Tagesarchiv für den 30. Oktober 2011

1:1 gegen Kaiserslautern – ein Punkt für die Moral ***Update mit PK Fink/Kurz****

30. Oktober 2011

****Während Lautern-Trainer Kurz an der Roten Karte keinen Zweifel gelten lassen wollte, sagte Fink, dass Gelb gereicht hätte, da Rajkovic keinen bewussten Schlag vornimmt. Dennoch, auch wenn es keine Absicht war und einen HSV-Spieler trifft: auf der Höhe hat in diesem Zweikampf kein Ellenbogen etwas zu suchen. Es ist sicherlich eine unglücliche Szene und allemal eine harte Entscheidung gewesen, aber eine vertretbare. Dass die HSV-Verantwortlichen anschließend versuchen, die Szene harmlos zu schildern, ist logisch. Immerhin gilt es eine längerere Sperre abzuwenden. Das abgepfiffene Tor von Guerrero hingegen ist eine Fehlentscheidung. Es ist für mich (ich habe es jetzt sicher zehn und meher Male gesehen) bislang aus keiner Fernsehsicht als klares Handspiel zu identifizieren, von daher hätte es gelten müssen. Im Zweifel hätten die Unparteiischen für den Angreifer entscheiden müssen******

Das war doch mal ne fachkundige Runde. Im Fahrstuhl auf dem Weg in Richtung Pressetribüne fuhren drei Ehrenkarteninhaber mit mir nach oben. Mein Kollege von Opta Data hatte die Aufstellung auf seinem Klemmbrett und beantwortete die Fragen der drei Herren. Als erstes die nach Marcus Berg. Ob der Schwede spielt, wollte einer wissen. „Ja“, so die korrekte Antwort, die bei allen dreien ein zufriedenes Nicken auslöste, garniert von den Worten: „Das ist doch mal gut. Endlich. Der Junge kann ja gar nicht so schlecht sein, bei dem, was er gekostet hat.“

Nun ja, ich kann mir auch teure schlechte Spieler kaufen. Beispiele dafür gibt’s genug, die reichen von Cristian Ledesma über Martin Dahlin bis hin zu – Marcus Berg?

Mitnichten. Zumindest begann der Schwede engagiert, forderte Bälle, behauptete sie und wirkte verbessert gegenüber Trier. Ebenso seine Nebenleute, zumindest offensiv. Defensiv jedoch hatte der HSV Probleme. Es haperte in der Abstimmung zwischen Mittelfeld und Viererkette. Und so kamen de Wit (3.), sowie eine Dreierchance mit Kouemaha nach Tiffert- und Dick-Schuss (11.)zu guten Gelegenheiten. Die hatte der HSV, der parallel den VfB Stuttgart für das DFB-Pokal-Achtelfinale am 20./21. Dezember als Auswärtsspiel zugelost bekam) in der 16. Minute, nachdem Rajkovic einen schönen Pass auf Jansen geschlagen hatte, der allerdings mit seiner Hereingabe keinen Spieler erreichen konnte – weil keiner wirklich mitgelaufen war. Es war einer dieser Angriffe, bei denen ich mir Berg in der „Box“ gewünscht hätte, allerdings musste sich der Schwede erneut zu tief anbieten, sich die Bälle teilweise an der Mittellinie abholen.

Und es kam noch schlimmer für Berg. Genau genommen für den HSV. Denn Slobodan Rajkovic hatte knapp in der eigenen Hälfte angekommen auf Höhe der Außenlinie eine dumme Idee. Anstatt Gegenspieler Christian Tiffert ganz schlicht zu blocken, benutzte er den Ellenbogen und traf Tiffert heftig an der Augenbraue. Ein – so will ich mal hoffen – unabsichtliches Foulspiel, das allerdings den völlig berechtigten Platzverweis nach sich zog. Eine korrekte Entscheidung. Und, 15 Minuten nach Rajkovic, musste auch Berg seinen Platz räumen. Aus taktischen Gründen wich er Dennis Diekmeier, der auf die Rechtsverteidigerposition rückte, während Heiko Westermann neben Jeffrey Bruma in die Innenverteidigung rückte.

Und so verpasste Berg, der traurig den direkten Weg in die Kabine angetreten hatte, das 0:1. Sahan tanzt Aogo rechts aus – der HSV-Verteidiger rutschte einfach am Lauterer vorbei – und flankt. Links im Strafraum hat Konstantinos Fortounis ausreichend Platz und Zeit für einen Rückpass auf de Wit, der aus zentraler Position von der Strafraumgrenze rechts oben in den Torwinkel trifft. Ein Tor des Monats zum 0:1 in der 38.Minute, das Marcell Jansen keine zwei Minuten später in Sachen Schönheit getoppt – und im Bezug aufs Ergebnis ausgeglichen hätte. Allerdings traf er HSV-Profi aus 30 Metern nur die Latte traf, von wo aus der Ball deutlich erkennbar vor der Torlinie aufkam. Und hätte Drobny nicht in der selben Minute einen von Bruma noch gefährlich abgefälschten Schuss von Fortounis mit einem sensationellen Reflex noch über die Latte gelenkt – der HSV wäre mit 0:2 in die Halbzeit gegangen. So aber blieb es beim 0:1, das vom Chancenverhältnis her – auch durch das Überzahlspiel ab der 22. Minute – sogar in Ordnung ging.

