Monatsarchiv für Oktober 2011

Am Sonntag soll zum ersten Mal die Null stehen

28. Oktober 2011

Muskelfaserriss. Das ist die bittere Diagnose, die einen mehrwöchigen Ausfall von Mladen Petric nach sich zieht. Eine bittere Nachricht, wie ich finde, denn Mladen war gerade zuletzt gegen Wolfsburg in meinen Augen stark verbessert. Die ihm immer wieder zur Last gelegte Lauffaulheit hatte er abgelegt, er war anspielbar und torgefährlich. Von daher verstehe ich die Diskussion um seine Person hier in diesem Blog nicht. Es gab viele Momente, in denen man trefflich über Mladen diskutieren konnte – aber eben jetzt nicht.

Aber okay, Mladen fällt leider aus und zumindest im heutigen Training schien es, als wäre Marcus Berg Finks erste Alternative. Beim taktischen Spiel stürmte der Schwede neben Paolo Guerrero, während Heung Min Son nebenan mit den voraussichtlichen Ersatzspielern trainierte. So auch im Abschlussspiel, in dem Berg weitgehend unauffällig blieb, während Son den einzigen Treffer des Spiels markieren konnte. Eine endgültige Entscheidung scheint allerdings noch nicht gefallen. Sagt zumindest der Trainer.

Das gilt auch für die Position des zweiten Innenverteidigers neben Jeffrey Bruma. „Mir ist egal, ob Heiko oder Slobodan spielt. Ich weiß genau, wie die beiden spielen“, so Bruma, der sich allerdings zumindest mit Westermann schon auf den nächsten Gegner eingestimmt hat. „Wir haben über Kaiserslautern gesprochen, über deren Offensive und die Angreifer wie Shechter.“ Denn, und das ist das primäre Ziel für Bruma, „wir wollen endlich mal zu Null spielen.“ Das ist in dieser Saison bislang noch nicht gelungen. Ebenso wenig wie ein Heimsieg. Der letzte liegt inzwischen sieben Monate zurück. „Ich war in meiner gesamten Karriere noch nie so lange ohne Heimsieg“, sagt Bruma und erklärt, weshalb diese Serie nun auch beim HSV ein Ende haben wird: „Wir haben Spaß im Training“, so der Niederländer, der hinzufügt: „Wir haben alle mehr Spaß, seitdem Fink Trainer ist.“ Eine Aussage, die Bruma nicht als Schuss gegen Oenning sondern als Kompliment für Fink verstanden wissen will. Explizit die hohen Anforderungen gefallen ihm. „Jetzt muss jeder genau wissen, was er zu machen hat.“ Gegen Kaiserslautern heißt das, Tore verhindern und selbst das Spiel machen. „Alle elf attackieren“, verspricht Bruma eine offensive Ausrichtung, fordert aber auch: Und alle elf verteidigen. Die Null muss stehen – ein Tor machen wir immer.“

Man merkt Bruma an, dass er sich wohlfühlt. „Ich hatte in meiner Karriere immer Schmerzen hier und da. Heute bin ich schmerfrei, gefühlt das erste Mal.“ Und er ist auf dem Sprung in der Nationalmannschaft. Noch musste er den erfahreneren Profis wie Heitinga, Mathijsen oder auch Ron Vlaar den Vortritt lassen, allerdings hegt der HSV-Profi große Hoffnungen, beim Länderspiel der Niederlande gegen Deutschland am 15. November in Hamburg dabei sein zu dürfen: „Ich freue mich riesig darauf.“

Allerdings – und das nur für die, die befürchten, Bruma könnte abgelenkt sein – der Innenverteidiger wirkt aktuell sehr fokussiert. Seine anfängliche Überheblichkeit („Ich hatte die Bundesliga nicht so stark eingeschätzt“) ist verflogen, die Zeit als Reservist hat ihn wachgerüttelt. Und Bruma genießt den HSV. Ob er glaubt, dass Chelsea von der Rückholklausel nach dieser Saison Gebrauch macht? „Ich glaube nicht. Ich stelle mich auf jeden Fall auf mindestens zwei Jahre in Hamburg ein.“ Worte, die gut klangen und die er mit einem zufriedenen Lächeln garnierte.

