Tagesarchiv für den 5. November 2011

Zurückgekämpft – und dennoch “nur” ein Punkt

5. November 2011

„Wenn wir die ersten 20 Minuten ohne Gegentor und Rote Karte überstehen, gewinnen wir“, hatte Trainer Thorsten Fink vor dem Spiel prophezeit. Eine mutige Prognose, die schon nach sechs Minuten hinfällig war. Ein Freistoß aus 32,5 Metern fälschte Dennis Diekmeier in der Mauer unglücklich mit dem Kopf ab. Der bereits in die rechte Ecke laufende Drobny konnte nicht mehr schnell genug reagieren – das 0:1. Und ein Tor, das aus einer eh müden Anfangsphase des HSV eine dominante machte. Allerdings nicht für sondern gegen den HSV. Denn von nun an schien es, als hätte Bayer einen Mann mehr auf dem Platz. Insbesondere durchs Mittelfeldzentrum marschierten Lars Bender und Michael Ballack wie sie wollten – und bereiteten weitere gute Chancen vor. Der HSV kam gar nicht mehr zu entlastenden Angriffen, hatte arge Probleme, überhaupt Anspielpunkte im Mittelfeld und Angriff zu finden, was auch dazu führte, dass Paolo Guerrero unzählige hohe Bälle mit Gegner im Rücken verarbeiten musste. Er tat es auch, hatte allerdings seinerseits keine Anspielpunkte.

Knapp 70 Prozent aller bayer-Angriffe wurden durchs HSV-Zentrum vorgetragen. Ein erschütternder Wert für den HSV, der in der 20. Minute auch die überfällige Strafe nach sich zog. Michael Ballack konnte ungehindert bis kurz vor den HSV-Strafraum laufen und zog ab. Sein von inzwischen drei HSVern abgeblockter Ball landete bei dem dadurch sträflich freistehenden Schürrle, der von links scharf hineinflankt und dank Dennis Aogos Aussetzer Lars Bender findet – das 2:0. Eine Vielzahl von Stellungsfehlern, die den HSV zurückwarfen.

Und der HSV wirkte geschockt. Das allerdings irgendwie von der ersten Sekunde an. Nur jetzt noch mehr. Das Spiel schien früh entschieden. Zu chancenlos waren Heiko Westermann und Co., zu große dagegen die Probleme gegen die Werks-Angreifer. Passend, dass eine heimatlose Flanke von rechts zur größten HSV-Chance wurde. Allerdings schien Jansen seine Möglichkeit selbst nicht fassen zu können – freistehend vor Leno schoss er selbigen an (23.).

Dennoch, plötzlich kam der HSV. Ebenso unersichtlich wie die Mannschaft von Thorsten Fink vorher teilnahmslos wirkte, setzte sie die jetzt ihrerseits eingeschläfert wirkenden Leverkusener unter Druck. Und in der 24. Minute war es wieder der starke Marcell Jansen. Diesmal kam er frei zum Kopfball – er verzog aber freistehend. Eine größere Chance hatte anschließend noch Schürrle (31.), allerdings verdiente sich der HSV den Anschlusstreffer jetzt. Und in der 32. Minute war es dann so weit. Ein Freistoß aus dem Halbfeld landete bei Kapitän Westermann, der den Ball gar nicht so richtig traf – allerdings noch richtig genug, denn er war drin.
Das 1:2 aus HSV-Sicht in der 33. Minute. Und hätten sich Son oder Töre in der 40. Minute schneller für einen Abschluss entscheiden können – es wäre sogar der Ausgleich drin gewesen – und das nicht einmal unverdient. Vollkommen unverdient, weil einfach falsch, dann der Pfiff des ansonsten guten Knut Kircher. Einen Allerweltszweikampf (eine identische Szene wurde in der Schlussminute nicht abgepfiffen!) zwischen Friedrich und Guerrero nahm der Unparteiische zum Anlass, einen Treffer von Marcell Jansen abzupfeifen. Ein Pfiff, den selbst Experte und Ex-Fifa-Schiri Markus Merk in der Halbzeitpause nur bedingt zu argumentieren versuchte.

