Tagesarchiv für den 2. November 2011

Töre macht Freude – und hat große Ziele

2. November 2011

Der Typ schockt einfach. Schon optisch. Er sieht gefährlich aus – und gibt sich nicht nur handzahm. Er ist einfach ein sympathischer Zeitgenosse. „Ich bin gar nicht so emotional“, sagt der Deutsch-Türke vor dem Duell mit seinem ehemaligen Klub Bayer Leverkusen und versucht, mit dem einen oder anderen Vorurteil aufzuräumen. Das ihm nachgesagte Image des Heißsporns hat er in Hamburg eh noch nicht nachgewiesen. Im Gegenteil, obwohl er sich anfänglich mit der Eingewöhnung etwas schwertat, ist Gökhan Töre inzwischen das, was man bei Zugängen als „Verstärkung“ betitelt. Am Sonntag wurde er für Zhi Gin Lam ausgewechselt – und von den 55348 Zuschauern mit stehenden Ovationen verabschiedet. „Ein tolles Gefühl, so von den Zuschauern verabschiedet zu werden“, so Töre, der dabei fast etwas peinlich berührt wirkt. Dabei erhielt er den Zuspruch vollkommen zurecht, wie ich finde. Es hallten sogar Sprechchöre durch das Stadion. Und für mich waren es Rufe, die sich der 19-Jährige in den zuvor 80 Minuten hart erarbeitet hatte.

Immer wieder versuchte sich Töre in Dribblings in höchstem Tempo, er schleppte Bälle, er spielte geschickte Pässe – kurzum: er suchte die Offensive. Und dabei versteckte er sich nicht bei der Defensivarbeit. „Ich muss jetzt zwar mehr nach hinten arbeiten“, sagt Töre, der im gleichen Atemzug aber auch klarstellt, dass er das für „selbstverständlich in dem heutigen, modernen Fußball“ hält. Töre spielte richtig gut, er bereitete zudem das 1:1 vor und war mit fünf Torschussvorlagen fleißigster Vorbereiter. „Am Ende wollte ich noch viel mehr machen“, so Töre, der sich einzig seinem Körper geschlagen geben musste. „Ich hatte Krämpfe, ich konnte kaum mehr richtig auftreten.“

Dabei ist Töres gesamter Auftritt in Hamburg als große Bühne zu bezeichnen. Der Linksfuß hat sich schon im Trainingslager sehr selbstbewusst gezeigt. Er rechne damit, in Hamburg Stammspieler zu werden, so die damalige Ansage, die er heuer in die Tat umgesetzt hat. Zehn von elf Spielen hat er bestritten, musste nur einmal verletzt pausieren. „Es läuft ganz gut“, so Töre, der auch in dem Moment des Glückes nie seine Freunde vergisst. Am Sonntag lief er mit einem Trauerflor für die bei dem Erdbeben in der Türkei gestorbenen Landsleute. „Ich selbst war noch nie in dem Gebiet, aber ich habe dort viele Freunde. Zum Glück sind sie alle unverletzt geblieben“, erzählt Töre, der von seinen Freunden und Bekannten um die Geste mit dem Trauerflor gebeten wurde. „Ich habe das natürlich sehr gern gemacht.“

Töre wirkt professionell. Ein gebrandmarkter Mensch („In der Türkei wurde viel Falsches über mich geschrieben, seitdem bin ich sehr vorsichtig“), der langsam Fuß und Vertrauen fasst. Es scheint, als blühe der gerade mal 19-Jährige nicht nur fußballerisch in Hamburg auf. „Es passt momentan fast alles, bis auf die Punkte“, so Töre, der sich allerdings sicher ist, dass auch die kommen werden. „Wir haben unter dem neuen Trainer sehr viel Spaß, wir spielen guten Fußball. Und wenn wir so weitermachen, werden wir auch in der Tabelle klettern.“

Beginnen will er damit lieber gstern als heute. Auf jeden Fall aber spätestens in seiner alten Heimat beim Gastspiel bei Bayer Leverkusen am Sonnabend (18.30 Uhr, BayArena). Dort verbrachte der in Köln geborene türkische Nationalspieler seine Fußballjugend, bis er 2009 in die U18 zum FC Chelsea wechselte. Überzeugt wurde er übrigens damals wie dieses Jahr beim Wechsel zum HSV von seinem Mentor Frank Arnesen. „Ich habe immer an Arnesen geglaubt. Er wollte hier was Neues probieren und aufbauen. Das hörte sich sehr gut an. Ich bin seinetwegen hier.“ Und das inzwischen sehr gern.

Selbst das Spiel in seiner alten Heimat (er wuchs in Köln auf, spielte in der Jugend für Bayer) vermag bei Töre nichts mehr hervorzurufen als: „Es ist sicher was Besonderes. Aber ich bin ganz locker und entspannt – ich bin da nicht mehr emotional.“ Zwar musste er gleich 25 Karten für Freunde und Verwandte in dem eigentlich mit gerade 30250 Zuschauern ausverkauften BayArena besorgen, allerdings sieht er das Spiel in erster Linie als Möglichkeit für den HSV, weitere dringend benötigte Punkte zu sammeln, denn als persönliches Highlight.

Töre ist gereift. Das klingt zunächst unspektakulär, schließlich sollte das jeder Mensch mit jedem neuen Tag machen. Aber allein der Vergleich vom Trainingslager auf Sylt bis heute dürfte bei jedem ein Lächeln erzeugen. Töre hält Schritt mit der Entwicklung, die er selbst innerhalb der Mannschaft ausgemacht haben will. Selbst die „drohende“ Rückkehr des erfahreneren Ivo Ilicevic beunruhigt Töre nicht. Im Gegenteil: „Wenn man Stammspieler ist, gibt einem das eine Menge Selbstvertrauen. Und das habe ich im Moment.“

Dennoch droht Töre ein direktes Duell mit Ilicevic – allerdings in den EM-Qualifikations-Playoffs, wo Töre mit seinen Türken auf Ilicevic’ Kroaten trifft. Ob sie sich in der Kabine schon gegenseitig flachsen? „Nein“, lacht Töre, „wir haben eigentlich noch gar nicht so richtig darüber gesprochen. Aber es wird ein ganz enges, ganz hartes Spiel zweier guter Mannschaften. Die Chancen stehen 50:50“, sagt Töre und man merkt, wie sehr sich der ehrgeizige Offensivmann nach einer Teilnahme 2012 in Polen und der Ukraine sehnt.

Aber Töre wäre nicht der (neue) Töre, würde er nicht sofort wieder auf den HSV und das nächste Spiel hinweisen. Und das tat er auch heute. Am Anfang, in der Mitte und am Ende des Gesprächs immer wieder gleichermaßen. Weil er angekommen ist. Sportlich wie menschlich.

In diesem Sinne, bis morgen!
Scholle (18.48 Uhr)

Kurz notiert:
Ausgesetzt:
Marcus Berg absolvierte heute nur ein individuelles Lauf- und Krafttraining.
Angesetzt: Der HSV bestreitet am 12. November in Oststeinbek ein Testspiel gegen Dynamo Bukarest. Der Anstoß gegen den rumänischen Erstligisten ist um 14 Uhr.