Tagesarchiv für den 27. Oktober 2011

Alles wird gut – schon am Sonntag?

27. Oktober 2011

Einen Schönheitspreis gibt es im Fußball nicht zu gewinnen. Das gilt für die Bundesliga, für den Pokal, für die Mannschaften und ebenso für einzelne Spieler. Zumindest sagt man das so. Denn letztlich ist Fußball ein Spiel, in dem die Mannschaft die Punkte bekommt, die mehr Tore als ihr jeweiliger Gegner erzielt. Und diese Phrase logisch zuendegedacht, hat Marcus Berg in Trier ein gute Spiel gemacht. Denn der Schwede hat eines der zwei Tore für den HSV erzielt, die am Ende reichten, um den Viertligisten zu bezwingen. So gesehen wäre es auch egal, ob er die restlichen 119 Minuten nun gut oder schlecht war.

Warum ich das schreibe?

Weil wir hier im Blog mal wieder wider die Realität schreiben. Polemik, ein Rückfall in alte Zeiten – was auch immer hier wieder geschrieben wird – es hat nicht den Hauch von Bezug auf das, was der HSV abliefert. Sicher kann man den Sieg in Trier als positiv bewerten, denn es wurde immerhin gewonnen. Da gab es in dieser Saison schon Phasen, wo das eher unwahrscheinlich gewesen wäre. Und natürlich kann man auch sagen, dass Berg gut war, weil er getroffen hat. Aber beide Aussagen sind nur die halbe Wahrheit. Nur die, die aus dem Fanatismus für den HSV entstehen – aber mit Analyse hat das nichts zu tun.

Das wiederum ist okay. Als reiner Fan ist das sogar die Regel.

Aber ich werde das nicht so machen. Zumindest größtenteils nicht. Ich werde mit Sicherheit Siege auch einfach mal ohne weiter nachzufragen Siege sein lassen, weil ich das in dem entsprechenden Moment für die wichtigste, die vorrangige Nachricht halte. Aber ich werde es dann auch immer genau so kennzeichnen und sagen, dass es sicher mehr geben würde, ich das Spiel ganz bewusst nicht sizieren will, um den Effekt beizubehalten. Aber ich werde ganz sicher nie versuchen, das in dem Fall dann qualitativ nicht so gute Spiel schönzureden.

Aber gut, Trier ist Vergangenheit. Und es sind auch nur noch drei Tage bis zum schwersten Spiel der Saison gegen den 1. FC Kaiserslautern. Dieses Spiel soll immerhin der Schlüssel in eine bessere Saison werden. „Mit einem Sieg wollen wir ordentlich klettern“, sagt Torwart Jaroslav Drobny, der auf eine Fortsetzung der zuletzt drei ungeschlagenen Spiele in Folge – aber vor allem auf eine Beendigung der Heimserie von nunmehr sieben Monaten ohne Sieg – hofft. Ebenso wie Dennis Diekmeier, der sich sogar sicher ist: „Alle wissen, worauf es ankommt. Wir haben taktisch gegen Wolfsburg schon gut gespielt. Und in der Kabine merkst du, dass alle auf den ersten Heimsieg brennen.“

Dennoch wird einer voraussichtlich passen müssen: Mladen Petric. Der Toptorschütze des HSV verletzte sich heute beim Drei-gegen-Drei im Training an der Wade. „Eine Muskelverletzung. Er hat plötzlich ein Stechen verspürt“, sagt Trainer Thorsten Fink, „das wird sehr, sehr eng.“ Tomas Rincon hingegen, der heute passte, soll am Freitag wieder voll mittrainieren und am Sonntag auch einsetzbar sein.

Und er wird auch spielen. Darauf legte sich Fink heute schon eindeutig zweideutig fest. Auf die Frage, wie er David Jarolims Situation und seine Chancen auf einen Einsatz gegen Lautern einschätzt, antwortete Fink heute: „Er kann sicherlich besser spielen als im letzten Spiel in Trier. Aber ich erwarte, dass wir ihn noch brauchen werden.“ Fink schränkte jedoch ein: „Bei dem einen oder anderen Spiel werden wir ihn noch brauchen.“ Das klingt nicht so, als hätte Jarolim große Chancen auf einen Stammplatz. Vorsichtig formuliert.

