenn überhaupt, nur einen Spieler holen, der uns sofort verstärkt. Es geht nicht mehr darum, einen Jungen zu holen, der den Kader breiter macht. Und wenn man das so wie wir machen will, kann das teuer werden.“ Im Moment sogar zu teuer, wie Arnesen einräumt. „Geld würde es alles sicherlich leichter machen, schnellen Erfolg zu haben. Aber wir haben den anderen Weg gewählt. Finanziell haben wir eh einen engen Rahmen. Die eine oder andere weitere Runde im Pokal würde sicher helfen können. Und wenn ein Spieler geht, würden wir auch etwas sparen. Aber wir werden nur das machen, wovon wir zu 100 Prozent überzeugt sind.“

Überzeugt war zuletzt DFB-Teammanager Oliver Bierhoff, dass der HSV auch weiterhin der natürliche Gegenpart zum großen FC Bayern sein wird. „So ist das ja auch“, lacht Arnesen, „allerdings momentan eher geographisch. Denn die Bayern haben in den letzten 20 Jahren einen Titel nach dem anderen geholt – und wir eher nicht so.“ Vorsichtig ausgedrückt. Dennoch ist sich Arnesen sicher, dass der angebrochene Weg der richtige ist für den HSV. „Aus den ersten sechs Spielen haben wir einen Punkt geholt. Aus den nächsten sechs Partien immerhin neun. Natürlich müssen wir uns bei zehn Punkten weiter Gedanken machen und klar sagen, dass wir jetzt langsam punkten müssen. Aber wir verfolgen auch das Ziel, mit gutem Fußball zu punkten.“ Und dafür ist, da ist sich Arnesen sicher, Thorsten Fink der richtige Mann. Ebenso ein Marcus Berg, den nicht nur wir hier im Blog sehr kontrovers diskutieren. „Marcus hatte eine schwere Zeit“, so Arnesen, „aber das hatte nachvollziehbare Gründe. Hier ist er hergekommen für eine teure Ablösesumme, für die er nichts konnte und noch immer nichts kann. Aber er ist eh ein sehr Stiller. Er kam als junger Mann her und hatte gestandene Leute wie Mladen Petric und Paolo Guerrero vor sich. Plötzlich durfte er spielen, weil die anderen verletzt waren – und das allein im Sturm.“ Eine Position, die ihm nicht nur gut tat. Im Gegenteil. „Plötzlich ging nichts mehr. Er, der nur den Weg vorwärts kannte, wurde zurückgeworfen. Und damit musst du in dem Alter allein erst einmal klarkommen. Zumal er sich dann auch noch verletzte. Und trotzdem hat er beim PSV zuletzt acht Tore in 25 Spielen gemacht. Und er hat zuletzt trotzdem sehr viel Kritik einstecken müssen, die sicher nicht nur berechtigt war.“

Bis jetzt. Bis Fink kam, der dem Schweden neues Vertrauen schenkt. „Marcus ist noch immer jung und braucht Zeit. Aber ich habe ihn beobachtet, und er hat inzwischen eine ganz andere Körpersprache. Zum einen sicherlich, wie er gerade Vater geworden ist, zum anderen aber auch, weil er sehr, sehr gut trainiert. Er braucht eine positive Umgebung mehr als andere – du genau darin hat Thorsten wiederum eine hohe Qualität.“ Und das sollte passen. Zumindest so, dass man sich in ein paar Wochen ein objektiveres Urteil über die wahre Qualität Bergs machen kann.

Überzeugt hat den Sportchef die neue Qualität der deutschen Nationalelf. Am Dienstag wird der Däne als „Fan“, wie er selbst sagt, den Deutschen in der Imtech-Aena gegen die Niederlande die Daumen drücken. „Der DFB hat eine hervorragende Entwicklung genommen. Die Jugend ist stark verbessert. Und das spiegelt sich im A-Team wieder“ Ein Umstand, den er vor allem auch Matthias „Ich-sag-jetzt-erstmal definitiv-zu-melde-mich-aber-morgen-noch-mal-,okay?“ Sammer als riesiges Kompliment anhaftet. „Der deutsche Fußball ist überraschend, technisch stark und geprägt von etlichen Spielern wie Özil, Götze, Reus oder auch Müller, um nur einige zu nennen, Alle beherrschen das Eins-gegen-Eins. Die Deutschen haben weder echte Spezialisten und zählen für mich zu den Top-Favoriten bei der EM.“ Einzig Spanien („Wenn sie noch heiß sind bis dahin“) und die Niederlande („Die erste Elf ist hochkarätiger, allerdings haben die Deutschen in der Breite mehr Qualität“) stehen noch vor der Löw-Mannschaft. So sieht es zumindest Arnesen und ich wage es nach einer Stunde mit Arnesen das erste Mal, ihm vehement zu widersprechen. Denn neben einem gesicherten Mittelfeldplatz für den neuen Deutschen Pokalsieger 2011/2012 HSV (darin sind wir uns noch einig) werden wir im Sommer 2012 auch den ersten Titel für die Deutsche Nationalmannschaft seit dem EM-Titel 1996 feiern dürfen. Ganz klar…

In diesem Sinne, mal sehen, wie Fink das morgen sieht.

Bis morgen,
Scholle

P.S.: Am Dienstag wird nicht auf dem Platz sondern im Kraftraum trainiert. Leistungstests stehen an.