Tagesarchiv für den 5. November 2011

Zurückgekämpft – und dennoch “nur” ein Punkt

5. November 2011

„Wenn wir die ersten 20 Minuten ohne Gegentor und Rote Karte überstehen, gewinnen wir“, hatte Trainer Thorsten Fink vor dem Spiel prophezeit. Eine mutige Prognose, die schon nach sechs Minuten hinfällig war. Ein Freistoß aus 32,5 Metern fälschte Dennis Diekmeier in der Mauer unglücklich mit dem Kopf ab. Der bereits in die rechte Ecke laufende Drobny konnte nicht mehr schnell genug reagieren – das 0:1. Und ein Tor, das aus einer eh müden Anfangsphase des HSV eine dominante machte. Allerdings nicht für sondern gegen den HSV. Denn von nun an schien es, als hätte Bayer einen Mann mehr auf dem Platz. Insbesondere durchs Mittelfeldzentrum marschierten Lars Bender und Michael Ballack wie sie wollten – und bereiteten weitere gute Chancen vor. Der HSV kam gar nicht mehr zu entlastenden Angriffen, hatte arge Probleme, überhaupt Anspielpunkte im Mittelfeld und Angriff zu finden, was auch dazu führte, dass Paolo Guerrero unzählige hohe Bälle mit Gegner im Rücken verarbeiten musste. Er tat es auch, hatte allerdings seinerseits keine Anspielpunkte.

Knapp 70 Prozent aller bayer-Angriffe wurden durchs HSV-Zentrum vorgetragen. Ein erschütternder Wert für den HSV, der in der 20. Minute auch die überfällige Strafe nach sich zog. Michael Ballack konnte ungehindert bis kurz vor den HSV-Strafraum laufen und zog ab. Sein von inzwischen drei HSVern abgeblockter Ball landete bei dem dadurch sträflich freistehenden Schürrle, der von links scharf hineinflankt und dank Dennis Aogos Aussetzer Lars Bender findet – das 2:0. Eine Vielzahl von Stellungsfehlern, die den HSV zurückwarfen.

Und der HSV wirkte geschockt. Das allerdings irgendwie von der ersten Sekunde an. Nur jetzt noch mehr. Das Spiel schien früh entschieden. Zu chancenlos waren Heiko Westermann und Co., zu große dagegen die Probleme gegen die Werks-Angreifer. Passend, dass eine heimatlose Flanke von rechts zur größten HSV-Chance wurde. Allerdings schien Jansen seine Möglichkeit selbst nicht fassen zu können – freistehend vor Leno schoss er selbigen an (23.).

Dennoch, plötzlich kam der HSV. Ebenso unersichtlich wie die Mannschaft von Thorsten Fink vorher teilnahmslos wirkte, setzte sie die jetzt ihrerseits eingeschläfert wirkenden Leverkusener unter Druck. Und in der 24. Minute war es wieder der starke Marcell Jansen. Diesmal kam er frei zum Kopfball – er verzog aber freistehend. Eine größere Chance hatte anschließend noch Schürrle (31.), allerdings verdiente sich der HSV den Anschlusstreffer jetzt. Und in der 32. Minute war es dann so weit. Ein Freistoß aus dem Halbfeld landete bei Kapitän Westermann, der den Ball gar nicht so richtig traf – allerdings noch richtig genug, denn er war drin.
Das 1:2 aus HSV-Sicht in der 33. Minute. Und hätten sich Son oder Töre in der 40. Minute schneller für einen Abschluss entscheiden können – es wäre sogar der Ausgleich drin gewesen – und das nicht einmal unverdient. Vollkommen unverdient, weil einfach falsch, dann der Pfiff des ansonsten guten Knut Kircher. Einen Allerweltszweikampf (eine identische Szene wurde in der Schlussminute nicht abgepfiffen!) zwischen Friedrich und Guerrero nahm der Unparteiische zum Anlass, einen Treffer von Marcell Jansen abzupfeifen. Ein Pfiff, den selbst Experte und Ex-Fifa-Schiri Markus Merk in der Halbzeitpause nur bedingt zu argumentieren versuchte.

