Tagesarchiv für den 6. November 2011

Erst dreifach punkten, dann nachbessern

6. November 2011

Es ist allen klar. „Wir müssen jetzt auch wieder dreifach punkten“, sagt Trainer Thorsten Fink, der auch nach seinem dritten Spiel den schwierigen Spagat zwischen Optimismus verbreiten und Steigerung fordern zu vollbringen hat. Mal wieder gab das Spiel etliche gute Ansätze, ein moralischer Schritt nach vorn wurde zweifelsohne wieder gemacht. Aber es wurde erneut nur einfach gepunktet – und somit steckt der HSV weiter tief im Abstiegskampf. „Dieser HSV lebt“, lobte Rainer Calmund nach dem Spiel, „aber wer der Meinung ist, nur mit guter Stimmung und dem Glauben an den Nichtabstieg würde man sich retten können, der legt dem Klub ’ne Bombe in den Korb.“

Dreifach punkten, das wollen alle lieber gestern als heute. Im Gegensatz zum Saisonbeginn, wo immer wieder Zeit eingefordert und der Hagel Misserfolge als „eingeplant und normal“ bezeichnet wurde ist vorbei. Heute wird die Situation nicht mehr verkannt. Alle Beteiligten, von Jarchow über Arnesen und Fink bis hin zum Reservisten, sprechen vom Abstiegskampf. Und das ist auch gut so. Denn allein das Wort Abstiegskampf lässt die Spieler nicht mehr in vergangenen, spielerisch glanzvolleren Zeiten schwelgen. „Wir freuen uns, dass wir uns wieder gesteigert haben. Und wenn wir so weitermachen, werden wir schon sehr bald auch wieder gewinnen“, sagte Marcell Jansen, der genau die Entwicklung vom Offensivmann ohne Defensivdenken hin zum Kämpfer, Vorbereiter und Arbeiter gemacht hat. Selbst in Leverkusen, als er nach vielen für ihn typischen, sehr kraftaufwendigen Sprints und Flankenläufen über links die letzten 20 Minuten (er erklärte es mit einer Erkältung, allerdings ist das auch sonst selten anders bei ihm) nicht mehr zu können schien, biss er auf die Zähne und schleppte sich sogar in der Nachspielzeit noch einmal im Sprinttempo über Außen. Sowas hätte es noch vor wenigen Wochen nicht gegeben. Das ist klar.

Es ist der Verdienst von Thorsten Fink, dass die Mannschaft wieder an sich glaubt und einen Charakter an den Tag legt, der uns alle hoffen lässt. Das wurde schon oft genug ausgiebig beschrieben. Aber auch Fink, der für ein Erkennen seiner Handschrift drei Monate und nicht nur drei Spiele einforderte, weiß, dass moralische Siege endlich auch in Punkte umgesetzt werden müssen. Schon gegen Hoffenheim, dem dritten Heimspiel für Fink, muss der HSV anfangen, größere Schritte zu machen, um nicht den Anschluss zu verpassen. Hier im Blog wird von 20 Punkten geschrieben, die nötig seien. Und angesichts des knallharten Startprogramms in der Rückrunde stimme ich dem sogar zu.

Obwohl natürlich immer gilt: machen drei Punkte weniger Punkte, ist es mir recht – egal wie. Hauptsache, dieses Jahr wird überstanden.

Wobei ich mir sicher bin, dass Fink trotz seiner schützenden Worte für seine Spieler erkannt hat, dass der dominante Fußball, der ihm vorschwebt, mit diesem Kader so nicht konsequent durchzusetzen ist. Noch offenbart die Abwehr dafür zu große Schwächen im Spielaufbau (weshalb inzwischen immer ein Sechser den Ball abholen soll), dafür ist der HSV offensiv ohne Mladen Petric nur mit Paolo Guerrero gefährlich, während Son seiner Form der Vorbereitung erneut hinterherhinkt. Selbst Finks Versuch, Berg starkzureden, könnte bald beendet sein. Denn dabei, da bin ich mir sicher, hatte Fink auf ein HSV-Spiel gehofft, dass einen Knipser im Sechzehner braucht. Und darin steckt eine große Qualität des Schweden – der ansonsten jedoch läuferisch und spielerisch für das HSV-Spiel nicht zuträglich sein kann.