Und trotz des aberkannten Treffers ließ sich der HSV nicht hängen. Im Gegenteil. Die zweite Halbzeit begann, wie die erste aufgehört hatte. Der HSV blieb spielbestimmend. Zwar hatte Bayer durch einen Ballack-Fernschuss die erste Chance, allerdings drängte der HSV auf den Ausgleich – und schaffte ihn in der 57. Minute. Töre hatte den links startenden Jansen gesehen, sein schöner Lupfer erreichte Jansen, der Leverkusens Keeper Leno mit einem harten und platzierten Flachschuss ins lange Eck keine Chance ließ. Das 2:2! Der HSV war auch ergebnistechnisch wieder zurück im Spiel.

Einen verunglückten Derdiyok-Schuss später (65.) hatte der HSV Glück, dass Kircher wieder richtig lag und eine eher harmlose Berührung Töres an Bender nicht als Foul mit einem Elfmeter bestrafte (68.). Ähnlich gefreut haben dürfte sich indes Bayer Leverkusen, als der heute unglückliche Son einen HSV-Konter durch ein dummes Foul abbrach. Dabei hätte der mal wieder auffällige Töre aus rund 16 Metern eine gute Chance für einen Torabschluss gehabt.

Es war inzwischen ein offenes Spiel. Leider jetzt wieder mit lichten Vorteilen für Bayer. Wobei die größte Chance durch Schürrle, der freistehend vor Drobny knapp links vorbeischoss Abseits gewesen wäre. In diesem Fall hatte nach dem HSV und Bayer auch der 23. Mann auf dem Platz, Knut Kircher, Glück, dass sein Fehler ohne entscheidende Folgen blieb.

Am Ende blieb dem HSV wieder nur der moralische Sieg – und ein Punkt, der Westermann und Co. mit Sicherheit nicht vollends zufriedenstellte, aber zumindest aus der direkten Abstiegszone befördert. Und so schwach die ersten 25 Minuten waren, so stark waren die folgenden 35. Dennoch bleiben Fragen. Warum beispielsweise wurde wieder die Anfangsphase verpennt? Wieso hat es der HSV in den letzten 16 Ligaspielen nicht geschafft, ohne Gegentor zu bleiben? Und wie bekommt Thorsten Fink das HSV-Mittelfeldzentrum in den Griff?

Fragen, die wir uns morgen stellen können. Oder besser: sollten. Heute sollten wir uns von einem spannenden Spiel erholen, das mich irgendwie im luftleeren Raum lässt. Eigentlich ist ein Punkt zu wenig – aber wieder war das Spiel so, dass man nicht unbzufrieden sein darf. Dennoch: Ich mag Unentschieden einfach nicht. Schon gar nicht dreimal in Folge.

Aber gut, zumindest Marcell Jansen hat seinen Worten Taten folgen lassen. Er war bis zum Schluss ein Aktivposten und avancierte gar zum gefährlichsten Offensivspieler. Und während Son aktiv aber glücklos blieb, machte Töre wieder ein starkes Spiel. Ebenfalls gut war Mancienne, der ab der 20. Minute ebenso sicher wirkte wie Drobny über 90 Minuten. Dazu ein Kapitän, der trotz offenbarender Ballverstolperer nicht allein wegen seines Treffers bewies, wie wichtig er für die Mannschaft ist.

In diesem Sinne, ich kann nur hoffen, dass Joachim Löw seine Aufstellung unabhängig von diesem Spiel macht und Aogo seine Chance bekommt, in Hamburg vor heimischem Publikum gegen die Niederlande aufzulaufen.

Und jetzt gibt’s endlich ein Feierabendbier. Schließlich haben wir alle es nicht leicht diese Saison. Aber wir dürfen weiter hoffen. „Wir haben weiter Rückenwind“, so Fink, der sich sicher ist: „So langsam merkt die Mannschaft, wie stark sie ist.“ Ich hoffe es. Vor allem, dass sich diese Stärke endlich auch etwas deutlicher im Ergebnis niederschlägt.