Zur ersten Garnitur möchte auch Tomas Rincon wieder gehören. Der kampfstarke Mittelfeldspieler aus Venezuela pausierte heute zwar wegen Oberschenkelproblemen, allerdings will Rincon schon am Sonnabend im (nicht öffentlichen) Abschlusstraining wieder dabei sein. „Es ist eine Verletzung, die ich mit 17 Jahren erlitten habe und dessen narbe mir jetzt Probleme gemacht hat. Aber es geht mir schon viel besser und ich werde spielen können.“ Zusammen mit Gojko Kacar im defensiven Mittelfeld. Zwar trainierte Kacar heute mit Tesche in der A-Elf im Mittelfeldzentrum, allerdings dürfte Rincon den Vorzug vor Tesche erhalten, der sich zuletzt nicht so präsentieren konnte, wie Fink es sich erhofft hatte. Wobei, wo wir gerade bei Tesche sind, ich muss zugebe, dass Tesche eigentlich alles hat. Er ist einigermaßen schnell, zweikampfstark, hat eine gute Technik, einen sehr guten Schuss und er ist kopfballstark. Die Frage, die sich allerdings vor mir wohl bislang alle HSV-Trainer gefragt haben, ist also: warum setzt sich der ehemalige Bielefelder beim HSV nicht durch? Ist es sein Phlegma?

Okay, ich muss zugeben, dass ich diese Frage definitiv nicht beantworten kann. Stattdessen hoffe ich, dass sich der HSV schon etwas dabei gedacht hat, als sie kürzlich Tesches Vertrag vorzeitig bis 2014 verlängert haben.

Erfolgreich gehofft haben wir heute alle, als plötzlich Gökhan Töre das Training abbrach und in Richtung Kabine lief. Zum Glück nicht wegen irgendeiner Verletzung, sondern nur, um zu dem Ort zu gelangen, an dem das Unbeschreibliche passiert, wie Goethe das Stille Örtchen mal so passend beschrieb.

Ihr merkt, ich schweife ab. Mehr gibt es heute tatsächlich nicht zu erzählen. Außer dass Slobodan Rajkovic mit Rückenproblemen pausierte, am Sonnabend jedoch wieder mittrainieren soll. Und natürlich, und somit schließe ich diesen Blog mit einer höchst erfreulichen Nachricht, dass Romeo Castelen seine Knieprobleme überstanden hat und heute wieder voll mittrainieren konnte.

In diesem Sinne, alles wird gut. Schon am Sonntag.

Scholle (17.10 Uhr)

Alles wird gut – schon am Sonntag?

27. Oktober 2011

Einen Schönheitspreis gibt es im Fußball nicht zu gewinnen. Das gilt für die Bundesliga, für den Pokal, für die Mannschaften und ebenso für einzelne Spieler. Zumindest sagt man das so. Denn letztlich ist Fußball ein Spiel, in dem die Mannschaft die Punkte bekommt, die mehr Tore als ihr jeweiliger Gegner erzielt. Und diese Phrase logisch zuendegedacht, hat Marcus Berg in Trier ein gute Spiel gemacht. Denn der Schwede hat eines der zwei Tore für den HSV erzielt, die am Ende reichten, um den Viertligisten zu bezwingen. So gesehen wäre es auch egal, ob er die restlichen 119 Minuten nun gut oder schlecht war.

Warum ich das schreibe?

Weil wir hier im Blog mal wieder wider die Realität schreiben. Polemik, ein Rückfall in alte Zeiten – was auch immer hier wieder geschrieben wird – es hat nicht den Hauch von Bezug auf das, was der HSV abliefert. Sicher kann man den Sieg in Trier als positiv bewerten, denn es wurde immerhin gewonnen. Da gab es in dieser Saison schon Phasen, wo das eher unwahrscheinlich gewesen wäre. Und natürlich kann man auch sagen, dass Berg gut war, weil er getroffen hat. Aber beide Aussagen sind nur die halbe Wahrheit. Nur die, die aus dem Fanatismus für den HSV entstehen – aber mit Analyse hat das nichts zu tun.

Das wiederum ist okay. Als reiner Fan ist das sogar die Regel.

Aber ich werde das nicht so machen. Zumindest größtenteils nicht. Ich werde mit Sicherheit Siege auch einfach mal ohne weiter nachzufragen Siege sein lassen, weil ich das in dem entsprechenden Moment für die wichtigste, die vorrangige Nachricht halte. Aber ich werde es dann auch immer genau so kennzeichnen und sagen, dass es sicher mehr geben würde, ich das Spiel ganz bewusst nicht sizieren will, um den Effekt beizubehalten. Aber ich werde ganz sicher nie versuchen, das in dem Fall dann qualitativ nicht so gute Spiel schönzureden.