Und einen De-Wit-Freistoß (46.) als Weckruf genutzt, legte der HSV es auf den Ausgleich an. Erst scheiterte Jansen mit einem scharfen Schuss aus halblinker Position (57.) noch knapp an den Fingerspitzen von FCK-Keeper Trapp, dann traf der HSV. Einen Westermann-Pass nimmt Guerrero am Sechzehner mit der Brust an, läuft auf Trapp zu, tunnelt ihn und trifft zum 1:1 in der 58. Minute– denken zumindest die 55348 Zuschauer im Stadion. Allerdings hatte Schiri-Assistent Kai Voss ein Handspiel erkannt, das wir auf der Tribüne zunächst nicht wahrhaben wollten. Und eigentlich auch jetzt noch nicht wahrhaben wollen.

Allein es nützte nichts, es stand weiter 0:1. Und das noch genau sieben Minuten. Denn dann war der sichtlich erzürnte und sehr engagierte Guerrero wieder da. Diesmal mit dem Kopf, nachdem sich der bis dahin beste HSVer neben Drobny, Gökhan Töre, über rechts durchgesetzt hatte und mit seinem vermeintlich schwächeren rechten Fuß eine scharfe Flanke hereinbrachte. In der Mitte setzte sich Guerrero gegen Amedick durch und wuchtet den Ball zum 1:1 ins Netzt. Ein Treffer, an dem nichts, aber auch gar nichts auszusetzen war. Er zählte.

Zwar hätte der FCK gleich im Anschluss an den Ausgleich auf 2:1 erhöhen können, allerdings hatte sich der HSV das Remis achtbar verdient. Die Mannschaft von Thorsten Fink wirkte jetzt bissig, nahm die Zweikämpfe an – und gewann sie immer häufiger auch. Selbst Marcell Jansen, dem wie Gojko Kacar ein wenig die Luft auszugehen schien, biss auf die Zähne und ackerte. Jansen war es auch, der in der 72. Minute eine hohe Hereingabe von Rincon direkt querlegte. Allein Paolo Guerrero scheiterte an dem gut parierenden Trapp.

Es war ein munteres Spiel, in dem sich Drobny die Sprechchöre der Fans mit sensationellen Reflexen und Paraden verdiente. Ein Spiel, in dem Marcell Jansen in der zweiten Halbzeit seine dritte Luft bekam, in dem Töre Bälle schleppte und verteilte. Aber vor allem ein Spiel, in dem der HSV Moral bewies. Es hätte ein Sieg werden können, ohne Frage. Allerdings hatte der HSV auch Glück, als der Ex-Hamburger Mathias Abel in der 82. Minute nach einer Ecke nur die Latte traf.

Nein, alles in allem war es ein unterhaltsames Spiel mit zahlreichen Torchancen, etlichen umstrittenen Szenen und einem gerechten Endergebnis, das den HSV weiterhin auf den ersten Heimsieg seit mehr als sieben Monaten warten lässt, ihm tabellarisch aber den (vorher schon durch Kölns 3:0 gesicherten) Sprung auf Rang 16 verschaffte. Und neben vielen lobenden Worten für die eigene Mannschaft fand Trainer Thorsten Fink anschließend die richtigen Worte: „Es ist ein Anfang – aber ganz sicher noch ein weiter Weg mit viel Arbeit für uns.“

In diesem Sinne, morgen soll es (Stand 19.22 Uhr) um zehn Uhr damit beginnen. Auf den Trainingsplätzen neben der Imtech-Arena.

Euch allen einen schönen Abend, Scholle (19.32 Uhr)

P.S.: Für alle Rechtschreib-Freunde – ich bitte um Nachsicht. Ich habe hier zum einen wenig Zeit zum anderen auch noch erschwerte Bedingungen beim Übertragen der Daten. Ost ja nicht so, dass ausgerechnet mein Anbieter Telekom auch für die Stadiontechnik verantwortlich ist… ;-)

Zudem möchte ich alle beruhigen. Neben Drobny und Jansen gab es weitere auffällig gute Spieler. Allerdings ist die Einzelkritik bei einem derart kollektiv gespielten Spiel in Unterzahl ab der 22. Minute für mich damit am besten benotet, wenn ich allen eine lobenswerte Moral attestiere. Und das tue ich hiermit.