Tagesarchiv für den 7. November 2011

Jarolim: “Ich gebe bis zum Ende alles”

7. November 2011

Ich hatte es gestern ja bereits angekündigt, aktuell muss ich Blog und Print zugleich machen. Das ist unserer Personalsituation und dem Erscheinen der DFB-Nationalelf geschuldet, die natürlich „högschde Gonsendrazion“ erfordert. Und es ist auch allemal nicht schlimm. Dennoch fallen die Blogs heute, morgen und am Mittwoch voraussichtlich etwas kürzer aus. Zudem werde ich Euch den jeweiligen Abendblatt-Artikel des Folgetages um 24 Uhr reinstellen.

Ab morgen zumindest. Denn heute habe ich mit David Jarolim gesprochen. Wie immer ein wunderbar ehrliches, kritisches aber sehr angenehmes Gespräch. Und mit jedem Wort ist zu spüren, wie traurig er über seine sportliche Situation ist – allerdings auch, wie verantwortungsbewusst und kämpferisch er ist und bleibt. Denn, so klar eine Trennung seiner Meinung nach auch in Sicht ist, er wird weiter kämpfen. Bis zu seinem letzten Spiel als HSV-Profi, „das gern noch mindestens 22 Bundesliga- und so viele Pokalspiele, wie für den Titelgewinn nötig sind, entfernt sein darf“, wie er selbst sagt. Das Interview mit einem echten HSVer, von dem ich im Gegensatz zu ein, zwei Posts hier im Blog nie behauptet habe, dass er gehen muss, sondern der selbst gerade öffentlich (in der Mopo) von seinem Ende in Hamburg nach dieser Saison gesprochen hat. Das Interview:

Frage: Jaro, nach nunmehr achteinhalb Jahren bist Du aktuell eher Reservist. Wie kommst Du mit der Situation klar?
David Jarolim: “Wenn man einige Wochen lang nicht spielt, ist es verdammt schwer. Das ist klar. Aber es darf nicht meine Motivation im täglichen Training beeinflussen.”

Frage: Ist das so leicht? Oder merkst Du selbst, dass es schwerer wird, sich trotz allem immer wieder hochzufahren?
Jarolim: “Man darf darüber gar nicht zu viel nachdenken. Bei aller Liebe – es ist auch ein Job, den ich zu erfüllen habe. Gegen Leverkusen wurde ich nur für zehn Minuten eingewechselt und anschließend gefragt, ob ich mich darüber ärgere. Und ganz ehrlich: das habe ich nicht. Im Gegenteil, ich bin Fußballer und freue mich. Selbst über die zehn Minuten habe ich mich gefreut.”

Frage: In den letzten Jahren hast Du immer wieder Trainer gehabt, bei denen Du Dich neu beweisen musstest…
Jarolim (unterbricht): “…das stimmt! Und das habe ich immer wieder geschafft. Auch diesmal werde ich bis zum Schluss alles geben. Das wissen alle, das ist meine Art. Und wie schnell sich manchmal alles dreht im Fußball, das weiß man ja. Aber klar ist auch, dass der HSV auf junge Spieler setzt. Und das werde, muss und will ich auch akzeptieren.”

Frage: Wirst Du im Winter ein Gespräch mit dem Vorstand führen?
Jarolim: “Ich glaube schon. Frank Arnesen weiß mit Sicherheit, wie es in mir aussieht und er wird sich sicher mit mir unterhalten. Da mache ich mir keine Sorgen. Aber bis zur Winterpause ist absolute Ruhe. Ich warte ab, wie sich alles entwickelt und bleibe ruhig. Theater machen ist sch… und absolut nicht mein Ding. Zumal unsere Gesamtsituation es jetzt gar nicht zulässt, dass ich mich als einzelne Person da rausnehme. Ich spiele hier beim HSV ja auch nicht erst seit dieser Saison sondern seit achteinhalb Jahren. Und ich hatte hier so viele wunderschöne Momente, die ich nie vergessen werde, dass ich positiv bleiben will. Der verein hat mir sehr viel gegeben, das vergesse ich auch jetzt nicht. Sich zu beschweren, nur weil es jetzt mal etwas schwieriger ist für mich, wäre undankbar. Und das bin ich nicht.”

Frage: Hast Du noch Befürchtungen, den HSV nach so langer Zeit als Absteiger zu verlassen?
Jarolim: “Angst nicht. Aber es ist doch logisch, so will ich mich hier auch nicht verabschieden. Ich will etwas hinterlassen, an das sich alle positiv zurückerinnern. Ich weiß auch, dass wir inzwischen auf einem guten Weg sind und allemal die Qualität haben, unsere Situation schnell zu verbessern. Aber das gelingt uns nur, wenn wir uns alle nicht so wichtig nehmen, die Mannschaft und den Klub an eins setzen und uns der großen Verantwortung bewusst sind, die wir tragen.”

Eine Verantwortung, die Jarolim in 322 Partien insgesamt, davon 242-mal in der Bundesliga trug. Mal spielet er besser, was meistens der Fall war, manchmal auch schwächer, was allerdings nicht daran rüttelte, dass sich der kleine Tscheche mehr für den HSV eingebracht hat als ein Großteil der Profis seit 1963. Als Ergänzungsspieler, der sich bis zum unverzichtbaren Führungsspieler und Mannschaftskapitän hochgearbeitet hat.

Warum ich das so deutlich aufschreibe?

Damit auch die Letzten hier im Blog verstehen, dass ich einen David Jarolim sehr schätze und mitnichten sein Ende prophezeie. Das kann ich nicht, das will ich auch nicht. Ich persönlich würde nie einen Spieler abschreiben, ehe nicht die endgültige Entscheidung gefallen ist, dass er geht. Und um es noch deutlicher zu machen: Ich halte einen David Jarolim in Normalform auch heute DEFINITIV nicht für schwächer als Rincon geschweige denn Kacar. Im Gegenteil sogar: Ich bin mir im Klaren darüber, dass Fink hier eine Grundsatzentscheidung getroffen hat. Weg vom Alter, hin zu jungen Spielern. Das ist diskutabel, aber zu für alle zu respektieren. Dennoch wird sicher auch ein Fink wissen, dass Jaro ein tadelloser Sportsmann ohne Fehl und Tadel ist, dass seine Präsenz für die Mannschaft wichtig ist.

Und ich glaube, damit habe ich es jetzt auch dem Letzten unter uns klar gemacht, was ich von Jaro halte.

In diesem Sinne, ich hoffe auf noch viele erfolgreiche Spiele mit dem „alten“ (womit ich ausschließlich das Leistungsniveau meine) Jarolim…

Scholle (19.30 Uhr)

KURZ NOTIERT:
Abwarten: Ivo Ilicevic wird auch für den Fall, dass seine Muskelverletzung einen Einsatz für die Playoffs seiner Kroaten gegen die Türkei noch nicht zulässt, auf eigenen Wunsch bei seiner Nationalmannschaft bleiben, sich dort fit machen.
Abgehoben: Während Sportchef Frank Arnesen ein paar Tage Urlaub macht, flog Trainer Thorsten Fink gestern zur Trainertagung nach Frankfurt.
Anbau: Heute wird im Stadion ein neuer Rasen verlegt.
Angesetzt: Heute wird um 10 und 15 Uhr an der Arena trainiert.