Aber gut, Trier ist Vergangenheit. Und es sind auch nur noch drei Tage bis zum schwersten Spiel der Saison gegen den 1. FC Kaiserslautern. Dieses Spiel soll immerhin der Schlüssel in eine bessere Saison werden. „Mit einem Sieg wollen wir ordentlich klettern“, sagt Torwart Jaroslav Drobny, der auf eine Fortsetzung der zuletzt drei ungeschlagenen Spiele in Folge – aber vor allem auf eine Beendigung der Heimserie von nunmehr sieben Monaten ohne Sieg – hofft. Ebenso wie Dennis Diekmeier, der sich sogar sicher ist: „Alle wissen, worauf es ankommt. Wir haben taktisch gegen Wolfsburg schon gut gespielt. Und in der Kabine merkst du, dass alle auf den ersten Heimsieg brennen.“

Dennoch wird einer voraussichtlich passen müssen: Mladen Petric. Der Toptorschütze des HSV verletzte sich heute beim Drei-gegen-Drei im Training an der Wade. „Eine Muskelverletzung. Er hat plötzlich ein Stechen verspürt“, sagt Trainer Thorsten Fink, „das wird sehr, sehr eng.“ Tomas Rincon hingegen, der heute passte, soll am Freitag wieder voll mittrainieren und am Sonntag auch einsetzbar sein.

Und er wird auch spielen. Darauf legte sich Fink heute schon eindeutig zweideutig fest. Auf die Frage, wie er David Jarolims Situation und seine Chancen auf einen Einsatz gegen Lautern einschätzt, antwortete Fink heute: „Er kann sicherlich besser spielen als im letzten Spiel in Trier. Aber ich erwarte, dass wir ihn noch brauchen werden.“ Fink schränkte jedoch ein: „Bei dem einen oder anderen Spiel werden wir ihn noch brauchen.“ Das klingt nicht so, als hätte Jarolim große Chancen auf einen Stammplatz. Vorsichtig formuliert.

Größere Chancen auf die Startelf haben dagegen Marcus Berg und Heung Min Son als Ersatz für den voraussichtlich verletzten Petric. Wer Finks Alternative Nummer eins ist? „Das werde ich mir im Training genau anschauen. Beide sind gute Stürmer. Am Ende können Kleinigkeiten entscheiden, zum Beispiel mein Bauchgefühl, das in den letzten Jahren immer ganz gut war.“

Wie gegen Trier, wo Fink in der zweiten Halbzeit nach eigener Aussage „korrigierte“ und Per Skjelbred zusammen mit Paolo Guerrero brachte. Zwei Wechsel, die beide maßgeblichen Anteil daran hatten, dass das Offensivspiel des HSV besser wurde. Guerrero dürfte gegen Kaiserslautern eh als gesetzt gelten – aber was ist mit Skjelbred? Fink: „Skjelbred hat auf sich aufmerksam gemacht. Er ist rangerückt an die Mannschaft und wird ganz sicher im Kader stehen.“

Ganz sicher, und das mit Recht, darf sich Jaroslav Drobny fühlen. Die Wochen der Enttäuschungen sind einem Hoch gewichen, das tagtäglich neue Komplimente für den HSV-Keeper mit sich bringt. Hute war mal wieder Fink dran. „Bei den zwei, drei Bällen, in denen er da sein musste war er da. Ich verspüre ihn als sehr gut, sehr positiv.“ Der neue HSV-Trainer impft seinem Torhüter neues Selbstvertrauen ein und lässt keine Zweifel: „Was vorher war, interessiert mich nicht. Ich jedenfalls verschwende keinen Gedanken an einen neuen Keeper.“

Gut so. Zumal es in der Bundesliga eh noch genügend andere vorrangigere Themen geben dürfte. Für Fink insbesondere, wen er gegen Lautern von Beginn an auflaufen lassen wird. Besonders bei einer Personalie bin ich zumindest sehr gespannt: Slobodan Rajkovic. Der Innenverteidiger hatte nach seinen starken Leistungen seit dem Köln-Spiel zuletzt in Freiburg aber wenigstens gegen Wolfsburg und Trier eher schwankende Leistungen gezeigt. Jeffrey Bruma dürfte weiter von einem Startelfplatz ausgehen, Heiko Westerman auch – allerdings ist bei dem Kapitän die Frage, ob das auf rechts in der Viererkette oder wie zuletzt gegen Wolfsburg und Trier in den zweiten – und von Fink ausdrücklich gelobten – Halbzeiten als Innenverteidiger sein wird. Das wiederum würde bedeuten, dass Rajkovic draußen wäre und Dennis Diekmeier (Michael Mancienne dürfte für rechts aktuell keine ernsthafte Variante sein) die rechte Seite übernehmen würde. Und während das Mittelfeldzentrum mit Kacar und Rincon stehen dürfte, dürften auf den Außenbahnen Jansen oder Lam sowie ziemlich sicher Gökhan Töre beginnen. Zusammen mit der offenen Personalie im Angriff neben Guerrero gibt es für das Lautern-Spiel somit drei Fragezeichen.

