Tagesarchiv für den 4. November 2011

Feuer mit Feuer bekämpfen

4. November 2011

Mehr geht nicht. Das sagt zumindest Heiko Westermann und meint damit das bevorstehende Spiel bei Bayer Leverkusen morgen Abend in der BayArena (18.30 Uhr). „Unter Flutlicht um 18.30 Uhr das Topspiel spielen – das ist doch das Beste, was man haben kann“, so der Mannschaftskapitän, der eine offensiv ausgerichtete Werkself erwarten dürfte. Zumindest, wenn man der vorläufigen Aufstellung im „kicker“ Glauben schenken darf. Da stehen mit Kießling und Derdiyok zwei Angreifer auf dem Platz, die von den offensiven Sam und Schürrle auf den Außenbahnen ebenso wie von dem wieder erstarkten Ballack aus dem Mittelfeldzentrum heraus unterstütz werden (voraussichtliche Bayer-Startelf: Leno – Castro, M. Friedrich, Toprak, Kadlec – Sam, L. Bender, Ballack, Schürrle – Kießling, Derdiyok). „Dann liegen unsere Chancen auch in unserer Offensive“, so Westermann völlig unbeeindruckt.

Und auch wenn meine meist sehr gut informierten Bild-Kollegen von Bayer davon ausgehen, dass statt Derdiyok mit Rolfes ein zweiter Sechser aufgestellt wird, kümmert es beim HSV niemanden. Im Gegenteil: Feuer wird beim HSV inzwischen mit Feuer bekämpft. Endlich. Die Mannschaft versteckt sich nicht mehr hinter starken Gegnern wie noch zu Beginn der Saison. Der Glaube an die eigene Stärke ist zurück. Ein Indiz: für den gesperrten Defensivmann Rajkovic rückte Stürmer Jacopo Sala in den Kader.

Und der neue Mut wird auch noch mit besser werdenden Spielen untermauert. Es wird wieder laut gesprochen. Und das nicht nur im übertragenen Sinne sondern auch auf dem Platz. „Die Kommunikation muss sich noch verbessern“, hatte Fink seit seinem Amtsantritt unermüdlich gefordert. Und zumindest im Training schienen alle Spieler bemüht, mehr miteinander zu reden – was teilweise schon komödiantisches Kauderwelsch erzeugte. Dennoch, zumindest der versuch ist da. „Es wird auch besser“, sagt Westermann, der selbst einer der Wortführer auf dem Platz ist. „Ich versuche immer von hinten heraus lautstark zu organisieren“, sagt Westermann, „daran ändert sich auch nichts.“

Wobei er diesmal einen neuen Partner in der Innenverteidigung hat. Michael Mancienne rückt für den gesperrten Slobodan Rajkovic und den verletzten Jeffrey Bruma in die Innenverteidigung. „Ich werde ihn unterstützen, wo ich nur kann“, sagt Westermann, betont aber zugleich: „Michael und ich trainieren oft zusammen, er haut sich immer voll rein, ist zu 100 Prozent motiviert. Er ist charakterlich top und wird sich reinhauen ohne Ende. Er kennt die Abläufe, und er weiß, was der Trainer will. Ich bin mir sicher, dass wir ein gutes Spiel machen werden.“ Zudem, das betonte Westermann heute noch mal – ganz im Stile des neuen Trainer: „Wir haben einen großen Kader mit vielen guten Spielern. Wie wichtig das ist, zeigt sich jetzt. Verletzungssituationen sind immer auch die Chance für die Spieler, die dann reinkommen.“ Westermann will sich auch gar nicht in Ausreden versuchen: „Im Gegenteil: wir brauchen keine Ausreden. Das wäre Schwachsinn.“

So sieht es Mancienne naturgemäß auch. „Ich will, dass die Abwehr mit mir Stabilität bekommt. Ich muss mich jetzt beweisen und hoffe, dass ich die neue Chance ergreife.“ Im Trainingsspiel heute wirkte noch nicht alles so flüssig, wie es sein soll. Mancienne antizipierte wie immer gut, vertändelte allerdings als letzter Mann einen Ball – und hatte Glück, dass Trainer Thorsten Fink just in dem Moment abpfiff, als der gegnerische Angreifer (ich glaube, es war Berg) allein aufs Tor von dem auch heute in dem kurzen Abschlussspiel überragenden Jaroslav Drobny. Der Tscheche parierte bei den Torschussübungen wie zuletzt gewohnt stark und hatte im Abschlussspiel eine Riesenszene gegen Romeo Castelen, der aus zehn Metern einen gut platzierten und hart geschossenen Ball nicht an den Fingerspitzen Drobnys vorbeibekam. Sehr zur Freude des lautstark applaudierenden Rests auf dem Platz. „Am wichtigsten war für ihn selbst, zu erkennen, dass er gute Leistung zeigt. Dadurch hat er wieder richtig Selbstvertrauen und ist eine große Stütze“, so Westermann, der ebenso wie Marcell Jansen und im Gegenteil zu Dennis Aogo nicht für die Länderspiele gegen die Ukraine und die Niederlande nominiert wurde.

Auf eine Nominierung für die Startelf hatte auch Marcus Berg gehofft. Allerdings wirkte der Schwede nach seiner leichten Grippe noch immer nicht zu 100 Prozent auskuriert, spielte heute dick eingepackt und mit Mütze im Training. Und musste so mit ansehen, wie Heung Min Son neben Paolo Guerrero – zu dem Peruaner erzähle ich Euch am Ende noch etwas – in der vermeintlichen Startelf aufgestellt wurde und auch noch traf – Son wirkte frisch.