Deshalb bin ich mir sicher, dass Fink zwei Hoffnungen hat: die Rückkehr der verletzten Bruma, Petric und Ilicevic – und die Winterpause. Für den Jahreswechsel hatte Sportchef Arnesen Verstärkungen angekündigt. Dafür sollte Fink zuvor das Team genau kennenlernen können, „damit er einen genauen Überblick hat. Danach setzen wir uns zusammen und besprechen unseren Bedarf“, kündigt Arnesen an. Und, das ist vielleicht etwas desillusionierend für den einen oder anderen HSV-Fan, dabei kann es nur darum gehen, sich zu überlegen, welche Baustelle die dringlichste ist. Die Abwehr dürfte es trotz der anhaltenden Formschwäche Aogos noch nicht sein. Der Sturm hat zumindest das Potenzial, gut zu sein. Daher bin ich mir ziemlich sicher, dass der HSV einen Kreativen fürs Mitelfeld suchen wird. Damit könnte der HSV mehr Ballsicherheit ins Spiel bekommen und somit seine Dominanz steigern. Zudem dürfte klar sein, dass Fink das defensive Mittelfeldzentrum verändern muss – und will. Zu schwankend (selbst von Halbzeit zu Halbzeit) waren bisher die Leistungen von Tomas Rincon und Gojko Kacar, während Robert Tesche auch dieses Jahr mal wieder nicht über die Rolle des Reservisten hinauskommt.

Und David Jarolim? Der Tscheche, der in den letzten zwei Jahren ständig Degradierungen hinnehmen musste, ist momentan ob der Umstände keine Verstärkung mehr. Wenn er spielt wie gegen Trier zu Beginn und in Leverkusen in den letzten Minuten, wirkt er fremd. Aus dem einst so selbstsicheren Mittelfeldmann, der auch in den schwierigsten Momenten Rede und Antwort stand, ist inzwischen ein Führungsspieler a.D. geworden. Zumal der 32-Jährige selbst gemerkt hat, dass seine Zeit beim HSV abläuft. Schon deshalb glaube ich, dass Jarolim schon bald mit dem HSV das Gespräch suchen wird, um auch über eine vorzeitige Auflösung der Zusammenarbeit zu sprechen.

Und das, weil Jarolim ein guter Sportsmann ist. Er hat unbändigen Ehrgeiz, den er überall einbringt, wo er sich gebraucht fühlt. Und da das in Hamburg nicht mehr der Fall zu sein scheint, wird Jarolim den für ihn schweren Gang in die Vorstandsbüros auf sich nehmen. „Auf sich nehmen“ im Übrigen, weil ich genau weiß, wie gern Jarolim in Hamburg spielt, wie gern er auch weiterhin hier seine Rolle übernommen hätte. „Wenn es nicht mehr geht, muss man ehrlich sein“, hatte Jaro mir vor einigen Jahren mal gesagt, um jetzt via Interview in der Mopo hinzuzufügen, dass er sich noch zu fit fühlt, um aufzuhören.

Nein, Jaro will seinem HSV helfen. Und das würde er mit einer Vertragsauflösung wahrscheinlich, denn damit könnten Fink und Arnesen ihrem Oldie einen Gefallen tun und selbst dabei Gehalt sparen, das in neue Kräfte gesteckt werden könnte. Eine Win-Win-Situation und ein sauberes Ende einer langen Ära Jarolims. Denn, und das ist der sympathische Unterschied zum Führungsstil der vergangenen Jahre, Frank Arnesen betont immer wieder, dass er Wert auf einen fairen Umgang, auf ein respektvolles Miteinander legt. Und das auch, oder besser: das gerade in schwierigen Zeiten.

Aber okay, so schade ich es fände, wenn sich der HSV und Jarolim trennen – noch ist es eh hypothetisch. Und vielleicht steigert sich Jarolim ja noch mal im Training und überzeugt – wie mit den letzten gefühlt 30 Trainern – erneut einen Trainer, der ihn früh abgeschrieben hat.

In diesem Sinne, morgen ist trainingsfrei und ob akuten Personalmangels muss ich morgen sowohl Print als auch den Blog machen. Wie genau ich das mache, weiß ich noch nicht. Aber ich verspreche eins: egal wie, ich melde mich hier morgen mit den letzten Neuigkeiten.

Euch allen einen schönen Abend,

bis morgen,
Scholle (19.45 Uhr)

Kurz notiert:
Während Trainer Thorsten Fink nicht von einer Rückkehr Mladen Petrics bis zum Hoffenheim-Spiel am 20. November (17.30 Uhr, Imtech-Arena) ausgeht, setzt er große Stücke auf eine rechtzeitige Genesung von Jeffrey Bruma und Ivo Ilicevic. Letztgenannter reiste trotz Trainingsrückstandes zur kroatischen Nationalmannschaft, die am 11. und am 15. Novenber in den Playoffs zur EM gegen die Türkei antritt. Dort will der Offensivmann testen, ob es geht – und gegebenenfalls wieder abreisen.