Klar ist hingegen, dass Fink seine Philosophie weiter durchzieht. „Das Pokalspiel war sicher kein Schmankerl, die Mannschaft hat nicht gut gespielt – aber wir haben gewonnen. Das nehmen wir mit, und wir wollen so spielen wie zuvor gegen Wolfsburg – nur mit einem besseren Torabschluss.“ Optimistische Worte, wie sie typisch sind für Fink. Ebenso wie folgende sehr selbstbewusste Aussage: „Meine Mission ist, den Verein unten rauszubringen, und das werde ich mal kurzfristig tun.“ Mit einem Sieg gegen den 1. FC Kaiserslautern am Sonntag.

In diesem Sinne, alles wird gut.

Scholle (18.45 Uhr)

P.S.: Eine Sache habe ich dann doch noch, weil es so oft gefragt und kritisiert wurde: Marcus Berg ist in meinen Augen – das habe ich hier auch schon deutlich formuliert – ein Knipser. Hat er die Chance vor dem Tor, trifft er (häufiger als andere). Beim spielerisch starken und alle Gegner dominierenden FC Bayern hätte der Schwede vielleicht schon jetzt seine sechs bis zehn Saisontreffer erzielt. Und das ist eine Qualität, die ich dem wesentlich spielstärkeren Paolo Guerrero nicht annähernd so bescheinigen würde. Allerdings muss man sich auch immer im Klaren darüber sein, dass Berg für Kombinationsfußball eher nicht geeignet ist. Berg muss man da einsetzen, wo er seine Stärken hat – im gegnerischen Strafraum. Er kann und darf – das ist meine subjektive Meinung – nur das letzte Glied in einer Kette sein. Er muss der sein, der den finalen Pass verwertet. Ergo: Ich habe absolut nichts gegen Berg, nur weil ich mal schreibe, dass er sich fußballerisch offenbart. Zumal das im Umkehrschluss bedeutet, dass Berg zu viel auf der falschen Position gespielt hat. Und: Sollte Fink irgendwann den dominanten Fußball mit dem HSV spielen können, den er sich vorstellt, wird der HSV vorn einen Knipser brauchen können. Und das kann sehr wohl ein Marcus Berg sein.

Der Trend bleibt positiv

26. Oktober 2011

Der Tag danach. Vom „Schlechtesten, was der HSV je geboten hat“ bis hin zu „egal, sie sind endlich mal wieder in der dritten Runde“ habe ich seit gestern 23.15 Uhr circa alle Kommentare über das Spiel gehört, die es gibt. Wobei insgesamt – und das sogar eindeutig – die Kritik überwiegt. Neben mir sind auch hier im Blog und in meinem Bekanntenkreis sehr viele zu der Überzeugung gekommen, dass dieser HSV noch keinen passenden zweiten Anzug hat. Auch wenn Trainer Thorsten Fink sagte: „Wir haben keinen ersten und keinen zweiten Anzug. Wir haben nur ein paar Spieler, die bei uns auf der Bank saßen und die auch sehr gut sind. Und es ist meine Art Teamwork, denen in solchen Spielen in Englischen Wochen eine faire Chance zu geben, sich zu zeigen.“

Womit Fink bestimmt richtig liegt. Die Spieler, die gestern zum Einsatz gekommen sind, dürften es ihm auf Sicht eher danken. Ausgenommen wahrscheinlich die zwei schon zur Halbzeit wieder ausgewechselten, Michael Mancienne und David Jarolim. Letzteren zähle ich zu den Spielern beim HSV, die sich extrem verdient gemacht haben und noch immer schonungslos mit sich selbst Verantwortung versuchen zu übernehmen. Jaro ist ein tadelloser Sportsmann, der sich auch gestern nach dem Spiel professionell gab. „Es geht hier nicht um mich, um das mal klarzustellen. Es geht um die Mannschaft. Und die hat kein gutes Spiel gemacht, das müssen wir auch nicht schönreden.“ Insbesondere die erste Halbzeit, als er noch auf dem Platz stand, sei schlecht gewesen. Und dennoch, obwohl Jarolim mit Sicherheit nicht der Schlechteste war und trotzdem ausgewechselt wurde – er hielt sich zurück. Wohlwissend, dass es nicht der Hauptgrund war, sagte er: „Der Trainer sagte mir, ich sei gelbrot-gefährdet. Das akzeptiere ich. Denn am Ende zählt nur, dass wir die nächste Runde erreicht haben. Als Team.“