Größere Chancen auf die Startelf haben dagegen Marcus Berg und Heung Min Son als Ersatz für den voraussichtlich verletzten Petric. Wer Finks Alternative Nummer eins ist? „Das werde ich mir im Training genau anschauen. Beide sind gute Stürmer. Am Ende können Kleinigkeiten entscheiden, zum Beispiel mein Bauchgefühl, das in den letzten Jahren immer ganz gut war.“

Wie gegen Trier, wo Fink in der zweiten Halbzeit nach eigener Aussage „korrigierte“ und Per Skjelbred zusammen mit Paolo Guerrero brachte. Zwei Wechsel, die beide maßgeblichen Anteil daran hatten, dass das Offensivspiel des HSV besser wurde. Guerrero dürfte gegen Kaiserslautern eh als gesetzt gelten – aber was ist mit Skjelbred? Fink: „Skjelbred hat auf sich aufmerksam gemacht. Er ist rangerückt an die Mannschaft und wird ganz sicher im Kader stehen.“

Ganz sicher, und das mit Recht, darf sich Jaroslav Drobny fühlen. Die Wochen der Enttäuschungen sind einem Hoch gewichen, das tagtäglich neue Komplimente für den HSV-Keeper mit sich bringt. Hute war mal wieder Fink dran. „Bei den zwei, drei Bällen, in denen er da sein musste war er da. Ich verspüre ihn als sehr gut, sehr positiv.“ Der neue HSV-Trainer impft seinem Torhüter neues Selbstvertrauen ein und lässt keine Zweifel: „Was vorher war, interessiert mich nicht. Ich jedenfalls verschwende keinen Gedanken an einen neuen Keeper.“

Gut so. Zumal es in der Bundesliga eh noch genügend andere vorrangigere Themen geben dürfte. Für Fink insbesondere, wen er gegen Lautern von Beginn an auflaufen lassen wird. Besonders bei einer Personalie bin ich zumindest sehr gespannt: Slobodan Rajkovic. Der Innenverteidiger hatte nach seinen starken Leistungen seit dem Köln-Spiel zuletzt in Freiburg aber wenigstens gegen Wolfsburg und Trier eher schwankende Leistungen gezeigt. Jeffrey Bruma dürfte weiter von einem Startelfplatz ausgehen, Heiko Westerman auch – allerdings ist bei dem Kapitän die Frage, ob das auf rechts in der Viererkette oder wie zuletzt gegen Wolfsburg und Trier in den zweiten – und von Fink ausdrücklich gelobten – Halbzeiten als Innenverteidiger sein wird. Das wiederum würde bedeuten, dass Rajkovic draußen wäre und Dennis Diekmeier (Michael Mancienne dürfte für rechts aktuell keine ernsthafte Variante sein) die rechte Seite übernehmen würde. Und während das Mittelfeldzentrum mit Kacar und Rincon stehen dürfte, dürften auf den Außenbahnen Jansen oder Lam sowie ziemlich sicher Gökhan Töre beginnen. Zusammen mit der offenen Personalie im Angriff neben Guerrero gibt es für das Lautern-Spiel somit drei Fragezeichen.

Klar ist hingegen, dass Fink seine Philosophie weiter durchzieht. „Das Pokalspiel war sicher kein Schmankerl, die Mannschaft hat nicht gut gespielt – aber wir haben gewonnen. Das nehmen wir mit, und wir wollen so spielen wie zuvor gegen Wolfsburg – nur mit einem besseren Torabschluss.“ Optimistische Worte, wie sie typisch sind für Fink. Ebenso wie folgende sehr selbstbewusste Aussage: „Meine Mission ist, den Verein unten rauszubringen, und das werde ich mal kurzfristig tun.“ Mit einem Sieg gegen den 1. FC Kaiserslautern am Sonntag.

In diesem Sinne, alles wird gut.

Scholle (18.45 Uhr)

P.S.: Eine Sache habe ich dann doch noch, weil es so oft gefragt und kritisiert wurde: Marcus Berg ist in meinen Augen – das habe ich hier auch schon deutlich formuliert – ein Knipser. Hat er die Chance vor dem Tor, trifft er (häufiger als andere). Beim spielerisch starken und alle Gegner dominierenden FC Bayern hätte der Schwede vielleicht schon jetzt seine sechs bis zehn Saisontreffer erzielt. Und das ist eine Qualität, die ich dem wesentlich spielstärkeren Paolo Guerrero nicht annähernd so bescheinigen würde. Allerdings muss man sich auch immer im Klaren darüber sein, dass Berg für Kombinationsfußball eher nicht geeignet ist. Berg muss man da einsetzen, wo er seine Stärken hat – im gegnerischen Strafraum. Er kann und darf – das ist meine subjektive Meinung – nur das letzte Glied in einer Kette sein. Er muss der sein, der den finalen Pass verwertet. Ergo: Ich habe absolut nichts gegen Berg, nur weil ich mal schreibe, dass er sich fußballerisch offenbart. Zumal das im Umkehrschluss bedeutet, dass Berg zu viel auf der falschen Position gespielt hat. Und: Sollte Fink irgendwann den dominanten Fußball mit dem HSV spielen können, den er sich vorstellt, wird der HSV vorn einen Knipser brauchen können. Und das kann sehr wohl ein Marcus Berg sein.