Bis morgen!
Scholle (20.43 Uhr)

+++Töre stat Son als Vorlagengeber korrigiert***

400 Gäste feiern Uwe Seeler – der Blog gratuliert!

5. November 2011

Es war fast schon ein Hauen und ein Stechen rund um den Eingang der Platin-Lounge, die sich heute der großen Ehre erfreute, Austragungsort des 75. Geburtstages von Uwe Seeler zu sein. Und so durfte Party-Moderator Marc Bator der Reihe nach die knapp 400 der größten Größen des deutschen Fußballs, der Unterhaltungsindustrie und der Politik begrüßen. Und während derartige Feiern oft einen steifen, offiziellen und manchmal gar oberflächlichen Charakter haben, schien es diesmal anders. Nicht einer der Gäste ging freiwillig an den wartenden Journalisten vorbei. Niemand nahm sich wichtiger als den Gastgeber. Es schien, als sei es allen ein Bedürfnis, Komplimente über den Gastgeber loszuwerden. HSV-Präsident Carl Jarchow, der im Namen des HSV nicht nur die Feier ausrichtete sondern der Uwe-Seeler-Stiftung 75000 Euro überwies), eröffnete die Feier mit den Worten: „Es spricht für Uwe Seelers Bescheidenheit, dass wir ihn erst von dieser Feier überzeugen mussten. Und es ist faszinierend, wie populär Uwe Seeler auch 40 Jahre nach seinem Karriereende noch ist. Ich würde behaupten, er ist neben Helmut Schmidt wahrscheinlich der bekannteste Hamburger. Und das hat er geschafft, indem er immer sich selbst treu geblieben ist. Eben so, wie er selbst immer sagt: Hauptsache ist, man bleibt normal. Diese Maxime hat er zu 100 Prozent gelebt.“ Lobende Worte des HSV-Präsidenten, denen sich etliche Granden anschlossen. Hier einige Auszüge:

Herrmann Rieger (Ex-HSV-Masseur): „Uwe war in der Zeit, als wir Ochsenzoll trainiert haben, mein Nachbar. Wir haben so einige schöne gemeinsame Stunden gehabt. Er ist die Nummer eins in Hamburg. Er hat so viel für die Menschen und vor allem unsere Jugend getan.“

Franz Beckenbauer (Deutsches Fußball-Idol, Nationalmannschaftskollege und seit Jahrzehnten ein enger Freund): „Ich wünsche, dass Uwe noch lange, lange so ein Freund bleibt. Er ist jetzt 75 Jahre alt, das ist kein Pappenstiel. Er hat zuletzt sogar einen Autounfall überstanden, da konnte ihm selbst die vier Russen nichts antun. Er soll 200 Jahre alt werden – und das ist schon die unterste Grenze. Er ist einfach ein Solidararbeiter erster Güte.“

Reinhard Rauball (Ligapräsident und Präsident Borussia Dortmunds): „Ich bin Mitglied der Seeler-Traditionself und stolz darauf. Denn mit so einem feinen Kerl umgibt man sich gern. Uwe ist an Bescheidenheit, Beliebtheit und Kenntnisreichtum nicht zu überbieten. Ein Beispiel: Als wir in Wien bei der WM waren, habe ich ihn zum Abendessen einladen wollen. Auf dem Weg ins Restaurant musste er allerdings so viele Autogramme schreiben, dass wir es fast gar nicht bis an den Tisch geschafft haben. Er ist halt die Symbolfigur des deutschen Fußballs. Und alles, was sich Uwe für sich wünscht, wünsche ich ihm zweimal.“

Dr. Theo Zwanziger (DFB-Präsident, überwies als Geburtstagsgeschenk eine fünfstellige Summe an die Uwe-Seeler-Stiftung): „Ich wünsche Uwe Seeler persönlich und im Namen des deutschen Fußballs noch viele, viele gute Jahre.“

Wolfgang Overath (Nationalmannschaftskollege und Präsident des 1. FC Köln): „Uwe ist ein echter Freund, auf den ich mich wirklich verlassen kann. Es gibt definitiv nichts Schlechtes an ihm – außer, dass er gegen uns Kölner zu oft gewonnen hat.“

Berti Vogts (Nationalmannschaftskollege 1970 bei der WM in Mexiko): „Uwe hat sich toll gehalten, er ist ein toller Mensch. Bei der WM in Mexiko war ich der jüngste Spieler und er Kapitän. Wie er sich um mich und die anderen Jungen gekümmert hat, war vorbildlich. Er war ein toller Kapitän. Von seiner Art, wie er Fußball gelebt hat, können viele noch etwas lernen.“