Klar, Jarolim ist frustriert und hält zurück, wie er wirklich über seine persönliche Situation denkt. Das dürfte uns allen klar sein. Aber er macht es wenigstens, während in den vergangenen Jahren selbst weniger verdienstvolle Spieler wie Eljero Elia immer wieder sofort Ärger verursachten. Vielleicht ein erster Verdienst von Fink, der keine Sekunde ungenutzt lässt, den Teamgedanken zu proklamieren.

Wie nach dem Spiel. Da musste Fink immer wieder erklären, weshalb er gleich sieben Spieler austauschte und entsprechend hohes Risiko gegangen war. Eine Frage, die den einstigen Bayern-Profi zunehmend nervte. Letztlich, bei uns, platzte es dann aus ihm heraus: „Wer sagt denn, dass ich Risiko gegangen bin? Für mich war es das nicht. Einen Son aufzustellen ist kein Risiko. Einen Marcus Berg aufzustellen ebenfalls nicht.“ Wobei ich zumindest bei Berg konstatieren muss, dass der teuerste Zugang der Vereinsgeschichte auf fast kompletter Linie enttäuscht hat. Fast deshalb, weil er getroffen hat. Und ganz ehrlich: das Tor macht er auch gut. Aber gefühlte 98 Prozent Ballverlust, fast keinen gewonnenen Zweikampf und ein fast durchgehend indisponiertes Stellungsspiel zuvor sprechen eine deutliche Sprache. Wobei mich nur eine Sache irritierte: Wieso trifft Berg erst, nachdem Fink ihn auf eine meiner Meinung nach falsche Position, nämlich ins rechte offensive Mittelfeld, gesetzt hatte? Eine Frage, die ich nur damit beantworten konnte, dass es keine Kausalität gibt.

Wobei es meiner Meinung nach eindeutig einen Zusammenhang gibt zwischen den Siegen und der Leistung von Jaroslav Drobny. Der Tscheche scheint sich endlich gefangen zu haben und brillierte gestern in Trier einmal mehr als Retter, als er in der 61. Minute das sichere 0:2 mit einer Glanzparade verhinderte. Selbiges gelang ihm in der Verlängerung (102.), wo er einen Zittlau-Schuss gerade noch über die Latte lenken konnte. Beide Male hielt er seine Mannschaft im Spiel und erhielt anschließend von Fink ein Sonderlob: „Jaroslav hat eine sehr positive Wirkung auf die Mannschaft, eine absolut ruhige Ausstrahlung. Wir haben einen guten Torwart“, so der HSV-Trainer, der zu Beginn der Saison aufgekommene Torwartdiskussionen ablehnt: „Ich habe im Tor keine Baustelle.“

Worte, die Jaroslav Drobny freuen dürften. Obgleich der Tscheche sich alle Mühe gibt, nichts von seinem Inneren, nichts von seiner Gefühlswelt preiszugeben. Auch heute nicht, wo er sich das erste Mal seit dem Hertha-Spiel wieder bei uns in die Runde setzte. Fragen nach seinem Gefühlsleben bei seinen Fehlern schmetterte der Keeper ab. Die an sich sehr nett fragende Journalistin vom Pay-TV-Sender Sky kann ein Lied davon singen. Ob und wie er sich inzwischen anders als sonst auf Spiele vorbereitet, wollte sie wissen. Drobnys Antwort: „Gar nicht.“ Womit die Nummer eins des HSV das Interview kurzerhand abbrach, wortlos wegmarschierte und die TV-Lady einfach stehen ließ.

