Tagesarchiv für den 26. Oktober 2011

Der Trend bleibt positiv

26. Oktober 2011

Der Tag danach. Vom „Schlechtesten, was der HSV je geboten hat“ bis hin zu „egal, sie sind endlich mal wieder in der dritten Runde“ habe ich seit gestern 23.15 Uhr circa alle Kommentare über das Spiel gehört, die es gibt. Wobei insgesamt – und das sogar eindeutig – die Kritik überwiegt. Neben mir sind auch hier im Blog und in meinem Bekanntenkreis sehr viele zu der Überzeugung gekommen, dass dieser HSV noch keinen passenden zweiten Anzug hat. Auch wenn Trainer Thorsten Fink sagte: „Wir haben keinen ersten und keinen zweiten Anzug. Wir haben nur ein paar Spieler, die bei uns auf der Bank saßen und die auch sehr gut sind. Und es ist meine Art Teamwork, denen in solchen Spielen in Englischen Wochen eine faire Chance zu geben, sich zu zeigen.“

Womit Fink bestimmt richtig liegt. Die Spieler, die gestern zum Einsatz gekommen sind, dürften es ihm auf Sicht eher danken. Ausgenommen wahrscheinlich die zwei schon zur Halbzeit wieder ausgewechselten, Michael Mancienne und David Jarolim. Letzteren zähle ich zu den Spielern beim HSV, die sich extrem verdient gemacht haben und noch immer schonungslos mit sich selbst Verantwortung versuchen zu übernehmen. Jaro ist ein tadelloser Sportsmann, der sich auch gestern nach dem Spiel professionell gab. „Es geht hier nicht um mich, um das mal klarzustellen. Es geht um die Mannschaft. Und die hat kein gutes Spiel gemacht, das müssen wir auch nicht schönreden.“ Insbesondere die erste Halbzeit, als er noch auf dem Platz stand, sei schlecht gewesen. Und dennoch, obwohl Jarolim mit Sicherheit nicht der Schlechteste war und trotzdem ausgewechselt wurde – er hielt sich zurück. Wohlwissend, dass es nicht der Hauptgrund war, sagte er: „Der Trainer sagte mir, ich sei gelbrot-gefährdet. Das akzeptiere ich. Denn am Ende zählt nur, dass wir die nächste Runde erreicht haben. Als Team.“

Klar, Jarolim ist frustriert und hält zurück, wie er wirklich über seine persönliche Situation denkt. Das dürfte uns allen klar sein. Aber er macht es wenigstens, während in den vergangenen Jahren selbst weniger verdienstvolle Spieler wie Eljero Elia immer wieder sofort Ärger verursachten. Vielleicht ein erster Verdienst von Fink, der keine Sekunde ungenutzt lässt, den Teamgedanken zu proklamieren.

Wie nach dem Spiel. Da musste Fink immer wieder erklären, weshalb er gleich sieben Spieler austauschte und entsprechend hohes Risiko gegangen war. Eine Frage, die den einstigen Bayern-Profi zunehmend nervte. Letztlich, bei uns, platzte es dann aus ihm heraus: „Wer sagt denn, dass ich Risiko gegangen bin? Für mich war es das nicht. Einen Son aufzustellen ist kein Risiko. Einen Marcus Berg aufzustellen ebenfalls nicht.“ Wobei ich zumindest bei Berg konstatieren muss, dass der teuerste Zugang der Vereinsgeschichte auf fast kompletter Linie enttäuscht hat. Fast deshalb, weil er getroffen hat. Und ganz ehrlich: das Tor macht er auch gut. Aber gefühlte 98 Prozent Ballverlust, fast keinen gewonnenen Zweikampf und ein fast durchgehend indisponiertes Stellungsspiel zuvor sprechen eine deutliche Sprache. Wobei mich nur eine Sache irritierte: Wieso trifft Berg erst, nachdem Fink ihn auf eine meiner Meinung nach falsche Position, nämlich ins rechte offensive Mittelfeld, gesetzt hatte? Eine Frage, die ich nur damit beantworten konnte, dass es keine Kausalität gibt.

Wobei es meiner Meinung nach eindeutig einen Zusammenhang gibt zwischen den Siegen und der Leistung von Jaroslav Drobny. Der Tscheche scheint sich endlich gefangen zu haben und brillierte gestern in Trier einmal mehr als Retter, als er in der 61. Minute das sichere 0:2 mit einer Glanzparade verhinderte. Selbiges gelang ihm in der Verlängerung (102.), wo er einen Zittlau-Schuss gerade noch über die Latte lenken konnte. Beide Male hielt er seine Mannschaft im Spiel und erhielt anschließend von Fink ein Sonderlob: „Jaroslav hat eine sehr positive Wirkung auf die Mannschaft, eine absolut ruhige Ausstrahlung. Wir haben einen guten Torwart“, so der HSV-Trainer, der zu Beginn der Saison aufgekommene Torwartdiskussionen ablehnt: „Ich habe im Tor keine Baustelle.“

Worte, die Jaroslav Drobny freuen dürften. Obgleich der Tscheche sich alle Mühe gibt, nichts von seinem Inneren, nichts von seiner Gefühlswelt preiszugeben. Auch heute nicht, wo er sich das erste Mal seit dem Hertha-Spiel wieder bei uns in die Runde setzte. Fragen nach seinem Gefühlsleben bei seinen Fehlern schmetterte der Keeper ab. Die an sich sehr nett fragende Journalistin vom Pay-TV-Sender Sky kann ein Lied davon singen. Ob und wie er sich inzwischen anders als sonst auf Spiele vorbereitet, wollte sie wissen. Drobnys Antwort: „Gar nicht.“ Womit die Nummer eins des HSV das Interview kurzerhand abbrach, wortlos wegmarschierte und die TV-Lady einfach stehen ließ.

