Tagesarchiv für den 12. November 2011

6:1 – ein halbes Dutzend Tore und ein gelungener Nachmittag

12. November 2011

Wetter gut, Rahmenbedingungen gut, 6:1 gewonnen – alles gut? Geht es nach Trainer Thorsten Fink, dann ja. „Wir wollten den Rhythmus beibehalten, das ist gelungen. Und wir wollten etwas für die Region tun – auch das ist gelungen. Mir hat der Auftritt rundum gefallen. Der Einsatz hat gestimmt und so ein Spiel ist allemal besser als Training.“ Wenn es etwas zu bemängeln geben würde, dann einzig die Chancenauswertung. „Wir haben das eine oder andere Mal den Abschluss verpasst. Aber das auch nur, weil die Jungs spielen wollten. Es hat ihnen sichtlich Spaß gemacht.“

Gleiches galt für die rund 1500 Zuschauer (so die offizielle Angabe des Ausrichters Oststeinbek), die bei herrlichem Sonnenschein die Tore von Heiko Westermann (19.), Marcus Berg (32., 41., 69. Minute), Kevin Ingreso (69.) und Robert Tesche (76.) und insbesondere den Ehrentreffer von Felix Reher in der 88. Minute bestaunten und beklatschten. „Eine ordentliche Partie meiner Jungs“, sagte OSV-Trainer Stefan Kohfahl, der mit seinen Oststeinbekern dieses Jahr eggen den Abstieg ankämpft und trotz des hochkarätigen Gegners allen Spielern im Kader ihre Einsatzminuten schenkte. „Hätte ich auch nur einen draußen gelassen, würde der direkt nach dem Spiel seinen Pass verlangen und wäre verschwunden.“ So ist das Gegenteil der Fall. Alle sind glücklich. Der HSV, Oststeinbek, die Zuschauer.

Und das, obwohl sich der HSV lange Zeit schwer tat. Zweimal kam der HSV über die rechte Seite mit Diekmeier und Castelen gefährlich vors OSV-Gehäuse – allerdings beide Male mit schwachem letzten Pass. Erst eine vom agilen Per Skjelbred (spielte so eine SArt freien Mann zwischen Mittelfeld und Angriff) getretene Ecke konnte HSV-Kapitän Heiko Westermann mit dem Kopf vom kurzen Pfosten über den OSV-Keeper hinweg zum 1:0 einnetzen. Wobei der HSV gefühlte 98 Prozent Ballbesitz in der OSV-Hälfte hatte. Die beiden Außenverteidiger agierten als Außenstürmer, das Mittelfeld stand hoch – und machte sich so Räume zu. Allerdings muss man dem OSV auch zugestehen, dass die Abwehr vernünftig stand und dem HSV nur wenig Durchkommen ermöglichte.

Bis Marcell Jansen die Seite wechselte und sich über rechts in den Strafraum tankte, den Ball scharf zwischen Fünfer und Gegner passte. Marcus Berg Berg brauchte den Ball nur noch über die Linie zu drücken (2:0). Und während Berg beim 3:0 aus halbrechter Position aus 15 Metern sehenswert ins lange Ecke schoss (41.), hatte der HSV kurz zuvor den einzigen Dämpfer des gelungenen Nachmittags zu verzeichnen. Der bis dahin unglücklich agierende Romeo Castelen musste in der 32. Minute bereits mit Problemen im rechten Oberschenkel ausgewechselt werden und soll am Sonntag genauer untersucht werden. Für den Niederländer kam der junge Kevin Ingreso.

Bei gefühlten Minusgraden – ich wollte zunächst schnell von dort aus den Blog schreiben, allerdings wären mir meine Finger dabei eingefroren, deshalb erst jetzt – entwickelte sich in der zweiten Halbzeit ein nahezu identisches Spiel. Der OSV wechselte und mauerte viel, der HSV versuchte über David Jarolim mit Per Skjelbred im Zentrum die beiden Außen Jansen und Diekmeier einzusetzen. „Es ging uns hier um Automatismen“, so Fink anschließend, „um Laufwege. Es ging mir darum, dass wir das Timing für den Pass in die Tiefe finden. Und das ist uns zunehmend gut gelungen.“

Fürwahr. Insbesondere Diekmeier wurde immer wieder freigespielt und flankte mehr oder weniger genau nach innen. In der 69. Minute bediente der offensive Rechtsverteidiger nach Skjelbred-Pass den in der Mitte lauernden Berg, der den Ball wieder nur über die Linie zu drücken brauchte. Und noch in der gleichen Spielminute fiel das 5:0 durch Ingreso, der einen Abpraller zu verwerten wusste. „Ganz bitter für uns“, ärgerte sich Gastgeber-Trainer Kohfahl später, „wir haben es gut gemacht, gut gestanden und uns in wenigen Minuten fast alles verdorben.“ Denn in der 76. Minute war es Tesche, der eine Skjelbred-Ecke zum 6:0 verwertete. „Da dachte ich, dass es jetzt einen ordentlichen Gang geben würde“, so Kohfahl.