Nein, Drobny ist zweifellos gezeichnet. Die erste Phase der Hinrunde hat Spuren hinterlassen. Und das ist nur logisch. Aber er blickt nicht mehr zurück, sieht nur den Moment und seine aktuell gute Verfassung. „Ich habe immer gleiches Vertrauen in meine Person“, so Drobny, der sich dann doch zu einem Satz über die vielleicht schwierigste Phase seiner Karriere verlor: „Ich weiß, was passiert ist und was ich falsch gemacht habe. Aber ich blicke nicht mehr zurück. Ich habe mit dem Torwarttrainer und den wichtigen Leuten im Verein darüber gesprochen. Das war für mich am wichtigsten.“

Gut so. Und zu 100 Prozent akzeptiert. Zumal es ihm und dadurch auch der Mannschaft ganz offensichtlich gut getan hat. Wie gestern in Trier. Oder auch davor gegen Wolfsburg. Und Freiburg. Und Stuttgart. Aber vor allem natürlich: wie auch am Sonntag gegen den 1. FC Kaiserslautern. Denn dieses Spiel soll ein Wendepunkt der Saison werden. „Deshalb denke ich nicht an vorher, oder an Trier“, sagt Drobny, „Sonntag ist das Spiel, das wir gewinnen wollen, um in der Tabelle zu klettern. Wir wollen endlich auch mal wieder ein Heimspiel gewinnen.“ Schon allein, um die Fans für ihren Support durch die letzten, schweren Wochen zu belohnen? Drobny antwortet in der für ihn derzeit bezeichnenden, ruhigen Art: „In erster Linie, um in der Tabelle zu klettern.“ Drobny weiß (aus eigener Erfahrung): Der Rest kommt von allein.

Sicher, die Art und Weise des Weiterkommens in Trier war nicht schön. Sie darf auch nicht unter den Teppich gekehrt werden. Aber wie sagte Fink anschließend so schön? „In unserer Situation kann ich noch nicht die nötigen Automatismen und den Kombinationsfußball erwarten, der mir vorschwebt. Aber letztlich haben wir uns den Sieg in Trier nicht gestohlen, sondern auch erarbeitet. Und jeder Sieg bringt uns in der aktuellen Lage weiter. Jeder Sieg gibt uns neues Selbstvertrauen.“ Siehe Drobny.

In diesem Sinne: abhaken, weitermachen. Und auch wenn es ins Phrasenschwein kostet, es stimmt: Kaiserslautern am Sonntag ist mit weitem Abstand das schwerste Spiel der Saison. Genau wie anschließend – allerdings auch erst danach – Leverkusen. Und dann Hoffenheim, Hannover, etc…

Aber: Der Trend ist positiv – und ich hoffe, das bleibt so.

Bis morgen,
Scholle (18.31 Uhr)

Kurz notiert:
Kader: Heute trainierten nur die Spieler auf dem Platz, die 45 oder weniger Minuten gegen Trier gespielt hatten, inklusive der drei Angeschlagenen Gökhan Töre, Mladen Petric und Kacar. Einziger Wehrmustropfen: Tomas Rincon brach nach zehn Minuten mit Oberschenkelproblemen ab und fuhr zum Arzt. Ob er am Sonntag spielen kann? „Schwer zu sagen“, so Rincon, der beim Hinaufsteigen des Hügels in Richtung Umkleide sichtbare Probleme hatten.

Wechsel: Spektakulärer Neuzugang beim Fußball-Oberligisten SV Halstenbek-Rellingen: Der derzeit vereinslose Claus Reitmaier, ehemaliger Bundesligatorwart und Torwarttrainer beim Hamburger SV, wird von sofort an die SV Halstenbek-Rellingen verstärken und möglicherweise schon im Heimspiel am Sonntag um 14 Uhr gegen Eintracht Norderstedt dem Kader der Halstenbeker angehören. Der 47 Jahre alte Reitmaier soll als Torwart einspringen, falls der derzeitige Keeper, der 19 Jahre alte Maximilian Rohrbach – er vertritt den langzeitverletzten Stammtorhüter Thomas Brandt – sich der Aufgabe nicht gewachsen zeigt. Vermittelt hat die Verpflichtung der für seine guten HSV-Kontakte bekannte HR-Manager Detlef Kebbe.

Interesse: Angeblich ist der HSV an Perus Supertalent Andy Polo (17) interessiert. Der peruanische Offensivspieler soll bereits seit einiger Zeit von Arsenal London, Manchester City und Liverpool umworben worden sein, aber lieber in die Bundesliga wechseln wollen. Dort soll neben Schalke der HSV interessiert sein. Wer den Artikel über den peruanischen U-17-Nationalspieler nachlesen will, guckt hier: http://www.dailymail.co.uk/sport/football/article-2053573/Andy-Polo-snub-Premier-League-Germany.html#ixzz1bsLxw1pz

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