Olli Dittrich (Entertainer und HSV-Fan seit frühester Jugend): „Uwe ist ein großartiger Typ, er war immer ein Held für mich. Er hat sich damals gegen ein Millionenangebot und für den HSV entschieden – sowas gibt es heute gar nicht mehr. Und er ist der einzige, der die kompletten 30 Minuten in meiner Sendung ‚Dittsche’ auf dem Barhocker sitzengeblieben ist.“

Dies nur als Auszug von der Feier, die Uwe Seeler, nachdem allen Gästen ei Film über sein Leben vorgeführt wurde, mit folgenden Worten eröffnete: „Ich bin, wie ich bin. Einfach stinknormal. Ich habe kein Erfolgsgeheimnis. Und wenn ich morgens aufstehe, knackt es inzwischen hier und da. Aber dadurch weiß ich immer, dass ich noch da bin. Ich freue mich auf viele alte Freunde, viele Gäste, schöne Gespräche und darauf, mit allen einen kleinen Schluck zu trinken.“

Prost, lieber Uwe! Der Blog gratuliert Dir zum 75. Geburtstag und wünscht dir alles, was Du Dir auch wünscht – und noch ein wenig mehr! Bleib so wie Du bist!

Herzlichen Glückwunsch, Uwe Seeler!

5. November 2011

Lieber Herr Seeler,

ganz herzliche Glückwünsche zu Ihrem 75. Geburtstag, alles, alles Gute, vor allem natürlich beste Gesundheit. Das wünschen wir Ihnen von Herzen. Sie sind ein Vorbild für die Jugend, Sie sind ein Star zum Anfassen, Sie sind seit Jahrzehnten Kult und Sie sind vor allen Dingen eines:
ein großartiger Mensch.

Ich möchte mich speziell für Ihre faire Art der Zusammenarbeit bedanken, Sie haben mir über Jahrzehnte Ihr Vertrauen geschenkt, Sie waren da, wenn ich Sie brauchte, wenn das Hamburger Abendblatt Sie brauchte. Danke. Vielen, vielen Dank, das war einfach nur hervorragend.
Was ich ebenfalls noch kurz anmerken muss: Wir, Herr Seeler, haben in den vielen Jahren einige Sendungen (TV und Radio) gemeinsam bewältigen dürfen – Sie waren, so wie zuletzt bei “Drei nach neun” in Bremen, immer überragend. Weil Sie längst ein großartiger Medien-Profi geworden sind, der mit diesem Metier so gekonnt spielen kann. Mit Ihnen gewinnt jede Sendung, ganz sicher – Kompliment.

Wenn ich dazu einmal kurz aus dem Nähkästchen plaudern darf:
Es war vor etwa einem Jahr. Sie hatten an unserem Abendblatt-Buch „Nur der HSV“ mitgewirkt, ich durfte Ihnen ein Exemplar in Ihr Büro bringen. Als ich – nach einem kurzen Gespräch über den HSV und den Fußball allgemein – wieder gehen wollte, hielten Sie und Ihre Frau mich fest: „Wir haben eine Bitte, Herr Matz, Sie sollen uns dieses Buch bitte signieren.“
Wie bitte? „Nein, Herr Seeler, das geht nicht. Das geht wirklich nicht. Der kleine Matz kann dem großen Uwe Seeler kein Buch signieren. Umgekehrt geht das immer wieder, aber ich? Nein, nein, nein. Beim besten Willen, nein.“
Sie aber stellten mir nur ein kurzes “Ultimatum”: „Entweder signieren Sie uns das jetzt, oder wir lassen Sie nicht gehen . . .“
Überredet. Ich machte mich ans Werk. Ich schrieb sogar eine ganze Seite voll:

Am 5. August 1959 hatte ich (neun Jahre alt) Sie zum ersten Mal live am Rothenbaum Fußball spielen gesehen. Halbfinale im Nordpokal (das gab es damals), 16 000 Zuschauer am Rothenbaum wollten die Partie gegen den „ewigen Zweiten“ Werder Bremen sehen. Einer von den 16 000 war ich. Der HSV gewann sensationell 9:1. Das muss man sich kurz auf der Zunge zergehen lassen: 9:1. Sie, Herr Seeler, schossen drei Tore. Klaus Neisner vier. Diese Art der Tor-Verteilung war höchst ungewöhnlich, denn in der Regel waren Sie es, der für die meisten Treffer zuständig war. Egal, nach diesem Schützenfest holte ich mir Autogramme von allen Spielern. Auch von Ihnen. Sie schrieben, schrieben und schrieben – wie üblich. Und waren ob des Sieges bester Laune. Noch heute denke ich, dass Sie anschließend (nach den vielen Autogrammen) förmlich über die Rothenbaumchaussee rein in den HSV-Bierbrunnen (wo die Mannschaft stets das Essen einnahm – und meistens auch feierte) geflogen, nein, förmlich geschwebt sind. Die gute Laune schien ihnen ganz offensichtlich Flügel verliehen zu haben. So war es oft.

Von diesem August-Tag an wurde ich ein „harter und eiserner“ HSV-Fan. Wann immer ich konnte (spielte ja selbst bei BU), fuhr ich zu den Oberliga-Spielen an den Rothenbaum. Und sah dort die vielen, vielen Super-Tore von Ihnen. Ich fuhr auch oft zum Training. Sah, wie Sie freiwillig so manche Sonderschicht schoben, eisern am Kopfballpendel arbeiteten. Vorbildlich eben. Wie immer.

Sie wurden im Fußball meine Nummer eins. Und auch das habe ich Ihnen ins Buch geschrieben: Ich “war” als Knabe jeden Tag mindestens einmal Uwe Seeler. Ich übte Fallrückzieher, Hechtkopfbälle, Volleyschüsse Marke Seeler. Manchmal, gebe ich gerne zu, war ich auch Gert „Charly“ Dörfel. Dann, wenn ich versuchte, Ihnen mit links (meinem schwächeren Fuß) auf den Kopf zu flanken. Es waren Versuche.

Aber so „begleitete“ ich Sie durch das Fußball-Leben. Ich sah Sie in der Oberliga, in der Bundesliga, ich sah Sie gegen Ajax Amsterdam, Penarol Montevideo, Benfica Lissabon, gegen Peles FC Santos, und, und, und. Ich sah auch Ihre drei Tore gegen die deutsche Nationalmannschaft, als der HSV ein Testspiel gegen Herbergers WM-Team (1962) nach einem 0:3-Rückstand noch mit 4:3 gewann. Lausig kalt war es an jenem Abend, sibirisch kalt sogar, aber das Volksparkstadion war mit über 60 000 Zuschauern (!) ausverkauft. Und alle Fans schrien nicht nur an diesem Winterabend: „Uwe, Uwe, Uwe . . .“

Als ich dann vor 32 Jahren mein erstes Interview mit Ihnen führen durfte, war ich aufgeregt wie ein – ich weiß es nicht mehr, wie. Ich erinnere nur, dass ich enorm nervös war, minutenlang vor Ihrer Firma in der Ulzburger Straße auf und ab gegangen bin, bevor ich zu Ihnen unter das Dach ging. Dabei waren Sie damals schon genauso nett und zuvorkommend, wie Sie es heute sind. Zum Anfassen nett. Ich habe an diesem Tag meine Nervosität nie ablegen können, „schoss“ zum Schluss noch Fotos von Ihnen – gegen Licht! Eine mittlere Katastrophe. Aber so war es. Später, bei folgenden Interviews, hat sich meine Nervosität dann natürlich gegeben, denn Sie waren immer – wie ich eingangs schon schrieb – fair, hilfreich und zuvorkommend.

Sie sind bis heute meine Nummer eins geblieben, trotz der Tatsache, dass ich in über 30 Jahren auch Männer wie Franz Beckenbauer, Günter Netzer, Uli Hoeneß, Rudi Völler und, und, und kennen lernen durfte. Sie, Herr Seeler, sind meine Nummer eins, und ich wünsche Ihnen und auch mir (ganz unbescheiden), dass Sie noch Jahrzehnte meine Nummer eins sein können und werden.