Und trotz des aberkannten Treffers ließ sich der HSV nicht hängen. Im Gegenteil. Die zweite Halbzeit begann, wie die erste aufgehört hatte. Der HSV blieb spielbestimmend. Zwar hatte Bayer durch einen Ballack-Fernschuss die erste Chance, allerdings drängte der HSV auf den Ausgleich – und schaffte ihn in der 57. Minute. Töre hatte den links startenden Jansen gesehen, sein schöner Lupfer erreichte Jansen, der Leverkusens Keeper Leno mit einem harten und platzierten Flachschuss ins lange Eck keine Chance ließ. Das 2:2! Der HSV war auch ergebnistechnisch wieder zurück im Spiel.

Einen verunglückten Derdiyok-Schuss später (65.) hatte der HSV Glück, dass Kircher wieder richtig lag und eine eher harmlose Berührung Töres an Bender nicht als Foul mit einem Elfmeter bestrafte (68.). Ähnlich gefreut haben dürfte sich indes Bayer Leverkusen, als der heute unglückliche Son einen HSV-Konter durch ein dummes Foul abbrach. Dabei hätte der mal wieder auffällige Töre aus rund 16 Metern eine gute Chance für einen Torabschluss gehabt.

Es war inzwischen ein offenes Spiel. Leider jetzt wieder mit lichten Vorteilen für Bayer. Wobei die größte Chance durch Schürrle, der freistehend vor Drobny knapp links vorbeischoss Abseits gewesen wäre. In diesem Fall hatte nach dem HSV und Bayer auch der 23. Mann auf dem Platz, Knut Kircher, Glück, dass sein Fehler ohne entscheidende Folgen blieb.

Am Ende blieb dem HSV wieder nur der moralische Sieg – und ein Punkt, der Westermann und Co. mit Sicherheit nicht vollends zufriedenstellte, aber zumindest aus der direkten Abstiegszone befördert. Und so schwach die ersten 25 Minuten waren, so stark waren die folgenden 35. Dennoch bleiben Fragen. Warum beispielsweise wurde wieder die Anfangsphase verpennt? Wieso hat es der HSV in den letzten 16 Ligaspielen nicht geschafft, ohne Gegentor zu bleiben? Und wie bekommt Thorsten Fink das HSV-Mittelfeldzentrum in den Griff?

Fragen, die wir uns morgen stellen können. Oder besser: sollten. Heute sollten wir uns von einem spannenden Spiel erholen, das mich irgendwie im luftleeren Raum lässt. Eigentlich ist ein Punkt zu wenig – aber wieder war das Spiel so, dass man nicht unbzufrieden sein darf. Dennoch: Ich mag Unentschieden einfach nicht. Schon gar nicht dreimal in Folge.

Aber gut, zumindest Marcell Jansen hat seinen Worten Taten folgen lassen. Er war bis zum Schluss ein Aktivposten und avancierte gar zum gefährlichsten Offensivspieler. Und während Son aktiv aber glücklos blieb, machte Töre wieder ein starkes Spiel. Ebenfalls gut war Mancienne, der ab der 20. Minute ebenso sicher wirkte wie Drobny über 90 Minuten. Dazu ein Kapitän, der trotz offenbarender Ballverstolperer nicht allein wegen seines Treffers bewies, wie wichtig er für die Mannschaft ist.

In diesem Sinne, ich kann nur hoffen, dass Joachim Löw seine Aufstellung unabhängig von diesem Spiel macht und Aogo seine Chance bekommt, in Hamburg vor heimischem Publikum gegen die Niederlande aufzulaufen.

Und jetzt gibt’s endlich ein Feierabendbier. Schließlich haben wir alle es nicht leicht diese Saison. Aber wir dürfen weiter hoffen. „Wir haben weiter Rückenwind“, so Fink, der sich sicher ist: „So langsam merkt die Mannschaft, wie stark sie ist.“ Ich hoffe es. Vor allem, dass sich diese Stärke endlich auch etwas deutlicher im Ergebnis niederschlägt.

Bis morgen!
Scholle (20.43 Uhr)

+++Töre stat Son als Vorlagengeber korrigiert***

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