Das konnte man gegen Kaiserslautern eher bedingt über Gojko Kacar sagen. Der Serbe wirkte schwerfällig, durfte heute aber wieder in der vermeintlichen A-Elf trainieren. Und obwohl er i Spiel zum Ende hin mit David Jarolim das Leibchen tauschte, glaube ich, dass er erneut zusammen mit Rincon das Mittelfeldzentrum bilden wird. Zumal mit Bruma und Rajkovic schon zwei kopfballstarke Spieler wegbrechen. Noch einen verkraftet der HSV eher nicht.

Einen herben Schlag – und damit komme ich auf Guerrero – musste ich heute hinnehmen. Vor knapp zwei Jahren hatte ich mich zu einem Interview mit Paolo getroffen. Wir saßen unten im Kabinentrakt und kamen von einem zum nächsten Punkt. Auch auf ihn persönlich. Vorweg: es war ein sensationell nettes Gespräch, in dem mir Paolo letztlich auch sehr viel über sich erzählte. Unter anderem auch, dass er depressiv sei. Wir unterhielten uns über seine Familiensituation, über seine Vertragssituation und viele andere Dinge – und sprachen genau ab, was ich davon für die Geschichte nehmen würde und was nicht. Ich fragte zweimal nach, ob ich seine Depression erwähnen dürfte, schließlich wollte ich damit vorsichtig umgehen. Ich weiß noch genau, was er sagte: „Es ist kein Problem, wenn du das schreibst. Es ist ja wahr.“ Womit er grundsätzlich Recht hat. Und wenn es für ihn okay ist, ist es so. Er allein entscheidet.

Dachte ich zumindest.

Denn nachdem ich die Geschichte aufgeschrieben hatte, noch mal Paolo angerufen und über alle Inhalte informiert hatte (ich wollte auf Nummer sicher gehen und lieber einmal mehr als einmal zu wenig fragen), rief mich ein damaliges Vorstandsmitglied an. Zunächst bat man mich darum, dass ich den Umstand mit der Depression unerwähnt lasse. Als ich sagte, es sei mit Paolo alles doppelt und dreifach abgesprochen, wurde die Bitte dringlicher. Paolo selbst hätte darum gebeten, dass der Vorstand mich doch überredet. Zudem solle ich mir überlegen, was ich mit einer solchen Geschichte anstellen würde. Ich sagte, dass ich mich auf Paolos Meinung verlassen würde und rief Paolo noch mal an. Allerdings konnte ich ihn jetzt nicht mehr erreichen.

Kurzum: am Ende erschien die Geschichte nicht in seiner ursprünglichen Form. Der Depressions-Part war raus, was der Geschichte seinen ursprünglichen Mittelpunkt nahm. Trotzdem konnte ich ruhig schlafen. Ich wollte nicht derjenige sein, der Paolo – zumal nach einem so netten und ehrlichen Vier-Augen-Gespräch – Probleme bereitet. Aber als ich Paolo einige Tage später darauf ansprach, sagte er, dass er die Geschichte so gut fand. Und, dass auch er am besagten Abend vom Vorstand angerufen worden war. Man hatte ihn überredet, dass es besser sei, den Fakt Depression unerwähnt zu lassen. Er selbst habe zwar nicht genau gewusst, warum. Aber er habe keinen Ärger mit dem Vorstand gewollt.

So viel dazu. Möge jeder die Geschichte interpretieren wie er will. Ich jedenfalls weiß – oder besser: ich glaube es seit dem Gespräch zu wissen –, dass Paolo bei aller Naivität in der einen oder anderen Geschichte ein wirklich lieber, netter Mensch ist, der auch Tiefgang haben kann. Er hat nie viel gesprochen, nie viel über sein Privatleben erzählt – aber seit heute wissen alle, warum das so ist/war. Und ich freue mich für ihn, dass es raus ist. Denn, dass er den Wunsch hatte, darüber zu sprechen, wusste ich spätestens seit meinem Interview…

Vielleicht erklärt das Ganze auch, weshalb ich mich immer dafür ausgesprochen habe, Paolo zu halten und zu stützen. Zumal immer unstreitig war, dass der Angreifer ein absoluter Top-Spieler ist. Wie zuletzt gegen Kaiserslautern – und hoffentlich am Sonnabend bei Bayer Leverkusen bewiesen.

Ihr seht: Drobny, Westermann, Guerrero – einstige Problemfälle, die zu absoluten Leistungsträgern gewachsen sind. Der HSV präsentiert sich nach außen stark – „und das werden wir auch auf den Platz übertragen. Wenn wir weiter so arbeiten wie in den letzten Wochen, kommen die Ergebnisse von allein. Warum nicht schon in Leverkusen?“, fragt Westermann – und ich vermag ihm keinen Grund zu nennen. Im Gegenteil.

In diesem Sinne, bis morgen! Da melde ich mich nach dem Spiel bei Bayer, in das wir alle berechtigt große Hoffnungen legen dürfen.

Scholle (18.05 Uhr)

Kurz notiert:

Grüße: Frank Rost ist mit seinen Red Bulls New York gegen LA Galayy im Viertelfinale der Playoffs der Major League gescheitert. Rost, dessen Vertrag noch bis Dezember läuft und der noch an einer Freundschaftsspieltour durch Indien und Mexiko mit den Red Bulls teilnehmen wird, wollte es sich dennoch nicht nehmen lassen, einen Gruß an den Blog, aber vor allem an Uwe Seeler auszurichten: „Ich wünsche Uwe alles, alles Gute zum 75. Geburtstag. Es war und wird für mich immer wieder ein freudiges Erlebnis sein, ihn zu treffen. Ich wünsche ihm nicht nur ein tolles Fest mit seiner Familie und seinen Freunden, sondern vor allem, dass er gesund und der positive Mensch bleibt, der er immer war. Herzlichen Glückwunsch aus New York, Uwe!“