Alles, alles Gute für Sie und Ihre Familie.

Auch im Namen der Matz-abber und des Abendblattes.

Ihr Dieter Matz.

Und: Zur Feier des Tages habe ich noch einmal in meinem Archiv gewühlt. Habe ein Gedicht gefunden, das ich zum 70. Geburtstag verfasste – und auch bei der gigantischen Feier oben auf der Bühne vortragen durfte. Zu Ihrer großen Verwunderung, und zur Verwunderung von Günter Netzer und Jan Fedder, die mir – wie ich mich erinnere – zu Füßen saßen (und sich wohl fragten, was ich dort oben mache?). Es war die Idee des HSV – und es war mir eine Ehre.
Hier das nun nur in den Zahlen (70 auf 75) abgeänderte „Werk“:

75? Nein, nein, nein, nein,
der Uwe kann so alt nicht sein.
Gestern sah’n wir ihn noch springen,
sah’n ihm Tore noch gelingen,
die so viele Gegner schlugen,
und die „Marke Seeler“ trugen.

Er war einer wie sonst keiner,
war ein Großer schon als Kleiner,
er war ein Knipser immer schon,
traf Spiel für Spiel in Perfektion,
„uns Uwe“ – der war weltbekannt,
als Deutschlands erster Tor-Gigant,
und war vor Müller – lange schon,
der erste Bomber der Nation.

Wir erinnern uns doch alle,
an das Seelersche „Geknalle“,
Uwe schoss aus allen Lagen,
traf sogar an schlechten Tagen,
schoss Tore wie vom „and’ren Stern“,
war nie ein „Mister Möchtegern“,
er gab nie ein Spiel verloren,
so als hätt’ er’s sich geschworen,
wenn es „Uwe, Uwe“ schallte,
er gleich noch viel härter knallte.

Er war der Liebling aller Massen,
Schützenkönig aller Klassen,
Uwe traf im Fallen, Liegen,
stehend, sitzend – und im Fliegen,
meistens war’n es Charlys Flanken,
die auf Uwes Kopf dann sanken,
beim Gegner gab es auf ein’ Schock,
sprang Uwe in den dritten Stock.

Er war ein echtes Phänomen,
konnt’ selbst die schönsten Dinger dreh’n,
er war schnell Hamburgs Attraktion,
nahm morgens pfeifend Pitralon,
kannte nie so was wie Krisen,
übersprang die größten Riesen,
– und er erfand den Torinstinkt,
er hat mit Schwalben nie gelinkt,
für ihn galt nie ein Flugverbot,
er schoss die Gegner schwer in Not,
er traf mit rechts, er traf mit links,
bei ihm saß praktisch jedes Dings,
ein Uwe-Hecht war stets ein Tor,
– so kam der HSV empor!

Uwes Kopfball – echt der Knaller,
waren schnell im Munde aller,
Uwe schleppte selbst die Bälle,
er stand niemals auf der Stelle,
sprintete in jede Gasse,
jeder Schuss von ihm war klasse,
Fallrückzieher Marke Seeler,
machten jeden Fan fideler,
lag Uwe quer mal in der Luft,
roch es nach Tor – sein schönster Duft,
Uwe nahm sie wie sie kamen,
dafür bürgte er mit Namen,
und er kämpfte wie von Sinnen,
für ihn gab’s nur eins: gewinnen,
er ging dorthin – wo’s weh ihm tut,
er hatte den besond’ren Mut.