Den allerdings gab es nicht. Weil der HSV fahrlässig seine Chancen ausließ und vor dem Tor lieber querlegte als abzuschließen. Und weil Felix Reher zwei Minuten vor Ultimo allein vor Tom Mickel cool blieb und den Ehrentreffer besorgte.

Und während der HSV seine Stadttour (Fink: „Wir wollen uns liebe in Hamburg zeigen, als für einen Test ewig weit wegzufahren“) erfolgreich fortsetzte, trainierten Mladen Petric und Jeffrey Bruma an der Imtech-Arena mit Reha-Trainer Markus Günther. „Bei Mladen wird es schwierig“, so Fink, der bei Bruma indes größere Hoffnungen auf eine rechtzeitige Genesung bis zum Hoffenheim-Spiel am kommenden Sonntag hat. „Wir sind geduldig. Aber bei Bruma gibt es Hoffnung, dass er es schafft.“

Gleiches gilt für Ivo Ilicevic, der am Freitag beim deutlichen 3:0 seiner Kroaten in der Türkei noch nicht im Kader stand. „Vielleicht ist er bis Dienstag fit und spielt“, sagt Fink, der sich dadurch Spielpraxis für seinen Offensivspieler erhofft. Angst vor einer erneuten Verletzung seines Offensivspielers hat Fink nicht: „Ich habe keine Angst, dass es zu früh ist und er sich verletzt. Da vertraue ich auf die medizinische Abteilung der Kroaten“, hatte uns Fink bereits am Freitag gesagt.

Hoffnung schöpfen durfte am Freitag auch Dennis Aogo, als Bundestrainer Joachim Löw ihn für die Startelf in Kiew berücksichtigte. „Ich denke, er hat eine ordentliche Partie gemacht“, resümierte Fink und widersprach damit zumindest dem ARD-Kommentator Steffen Simon, der sich sehr früh im Spiel auf den HSV-Profi eingeschossen hatte. Simon lastete Aogo zurecht zögerliches Verhalten beim 0:1 an. Wobei auch eine frühere Reaktion Aogos lediglich den Torschützen aber nicht das Ergebnis verändert haben dürfte. Schuld, geschweige denn die Hauptschuld kann man Aogo beim 0:1 nicht geben. Allerdings ergab sich Simon anschließend in einfache Floskeln. „Er passt sich seiner bisherigen Saison mit und für den HSV an“, war eines der Urteile für eine Partie, die in meinen Augen eine Aogo zeigte, der sich bei Kontern regelmäßig einer Überzahl ausgesetzt sah und ansonsten keine überragende aber allemal eine solide Partie spielte. Obgleich er bei der letzten Chancen der Ukrainer den entscheidenden Stellungsfehler machte – ohne, dass dieser bestraft wurde.

„Dennis hat viel für die Offensive gemacht“, stellte Fink heute das Gute an Aogos Spiel in den Vordergrund. Ebenso wie bei seiner Beurteilung des deutschen Spiels. „Ich fand das Spiel insgesamt sehr, sehr gut. Technisch und taktisch waren wir der Ukraine absolut überlegen und haben nur bei den Standards die nötige Absicherung vernachlässigt. Aber insgesamt sind doch die Ukrainer uns hinterhergelaufen.“

Fink hat im Spiel der Deutschen eine Dominanz ausgemacht, die er gern auch mit dem HSV spielen würde. So wie heute. „Nur“ in der Bundesliga. Dass es bis dahin noch ein weiter Weg ist, ist klar. Das weiß Fink. Das wissen auch die Spieler. Aber allein das ist schon eine sehr gute Basis, um die nötigen Verbesserungen herzustellen.

Am Sonntag und am Montag ist trainingsfrei. Was allerdings nicht für uns gelten muss. Denn wir hören/lesen uns schon morgen wieder. In diesem Sinne, genießt den Restsonnabend!

Bis morgen,

Scholle (18.30 Uhr)

So spielte der HSV: Mickel – Diekmeier, Mancienne, Westermann (64. Brügmann), Sternberg (76. Nyarko) – Castelen (32. Ingreso), Tesche, Jarolim, Jansen (72. Kocabas) – Skjelbred – Berg.