Tagesarchiv für den 25. Oktober 2011

Ein Kunstschuss rettet Hamburgs B-Elf

25. Oktober 2011

***Wie gestern angekündigt, war ich heute für Print und Matz Ab in Trier. Deshalb hier die Fassung, die moregn im Abendblatt erscheinen wird. Euch allen einen schönen Restmontag***

Der auf sieben Positionen veränderte HSV erreicht durch ein mühevolles 2:1 nach Verlängerung beim Regionalligaklub Eintracht Trier das Achtelfinale

Marcus Scholz
Wirklich zum Jubeln war Thorsten Fink nach dem gestrigen Pokalabend nicht zumute. Als Schiedsrichter Robert Hartmann schließlich nach 120 Minuten abgepfiffen hatte, umarmte Hamburgs neuer Trainer einmal kurz Sportchef Frank Arnesen, verzichtete nach dem glücklichen 2:1-Sieg des HSV nach Verlängerung gegen den Regionalligaklub Eintracht Trier aber auf weitere Gratulationen. „Ich bin zufrieden mit dem Sieg, auch wenn es nicht das ganz große Spiel war“, sagte Fink, der vor dem Spiel mit so vielen Problemen nicht gerechnet hatte.
Die im Vergleich zum 1:1 gegen den VfL Wolfsburg auf sieben Positionen veränderte Startelf war gegen den Tabellenzweiten der Regionalliga West von Anfang an nicht ins Spiel gekommen, tat sich besonders in der Vorwärtsbewegung schwer und hatte auch in der Defensive unerwartet große Schwierigkeiten. „Wir haben schlecht gespielt, das brauchen wir uns auch gar nicht schönzureden“, sagte David Jarolim, der besonders Schnelligkeitsdefizite als Hauptgrund für den miserablen Auftritt ausmachte: „Wir waren einfach zu langsam.“ So war es die logische Folge, als bereits nach acht Minuten Ahmet Kulabas zur frühen, aber verdienten 1:0-Führung traf. Der völlig indisponierte Michael Mancienne hatte zuvor den Ball an der Außenlinie gegen Fahrudin Kuduzovic vertändelt. Dass Kuduzovic bei seinem Solo unabsichtlich die Hand zu Hilfe nahm, dürfte aufgrund des dreifachen Klassenunterschieds kaum als Ausrede dienen.
Wer nun dachte, dass die frühe Führung des Außenseiters für den HSV als Weckruf diente, der sah sich getäuscht. Das Team von Neu-Trainer Fink erspielte sich im ersten Durchgang keine einzige Torchance. Besonders die beiden Stürmer Heung Min Son und Marcus Berg kamen überhaupt nicht ins Spiel. Bereits zur Pause schien klar, dass es ein Fehler war, die gegen Wolfsburg so starke Mannschaft derart durcheinanderzuwürfeln, dabei sogar ganz auf Mladen Petric, Gojko Kacar und Gökhan Töre zu verzichten. „Wir haben viele gute Spieler, ich vertraue ihnen“, hatte Fink vor dem Spiel gesagt und musste sich in den folgenden 120 Minuten eines Besseren belehren lassen.
Eine doppelte Kurskorrektur nahm der 43-Jährige bei erster Gelegenheit in der Halbzeitpause vor. Der desolate Mancienne und der ebenfalls schwache Jarolim blieben draußen, die Offensivspieler Paolo Guerero und Per Skjelbred kamen rein. Bis auf die Tatsache, dass Fink sich seiner Winterjacke entledigte und lediglich im feinen Zwirn am Spielfeldrand heißlief, änderte aber auch das neue Personal wenig. Erst als nach einer Stunde HSV-Torhüter Jaroslav Drobny das möglicherweise vorentscheidende 2:0 durch Kulabas im letzten Moment verhinderte, schienen die Hamburger den Ernst der Lage verstanden zu haben. Trotzdem darf es als Ironie des Schicksals gewertet werden, dass ausgerechnet der bis dahin harmlose Berg nach schöner Skjelbred-Flanke für den Ausgleich sorgte (63.).
Der von den 10300 Zuschauern nun erwartete Hamburger Sturmlauf blieb allerdings abermals aus. Vor dem Ende der regulären Spielzeit konnte sich der HSV lediglich eine weitere gute Tormöglichkeit erspielen, die Guerrero in der letzten Minute leichtfertig vergab. Die zusätzlichen 30 Spielminuten, in denen zunächst erneut Trier dominierte, durften somit als gerechte Sofortstrafe für die kollektiv enttäuschenden Norddeutschen gewertet werden.
Dass es aus Hamburger Sicht nicht noch schlimmer wurde, lag in erster Linie an Dennis Aogos Geistesblitz in der 110. Minute. Denn gerade als sich ein Elfmeterschießen immer mehr abzeichnete, zirkelte der Linksverteidiger einen Freistoß ins linke Eck – und verhinderte damit die ganz große Blamage. „Natürlich war es kein gutes Spiel, aber ich kann mich zumindest über meinen ersten HSV-Treffer freuen“, sagte der HSV-Retter, „es war ein lehrreiches Spiel.“ Somit durfte sich Arnesen am Ende eines langen Pokalabends doch noch über 531250 Euro TV-Gelder freuen, die der Sportchef schon im Winter in neues Personal anlegen sollte.


Stenogramm:

Trier: Poggenborg – Cozza, Stang, Herzig, Drescher – Karikari – Kraus (106. Knartz), Kuduzovic, Abelski (72. Gouiffe à Goufan), Pagenburg (45. Zittlau) – Kulabas.
HSV: Drobny – Westermann, Mancienne (46. Skjelbred), Rajkovic, Aogo – Jarolim (46. Guerrero), Tesche – Diekmeier, Lam – Son (117. Rincon), Berg.
Tore: 1:0 Kulabas (9.), 1:1 Berg (63.), 1:2 Aogo (110.).
Gelb: Karikari / Jarolim, Berg.
Schiedsrichter: Hartmann (Wangen). Zuschauer: 10300.
Bilder vom HSV-Pokalabend in Trier unter www.abendblatt.de/hsv