Manchmal kochte Uwe über,
steckte Fouls und Nasenstüber,
locker weg – und ging zur Sache,
Tore waren seine „Rache“,
Uwe wurde oft getreten,
hat um Rücksicht nie gebeten,
ihm klopften sie die Knöchel grün,
er blieb trotz allem immer kühn,
er schmiss sich rein, zog nie zurück,
so machte er sein Fußball-Glück,
an ihm hingen sie wie Kletten,
doch auch das konnt’ sie nie retten,
Uwe machte alle alle,
lockte jeden in die Falle,
klotzen wollt’ er – und nicht kleckern,
– deshalb war er oft am Meckern,
er schimpfte sogar dann und wann,
ganz heftig mit dem eig’nen Mann,
fluchte wie ein Kesselflicker,
bis ihn Krug dann bremste: „Dicker,
nun mach’ mal Schluss und schieß dein Tor. . .“
Dann rauschte es auch im Kontor,
Uwe schwoll dann jede Ader,
lud so seinen Turbolader,
er zog dann durch, er zog davon,
und ließ es rappeln im Karton,
sein Dickkopf ging durch jede Wand,
er war dann schwer wie’n Elefant,
es trommelte in seiner Brust,
sein Kopf oft puterrot vor Frust,
er pöbelte, er keifte – schrie,
doch niemals nur als Alibi,
hat so manchen Sieg erzwungen,
wurd’ ein Vorbild für die Jungen,
– so riss er die Kollegen mit,
ja, Seeler, der war echt ein Hit!

Er war ein Star in dieser Welt,
ein fairer Sportsmann – der gefällt,
oft ausgezeichnet und geehrt,
seit vielen Jahren hoch verehrt.

Er war der Star vom Rothenbaum,
war früh Idol – für Fans ein Traum,
sah als König von der Elbe,
niemals Rot – höchstens ’ne Gelbe,
nur einmal wurde unser Held,
zum Duschen früher „freigestellt“:
Klopper war’ns, aus Bremerhaven,
die sein Schienbein zu oft trafen,
selbst er verlor mal die Geduld,
– es gab danach noch ein Tumult,
Fan-Gepöbel und Gezerre,
und auch noch ’ne Heimspielsperre,
„uns Uwe“ brummte für ein Spiel,
– was ihm nicht sonderlich gefiel . . .

Den Uwe hat ein jeder gern,
ob nah aus Hamburg – ob von fern,
nie hat’s ihn hier weggetrieben,
ist ein Mann des Volks geblieben,
schreibt Autogramme mit Geduld,
ist nun schon seit Jahrzehnten Kult,
er war hier sogar Präsident
(ohne das rechte Happy End!),
doch gab’s dabei auch sehr viel Schmerz,
– er trägt die Raute tief im Herz,
der HSV ist sein Verein,
so war es – und so wird’s stets sein,
Uwes Tore – Extraklasse,
er schoss davon eine Masse,
wer erinnert sich nicht gerne,
an das Spie hier gegen Herne:
Uwe saß im Volkspark-Rasen,
mit Tilkowski – wie zwei Hasen,
doch Uwe dann nach oben schnellt,
ein Fallrückzieher – 2:1 fällt!
Heut’ noch herrscht darüber Staunen,
nie verebbt ist dieses Raunen,
was damals durch ganz Deutschland ging,
– doch war’s nicht Uwes schönstes Ding.

Ilka war sein bester Treffer,
die Frau Buck, mit Pep und Pfeffer,
sie wurde dann ja seine Frau,
vor 52 Jahr’ genau (!),
heut’ ist sie Chef in Norderstedt,
weiß immer wann – und ob was geht,
im Seeler-Bau in Ochsenzoll,
sie managt wirklich alles toll,
sie schenkte ihm drei Töchter – fein
(die Jungs mussten dann Enkel sein),
sie kümmert sich um Hof und Haus,
– Uwe ihr Mäuschen, sie die Maus,
zusammen sind sie wunderbar,
wie aus dem Bilderbuch ein Paar,
„uns Uwe“ hat sein Glück gemacht,
die Seelers, nein, welch eine Pracht!

Ein langes Leben – und viel Glück,
und schau’n Sie ruhig oft zurück,
es lief nichts falsch – im Seeler-Haus,
und deshalb gibt es nun Applaus.

PS: Um für keine zu große Verwirrung zu sorgen: Ich habe zurzeit eine Auszeit genommen, und diese wird auch noch ein wenig fortgesetzt.
Und: Ich gratulieren den “Machern” um Benno Hafas, JU aus Q und HSV-Wolle, die es geschafft haben, einen “Matz-ab-Fan-Club” ins Leben zu rufen. Eine wirklich tolle Sache! Vielen Dank dafür – und ich verspreche Euch, dass ich zu jeglicher Unterstützung bereit sein werde. Auf eine schöne HSV-Zeit!

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