Nein, Drobny ist zweifellos gezeichnet. Die erste Phase der Hinrunde hat Spuren hinterlassen. Und das ist nur logisch. Aber er blickt nicht mehr zurück, sieht nur den Moment und seine aktuell gute Verfassung. „Ich habe immer gleiches Vertrauen in meine Person“, so Drobny, der sich dann doch zu einem Satz über die vielleicht schwierigste Phase seiner Karriere verlor: „Ich weiß, was passiert ist und was ich falsch gemacht habe. Aber ich blicke nicht mehr zurück. Ich habe mit dem Torwarttrainer und den wichtigen Leuten im Verein darüber gesprochen. Das war für mich am wichtigsten.“

Gut so. Und zu 100 Prozent akzeptiert. Zumal es ihm und dadurch auch der Mannschaft ganz offensichtlich gut getan hat. Wie gestern in Trier. Oder auch davor gegen Wolfsburg. Und Freiburg. Und Stuttgart. Aber vor allem natürlich: wie auch am Sonntag gegen den 1. FC Kaiserslautern. Denn dieses Spiel soll ein Wendepunkt der Saison werden. „Deshalb denke ich nicht an vorher, oder an Trier“, sagt Drobny, „Sonntag ist das Spiel, das wir gewinnen wollen, um in der Tabelle zu klettern. Wir wollen endlich auch mal wieder ein Heimspiel gewinnen.“ Schon allein, um die Fans für ihren Support durch die letzten, schweren Wochen zu belohnen? Drobny antwortet in der für ihn derzeit bezeichnenden, ruhigen Art: „In erster Linie, um in der Tabelle zu klettern.“ Drobny weiß (aus eigener Erfahrung): Der Rest kommt von allein.

Sicher, die Art und Weise des Weiterkommens in Trier war nicht schön. Sie darf auch nicht unter den Teppich gekehrt werden. Aber wie sagte Fink anschließend so schön? „In unserer Situation kann ich noch nicht die nötigen Automatismen und den Kombinationsfußball erwarten, der mir vorschwebt. Aber letztlich haben wir uns den Sieg in Trier nicht gestohlen, sondern auch erarbeitet. Und jeder Sieg bringt uns in der aktuellen Lage weiter. Jeder Sieg gibt uns neues Selbstvertrauen.“ Siehe Drobny.

In diesem Sinne: abhaken, weitermachen. Und auch wenn es ins Phrasenschwein kostet, es stimmt: Kaiserslautern am Sonntag ist mit weitem Abstand das schwerste Spiel der Saison. Genau wie anschließend – allerdings auch erst danach – Leverkusen. Und dann Hoffenheim, Hannover, etc…

Aber: Der Trend ist positiv – und ich hoffe, das bleibt so.

Bis morgen,
Scholle (18.31 Uhr)

Kurz notiert:
Kader: Heute trainierten nur die Spieler auf dem Platz, die 45 oder weniger Minuten gegen Trier gespielt hatten, inklusive der drei Angeschlagenen Gökhan Töre, Mladen Petric und Kacar. Einziger Wehrmustropfen: Tomas Rincon brach nach zehn Minuten mit Oberschenkelproblemen ab und fuhr zum Arzt. Ob er am Sonntag spielen kann? „Schwer zu sagen“, so Rincon, der beim Hinaufsteigen des Hügels in Richtung Umkleide sichtbare Probleme hatten.

Wechsel: Spektakulärer Neuzugang beim Fußball-Oberligisten SV Halstenbek-Rellingen: Der derzeit vereinslose Claus Reitmaier, ehemaliger Bundesligatorwart und Torwarttrainer beim Hamburger SV, wird von sofort an die SV Halstenbek-Rellingen verstärken und möglicherweise schon im Heimspiel am Sonntag um 14 Uhr gegen Eintracht Norderstedt dem Kader der Halstenbeker angehören. Der 47 Jahre alte Reitmaier soll als Torwart einspringen, falls der derzeitige Keeper, der 19 Jahre alte Maximilian Rohrbach – er vertritt den langzeitverletzten Stammtorhüter Thomas Brandt – sich der Aufgabe nicht gewachsen zeigt. Vermittelt hat die Verpflichtung der für seine guten HSV-Kontakte bekannte HR-Manager Detlef Kebbe.

Interesse: Angeblich ist der HSV an Perus Supertalent Andy Polo (17) interessiert. Der peruanische Offensivspieler soll bereits seit einiger Zeit von Arsenal London, Manchester City und Liverpool umworben worden sein, aber lieber in die Bundesliga wechseln wollen. Dort soll neben Schalke der HSV interessiert sein. Wer den Artikel über den peruanischen U-17-Nationalspieler nachlesen will, guckt hier: http://www.dailymail.co.uk/sport/football/article-2053573/Andy-Polo-snub-Premier-League-Germany.html#ixzz1bsLxw1pz